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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1969-09-01 · No. 26 (September 1969) · p. Seite 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1969
Issue
No. 26 (September 1969)
Date
1969-09-01
Page
Seite 12 (sequence 2759)
Language
German
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Mein erster Tag Vor uns zwei Siedlungen. Links moderne schöne Wohnäuser, rechts, ein Anblick von Hühner-Kuh und Schafställen mit allem was da so drum und dranhängt, wie Misthaufen, Gerüche usw. Instinktiv schaute ich nach links. Jeder andere Neueinwanderer an meiner Stelle würde wohl auch den gleichen Weg gewählt haben. Unser Madrich meinte, dass links Gewat und Ramat David eben rechts, sei und da wir nun einmal nach Ramat David wollten, das der richtige Weg wäre. Aber wenn man das wenigstens einen Weg nennen konnte. Bis an die Knöchel versanken wir lm Morast oder Botz wie man es hier nennt. Vergeblich versuchte der Madrich uns zu trösten. “Chawerim”, so schlimm ist es ja wiederum nicht. Hier regnet es nur im Winter und an das bisschen Botz gewöhnt man sich schnell. Halbschuhe sind da allerdings nicht zu gebrauchen, sondern hohe Gummistiefel muss man haben, wie sie alle Bewohner des Emeks tragen. Im Sommer ist es warm und schön. Die (Wege sind trocken und dann könnt ihr ruhig in Sandalen herumlaufen”. Unser Madrich nahm nun mit einer Hand seine Kaki Stoffmütze vom Kopf, so dass seine spärlichen Haare im Winde herum tänzelten; mit der zweiten Hand versuchte er danach etwas Ordnung in seine Frisur zu bringen bevor er seine Kopfbedeckung wieder zurücksetzte. Es war offensichtlich; er wollte uns noch etwas erklären und wusste jedoch nicht genau wie er es sollte ohne uns übermässig in Aufregung zu versetzen. “Im Sommer ist es nur ein wenig staubig”, sagte er dann ziemlich gleichgültig. Ich schaute auf meine schönen Halbschuhe die mit jedem Tritte formlos im Botz versanken. Ein leichtes Zischen und ein kaltes Gefühl an den Füssen, das waren sichere Zeichen, dass immer neue Mengen dieser nasskalten Pampe ihren Weg in die Schuhe und Strümpfe gefunden hatten. Meine Chawerim waren ja auch nicht besser daran, besonders die Mädchen in ihren leichten Schuhen. Unser Madrich schien sich wenig darum zu küm mern. “Gummistiefel, Gummistiefel, da hilft nichts anderes”, pflegte er nur zu sagen. So schleppten wir mühsam unsere Koffer an Hühner-Kuh und Schafsställen vorbei. Der Madrich versuchte uns über die Lage der Siedlung aufzuklären. “Ramat David besteht aus zwei Gemeinschaftssiedlungen “Kwuzot” genannt. Der Name der Einen ist “Hascharon” der Anderen “Ajanot”. Beide Siedlungen liegen so dicht nebeneinander, dass man sie kaum unterscheiden kann. Als man die Siedlung baute war die Landstrasse im Emek noch ein Traum. Damals glaubte man, wenn man je eine Landstrasse im Emek errichte, würde man sie südlich der Siedlungen rorbeiführen. deshalb baute man die Wohnhäuser im Süden und die Ställe im Norden. Die Ingenieure der britischen Mandatsregierung hatten jedoch ihre eigenen Pläne und rechneten sich mit Ställen und Wohnhäusern zweier Gemeinschaftssiedlungen sehr wenig”. Endlich standen wir vor einem weissen Hause in dem sich der Speisesaal der Siedlung “Hascharon” befand. Das war also der Plate in dem ich zwei Jahre lang meine täglichen Mahlzeiten einnehmen sollte. Ein einstöckiges Haus mit flachem Dach und Fenstern von drei Seiten herum. Der Speisesaal