Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1961
- Issue
- No. 2 (1961)
- Date
- 1961-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 2982)
- Language
- German
- Belongs to
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Don Breslauer „WacAszündfiölzcfien’ DIE OPER Alles begann in der Breslauer Oper, an die man so viele Jugenderinnerungen hat. Die war die Vorstufe zur Dresdener Hofoper, und manche unserer alltäglichen Sängerinnen hat später zu erhöhten Preisen Gastvorstellungen in Breslau gegeben. Das Sonderbarste aber in diesem Zusammenhänge hat sich gegen Ende des vorigen Jahrhunderts zugetragen. Man gab die „Cavalleria rusticana”. „Here, Santuzza, reize mich necht, „Und ich bin nicht dein Schklawe, „Her auf mich zu quälen...” Ganz rein war die Aussprache nicht. Auch war da noch ein besonderer Sang im Gesang. Aber die Stimme war herrlich. Für den Herrn General-Intendanten aus Dresden bestand jedenfalls kein Zweifel darüber, was er zu tun habe. Als er sein Angebot machte — schlecht wird es nicht gewesen sein — erwiderte der Sänger, das werde auf Schwierigkeiten stossen, er sei kein Deutscher. Hierauf der Gesandte der Dresdener Oper: nichts leichter als das. Er selbst werde es sich zum Vergnügen anrechnen, die Bedenken aus der Welt zu schaffen. Gesagt, getan. Aber am Tag seiner Einbürgerung wurde unser guter, alter — damals noch junger — Oberkantor Cerini — zum Oberkantor der „Neuen” Synagoge zu Breslau gewählt. Von nun an war er Jahrzehnte Glück und Spott seiner grossen liberalen Gemeinde und Maestro in dem riesigen Tempelbau des Baumeisters Ehrlich. Ungleiches Triumvirat. Dort herrschten damals drei Männer, von denen jeder in seiner Art etwas Besonderes, Eigentümliches war. Zunächst der Rabbiner: Professor Dr. Jacob Guttmann. Seine Persönlichkeit wird an anderer Stelle dieser Zeitung gewürdigt. Hier dagegen soll seines Schammes gedacht werden, des Schammes Champagner. Wie sollte man einen Menschen ernst nehmen, der den Namen Champagner trug. Und doch war er ein tüchtiger, ernster Mann mit einem Spitzbärtchen, der streng auf Ordnung hielt. Wenigstens unten bei den Männern. Auf den drei gewaltigen Frauenemporen des Tempels Ordnung zu halten war wohl unmöglich. Champagner spielte eine besondere Rolle beim Bar-Mizwah Ceremoniell, das infolge des komplizierten Tempelbaues schwierig war. Hatte man nämlich am Almemor in der ersten Etage seine Pflicht getan und den Segensspruch über die Thora gesagt, so stieg man auf der linken breiten Freitreppe in die zweite Etage zum Allerheiligsten empor. Und auf diesem Wege hatte Champagner den Barmizwahknaben zu informieren und er sagte: „Wenn ich mich bucke, dann buckst du dich auch! ”, (nicht etwa bücke, was der Knabe sicher besser verstanden hätte, denn die dortigen Barmitzwahknaben kamen wohl meist aus einer höheren Schule, wo sie richtiges hochdeutsch sprechen gelernt hatten). Aber man wäre wohl sehr enttäuscht gewesen, wenn man nicht dieses „bucke” aus seinem Munde gehört hätte. Aber er war in seiner Art ein tüchtiger Beamter der kleine Oberschammes Champagner. Und nun gar der Herr Oberkantor! In dem Triumvirat ist die dickliche Gestalt Cerinis, die schon durch seinen Embonpoint etwas Auffallendes hatte, die am wenigsten scharf umrissene. Sein Wesen hatte etwas Schillerndes, Possenhaftes, das in einem Gegensatz zu dem — man darf sagen — heiligen Ernst seiner öffentlichen Aufgabe stand. Das kam von der Vereinigung dreier inkongruenter Eigenschaften: künstlerische Begabung, Lebensklugheit und Schalkhaftigkeit. Schon, das seine Worte kolportiert und belacht wurden — trotz des Respektes vor seiner künstlerischen Leistung, spricht für die Vielfältigkeit seiner Persönlichkeit. Obwohl ihm die Bühne weit weniger anhaftete als seinem Nachfolger Borin, behaupteten doch viele, die ihn näher kannten, dass er sie niemals ganz los geworden sei. Diese alten Freunde sahen Cerini noch immer — durch sein Ornat hindurch — im Bühnentrikot als Turrido oder Roul oder in anderen Rollen. So wurde er in der liberalen Breslauer Gemeinde eine Art Till Eulenspiegel, dessen Schwänke man sich gern erzählte, lachend und kopfschüttelnd kolportierte. Seinem Wesen entsprach sein Künstlername: „Cerini”, was im