Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1969
- Issue
- No. 25 (April 1969)
- Date
- 1969-04-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Als Flüchtling auf den Grenzbauden 1933 Am 18. März 1933 wurde ich in meinem Anwaltsbüro in Oels von einer Horde bewaffneter SA Leute überfallen. Man zwang mich, ein Schriftstück zu unterschreiben, dass ich niemals mehr ein deutsches Gericht betreten würde. Dann fielen die Luemmel mit Gummiknüppeln über mich her. Sie hätten mich erschlagen, wenn nicht der Anführer der Bande, — ein Rittmeister Pauli, voru einem Civilprozess her mir feindlich gesinnt — auf Veranlassung meiner fr nichtjüdischen Frau dem Treiben Einhalt geboten hätte. Ich war am ganzen Körper grün und blau geschlagen, aber hatte nicht wie andere dabei organische Verletzungen erhalten. Zwei Tage später begab ich mich in meinem Auto ins boehmische Riesengebirge auf die Grenzbauden, um mich zu erholen und zu beruhigen. Ich hatte in den zwanziger Jahren dort öfters schöne Stunden verlebt, insbesondere auch in der Gesellschaft befreundeter Künstler von der Breslauer Kunstakademie. Zu den Bauern, die mich oft dort beherbergt hatten, richtete ich meine Schritte. Es war nicht mehr Winter, aber auch noch nicht Frühling: Tauender, schmutziger Schnee bedeckte die Fluren und machte die Wege oft unergründlich und kaum passierbar. Die Bauern waren die späteren Sudetendeutschen, die Henlein zu Hitler führte. Damals jedoch waren sie noch nicht nazistisch verseucht, obwohl sie sich der Progromstimmung gegen die Juden in Deutschland recht genau bewusst waren. Ich war auch nicht der einzige Flüchtling, der in der dortigen Gegend Zuflucht gesucht hatte. Ich hatte mir über 600 RM mitgenommen. Nachdem ich etwas zur Ruhe gekommen war, überdachte ich meine Lage. Der Gedanke kam mir, dort oben in der herrlichen Gebirgslage ein kleines Häuschen zu bauen, als Refugium, wenn die Zustände in Deutschland unerträglich würden. Mein Bauer steckte mir ein zureichendes Terrain von seinem Grund und Boden ab, das er mir für den Gegenwert von 600 RM in Tschechenkronen überlassen wollte. Ich brauchte aber natürlich viel mehr Geld zum Bauen und beschloss, in die reizende deutschboehmische Stadt Trautenau herunterzufahren, um dort den Rat von jüdischen Akademikern einzuholen. So fuhr ich schon nach wenigen Tagen dorthin ins Tal. Der Weg führte am Mohornmühlengasthaus vorbei, wo ich mir oft die Forellen aus dem Bach selbst herausgeholt hatte, die zu gutem Wein besonders trefflich gemundet hatten. Das war nun entschieden vorbei! Im Gegenteil, als ich durch die boehmischen Wälder talwärts fuhr, kam mir plötzlich das Grausige meiner Situation elementar zum Bewusstsein. Es fiel mir ein, dass ich eigentlich grade um diese Stunde hätte zu Gericht gehen müssen, um in der Sache X gegen Y zu plaedieren. Es stand mir vor Augen, dass ich aus meiner Existenz unwiderbringlich herausgeschleudert war und dass meine Zukunft völlig, aber völlig dunkel war. Ich hatte die Vision, irgendwie in der Luft zu schweben, von übermächtiger Gewalt vom festen Boden der Erde emporgehoben und dem Spiel ungewisser Stürme preisgegeben zu sein. In Trautenau sprach ich dann mit jüdischen Anwälten und Aerzten. Ihr Mitgefühl war ohne Nutzen für mich und einen Rat, wie ich Geld für meine Baupläne bekommen könnte, konnten sie mir nicht geben. Sie verwiesen mich an einen jüdischen Grosskaufmann am Ring wohnend, hochangesehen, besonders tüchtig und klug. Wenn überhaupt jemand, dann würde er mir helfen können. Ich trug diesen Manne mein Anliegen vor. Er sah mich daraufhin einen kurzen Moment durchdringend an und sagte: '“Darf ich offen reden?” “Natürlich”, erwiderte ich, “dazu bin ich ja hier”. “Dann sage ich Ihnen, “erklärte er”, dass es glatter Wahnsinn ist, was Sie Vorhaben! Sie sind offenbar sehr mitgenommen von Ihren furchtbaren Erlebnissen. Ich gebe Ihnen drei Gründe für meine Ansicht an, die Sie überlegen sollten: 1) Sie sind im Begriff, Immobilien zu erwerben. Das ist das Falscheste, was ein Jude heutzutage tun kann. Ein Jude muss in dieser Zeit mobil sein, so mobil wie möglich. Wollen Sie Gold kaufen? Das wäre richtig und Gold kann ich Ihnen aus Polen besorgen, wo ich einen Bruder habe und wo man Gold kaufen kann. Gold ist in der ganzen Welt verwendbar, aber nicht Immobilien. 2) Was machen Sie, wenn man Sie auf den Grenzbauden kidnappt? Bei der unmittelbaren Nähe der Grenze wäre das eine Kleinigkeit für die Nazis. 