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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1981-01-01 · No. 48-49 (1981) · p. Seite 20

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1981
Issue
No. 48-49 (1981)
Date
1981-01-01
Page
Seite 20 (sequence 20)
Language
German
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Der Braut-Siddur im Konzentrationslager EINE WAHRE BEGEBENHEIT IM KZ SACHSENSAUSEN 1938, BERICHTET VON SCHUTZHÄFTLING Nr. 7500 Ein Braut-Siddur in einem KZ? Das klingt wie ein fauler Witz, aber es war eine traurige Wahrheit. Zunächst die Frage: was ist ein Braut- Siddur? In Deutschland und auch in manchen Ländern West-Europas war es ein Minhag, dass der Bräutigam neben anderen Geschenken seiner Braut einen Siddur schenkte. Das war aber kein gewöhnlicher Siddur, sondern ein Gebetbuch mit einem besonders künstlerisch gestalteten Einband. Meine Mutter — ihr Andenken sei zum Segen — besass' einen derartigen Siddur, der einen Metallrahmen hatte und mit einer Schliessvorrichtung verbunden war. Dieser Siddur wurde von meiner Mutter nur zu den Feiertagen benutzt und in einer besonderen Schublade aufbewahrt. Als ich im Jahre 1935 heiratete, wollte ich den alten Minhag fortführen, setzte mich mit der bekannten Juwelenhandlung Posen Witwe in Berlin „Unter den Linden“ in Verbindung, die mir einen schönen Entwurf mit einer Zeichnung der Bundestafeln in Gold machte. Die Schwierigkeit war nur, dass sich kein Buchbinder mehr fand, der einen Luxuseinband machen konnte. Zufälligerweise fand ich nach langem Suchen bei der bekannten Jüdischen Buchhandlung Gonzer in der Oranienburger Strasse in Berlin einen schönen Brautsiddur aus dem Jahre 1891, der wie neu aussah, und damit war das Problem gelöst. Soweit die notwendige E-klärung zum Verständnis des weiteren Inhalts. Am 10. November 1938 wurde ich in Berlin im Rahmen der „Vergeltungsaktion“ — so war die offizielle Bezeichnung des Pogroms — verhaftet. 2 Kriminalbeamte betraten meine Wohnung Fehrbellinerstr. 81 lind baten mich höflich, mit ihnen zu einer „Vernehmung“ zum Polizeipräsidium am Alexanderplatz zu kommen. Auf meine Frage, was denn der Grund dieser Verhaftung sei, wurde mir erklärt, es handle sich nur um eine „Vernehmung“. Auf dem Hofe des Polizeipräsidiums sah ich bereits hunderte Menschen stehen, die auf den Abtransport ins KZ warteten. Es fuhren auch sofort eine Reihe von Polizeilastwagen vor, wo wir mehr oder minder sanft hinaufgestossen wurden. Ich kam als einer der letzten auf einen der Lastwagen herauf und war unter den Ersten, die im KZ Sachsenhausen ausstiegen. Bei der später erfolgten Nummerneinteilung bekam ich die Nummer 7500, die, wie mir in der Schreibstube mitgeteilt wurde, die Erste war mit der die Vergeltungsaktion startete. Eine „Ehre“, auf die ich gerne verzichtet hätte. Aber zunächst musten wir stundenlang in Zweier- Reihen auf dem Hof des KZ stehen, bis der Lagerkommandant SS-Ober/ührer Banrowski kam, um den „Zugang“ des Lagers zu besichtigen. Mit langsamen Schritten ging er die Front ab und sagte seinem Adjutanten, wie ich hörte: Das ist einmal „besseres Material“, was wir heute bekommen haben. Die Verhafteten bestanden — auf Grund vor langer Zeit vorbereiteter Listen — aus Intellektuellen wie Juristen, Land- und Kammergerichtsräten, Bank-Direktoren, Warenhausbesitzern, Journalisten etc. Der Kommandant fühlte sich daher wohl veranlasst an uns eine kurze Ansprache zu halten, die etwa folgendermassen lautete: „Meine Herren, Sie befinden sich jetzt in einem Konzentrationslager. Ein Konzentrationslager ist kein Gefängnis, ein Konzentrationslager ist auch kein Krankenhaus oder Sanatorium, sondern eine Erziehungsanstalt eigener Art. Hier wird der Mensch zur Arbeit erzogen...