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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1968-04-01 · No. 23 (April 1968) · p. Seite 2

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Der grosse Historiker des jüdischen Volkes - Zwi Heinrich Graetz - Es sind nun schon einhundertundfünfzig Jahre, dass Gaetz am 31. Oktober 1817 in einer ganz kleinen Stadt im Posenschen, in Xions, geboren wurde. Man bedenke den damaligen kulturellen Zustand der Posner Juden. Erst 1793 waren diese polnische Juden, die jiddisch sprachen, zu Preussen gekommen; durch die Wirren der napoleonischen Kriege waren sie nochmal 1807 — 1815 dem damals errichteten Herzogtum Polen angegliedert worden, und erst seit 1815 waren sie nun wirklich Einwohner einer preussischen Provinz, deren Verwaltung sich grösste Mühe gab, die Provinz zu germanisieren. Ihre Bemühungen mussten im Allgemeinen scheitern, denn die katholischen Polen leisteten energischen Widerstand u. waren noch nach mehr als hundert Jahren ebenso treue Polen, als das Gebiet zum wieder erstandenen Polen zurückkehrte. Die Einzigen, die sich gern der deutschen Kultur anpassten, waren die Juden. Innerhalb einer Generation waren sie auf dem Wege über die preussische Schule zuverlässige Deutsche geworden, und viele von ihnen leisteten Grosses auf wissenschaftlichem und wirtschaftlichem Gebiet, wurden Universitätsprofessoren und führende Männer der Wirtschaft. Sie durften bis 1847 ihren Wohnsitz nicht in andere Gebiete Preusens verlegen, aber das hinderte junge Menschen nicht, zu Fortbildungszwecken in westliche Gegenden zu gehen. So lernte und studierte auch Graetz im Westen, kehrte bisweilen zurück und lernte weiter. Er studierte seit 1842 in Breslau und promovierte dort 1846 mit einer Dissertation: “Gnostizismus und Judentum”. Natürlich konnte er nicht in moderner Weise Rabbiner werden, denn noch gab es kein modernes Rabbinerseminar, und jeder werdende Rabbiner war auf sich selbst angewiesen, eine Art Selfmade-man. Wir besitzen einen Teil seiner Tagebücher und einiges von seinem Briefwechsel mit gelehrten Zeitgenossen und können aus diesen verborgenen Quellen Manches erfahren, was durchaus typisch für ihn ist. Wertvoll und lehrreich ist sein Aufenthalt bei seinem ein Jahrzehnt älteren orthodoxen Weggenossen Samson Rafael Hirsch in Oldenburg. Damals hatte auch Graetz noch streng gesetztestreue Anschauungen. Aus seinem Tagebuch erfahren wir Manches über seinen Aufenthalt bei Hirsch. Die Frau von Hirsch stammte aus Braunschweig, also dürften auch in dieser Gemeinde einige streng religiöse Familien gelebt haben. Er spricht etwas geringschätzig über diese Frau, wie er auch sonst in seinen Briefen kein Blatt vor den Mund nimmt und manchmal menschlich, allzumenschlich urteilt. Er kommt wieder nach Posen zurück und nimmt an der Einweihung der Synagoge in Wollstein teil, wo Verwandte von ihm wohnen. Es wurmt ihn, dass man ihn nicht mit der Weiherede beehrt hat, u. er übt scharfe Kritik an dem zu diesem Zweck berufenen Rabbiner Dr. Julius Gebhard aus Bromberg, der damals der Einzige modern gebildete Rabbiner in Posen war, würdig repräsentieren konnte, aber wohl zuweit in seiner Assimilation ging. Grätz nennt ihn den “Garnisonprediger”, denn er nannte die Synagoge eine Kirche und redete die Juden als “preussische Israeliten” an. 1852 wird Graetz Lehrer und wohl auch Prediger in