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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1965-03-01 · No. 14-15 (März 1965) · p. Seite 5

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1965
Issue
No. 14-15 (März 1965)
Date
1965-03-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Franz Landsberger Bilder steigen in mir auf Mit seinen 500 000 Einwohnern war Breslau wohl die Hauptstadt einer Provinz, im übrigen aber eine Mittelstadt. Freilich, als ich es als Knabe besuchte, von meiner oberschlesischen Heimat aus, da war es für mich eine Riesenstadt, voller aufsehenerregender Wunder. Da gab es zum Beispiel Strassenbahnen, die auf Schienen liefen und von Pferden gezogen wurden. Ich opferte zehn Pfennig und bestieg eine Bahn, die um ganz Breslau lief und daher die Gürtelbahn genannt wurde oder, wie manche Breslauer sagen, die Gürtelschleiche, denn das Tempo war ein sehr gemächliches und wurde noch dadurch verzögert, dass mitten auf der Fahrt die Pferde gewechselt wurden. Eine einzige Bahn ging sogar schon ohne Pferde, die „Elektrische" genannt, die sich unter fortwährendem Klingeln durch die Tauentzienstrasse bewegte. Da gab es ferner einen Zirkus, und der war nicht nur ein Zelt — so etwas kam wohl auch einmal nach Kattowitz—, sondern ein dauerhaftes Gebäude. Gegen Ende der Vorstellung füllte sich die Arena mit Wasser, und Menschen und Pferde sprangen oder glitten hinein, so dass es in schäumende Bewegung geriet. Dann besuchte ich natürlich den Zoologischen Garten -man roch ihn schon von der Ferne. Gleich hinter dem Eingang lief eine Allee, die war rechts und links von Papageien und Kakadus bevölkert, die in ihren Ringen schaukelten und krächzten. Und das Allerschönste: es gab ein Theater, inmitten der Hauptstrasse — in meiner Heimat hatten wir nur einen Saal. Hier hörte ich meine erste Oper, Fidelio, und war aufs tiefste erschüttert, als die Gefangenen, für eine kurze Zeit ins Freie gelassen, ein klagendes Lied sangen, das mit den Worten abbrach: „Sprecht leise — haltet euch zurück — wir sind belauscht mit Ohr und Blick". Unweit des Ringes befand sich das Kaiser- Panorama; unter diesem stolzen Namen verbarg sich ein kleiner Raum, darin ein kreisrunder Aufbau stand mit lauter Gucklöchern. Man setzte sich vor zwei Löcher und sah dahinter ein stereoskopisches Bild, das ganz plastisch wirkte, fast plastischer als das wirkliche Leben. Plötzlich machte es „Klick’’, ein neues Bild erschien und das wiederholte sich viele Male. Ich sah damals die Prunkschlösser, die der verschwenderische König Ludwig II. von Bayern erbaut hatte, im Stil des Rokoko, aber nicht des echten Rokoko, wie es im 18. Jahrhundert blühte, sondern des sogenannten zweiten Rokoko des 19. Jahrhunderts. Denn damals kopierte man noch, mangels eines eigenen Baustils, vergangene Stile: für Schlösser das Rokoko, für Kirchen die Gotik, für Synagogen ein Gemich von romanischem und byzantinischem Stil. Erwähnen möchte ich endlich, wie schön man in Breslau badete, nicht in einem winzigen Teiche, wie in meiner Heimat, sondern in einem lebendigen Fluss, der Oder. Die Badeanstalt gehörte einem Herrn Steikowski. Sie bestand aus einzelnen Zellen, und in jeder lagen Bürsten und Kamm. Auf beiden stand in Goldschrift „Gestohlen bei Steikowski”. Wollte man sie dadurch von Diebstahl schützen oder dem Diebe die Freude an ihrem Besitze verkürzen? Das war das Breslau der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, wie es dem Kinde erschien. Kurz nach 1900 sah ich Breslau von neuem, nun für die Dauer von ein paar Jahren, denn ich besuchte hier bis zur Abschlussprüfung das etwas düstere Magdalenen-Gymnasium. Nun erst bekam ich Augen dafür, wie schön dieses Breslau war, mit seinem Rathaus einem der reichsten in ganz Deutschland —, seiner Universität, lang hingestreckt an der Oder, seiner Dominsel, die einen in ihrer verkehrslosen Stille ganz feierlich stimmte, seinem Stadtgarten, der aus einem Festungswall zur schönsten Promenade geworden war, seinem Park in Scheitnig mit den uralten Bäumen; der Südpark war damals erst im Entstehen. Mehr und mehr aufgeschlossen für höhere Genüsse, ging ich in das Konzerthaus, hörte mit Begeisterung die Kompositionen von Johannes Brahms und stellte mit Genugtuung fest, dass die Breslauer Universität ihm schon 1880 den Ehrendoktor verliehen hatte; Brahms hat sich für diese Ehrung mit seiner Akademischen Festouvertüre revanchiert. Wenn man den Mittwochnachmittag frei hatte, so ging man in die Elisabeth-Kirche. Dort