3) Wenn es zwischen den Tschechen und den Deutschen zu Feindseligkeiten kommen sollte, dann Ein leichter Nebel verschleierte die schön angelegte Grünfläche und feiner Regen fiel sachte auf die bunten Blumen, die vorsorglich in gleichen Reihen angelegt waren, wie Soldaten standen sie da. Drüben — auf der anderen Strassenseite — stand ein schön lackierter Autobus, rot mit einem grünen Dach, aber das sah ich erst später. Zuerst erblickte ich nur das Schild, das am Fenster neben dem Führersitz angelehnt war... “Nach Wrozlaw”. Soviel verstehe ich Polnisch... das war mein BRESLAU. Nun kannst Du Dir einen Fahrschein kaufen... dann steigst du morgen ein... und in ein paar Stunden bist du in der Heimat! Sie werden sicher von Scheitnig aus reinfahren, da kommen wir am Ohlauer Stadtgraben vorbei. Am liebsten steige ich dort aus, denn wenn ich die Klosterstrasse überquere und die Feldstrasse langgehe, da komme ich doch zu meiner alten Penne in der Paradiesstrasse. — Das war ein kleines Stück Paradies, Breslauer Abteilung. Na, sehr modern war sie wohl nicht und nach den modernsten Methoden wurde sie auch nicht geführt. In den letzten Jahren — Unter -und Oberprima da ging ich sehr gerne hin; da hat ten wir schon festgestellt... “so gut wird es uns im Leben niemehr gehen”. Waren wir mit 17 weiser, als heute mit 47? “HALLO” gehen Sie weiter, sagte der Oberwachtmeister. Er sah ganz schlank und sympathisch aus, so gamicht, wie ein preussischer Polizist... “Fast hätte das Taxi Sie überfahren”! “Ach ja, entschuldigen Sie, wie spät ist es denn eigentlich”. Es ist 2 Uhr früh, sagte der Polizist geduldig, “gehn Sie man nach Hause”... Ich ging über den Damm und studierte das Schild... “WROZ- LAW” stand darauf’ also den Südpark, den musste es doch einfach noch geben... Wissen Sie, da fanden in den Endzwanziger Jahren die schönen Konzerte statt... und gegenüber liegt der Sportfreundeplatz... Wo doch wohl die Läufer alle sein mögen, die jedes Jahr “QUER DURCH BRESLAU” liefen? Ein Teil lief wohl mit den braunen Kolonnen! Weisst du noch, wie da einer in den Hörsaal kam mit einem blauen Auge und verbundenem Kopf? Siegbert wusste Bescheid, ...die sind durch die gehören die Grenzbauden zu den Plätzen, wo zuerst Zusammenstösse stattfinden werden. Blitzartig sah ich ein, dass der Mann recht hatte und erklärte ihm, dass ich das Projekt aufgebe. Tatsächlich haben übrigens auf den Grenzbauden 1938/39 Scharmützel stattgefunden. Er bot mir nunmehr an, mich mit seinem Grossen Tatrawagen auf die Grenzbauden zurückzubringen. Ich vergesse nicht, was er jetzt sagte, ebensowenig wie seinen guten Rat: “Wir wollen aber grössere Dörfer auf dieser Fahrt tunlichst vermeiden: denn auch hier gibt es schon antisemitische Strömungen, und man beneidet mich um meine finanziellen Erfolge”. Ich habe den Mann nach unserem Abschied oben auf den Grenzbauden nicht mehr wiedergesehen. Ich hoffe, dass es ihm bei seiner Klugheit gelungen ist, sich noch rechtzeitig in Sicherheit zu bringen, als die Deutschen seine Heimat besetzten, und dass er nicht auch ein Opfer der jüdischen Tragödie geworden ist. Dr. Ernst Warschauer, New-York Tschepine marschiert und in der Alsenstrasse hat man sie mit Blumen beworfen, aber die Töppe waren noch dran... aber das war vorher. Ein paar Tage später rief der Rektor die Polizei... Das war in der Antrittsvorlesung des 27jährigen Prof. Cohn. Da trampelten die Hörer vor Begeisterung zum Empfang... und sie trampelten weiter im Marschschritt der braunen Kolonnen. Sie waren mit grossen Verstärkungen angerückt, die Polizei machte damals noch von den Gummiknüppeln Gebrauch... Das war vorher, aber auch der Anfang vom Ende. Später soll ja alles gebrannt haben... in uns und um uns. Aber hören Sie ’mal, das alte Kino in der Hummerei muss doch noch stehen, die C-Lichtsplele, hören Sie mal, die können doch nicht so einfach meine ganze Jugend zerstört haben. Was sagen Sie... Bomben haben sie geschmissen! Das ist eine Gemeinheit, Herr Wachtmeister! Ja, mein Herr! Eine Frage an Sie, aber glauben Sie nicht, dass ich einen sitzen habe. Nein, mein Herr! Eine Frage also: SIND SIE AUS BRESLAU? Nein, sagte der und sah mich von der Seite an, ...ich bin Berliner. Schade, Herr Wachtmeister! Ja, mein Herr. Wissen Sie, sagte ich, — und ich selbst hörte meine Stimme, als wenn sie aus weiter Feme käme — wissen Sie denn auch, dass man meine Heimat, mein Breslau, zerbombt hat?? Ja, mein Herr, aber das ist doch schon lange her, das war doch 1945. Waren Sie denn damals dort? “Ich, ich, nein, mich hatte man doch extra ein paar Jahre vorher weggetrieben, man hat mich doch extra gerettet, wussten Sie denn das nicht?” Ist Ihnen nicht gut, mein Herr? Sie sehen so bleich aus! Das kommt vom Schüttelfrost, wenn so vieles wieder auf wacht! Sehen Sie da ganz hinten — ich glaube in der Vergangenheit — sehen Sie dahinten, da verbrennt man Bücher, oder sind es Menschen?? Wissen Sie, man hat da auch meine Grossmutter verbrannt, sie war nur 1.50 gross und wohnte 35 Jahre in dem alten Haus... bis man sie eines Tages abtransportierte... (Forts. Seite 10) Autobus nach Breslau 9