Lundenburg in Mähren. Als dann 1855 die grosse Tat des Kommerzienrats Jonas Fränkel in Breslau Wirklichkeit wird, und das jüdisch-theologische Seminar begründet wird, ist es selbstverständlich, dass man Graetz als den Dozenten für wurde vor 150 Jahren geboren Geschichte an die Anstalt beruft. Mehr als 35 Jahre hat er an dieser Stelle gewirkt, hat neben dem Rektor Zacharias Fränkel und einigen späteren, weniger bedeutenden Rektoren mitgeholfen, Generationen von Rabbinern heranzubilden, und hat Zeit genug zu seinen grossen Forschungen gefunden. Zusammen mit Fränkel hat er die Fränkel- Graetz’sche Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums (in der vertrauten Abkürzung: MGWJ weit bekannt) herausgegeben. Es wurden ihm auch manche Ehrungen zu Teil, z.B. die schon im vorgerückten Alter 1869 erfolgte Ernennung zum ausserordentlichen Honorarprofessor an der Breslauer Universität oder die Ernennung zum korrespondierenden Mitglied mancher auswärtiger gelehrter Gesellschaften. Er hat sich über Manches gefreut, aber er hat sich mehr geärgert über Zurücksetzung, die ihm zuteil wurde. So klagte er z.B. in einem Brief an einen Gelehrten, dass man ihn nicht zum Rektor des Seminars ernenne. Wahrscheinlich werde man wieder einen — Winkelrow berufen. Dagegen konnte es ihn nicht kränken, dass die vom deutsch-israelitischen Gemeindebund ernannte historische Kommission ihn, den zweifellose bedeutendsten jüdischen Historiker seiner Tage, nicht zu ihrem Mitglied berief. Dies konnte ihn nicht kränken, denn die Gründe waren zu offensichtlich. Graetz war diesen Duckmäusern zu jüdisch, er war ein ehrlicher, aufrechter, auch damals schon in gewisser Hinsicht national bewusster Jude und das kam diesen Assimilanten in die Quere, denn sie wollten doch nur nachweisen, dass Juden in Deutschland schon zur Römerzeit wohnten, freilich nicht im Teutoburger Wald auf Seiten von Hermann, dem Cherusker, kämpften, und dass sie treue Bürger unter Karl d. Grossen waren. Dass ihre Bemühungen in jedem Fall kläglich scheitern mussten, merkten sie nicht. Wie stark national Graetz schon damals fühlte, wird mir erst jetzt bekannt, da ich durch die Freundlichkeit eines Gelehrten eine kaum bekannte Schrift einsehen kann: Edmund Silberner, Heinrich Graetz’ Briefe an Moses Hess 1861-1872. (Estratto dagli Annali dell’ Istituto Giangiacomo Feltrineli, Milano, 1961). Hier werden die Briefe abgedruckt, die Graetz im Laufe von 11 Jahren an Moses Hess schreibt. Hess hatte sich vergeblich bemüht, seine Schrift “Rom und Jerusalem” irgendwo herauszugeben. Mehrere Gelehrte und Verleger hatten aus sachlichen Gründen abgelehnt. Berthold Auerbach hatte erklärt, er könne “als germanischer Jude das brandstifterische Werk nicht fördern”. Da kam ihm Graetz zu Hilfe. Er fuhr extra nach Leipzig zu seinem Freunde Rabbiner Dr. Goldschmidt, las mit ihm zusammen in drei Tagen das Werk durch, war von dem Inhalt begeistert, setzte sich für die Herausgabe des Werkes ein, als ob es sein eigenes wäre, und war Hess in vielen sachlichen und stilistischen Punkten behilflich. So hat Graetz einen wichtigen Beitrag zur Verbreitung des zionistischen Gedanken geleistet. Graetz hatte nationales Bewusstsein. Der Höhepunkt seines Lebens war seine Reise nach Palästina 1872, die er zusammen mit einem bekannten frommen Maezen Gottschalk Levy aus Belgrad machte. Levy gehörte mit zu den Gründern