gab es jede Woche ein Orgelkonzert. Was war das doch für ein herrliches Instrument, solch eine Orgel, die den Kirchenraum mit brausendem Jubel erfüllte! Nun wurde auch das Museum für Bildende Künstler besucht. Man stieg im Äussem und Innern viele Stufen empor und liess sich erzählen, dass Arnold Böcklin die Wandgemälde des Treppenhauses hätte malen sollen. Böcklin hatte grosse Entwürfe eingesandt, aber sie gefielen nicht, und der Dresdner Hermann Prell erhielt den Auftrag — sehr zum Schaden der Kunst. Nein, in büdender Kunst hatte Breslau damals noch nicht den Rang erreicht, den andere gleich grosse Städte einnahmen. Wohl gab es im Museum zwei Böcklin-Bilder, aber keine guten, einen Leibi, aber keinen echten. Auch ein Menzelbild war vorhanden, „Die Huldigung der Stände vor Friedrich dem Grossen im Breslauer Rathaus”. Aber warum nur ein Menzel? Menzel war doch ein Breslauer Kind und hätte einen ganzen Saal seiner Bilder verdient. Und vor allem: die damals moderne Kunst des Impressionismus war noch nicht vertreten. Es gab keinen Liebermann, keinen Trübner, keinen Corinth, keinen Slevogt. Hier lebte man noch im stillen Winkel des Genrebildes. Eine lange Wand war ausgefüllt mit einem Riesengemälde von Anton von Werner; es war dies das Original, das als Mosaik das Postament der Berliner Siegessäule umkrämzte. Das Bild war gefüllt mit schwer verständlichen Allegorien, und ich ging jedesmal mit Schaudern daran vorüber. Aber was geschah? Ich war kaum Soldat geworden, da trat Hauptmann Kemna vor unsere Batterie und sagte: „Landsberger, nächsten Sonntag führen Sie unsere Soldaten in das Museum und erklären ihnen das Gemälde von Anton von Werner”. „Jawohl, Herr Hauptmann”, rief ich und knirschte innerlich mit den Zähnen. (Fortsetzung folgt) Soweit Professor Landsberger, (dessen Tod wir in unserer letzten Nummer beklagten). Er hat das Erscheinen dieser seiner Ausführungen, welche die Einleitung zu dem herrlichen bei Gräfe & Unzer in München, Isabellastr. 32, soeben erschienenen zweiten Band „Meine Schlesischen Jahre” bilden, nicht mehr erlebt. Wer sich noch einmal in die gute, alte Zeit von der Jahrhundertwende bis kurz vor dem Untergang der deutschen Kultur und des Anbruchs der finstersten Periode in der deutschen Geschichte, zurückversetzen will und die schönen alten Erinnerungen noch einmal miterleben will, der lasse sich diese „Schlesischen Jahre” kommen. Er wird dort wieder viel bekannte Namen ebenso wie in dem ersten Bande „Leben in Schlesien” finden, auf den wir an dieser Stelle ebenfalls hinweisen wollen. Dr. Herbert Hupka, der bekannte Vorkämpfer für die Demokratie, zeichnet auch für den zweiten Teil der vorstehenden Gräfe und Unzer — Bücher verantwortlich. Wir möchten bei dieser Gelegenheit gleichzeitig auf den ebenfalls bei Gräfe und Unzer kürzlich erschienenen entzückenden kleinen Band Schlesischer Gedichte”... als flöge sie nach Haus” hinweisen. Schon der Titel, welcher der bekannten von Robert Schumann unvergleich-' lieh vertonten „Mondnacht”: Es war, als hätt’ der Himmel die Erde still geküsst” entnommen ist, dio dieses Bändchen einleitet, ist vielversprechend. Aber der Inhalt hält getreulich, was der Titel verspricht und man wird gern in einer geruhigen Stunde zu diesen Gedichten greifen und viele guten Freunde begrüssen, von denen wir nur Namen wie Paul Barsch, Gerhard Hauptmann, Alfred Kerr, Philo vom Walde, unsere liebe Dagmar Nick, die jetzt ihr Domizil in Israel aufgeschlagen hat und last not least Bauch und Holtei mit ihren schläschen Mundart — dichtungen erwähnen wollen. Der schöne „Schlesien-Kalendar 1965”, der jüngst bei Gräfe & Unzer erschienen ist, bildet ebenfalls eine wertvolle Erinnerung an viele Schlesische Stätten, sowohl durch die schönen Postkarten als auch durch die Texte bekannter Schlesischer Schriftsteller, deren Besprechungen recht anregend sind. Auch für dessen wertvolle Zusammenstellung bürgt der Name Dr. Hupka, der ihn herausgiebt. (Preis DM. 4.40 für unsere Mitglieder sämtliche Schlesischen Neuerscheinungen zu Vorzugspreisen). Für Ihre Geschälte TrHT ■KvW vXv «ssfisftSJ .w.v.w! WÄSW mmi ILERN S BANK LIMITED TEL-AVIV - JERUSALEM - HAIFA NATANYA RAMAT-GAN Die Erinnerung ist ein Heim, in das wir uns jederzeit zurückziehen können, ohne daraus vertrieben zu werden. Die Erinnerung an unsere Jugendzeit macht uns selbst wieder jung und lässt uns alles Traurige vergessen oder in einem milderen Licht erscheinen. Dr. W. F. 5

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