Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1978
- Issue
- No. 44 (Oktober 1978)
- Date
- 1978-10-01
- Page
- Seite 25 (sequence 2394)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Das Johaneum - und die Judenirage Über das Johannes-Gymnasium in Breslau erschienen in diesem Blatt einige Artikel, z.T. voll Sehnsucht nach dem verlorenen Galuth. Es scheint mir nötig, den Zusammenhang zwischen der Situation der Juden in Deutschland und diesem Gymnasium kritisch zu betrachten. „Fortschrittliche Kreise“ in Deutschland traten für die Emanzipation der Juden ein, hielten aber als Gegenleistung die Assimilation der Juden für selbstverständlich, d.h., sie waren bereit, dn Juden auf allen Gebieten Gleichberechtigung zu gewähren, wenn die Juden ihre Eigenart aufgeben. Die meisten Juden hielten das für einen ehrlichen Handel und waren dazu bereit. Eine Schule, wie das Johannes Gymnasium, in der mehr als die Hälfte der Schüler Juden waren, hatte selbstverständlich ihre Rolle bei diesem Versuch, die Judenfrage durch Assimilation und Emanzipation zu lösen. Wie arbeiteten die verschiedenen Elemente dieser Schule in dieser Hinsicht? Von Seiten der Juden hatte die Anzahl der Schüler durchaus genügt, eine jüdische Schule (Gymnasium) zu unterhalten. Aber das war gerade das Gegenteil von den Idealen der damaligen Breslauer Juden. Mehr noch: In meiner Klasse unter 32 Schülern, davon 17—18 Juden, waren ganze drei, die am Schabbath nicht schrieben. (Am Schabbath nicht in die Schule zu gehen — auf diese Idee kam niemand.) Ausserdem waren ein oder zwei Zionisten, alle anderen waren zufrieden, wenn von Juden und Judentum möglichst wenig oder garnicht gesprochen wurde. Ein interessantes Beispiel: Als “Habimah” in Breslau spielte, behaupteten diese Juden, die Truppe spiele in russischer Sprache. Also nicht genug, dass sie hebräisch nicht verstanden, sie erkannten die Sprache nicht mal, wenn sie sie hörten. Es ist aber möglich, dass sie die Sprache wohl erkannten, aber es passte ihnen nicht in den Kram, dass da in aller Öffentlichkeit auf hebräisch Theater gespielt wurde. Denn das störte die Entwicklung in Richtung Assimilation. Das macht „Risches“. Um den Schaden zu mindern, leugneten sie die Tatsache. Trotzdem trafen sich Juden verschiedener Schattierungen im Johaneum. Mancher Vater hoffte, dass an einem Platz, wo viele Juden sind, sein Sohn jedenfalls sich mit Juden befreunden wird, und war daran interessiert. Andere hofften zwar gerade auf Freundschaft mit Nichtjuden, aber sie fürchteten, an anderen Schulen könnte ein jüdischer Schüler von vorn hinein benachteiligt sein, und die Gefahr bestand beim Johaneum nicht. Und was dachten die Arier? Es Ist anzunehmen, dass Eltern, die ihre Söhne mindestens zur Toleranz gegen Juden erziehen wollten, vielleicht deshalb ihre Söhne in das so verjudete Gymnasium schickten, vielleicht zu einem friedlichen oder gar freundschaftlichen Verhältnis. Aber die Söhne hatten andere Ideen. Der Verein ehemaliger Johaneer, der keine Juden aufnahm, wurde schon erwähnt. Ich erinnere mich an einen Interessanten Vorfall in Obersekunda: Vertrauensschüler waren damals zwei Juden und ein Nichtjude. Eines Tages verlangte jemand Neuwahlen. Er begründete seinen Vorschlag nicht, aber die amtierenden Vertrauensschüler stellten ihre Ämter sofort zur Verfügung. Als die Stimmzettel geöffnet wurden, merkten wir, dass die meisten Arier sich verabredet hatten, den bestimmten Kandidaten zu wählen. Da wir Juden von ihrem Plan nichts wussten, hatten wir nichts verabredet — und so hofften sie, dass unsere Stimmen sich zersplittern würden und ihre Kandidaten gewählt würden. Sie hatten sich verabredet, aber auch ohne Verabredung wurden d.früheren Vertrauensschüler wiedergewählt. Niemand regte sich über den Vorfall auf und er hatte keinerlei Folgen. Nur unser Ordinarius Prof. Stenzei deutete decent aber klar verständlich