“ Es ist bereits soviel über Konzentrationslager FELIX DANIEL PINCZOWER, Tel-Aviv geschrieben worden, dass ich auf weitere Einzelheiten verzichten kann. Es war wohl Anfang Dezember 1933. Jeden Morgen wurden wir zu verschiedenen Arbeitsgruppen eingeteilt. Bei lö Grad Kälte musten wir auf dem KZ-Hofe stehen, bis der Zählungsappell und die Arbeitseinteilung erfolgt war. Wir, d.h., eine Gruppe von etwa 40 Leuten, hatten die Aufgabe, auf primitiv hei-gestellten Holzbahren Brennholz für die Wohnhäuser der SS zu transportieren. Das war keine allzu schwere Arbeit. Bevor wir abmarschierten, wurden wir von einem KAPO gewarnt. Es war eine Gruppe von SS-Studenten eingetroffen, die als besonders gefährlich bekannt war. Also Vorsicht. Die Arbeit ging die ersten Stunden ohne Zwischenfall vorüber. Doch plötzlich wurden wir von einem SS-Offizier angehalten, der ein Buch in der Hand hielt, es Jedem zeigte, anscheinend etwas fragte, aber keine Antwort erhielt. Dann sagte er: „Stehen bleiben!“ „Die Bahren absetzen!“. „In Zweierreihen antreten!“, kam der Befehl. Nun ging der SS-Offizier mit dem Buch in der Hand' von Mann zu Mann, und jetzt erkannte ich von weitem, dass es sich um ein mit Silbergravierungen versehenes Buch handelte. Ich war mir immer noch nicht klar, was er wollte. Bis er schrie: ,,Kann denn keiner von Euch Hebräisch lesen?“ Es meldete sieh niemand. Meiner Meinung nach, waren unter den Anwesenden, die ich z.T. persönlich während meines Aufenthaltes im KZ kennen gelernt hatte, Leute, die hebräisch lesen konnten. Aber bei den Nazis konnte man niemals wissen, was sie im Schilde führten. Erst kürzlich war es passiert, dass bei einem Appell befohlen wurde: „Alle, die einen FHihrerschein haben, vortreten!" Es meldeten sich auch fast alle, die einen Führerschein hatten, weil sie der Meinung waren, eine leichtere Arbeit zu bekommen. Aber das Gegenteil war der Fall. Diese Leute wurden dazu abkommandiert, Kipploren mit Sand zu beladen und diese Kipploren auf einem Feldbahngleis etwa 400 Meter weiterzuschieben, wobei eine kleine Steigerung im Gelände zu überwinden war. Dabei war das Arbeitspensum genau berechnet, eine bestimmte Zahl von Loren in einer Stunde zu beladen, was nur bei intensiver Anstrengung zu leisten war. Der SS-Offizier wiederholte seine Frage! „So ein Gesindel!“, schrie er, „sie verstehen ihre eigene Sprache nicht i“ Da meldete ich mich, trat vor und sagte: „Ich kann hebräisch lesen“. Jetzt sah Ich erst, dass er in seiner Hand einen Braut- Siddur hielt, wie ich ihn noch nie gesehen hatte, mit Elfenbein-Verzierungen und die Gesetzestafeln in der Mitte. Er hatte bereits eine bestimmte Seite auf geschlagen und zeigte auf die Mitte der Seite. „Nun lies vor!