Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1964
- Issue
- No. 12-13 (1964)
- Date
- 1964-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Prof. Dr. Franz Landsberger Ist es wirklich erst, etwas mehr als fünf Jahre her, dass der Schreiber dieses Nachrufs den 75. Geburtstag des Professors der Kunstgeschichte an der Universität Breslau und Herausgeber der höchst verdienstvollen “Schlesischen Monatshefte” (1927—33) feierte? Franz Landsberger war damals in seinen zweiten “wirklichen” Ruhestand getreten, nachdem er fast fünfzehn Jahre am berümten Hebrew Union College in Cincinnati/Ohio im archaeologischen Fach gelehrt und auch dessen organisiert und entwickelt hatte. Neben unzähligen Artikeln in gelehrten Zeitschriften waren besonders zwei Bücher die Früchte seines Forschungseifers in Amerika: "A History of Jewish Art” von der Vorgeschichte bis zur Moderne und das bereits in mehreren Auflagen erschienene Buch : “Rembrandt, the Bible and the Jews”. Zu seinem 80. Geburtstag hatte er sich alle lauten Ehrungen verbeten. Todesahnungen verfolgten ihn. Nach schweren Leiden ist er vor Vollendung seines 81. gestorben. Von seiner Bedeutung zeugen die Briefe hervorragender Menschen aus dem Kunst- und Geistesleben die an ihn gerichtet waren und die seine Witwe in seinem Nachlass fand. Sie stammten von Persönlichkeiten der allerverschiedensten Gesellschaft, — Kultur — und Wissensbezirke. Er selbst hatte es sich vorgenommen, vielleicht in seiner Alters Müsse, die Briefe und Anekdoten des grossen Berliner Impressionisten Max Liebermann, dem er freundschaftlich verbunden war, herauszugeben. Nun zeugt nur ein schmales Bändchen davon, dass kurz vor seiner erzwungenen Emigration — zunächst nach England — erschien. Nun ist zu hoffen, dass die an ihn gerichteten Briefe als geschlossene Sammlung dem Leo Bäck-Institute übergegeben werden. In die sem reichen Schatz werden sich die schlesische Schriftstellerin, die Fürstin Mechthild Lichnowsky mit Gerhard Menzel, die schlesischen Maler Ludwig Meidner und Oskar Moll, der Hamburger Museums-Pionier Lichtwark mit dem Breslauer "Europäer” Emil Ludwig die. Hände reichen! Wie viele einst “Junge” Schlesier hat er als Leiter der “Schlesischen Monatshefte" entdeckt, ihnen durch Preisausschreiben, Ausstellungen im ehemaligen Breslauer Generalkommando,, Veröffentlichungen ihrer Arbeiten und durch seine meisterlichen Artikel die erste Chance gegeben. Unter den so Beschenkten ist auch der Schreiber dieser Zeilen. Landsberger, der gebürtiger Kattowitzer doch ganz zum Breslauer geworden war, wie unlängst seine Witwe schrieb, ein "begeisterter Schlesier”, ein aufrechter und bedeutender jüdischer Gelehrter und wie sein Idol, Goethe, Bürger dieser Welt. Ihm hatte er sein erstes Buch gewidmet (Wilhelm Tischbein, Leipzig 1908, der Goethe-Tischbein!) und ihm galt sein reifstes Buch (Die Kunst der Goethe Zeit, Insel Verlag Leipzig 1931). So wird er immer auch als Jude dem deutschen Kultur-Leben verbunden bleiben. Ernst Scheyer. Zu dem vorstehenden Nachruf, den Professor Scheyer seinem Freunde Landsberger widmet, wollen wir noch ihn selbst zu Worte kommen lassen. Vor noch kaum Jahresfrist schrieb er uns: “Ja, ich bin der Sohn des Deutsche Juden Wir müssen dem Literarhistoriker Fritz Homeyer wie dem Leo Bäck Institut dankbar sein für die Veröffentlichung eines Buches, das wir bereits in unserer letzten Nummer angekündigt haben.* Es handelt sich nicht um trockenes wissenschaftliches Material. Der Verfasser hat es verstanden, das von ihm zusammen gestellte umfangreiche Material über den Anteil der deutschen Juden an der Sammlung, Erhaltung und Vermehrung des deutschen Bücherschatzes zu einem allgemein interessanten Buche zu bearbeiten, das in glänzender Weise den Anteil der deutschen Juden an der deutschen Kultur in den letzten 3 Jahrzehnten bis zur Machtübernahme durch den nazistischen Terror wiedergiebt. Mit besonderer Bescheidenheit bemerkt der Autor im Vorwort: “Das Material, das auf gedruckten, mündlichen und schriftlichen Mitteilungen fusst, stellt eine Auswahl dar, an der spätere Bearbeiter anknüpfen mögen". Aber es ist eine sehr reichhaltige Auswahl, die Hohmeyer den Lesern und nicht nur dem Fachmann sondern auch dem Laien in leicht verständlicher Sprache bietet. 