Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1967
- Issue
- No. 22 (October 1967)
- Date
- 1967-10-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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April 1940. Wir waren endlich soweit. Die tausend Gänge, d. zur Erledigung aller Auswande rungsformalitäten damals in Deutschland erforderlich waren, hatten wir abgelaufen. Wir hatten unsere Auswanderung erfolgreich betrieben oder, wie ein witziger Freund von mir es zutreffend zu formulieren pflegte, wir hatten unsere Austreibung erfolgreich bewandert. Wir sassen im Schnellzug Berlin - München - Genua, wo das Schiff wartete, das uns nach New York bringen sollte. Die Brennergrenze kam näher. Im Coupö herrschte das drückende Schweigen, das kennzeichnend war für die Reiseatmosphäre in der Nazizeit. Jedermann verhielt sich so still und unauffällig wie möglich, denn die Gestapo hatte ihre Ohren und Fangarme überall, wo sich eine Reihe Menschen vorübergehend oder für längere Zeit trafen. Die Zollrevision war vorbei. Reiseziel war genannt worden. Die Brieftaschen und Portemonaies waren geprüft und in Ordnung befunden worden. Wir hatten nur die erlaubten je 10 Mark in ausländischer Währung, dJi. sieben Dollar und den Rest in Liren. Damit hatten wir unterwegs auszukommen, bis uns das Schiff in Obhut nahm. Die sieben Dollar waren unser Kapital, womit wir das Leben in der Neuen Welt aufbauen sollten. Brenner-Station! Altvertraut von manchen Italienreisen in glücklicherer Zeit! Wie anders war alles dies Mal! Es gab kein Zurück mehr in die alte Heimat. Die Bande mit tausend Erinnerungen an Kindheit, Elternhaus, Schulzeit, Universität und Aufbau der so brutal zerstörten Existenz waren zerrissen. Aber das Gefühl der Befreiung und Erlösung überwog bei weitem. Die Qual, inmitten der braunen Pest vegetieren zu müssen — denn Leben konnte man dieses Dasein nicht mehr nennen — war zuende. Die Fesseln waren gefallen. Man konnte wieder frei atmen, man war wieder ein Mensch. Von solchen Empfindungen besselt hatte ich mich erhoben und war, so müde, abgespannt und übernächtig wie ich war, an die geöffnete Coupetuer getreten, um einen Blick auf das wogende Treiben in der Station an der berühmten Wasserscheide zwischen Nord und Süd zu werfen. Da erhob sich ein distinguiert aussehender älterer Herr, der bisher schweigend in einer Ecke im Coupe gesessen hatte, trat auf mich zu und sagte: “Sie sind mir zwar fremd, aber ich fühle so sehr das Bedürfnis, Ihnen Beiden irgend etwas Gutes zu erweisen. (Was kann ich für Sie tun?” Ich war sehr erstaunt und etwas befremdet. Wir waren zwar so arm geworden wie wenige Menschen auf der Welt. Wir hingen sozusagen in der Luft ohne Dach über dem Kopf zwischen zwei Welten. Aber wir hatten unseren Stolz bewahrt und den zähen Willen, uns durchzukämpfen durch dieses Vacuum zu einer Erneuerung unseres Lebens aus eigener Kraft. Ich antwortete kurz und vielleicht etwas bitter: “Besten Dank, mein Herr, aber wir brauchen nichts; wir haben alles was wir benötigen, bis wir am Ziel sind”. “Aber bitte missverstehen Sie mich doch nicht” antwortete der Herr, “ich habe gehört, wohin Sie fahren und weiss genug. Ersparen Sie mir bitte zu sagen, wie ich über alles denke und fühle. Ich möchte Ihnen einen Beweis meiner Sympathie geben mit irgendeiner Kleinigkeit, die sich gern für Sie tun möchte”. Während ich noch abwehre, rief er einem Kellner, der gerade mit Getränken vorbeifuhr zu: “Cameriere, una bottiglia di Chianti!”, sprachs, zahlte und übergab mir die in dem so wohl vertrauten Korbgeflecht eingehüllte Flasche mit den Worten: “Bitte nehmen Sie das und lassen Sie uns alle drei trinken auf eine glückliche Zukunft für