selber war ein grosser schöner Raum mit hufeisenförmig ausgelegten Tischen die mit einfachen Stühlen umgeben waren. im Kibutz Dort nahmen wir Platz. Ein junges Mädchen mit dunkeier Haut, schwarzen Augen und noch schwärzerem krausen Haar brachte jedem von uns eine Portion Essen, welche aus einigen Stückchen Fleich (allerdings mehr Haut und Knochn als Fleisch) und einigen mir unbekannten Gemüsen und Kräutern bestand. Das Fleisch war ausserdem so zäh, dass man es weder zerbeissen noch herunterschlucken konnte. Seit diesem erstem misslungenen Versuch meine Fleischportion zu verzehren gab ich mich als fanatischer Vegetarier aus und begnügte mich mit Eiern oder Mehlspeisen und probierte Fleisch nur heimlich nach dem Abendessen in der Küche. Dieses dunkelhäutige Mädchen erschien bald wieder, sammelte die Teller auf einen leeren Handwagen und verschwand damit flink und geschickt in der Küche. Nach dem Essen verteilte die Schwarzhaarige halbe bezuckerte Pampelmusen, eine mir damals noch unbekannte Frucht, die ich zwar etwas bitter, aber saftig und geschmackhaft fand. Schade nur, dass diese Früchte im Winter oder Frühling und nicht im Som- VTSEN für die Auswanderung zu erlangen, wurde nach 1939 für die von Hitler Verfolgten, weitaus in der Mehrzahl mitteleuropäische Juden, oft ein Kampf auf Leben und Tod. Die Tragik dieser Jagd nach Visen war oft herzzereissend, weil oft zuletzt erfolglos. Hin und wieder, wenn sie von Erfolg gekrönt war, entbehrten diese Vorgänge nicht einer manchmal grotesken Komik. In diese Kategorie fällt die absolut wahre Geschichte der Auswanderung meines Schwager Walter C. und seines Freundes Georg D. Als Weinimporteure erfolgreich zu sein, war kein Kunststück für tüchtige Kaufleute mit Fachkenntnissen in Deutschland. Georg war der Chef eines der grössten Weinkonzeme in Deutschland gewesen und Walter einer der 11 Sozien. Sitz des Konzerns war Hamburg gewesen. Nachdem jedoch die Nazis zur Herrschaft gelangt waren, ging es rückwärts mit dem geschäftlichen Glück. Goering prägte das bekannte Schlagwort: “Kanonen für Butter” und was für Butter galt, traf erst recht auf Wein zu, der entbehrlicher war als Butter. Die Weinimporteure wurden in ein enges Netz von Devisenvorschriften eingespannt und konnten nur Geschäfte machen, wenn sie diese Vorschriften irgendwie umgingen. Das war ein so schwieriges Unternehmen wie Seiltanzen. Sie standen sozusagen immer mit einem Bein schon im Gefängniss. Doch war es ein Unterschied, ob der Importeur “arisch” war oder jüdisch. Bei “arischen” Firmen machten die Nazis die Augen zu und liessen die Suender gewähren, wenn sie es nicht zu arg trieben. Jüdische Importeure waren dagegen ein ideales Ziel für die Nazis bei ihrer Jagd auf jüdische Geschäfte. Es war daher kein (Wunder, dass der Weinkonzern, dem Georg und Walter angehörten, zu einer gründlichen Untersuchung herausgegriffen wurde. Alle Chefs kamen unter Anklage wegen Verletzung der Devisenvorschriften. So kam es, dass mein Schwager, ebenso wie die anderen Chefs, seinen zweiten Fuss auch nicht länger aus dem Gefängniss heraushalten konnte. Er landete dort für 2% Jahre. Er überstand diese Zeit — ebenso wie sein Freund Georg — ohne schwere Schädigung. Das Leben im Gefängniss hatte sich unter Hitler noch nicht viel geändert und war für Juden nicht schlimmer als für die anderen. Ei war viel besser als das Leben lm Konzentrationslager, wo sadistische Brutalitäten ander mer reif werden. Diese