Italienischen die Mehrzahl von „Wachszündhölzchen” bedeutet. Aber sein Gesang in der Synagoge war ein Genuss. In dem komplizierten Terzett von Chor und Orgel hoch oben im dritten Stock und Vorbeter unten im ersten drang seine kraftvolle Stimme immer wieder siegreich durch in dem wahrhaft riesigen Raum. Mit eherner Ruhe beherrschte er die Spiegel- und Klinge]apparatur, die ihn mit den anderen Mitwirkenden verband, ein Muster seines Faches. Er brachte die herrlichen Melodien Lewandowskis zum vollendeten Einklang in diesem im,- posanten, jedoch akustisch schwierigen Riesenraum. Jeder Gesang wurde bei Cerini zum Gebet, wie später bei Borin jedes Gebet zum Gesang wurde. Der zweite Kantor. Es war aber an der neuen Synagoge noch ein zweiter Kantor tätig, ein höchst solider Mann, mit Namen Wartenberger. Es wäre gegen ihn nicht das Mindeste zu sagen gewesen, hätte ihm nicht das Schicksal eines versagt : die Kunst des Gesanges. Nun muss ja schliesslich nicht jeder Mensch auf Erden ein Sänger sein, bei dem Kantor einer grossen Gemeinde aber ist so ein Ausfall immerhin ein Nachteil. Er nahm also Unterricht bei Cerini und machte i zweifellos Fortschritte. Darauf fragte er eines Tages seinen Lehrer: Nicht wahr, Herr Oberkantor, es geht schon besser?” Woraufhin Cerini versonnen antwortete: „Besser, ach ja, aber ein „Ech” werden Sie nie werden.” Man muss sagen, dass Cerini ein profetisch begabter Mann war. Ein „Ech” ist Wartenberger trotz aller Studien nie geworden. i Offenbar war aber die Stellung in der Synagoge doch keine allzu üppige Pfründe, denn Cerini übte noch einen Nebenberuf aus: den des „Schadchen” oder Heiratsvermittlers. Und in dieser Eigenschaft hat er sich einen der tollsten Streiche seines Lebens geleistet. Der Inhaber einer sehr bekannten, grossen Posamentierfirma am Ringe blieb lange Zeit Junggeselle. Schliesslich suchte man ihm zur Frau eine recht feine, nicht mehr ganz junge Dame. Wie das mitunter zu gehen pflegt: aus dieser Verstandesheirat wurde schnell eine Liebesehe und wie das wieder in derlei Fällen zu gehen pflegt: Es stellte sich eine Tochter nach der anderen und schliesslich der ersehnte Tronfolger ein. Eines Tages erscheint bei dem glücklichen Vater im Geschäft mit wiegendem Bühnenschritt unser Freund Cerini und — proponiert ihm eine „gute Partie”. Sehr verdutzt antwortet der Geschäftsmann: „Aber werter Herr Oberkantor, wissen Sie denn nicht, dass ich...?”. Nun wäre die Reihe eigentlich an Cerini gewesen, verdutzt zu sein. Dieser war nicht so leicht aus der Fassung zu bringen, und sprach das geflügelte Wort: „Bei wemen Hochzeit ich nicht gesungen habe, der ist für mich nicht verheiratet”. Sprach’s und stolzierte hinaus. (Vielleicht war er aus irgend einem Grunde nicht zur Hochzeit geladen gewesen und wollte sich revanchieren.) So war das „Wachszündhölzchen” von Breslau, das eigentlich von Hause aus Steifmann hiess und das zum Schluss aufgebahrt ward zwischen Altar und Almemor — dort, wo er oft mit seinem G’tt Zwiesprache gehalten hatte, ehrlich und ohne Bravour, denn das „Kol Nidre” war ihm doch eben näher als Santuzza und die Dresdener Hofoper. Und jeder Gesang wurde ihm zum Gebet wie später bei seinem Nachfolger Barin jedes Gebet zum Gesang wurde. ■w Dr. Waliej Goldslein — Jerusalem Ortsgruppe New-York Die „Society of friends from Breslau in New York” entbietet ihrer Schwesterorganisation in Israel die herzlichsten Glückwünsche zum Neuen Jahr, der Gemeinschaft und jedem einzelnen. Unsere Vereinigung tagt in den Monaten Oktober bis April am ersten oder zweiten Sonntag jeden Monats nachmittags um 3 Uhr, im Hotel Beacon, Broadway und 75th Street. Regelmässig findet ein interessierender Vortrag statt, und es werden Anregungen ausgetauscht und Gesuche um. Adressen bekannt gegeben, die schon oft für Wiedergutmachungs-Zwecke wertvoll waren. Fast immer finden sich frühere Breslauer aus aller Herren Länder ein, und haben die bewegende Freude eines Wiedersehens und Austausches von Jugend-Erinnerungen mit alten Freunden, die sie seit Jahrzehnten nicht gesehen haben. Wenn Sie nach New-York kommen, setzen Sie sich bitte mit dem Unterzeichneten Präsidenten in Verbindung. Dr. FRED SINGER 598 W 191 Street New-York 40, NY Tel: Wa 7 - 3291.