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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1962-01-01 · No. 3 (1962) · p. [Seite]

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1962
Issue
No. 3 (1962)
Date
1962-01-01
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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Vor 25 Jahren / Wie unsere Leser inzwischen erfahren haben werden, darf die „Jüdische Zeitung” ab 1. Mai dieses Jahres (1937) nicht mehr erscheinen. Die vorliegende Nummer (17) der Zeitung ist also die letzte, die wir den Lesern liefern können. Die „Jüdische Zeitung” teilt damit das Schicksal zahlreicher anderer Zeitungen, nicht jüdischer wie jüdischer, die in den letzten Jahren aus diesen oder jenen Gründen zum Erliegen gekommen sind. Die „Jüdische Zeitung” hat rund 43 Jahre bestanden. Sie ist, wie die Älteren unter unseren Lesern noch wissen werden, hervorgegangen aus der Zeitung des in Breslau früher allgemein bekannten Dr. Louis Neustadt. Dieser Mann hat im Jahre 1395, in einer Zeit, in der eine jüdische Presse in Deutschland noch kaum existierte, den Mut besessen, in Breslau eine spezielle jüdische Zeitung ins Leben zu rufen. Im Januar 1895 begann seine Gründung unter dem Namen „Lehrerheim" zu erscheinen. Es war ein Mitteilungsblatt des deutschen Reichsverbandes jüdischer Religionslehrer. Der Titel rührt her von der von dem genannten Verbände geplanten Gründung eines Lehrerheims für invalide Rabbiner und Lehrer. Zu dieser Gründung wurde in Nummer 1 der Zeitung aufgerufen und ein langer Artikel des Lehrers Graf (Glogau) legte die Notwendigkeit der Errichtung eines solchen Heims dar. In einer programmatischen Erklärung „Was wir wollen” heisst es u. a.: „Wir wollen eintreten für den Religionsunterricht, für die jüdische Schulet!) und für den jüdischen Lehrer.”*) Der Druck erfolgte im ersten Jahre bei der Firma Th. Schatzky, Neue Graupenstr. No. 5, die auch für den Inseratenteil verantwortlich war. Anfang und Ende unserer Zeitung sind also mit den Namen dieser Firma verbunden. Allerdings war Herr Dr. Neustadt — übrigens ein Sohn des Rabbiners Dr. Pinchas Neustadt, nach dem die Pinchas-Schul in Breslau benannt ist — damals — im Gegensatz zu uns — mit seiner Druckerei nicht zufrieden und er wechselte sehr bald und später noch öfter den Drucker seiner Zeitung. Die Zeitung erschien anfangs monatlich nur einmal, ging aber schon 1896 zu 14tägigem und bald darauf zu wöchentlichem Erscheinen über. Die Redaktion bafand sich zunächst in der Wohnung von Dr. Neustadt, Sonnenstr. 17, und wurde später nach Schweidnitzer Sxrasse 31/33 Pfeifferhof) verlegt. Das Geschäft ging anseinend nicht schlecht, denn schon 1896 wagte Dr. Neustadt eine zweite Gründung, genannt „Jüdisches Volksblatt", Unabhängiges Organ für die Interessen von Gemeinde, Schule und Haus”. Diese Zeitung erschien wöchentlich und wurde nach mehreren Jahren mit dem „Lehrerheim” vereinigt. Aber noch im Jahre 1911 tauchen laufende Nummern des „Volksblattes” auf, die wieder den Titel „Lehrerheim” trugen. Auch eine eigene Annoncenexpedition („Courier”) wurde dem Unternehmen angegliedert. Das Format des „Lehrerheims” und des „Volksblattes” war ein Mittelding zwischen unserem „Gemeindeblatt” und unserer „Jüdischen Zeitung”. Während sich das „Lehrerheim” vorwiegend mit speziellen Lehrerfragen beschäftigte, zog das „Volksblatt” alsbald alle jüdischen *) Erst 25 Jahre später gelang es die unterste Klasse der später zu so grossem Ansehen gelangten „Jüdischen Schule” zu eröffnen, nachdem Dr, Wilhelm FreyJhan für den 28.9.1919 die Eltern der Ostern 1920 schulpflichtigen Kinder zu einer entscheidenden Sitzung eingeladen hatte. _ _ 26 IJÄR 5697 Jüdische Zeitung uuedische volkszeitung) Breslau, den 30 &pril 1937 Ereignisse innerhalb und ausserhalb Deutschlands in den Kreis seiner Betrachtungen. Selbstverständlich wurde breitester Raum der damaligen Zeit entsprechend der Bekämpfung des Antisemitismus gewidmet. Aber auch über den Zionismus berichtet Dr. Neustadt, der ein orthodoxer und sehr streitbarer Herr war, von Anfang an ausführlich und verhältnismässig objektiv. So finden wir 1897 einen ausführlichen Bericht über den 1. Baseler Kongress und einen Artikel „Zion und die Zionisten”. Seine Einwände gegen den Zionismus sind die allgemein bekannten mit der spezifisch orthodoxen Färbung. Im Jahre 1913, also im 19. Jahrgang, änderte die Zeitung Titel und Format. Sie nannte sich jetzt „Jüdische Volkszeitung” und nahm in der Grösse das Gewand an, das sie heute noch hat. In der Nummer vom 4. Juli 1913 verkündet Dr. Neustadt u. a.: „Die Form ist äusserlich geändert. Innerlich haben wir nichts zu ändern. Unsere Zeitung wird nach wie vor ihre Unabhängigkeit nach jeder Richtung hin waren. Unabhängig von den Parteien, politischen oder religiösen, unabhängig von den Verbänden, den Gemeinden und den Beamten, wird die „Jüdische Zeitung” nur dem Judentum und seinen Interessen dienen”. In den Kopf der Zeitung wurde ein Mögen Dovid aufgenommen mit der Inschrift: „Für unser Recht”. So erschien die Zeitung in den folgenden Jahren, im Kriege und in den darauf folgenden schweren Jahren war sie ein getreues Spiegelbild alles dessen, was mit uns und um uns herum geschah. Im November 1918 starb Dr. Neustadt und das Erscheinen der Zeitung unterblieb einige Wochen. Sie kam wieder am 20. Dezember 1918 mit etwas verändertem Kopf. Die Zeitung war von einem Kreise zionistischer und konservativer Persönlichkeiten erworben worden. Für den Druck und Verlag zeichnete nun eine Firma S. Lilienfeld (Inhaber S. W. Meyer). Verantwortlicher Redakteur war zunächst Siegfried Jonas, dann Dr. Hahn, Dr. Rülf und schliesslich Robert Spitzer. 1921 finden wir als Verleger den „Verlag der Jüdischen Volkszeitung G-m.b.H.”, Kaiser-Wilhelm-Strasse 5/7, also die Wohnung unseres früheren Breslauer Freundes Isaak Plessner. Die wirtschaftlichen Verhältnisse wurden durch die damaligen Inflationsjahre immer schwieriger. Im September 1922 erscheint die Zeitung in ganz kleinem Format, die Leser werden zu Hilfeleistungen aufgerufen, der Preis einer Einzelnummer beträgt 2.— Mark. Der Verfall geht rapide. Ende 1922 kostet eine einzelnummer schon 15.— Mark, und die Zeitung stellt ihr Erscheinen ein. Im Jahre 1923 unterblieb ein Wiedererscheinen. Anfang 1924 ging die Zeitung in ausschliesslich zionistische Hände über und begann am 22. Februar 1924 als „Jüdische Zeitung für Ostdeutschland" unter der Redaktion von Joachim Prinz eine neue Ära. Auf Joachim Prinz folgte in der Redaktion Dr. Rudolf Samuel, der d. Zeitung einige Jahre leitete. Dann tauchen eine Reihe anderer Namen auf, die Zeitung hatte einen ziemlich starken Verbrauch an Redakteuren. 1926 wurde der heutige Name „Jüdische Zeitung” angenommen. 