Sie Beide in Amerika”. “Einverstanden” antwortete ich — unter der Bedingung, dass wir das zweite Glas auf Sie und das Wohl Ihrer Familie trinken”. “Gemacht” erwiderte unser neuer Freund. Wir öffneten die Flasche und tranken auf unser gegenseitiges Wohlergehen. Inzwischen hatte sich der Zug wieder in Bewegung gesetzt und glitt langsam die Bergabhänge entlang ins Tal der Etsch. Wir setzten unsere Unterhaltung fort. Er erzählte uns, dass er zehn Kinder hätte, die er allen Schwierigkeiten zum Trotz in demokratischem Geist aufzuziehen versucht hätte, drei von seinen Söhnen seien jetzt in der Armee, er kenne Amerika von einer Reise her, die er vor 10 Jahren nach drüben gemacht hätte. “Ich war” sagte er, “damal auch als persönlicher Gast bei Henry Ford gewesen. Es ist ein — Jenseits — der Grenze Ein wahres Erlebnis - Von ERNST WARSCHAUER - wimderbares, grosses,, weites Land mit vielen Möglichkeiten für Menschen wie Sie. Sie werden vielleicht noch einmal die Stunde segnen, die Sie herausgeführt hat in eine neuere und bessere Umgebung”. Wir ahnten damals alle nicht, wie recht er hatte mit seiner Bemerkung, denn ich erwiderte”: “Aber es wird zunächst ein sehr harter Kampf sein um die nackte Existenz, darüber kann kein Zweifel sein”. “Stimmt” meinte er, “aber Sie werden sich Beide durchbeissen und dann werden Sie sich drüben sehr wohl fühlen, weil Sie als freie Menschen in einem freien Lande ein Leben ganz nach Ihren Neigungen ohne Zwang und ohne Einmischung von oben werden führen können. Sie wissen gamicht, wieviele Sie beneiden und gern mit Ihnen tauschen möchten”. Dann verabschiedete er sich, um in den Speisewagen zu gehen. Als er nach einer reichlichen halben Stunde wiederkam, war meine Frau müde von der Nachtreise und vom Wein eingeschlummert. Ich war wach und verfolgte mit Interesse die wechselnden Bilder rechts und links auf der mär so wohlvertrauten Strasse nach Bozen. Schweigend legte er eine Orange auf das Klapptischchen vor den Platz meiner Frau. Als sie erwachte, traute sie ihren Augen nicht. Eine Orange! Eine richtige Orange, wie wir sie seit mehr als einem Jahr nicht mehr gesehen hatten. “Das ist geradewegs vom Himmel für Sie heruntergefallen, verehrte gnädige Frau” meinte er. Wir dankten ihm gerührt. “Sie sehen Beide schrecklich abgespannt und müde aus” meinte er plötzlich. “Darf ich Sie Beide zu einer Tasse Kaffee im Speisewagen einladen? Dort gibt es nämlich richtigen Kaffee, nicht das fürchterliche Zeug, das man bei uns unter diesem Namen serviert. Bitte nehmen Sie 20 Lire von mir, das ist, wie Sie wissen, so gut wie gamichts. Gehen Sie in den Speisewagen und erfrischen Sie Ihre Lebensgeister. Sie brauchen unbedingt einen Szenenwechsel”. “Das geht zuweit” dehnte ich ab, “so gut Ihre Absichten auch sind. Wir sind nicht gewöhnt und nicht imstande, Geld anzunehmen“. “Aber seien Sie doch nicht so töricht”, erwiderte er. Wir sind doch nicht zu Hause bei mir, wo ich klingeln würde, um Kaffee für uns machen zu lassen. Ich kann Sie hier nur in den Speisewagen einladen und nicht in mein Speisezimmer!” “Sehr richtig“ entgegnete ich “und auch sehr freundlich von Ihnen, aber unter diesen Umständen ziehen wir es doch lieber vor, Ihre gutgemeinte Einladung abzulehnen”. “Mein Gott” rief er aus, “Sie sind irgendwie ganz auf dem Holzwege. Also gesetzt, Sie schwinatien im Wasser, ich stehe am Ufer und plötzlich sehe ich, dass Sie untergehen. Ich würde sofort hereinspringen und versuchen, Sie zu retten. Würden Sie diese Hilfe ablehnen?