der Adass Jisroel in Berlin, aber das störte nicht seine Beziehungen zu linksgerichteten Kreisen. Auf einem Bilde im 2. Jahrbuch des Leo Baeck Instituts sehen wir ihn sitzend neben dem Altmeister der Wissenschaft des Judentums Leopold Zunz und neben oder hinter ihnen stehend bedeutende moderne Gelehrte wie Prof. David Kassel, Prof. Maybaum oder den Berliner Rabbiner Rudolf Ungerleider. Graetz gibt einen Bericht über die unerfreulichen Zustände des damaligen Yischuv und erwähnt besonders, dass vierzig jüdische Waisenkinder in Missionsschulen gehen, von Missionären erzogen und beköstigt werden. Er empfiehlt deshalb die Gründung eines jüdischen Waisenhauses. Graetz lässt seine Denkschrift verschiedenen Persönlichkeiten zugehen, u.a. durch Vermittlung von Gottschalk Levy auch Dr. Asriel Hildesheimer, und dieser setzt sich mit Feuereifer für Graetz’ Gedanken ein, obwohl er ausdrücklich betont, “in welcher schroffen gegensätzlichkeit ich Graetz, seiner Lehre und Richtung, der gefährlichsten unter allen unserer gegnerischen Richtungen gegenüberstehe”. Aber wo es sich um Rettung jüdischer Kinder handelt, setzt sich Hildesheimer selbstverständlich mit Juden anderer Richtungen zusammen. Unter dem Einfluss der Palästinareise entstanden als letzte die ersten zwei Bände der jüdischen Geschichte. Es ist ja eine merkwürdige Erscheinung, dass Graetz sich bei Beginn seiner grossen Arbeit wohl selber noch nicht im Klaren über die Grösse seinesUnterfangens und die Schwierigkeiten war. Er fing mit Band TV 1852 an, dann folgten langsam weitere Bände und erst zum Schluss 1874/75 die ersten beiden Bände. Seine Absicht freilich bestand schon viel früher. Er hat sie schon 1846 in seiner Arbeit: “Die Konstruktion der jüdischen Geschichte” und dann in der Einleitung zum vierten Band seines Werkes niedergelegt. Hier sieht er die jüdische Geschichte als “Geistes- und Leidensgeschichte” als “Forschen und Wandern, Denken und Dulden, Lernen und Leiden” an. Die Späteren haben freilich eine ganz andere Auffassung und behandeln auch die Wirtschaftsgeschichte der Juden. Graetz achtet in seinen Forschungen auf das Grösste, aber er vernachlässigt auch das Kleinste nicht. Sammy Gronemann berichtet uns, Graetz habe in den achtziger Jahren seinen Schüler Selig Gronemann, Sammy’s Vater, in Hanover besucht. Als sie in einer Kutsche durch die Altstadt fuhren, regte sich Graetz an einer bestimmten Stelle sehr auf, denn er wusste, dass an dieser Stelle vor vielen Jahrhunderten jüdisches Blut geflossen war. Genau so hatte er festgestellt, dass in Berlin im Mittelalter Juden auf dem heutigen Straussberger Platz ermordet wurden, da, wo heute die Weberstrasse in die spätere Grosse Frankfurterstrasse mündet. Graetz regte sich auf, denn er war kein nüchterner Schreiber, der registriert, er schrieb mit fühlendem jüdischen Herzen. Nicht unerwähnt bleibe, dass er eine Tochter des bekannten Druckers hebräischer Gebetbücher Monasch in Krotoschin heiratete und natürlich auch die Entwicklung der Druckerei günstig beeinflusste. Als Graetz 1887 siebzig Jahre winde, veranstaltete das Breslauer Seminar manche Feiern für ihn, z.B. fand ein Kommers der damaligen Studenten statt. In einem der Lieder kamen die Worte vor: “Ein Besseres war ihm beschieden, als Row zu sein bei Posner Jüden”. Diese Worte wa- (Forts. Seite 9) 2

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