22 Persönlichkeiten der Bibliophilen-Gesellschaften werden auf grund ihrer Tätigkeit, ihres Verdienst und der Opfer für das deutsche Buch geschüdert sowie 25 Buchkünstler und Illustratoren. Da treffen wir manche uns gut bekannte Namen, die liebe alte Erinnerungen wachrufen und viele von uns werden sich selbst angesprochen finden. Wir als Schlesier können natürlich nicht an dem Namen Max Pinkus vorüber gehen. Wer von uns kannte ihn nicht, zum wenigsten dem Namen nach? Den Mann, der sich in seiner Bescheidenheit einfach: “einen schlesichen Leinweber” nannte. Kommerzienrat Pinkus (1857-1934) war Leiter der Leinenweberei Fränkel in Neustadt O/S, die weit über die heimatlichen schlesichen Grenzen hinaus als erste zuverlässige und solide Firma einen Weltruf genoss. Trotz seiner verantwortlichen und umfangreichen Tätigkeit als Grossindustrieller — die Firma beschäftigte 4000 Arbeiter mit 1400 Webstühlen — die einen ganzen Menschen erforderte, fand Max Pinkus immer Zeit, die wertvollste und grösste Schlesienbücherei zusammenzutragen, die — in 50 Jahren gesammelt — auf 20.000 Bände von Kennern geschätzt wurde. Diese einzigartige Sammlung, reich an Manuscripten, Incunabeln, Rezensionen Originaldrucken des schlesischen Mystikers und Dichters Jacob Böhme wurde im Januar 1936 der "Oberschlesischen Landesbibliothek” überwiesen! Besonders hervorzuheben ist noch das umfangreiche Gerhart Hauptmann-Archiv, das einen besonderen Teil der Bibliothek bildete. Diese Verdienste um die deutsche Kultur sind Max Pinkus wie so vielen anderen deut- Bankiers Adolf Landsberger. Meine Schwestern hiessen Helene (noch am Leben) und Elfriede, von den Nazis umgebracht! Mein Freund Natan Heimann hat mir nach einer Frist von über 30 Jahren einen langen Brief geschrieben und damit unsere alte Freundschaft erneuert. Dies alles dank Ihrer Zeitung. Ich selbst ging noch als Gymnasiast nach Breslau und wurde a. o. Professor an der Universität. Nach dem Sieg der Nazis ging ich nach Berlin und wurde dort der Direktor des jüdischen Museums. Nach 5 Wochen K. Z. — Oranienburg — Sachsenhausen — ging ich nach Oxford und danach nach Cincinatti, wo ich Director des dortigen jüdischen Museums wurde.” Wir werden Franz Landesberger ein treues ehrendes Gedenken bewahren. Der Vorstand des Verbandes ehern. Breslauer Dr. Wilhelm Freyhan als Bibliophilen sehen Juden übel gedankt worden. “Zwei aufrechte Christen” wagten es, an seiner Beerdigung teilzunehmen: Gerhart und Margarte Hauptmann, die als die beiden einzigen Christen hinter seiner Bahre hergingen. Alle wussten — vom Bürgermeister bis zum letzten Arbeiter — dass der bedeutendste Bürger von Neustadt zu Grabe getragen wurde. Aber man sah, wie Gerhart in seinem Tagebuche vermerkte : “weg”! Wir wissen nicht, ob die Sammlung von Pinkus in ihrer Gänze oder nur zum Teil erhalten geblieben ist. Aber wieviel von Juden mühsam aufgespeichertes Kulturgut ist verloren gegangen? Unnötig zu sagen, dass neben Max Pinkus Persönlichkeiten wie S. Fischer, Ludwig Geiger, Witkowsky und andere dargestellt werden wie eben der Anteil des “Volkes des Buches” am deutschen Kulturwerk in einer bestimmten Epoche nachgewiesen wird. Die verschiedenen örtlichen “Bibliophilenabende”, die “Soncinogesellschaft”, die “Maximüiangesellschaft” und ihre jüdischen Mitglieder werden liebevoll dar gestellt, Namentlich die Leistungen und der Geist der Familie Soncino, so schreibt der Verfasser, der wir den ersten Talmuddruck (1484) und die erste hebräische Bibel (1488) verdanken, sollen den Bestrebungen der genannten Gesellschaft als Vorbild und Ansporn dienen. Wie wir ferner erfahren, gehörten zum Ehrenausschuss der neu gebildeten Soncinogesellschaft u. a. Leo Bäck, Ch. N. Bialik, Max Brod, Chajim Weizmann, Arnold Zweig, Eugen Mittwoch und Martin Breslauer an. Unter den Mitgliedern finden wir viele uns noch bekannte Breslauer und Schlesier wie Ludwig Laqueur, Max Polke, Hugo Schachtel, Leo Wislicki u. a. m. Wir wollen diese Betrachtung mit den Worten Fritz Hohmeyers abschliessen: NICHTS CHARAKTERISIERT DEN UN¬ GEHEUEREN VERLUST AN DEUTSCHEN KULTUR WERKEN NACH 1933 BESSER, ALS DASS HEUTE DIE FACHGELEHRTEN DER WELT NACH LONDON GEHEN MÜSSEN, UM DEUTSCHE BIBLIOTHEKEN WIE DIE VON PAUL HIRSCH ODER ABY WARBURG ZU BENUTZEN. Diese Feststellung — ein Ehrenzeugnis für den jüdischen Sammler und Wissenschaftler — beschämend für die Kulturbarbaren des Nazideutschland, ehrt den Verfasser, dessen Werk wir allen Freunden des Buches empfehlen können. Arthur Dombrowski * Fritz Hohmeyer Deutsche Juden als Bibliophilen und Antiquare, I. C. B. Mohr, Tübingen, Schriftenreihe Wissenschaft!. Abhandlungen des Leo Baeck Instituts. 9