Pampelmusen werden nun zerschnitten, denn man isst mit einem Löffel nur das Fleisch der Frucht, weil die Häute unschmackhaft und bitter sind. Wie gesagt, gefiel mir von der ganzen Mahlzeit, ausser den Pampelmusen, eben nur das Mädchen, welches das Essen verteilte. Sie war eine Jemenitin, die kein Wort deutsch, dafür aber ein eigenartiges hebräisch sprach, das in meinen Ohren so stark orientalisch klang. Nach dem Essen führte man uns in ein einstöckiges Haus mit rotem Ziegeldach. In dem Zimmern befanden sich Eisenbetten ohne Matratzen. Dafür bekam Jeder von uns einen leeren Leinensack in die Hand gedrückt. Man führte uns auf einen Strohhaufen mit der kurzen Bemerkung: “Den füllt euch an”. Viele Erklärungen gab es dazu nicht. Erfahrung im Strohsackfüllen hatten wir noch nicht erworben. Die bekamen wir erst nach schlaflosen Nächten und nach dem jeder von uns mindestens einmal von seiner Matratze buchstäblich heruntergerollt war. So lernten wir, dass man Strohsäcke gut an den Seiten anstopfen müsse damit sie nicht rund werden. Jene runden Strohsäcke verstärkten auch nicht gerade meine Begeisterung zu der Gemeinschaftssiedlung “Kwuzat Hascharon”. Herbert Amnon Ritter, Kirjath-Ata Tagesordnung waren. Walter und Georg kamen auf diese Weise um das Progrom vom November 1938 herum, und es blieb ihnen das Konzentrationslager erspart. Als beide im Herbst 1939 aus dem Gefängniss entlassen wurden, hatte sich die Lage der deutschen Juden furchtbar verschlechtert. Die Nazis waren zu Raub, Deportation und Mord übergegangen. Ein verzweifeltes Wettrennen um Auslandsvisen hatte begonnen, bei dem Walter und Georg verspätet waren. Zum Glück war es ihnen wenigsten gelungen, etwas Geld beiseite zu schaffen, zum kleineren Teil ins Ausland. Die meisten Staaten hatten 1m Herbst 1939, als der Krieg ausbrach, ihre Grenzen bereits hermetisch für Einwanderer aus Deutschland verschlossen. Nach langem Suchen entdeckten beide, dass Bolivien noch Juden einliess. Der damalige Präsident von Bolivien tat das etwa nicht aus Menschenfreundlichkeit, sondern er liess Visen für Bolivien vom zuständigen Konsul für 300 Dollar ausfertigen, die Dollar steckte er ein. Diese Beträge wurden ihm von beiden angewiesen und beide walteten mm sehnsüchtig auf das versprochene Visum. Leider vergeblich: eine Revolution, — wie in Südamerika gang und gäbe, — hatte in Bolivien stattgefunden, der Präsident war gestürzt worden und war mit dem Geld verschwunden. Der Nachfolger dachte nicht daran, die Visen zu bewilligen. Ungebrochen durch diesen Misserfolg fassten beide nun Tanger als Auswanderungsziel ins Auge. Der spanische Konsul im Haag war bereit, ihnen ein Visum für Tanger zu erteilen. Beide schickten ihre Pässe dorthin und die Passgebühren. Aber Hitler war schneller als der spanische Konsul. Er besetzte die Niederlande und Geld und die Pässe waren verloren. Das war besonders schlimm für Walter, der staatenlos war und nur einen sogenannten Nansenpass hatte. Kostbare Zeit verging, bevor er dafür einen Ersatz erlangte. Zudem war Italien dann in den Krieg eingetreten und Tanger nicht mehr erreichbar. Die letzte Zuflucht für deutsche Juden ohne Visa war damals Shanghai. Doch für die Reise nach Shanghai erhoben sich unerwartete Schwierigkeiten. Shanghai war nur Uber Russland. Sibirien und Japan zu erreichen. Die Bolschewiken (Forts, Seite 16) VISEN FÜR DEVISEN Mein Schwager, der Hondurese 12

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