“, sagte er. Wie ich sofort sah, handelte es sich um das bekannte Gebet, dass an jedem Schabbath vor dem Mussafgebet gesagt wird: „Av Korachamim“ (Barmherziger Vater, der da thront in den Höhen!. Er hatte auf die mitteieren Zeilen dieses Gebetes seinen Finger gelegt und sagte: „Lesen Sie, bitte vor“. Ich las den hebr. Text: „Möge der Ewige unserer zum Guten gedenken mit dem Rest der Gerechten der Welt. Denn das Elut seiner Knechte wird er rächen und Rache volLstrecken an seinen Feinden“. Ich weiss nicht, ob er den hebräischen Text verstanden hat. Er schien ein Student der Theologie zu sein und diese mussten bekanntlich an der Universität den Bibeltext in der Urschrift lernen. „Genug“, sagte er. Jetzt übersetze Dabei verdeckte er mit seiner Hand die deutsche Übersetzung. Ich zögerte ... Erst kür ..lieb hatte D:\ Amtier aus Nuernberg bei einem Begräbniss eines im KZ Dachau umgekommenen Mitglied der Gemeinde den Vers „Nekaum nikmas dam avodecho haschofuch“ in hebräisch zitiert und das in Gegenwart eines Gestapobeamten, der die Beerdigung zu beaufsichtigen hatte. Glücklicherweise verstand dei Gestapomann nicht hebräisch und der Rabbiner übersetzte: „Der Herr sei seiner Seele gnädig“. Der SS-Student wurde ungeduldig und sagte: „nun lös übersetzte“: Eingedenk der Erziehung, die ich von meinemsein Andenken sei zum Segen — ^/ater~erhalten hatty, der immer sagte: „Der Emmess (die Wahrheit) ist die beste Lüge“, übersetzte ich wörtlich gemäss dem obigen angegebenen Texte. Wie er das Wort „Rache“ hörte, lief sein Gesicht rot an, wie bei einem Puthahn, der gereizt wird. Als er jedoch meine Übersetzung kontrollierte, und sah, dass sie richtig war, schien er beruhigt zu sein. Er konnte sich aber nicht enthalten zu sagen: „Ein Glück, dass wenigstens Einer eure Sprache versteht, denn sonst hätte ich Euch Alle eine Stunde vor dem Tor stehen lassen. Es war das eine der Kollektivstrafen, von der man sich heute keinen Begriff machen kann. Man durfte sich während dieser Stunde nicht bewegen. Ein SA-Manns in elne'm dicken Pelzmantel und pelzgefütterten Schaftstiefeln hatte aufzupassen, dass man sich nicht von der Stelle rührte. Die Kälte kroch langsam am Körper hoch und nach einer Stunde war man steif wie ein Eisklumpen. TUs diese Leute nach Ablauf der Stunde in die ■Baracke gebracht wurden, taten wir alles mögliche, um sie wieder aufzutauen. Aber es gab viele Fälle, wo nach der Entlassung den Leuten Zehen oder andere Extremitäten amputiert werden mussten. Wie kam der Siddur in die Hände des SS- Offiziers? Die Frage ist ganz einfach zu beantworten. Die Inhaftierten mussten bei Einlieferung ln das KZ alle persönlichen Habseligkeiten abliefern. Vermutlich hatte eine Frau ihrem Manne bei der Verhaftung ihren Siddur mitgegeben. Wenn man in Not ist, lernt man beten und dazu braucht man eine Gebetbuch. Die Frau konnte ja nicht wissen, dass es Im KZ kein persönliches Eigentum mehr gab. Meine Eltern wurden im Juni 1942 deportiert. Die Wohnung wurde versiegelt und kam zur Versteigerung. Die Firma war laut Gesetz nicht befugt, über Jüdische Kultgegenstände oder Bücher zu verfügen. Die Bücher mussten Herrn Niederlechner in Firma Lange & Springer, Buchhandlung, Berlin- Steglitz der Stückzahl nach gemeldet werden. Herr N. war der Beauftragte der Reichsschriftumskammer und für die Übernahme der verbliebenen Bestände durch den Fachbuchhandel verantwortlich. Der Siddur im KZ dürfte an den „Einsatzstab Rosenberg“ gegangen sein. Doch glaube ich, dass meine Mutter ihren Siddur mitgenommen hat, bis sie die letzte Station erreichte. In diesem Falle hiess die offizielle Darstellung „Die Gegenstände sich durch Kriegseinwirkungen abhanden gekommen". 20

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