“ Ich verneinte lächelnd. “Na also, das Leben würden Sie mich also riskieren lassen, das würden Sie annehmen — aber eine Tasse Kaffee wollen Sie von mir nicht annehmen! Ist das nicht widersinnig?” Ich musste lachen und meine Frau mischte sich jetzt ein und sagte: “Dankend akzeptiert unter einer Bedingung. Was wir von den 20 Lira nicht brauchen für Kaffee und Kuchen, das bekommen Sie wieder zurück“. “Das soll ein Wort sein”, meinte unser Freund und wir zogen vergnügt ab. Als wir sehr erfrischt aus dem Speisewagen zurückkamen hielt der Zug gerade in Bozen. Unser Freund kaufte Zeitungen, den Osservatore Romano, den Matin, die Basler Nationalzeitung und die Neue Züricher Zeitung und offerierte sie uns mit den Worten “Bitte bedienen Sie sich, denn ich nehme an, dass Sie geistig genau so ausgehungert sind wie körperlich. Es wird auch Ihr Herz erfreuen, zur Abwechselung mal keine Goebbels Lügen lesen zu müssen”. (Wir stürzten uns auf die Zeitungen, die uns gewissermassen zum ersten Mal die Fenster in eine andere und freiere Welt öffneten. Wir hatten in Verona die Reise zu unterbrechen, während unser Freund weiter nach Mailand zur Automobilmesse fuhr. Bevor wir es hindern konnten, hatte er sich bereits mit unseren Koffern beladen, als wir in Verona einfuhren. “Lassen Sie mich Ihnen noch helfen, solange ich kann” war die einzige Erwiderung auf unseren Einspruch, sich doch nicht so abzuschfeppen. Wir schüttelten uns auf dem Bahnsteig zum Abschied die Hände und meine Frau sagte tief gerührt: “Sie haben uns den Glauben an den anständigen deutschen Menschen wiedergegeben, einen Glauben, den wir fast verloren hatten”. _ Guadeamus Igitur (BRESLAU WUSSTE BRAHMS ZU EHREN) Wir befinden uns im Mann-Auditorium in Tel- Aviv, beim Brahms-Zyklus der Israel-Philharmoniker unter Joseph Krips. Man hört u.a. die Akademische Festouverture, Opus 80. Und plötzlich sind wir in Breslau — im Jahre 1879. Die Chronik berichtet, dass damals Brahms Ehrendoktor der Breslauer Universität wurde. Den Fakultätsantrag begründete der Philosoph Wilhelm Ditlhey. — Unter dem damaligen Dirigenten der Symphoniekonzerte Bernhard Scholz, erklang die Akademische Festiuverture zum ersten Mal im Jahr 1881 in Breslau, die der Komponist als Dank für die Doktoratswürde der philosophischen Fakultät der Breslauer Universität zugeeignet hatte. — Was geht im Orchester vor? Man sieht die grosse Besetzung mit Kontrafagott, Tuba, Piccolo-Floete, Becken, Triangel und grosser Trommel neben den üblichen Instrumenten und sie alle musizieren gemeinsam von der “alten Burschenherrlichkeit”, von “Ich hab mich ergeben”, “Was kommt dort von der Hoeh” — und es ist eine fröhliche Stimmung, die Instrumente verulken einander in zuenftigem Kontrapunkt, in dem fröhlichen Hin- und Her der studentischen Gesänge, bis Bläser und Streicher gemeinsam das Gaudeamus Igitur intonieren, in festlichen Klängen quasi als Höhepunkt dieser “farbentragenden” Partitur. Nun, sehr .akademisch’ ist dieses heitere Werk gar nicht, im Gegenteil: Freude, Jugend u. Unbeschwertheit sind die hervorstechendsten Motive dieser humorvollen Schöpfung, Akademische Festouverture genannt. Die Melodien zuenden und der sonst so ernste Brahms macht seine Spässe mit seinen Hörern. Und während die hinreissend geleitete Wiedergabe durch Maestro KRIPS erklingt, der dem Breslauer Ehrendoktor alle musikalische Ehre angedeihen lässt, denkt man an Breslaus einstige “Alma Mater” an ihre bedeutenden Professoren und Wissenschaftler und auch an das in Breslau stark ausgeprägte, leichtbeschwingte Studentenleben, das der Stadt seine speziellen Akzente gab. Diese Akzente empfindet man in der prägnanten Transparenz der kontrapunktischen Anlage, die der Dirigent grossartig zu interpretieren weiss und die in jugendlicher Bravour vom Orchester gespielt werden. In dieser Musik empfindet man deutlich Griisse aus dem alten akademischen Breslau! 12