1930 wurde der Verlag von dem Verein Jüdische Information E. V/" (bis dahin Verlag der Jüdischen Zeitung Schnell & Co.) übernommen. Geschäftlich hat die Zeitung seit ihrem Wiedererscheinen im Jahre 1924 niemals mehr reüssiert, zumal inzwischen eine bedeutende jüdische Presse in Deutschland entstanden war, die seit 1933 noch durch zahlreiche Gemeindeblätter vermehrt wurde. Sie ist trotzdem unter grossen Opfern aufrecht erhalten worden, weil nach unserer Überzeugung eine sachliche Notwendigkeit für den Bestand dieser Zeitung gegeben war Allen, die der Zeitung bis zuletzt die Treue gehalten und ihr auf diese und jene Art oft geholfen haben, sei daher in dieser letzten Nummer herzlich gedankt, insbesondere auch denjenigen unserer Freunde, die nun schon seit einigen Jahren in Erez Jisrael weilen. Die letzte Ära der jüdischen Zeitung war, wie erwähnt, eine rein zionistische. Wir haben zu unserem Teil versucht, die Juden in Deutschland zur zionistischen Haltung, d. h. zu einer nationaljüdischen, zum Bekenntnis zum jüdischen Volk, zu veranlassen. Manches wäre anders gekommen, wenn diesen Bestrebungen schon vor 1933 ein grösserer Erfolg beschieden gewesen wäre. Zionismus, wie wir ihn auffassen, meint Palästina und die Galut,' er schafft dem heimatlosen Volk eine Heimat in Erez Israel, so gross und so umfassend wie möglich (nur dann hat dieses Streben einen Sinn), aber er gibt deshalb keinerlei Rechte in den Ländern der Galut auf. Sehr viel steht hier wie dort auf dem Spiele. In der Galut leben fast 16 Millionen Juden. Es wäre naiv zu sagen, dass wir in der Galut nichts zu verlieren haben. Unser Ziel kann nur das Eine und das Andere sein. Aus dieser Anschauung, die die persönliche Meinung des Verfassers darstellt, folgt, was wir in den letzten Jahren in unserer Zeitung zu erreichen versucht haben. Eine gewisse Unabhngigkeit und gleichsam Überparteilichkeit, die auch den Gegner zu verstehen sucht und nicht nur kämpft aus reiner Freude am parteipolitischen Kampf. (Kampf für und weniger Kampf gegen.) Diese Haltung ist uns namentlich von den jüdischen Gegnern nicht immer leicht gemacht worden; auch in unseren eigenen Reihen gibt es selbstverständlich Menschen, die anderer Meinung sind und sie in der Zeitung zum Ausdruck gebracht haben. Wir persönlich bedauern es, dass eine solche unabhängige jüdische Presse, wie sie mit Recht der Stolz des Gründers der Zeitung war, heute nur noch in einer einzigen Zeitung vorhanden ist. Wir sehen Gefahren in der Tatsache, dass unsere Menschen, und besonders auch unsere Jugend, sich immer mehr hinter ihrer Partei oder Gruppe abkapseln und hinter starren Doktrinen verkrampfen, so dass sich Juden heute schon in den belanglosesten Angelegenheiten kaum noch verstehen und eine Sache nicht anders als durch die bestimmte Brille betrachten können. Heute mehr als in früheren Jahren scheint uns diese Entwicklung nicht den wirklichen Notwendigkeiten zu entsprechen. Gerade in unserer Gemeinde haben wir auch gesehen, wohin Überspitzungen der Parteistandpunkte führen. Das Ziel Palästina und die Galut müsste imstande sein, die Juden in Deutschland zu wirklich gemeinsamer Arbeit auf allen Gebieten zusammenzuführen. Ohne Opfer der Überzeugung, ohne Verzicht auf den Kampf um die eigenen Ideen, aber trotzdem, gemeinschaftlich und zum gemeinsamen Besten. Das sollte nicht möglich sein? — Es ist möglich, wenn es den Verantwortlichen weniger um die Partei und um Personen und mehr um die Sache geht, wenn über dem Parteiinteresse das Judentum und das jüdische Volk stehen und wenn nicht nur Politik regiert sondern auch menschliche Gesinnung. Möge unsere Zukunft unter diesem Zeichen stehen, Dr. FriJi Becker

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