seine Missbilligung an. Nach unseren heutigen Begriffen hätte er ein oder zwei Schulstunden opfern müssen, um über die Stellung der Juden im Staat — und speziell in der Schule — zu sprechen. Aber Erziehung, wie es unsere hiesigen Schulen heute versuchen, gehörte damals nicht zu den Aufgaben eines Gymnasiallehrers. Man verliess sich auf die wohltätige Wirkung von Homer, Ovid und Goethe, und solange Schulordnung nicht verletzt wurde, waren besondere erzieherische Handlungen nicht üblich. Speziell die Judenfrage — das ist Politik, die gehörte bestimmt nicht in die Schule. Im Unterricht wurde alles, was mit Juden zusammenhing, einfach totgeschwiegen. Wir lernten über die Vertreibung der Hugenotten aus Frankreich unter starkem Mitgefühl für diese Unglücklichen, aber wir hörten nichts über die Vertreibung der Juden aus Spanien. Wir lernten über die grossen Taten des Kaisers Rudolf I., aber nicht, wie er die Juden verfolgte, auch nicht, dass er, wie ein heutiger Terrorist, Rabbi Meir von Rothenburg einsperrte, um von den Juden Lösegeld zu erpressen. Wir lernten über die Kreuzzüge, aber nicht über das, was damals die jüdischen Gemeinden am Rhein erduldeten. Wir lernten, dass in Polen Städte gegründet wurden, aber man verschwieg, dass die polnischen Grafen zu diesem Zweck Juden in ihr Land riefen, man verschwieg auch, dass gleichzeitig diese Juden aus Deutschland flohen, weil man sie der Brunnen Vergiftung beschulidgte. Und das an einer Schule, deren Schüler in der Mehrheit Juden waren. Die Juden selbst waren mit dieser Taktik durchaus zufrieden, (wenn sie sie überhaupt merken). Denn die Erwähnung des Wortes "Jude” wirkte auf sie unangenehm. Ein einziges Mal handelte ein Lehrer gegen diesen Brauch: Als griechische Klassenarbeit bekamen wir ein Stück zu übersetzen, das von der Bibelübersetzung ins Griechische durch 70 Gelehrte berichtete (ich habe seinen Namen vergessen). Der Lehrer bemerkte dazu: “Das hat doch sicher die jüdischen Schüler besonders interessiert.” Er irrte. Nur der Herr Direktor überschritt den Rahmen des reinen Unterrichts in dem Bemühen, die Der Obengenannte, der allzufrüh in seinem 62ten Lebensjahr heimgegangen ist, war einer der hervorragendsten Erzieher in Eretz Israel. Er besuchte die von seinem Vater Dr. Seew — Wilhelm Freyhan, s.A. mitbegründete Jüdische Schule in Breslau und absolvierte dann das Kölner Lehrer- Seminar. Seit seiner Einwanderung in Eretz Israel wirkte er fast 4 Jahrzehnte im jüdischen religiösen Erziehungswesen an vielen Institutionen als Lehrer und Schulleiter. Seine Begeisterungsfähigkeit — ein väterliches Erbe — liess ihn selbst unter schweren Bedingungen seinen Zielen erfolgreich nachgehen und überall das Gute finden. In seiner hingebungsvollen Tätigkeit schwebte ihm stets das Vorbild unseres unvergesslichen Lehrers Rabb. Dr. M. Simonsohn s.A. vor, in der unermesslichen Bereitschaft, junge Menschen zu fördern und ln tiefem Glauben an die Möglichkeit einer wahren jüdischen Erziehung. Im letzten Jahrzehnt beschloss er in den Negew zu gehen und siedelte nach Kfar Maimon, das wenige Kilometer von Gaza Juden in den deutschen Rahmen einzugliedern. Hierzu drei Tatsachen! a) Als meine Mutter s.A. mich in die Schule anmeldete (ich war 12 Jahre alt, als ich nach Breslau kam) sagte sie, dass ich am Schabbath nicht schreibe. Der Direktor antwortete: “Aber, gnädige Frau, machen Sie dem Jungen das Leben nicht so schwer.” b) An den “nicht hohen Feiertagen” fehlten nur ein Teil der Juden in der Schule. In Oberprima gelang es uns, alle zu organisieren, dass an den ersten beiden Tagen Succoth kein Jude unserer Klasse in die Schule kam. Am nächsten Tage kam der Direktor in die Klasse, um uns Deutsch zu unterrichten. Aber als Einleitung liess er scharf eine Philippa los. Er sähe ein, dass Schüler, die am Sonnabend nicht schreiben, am Feiertag in die Synagoge gehen wollen. Aber dass die anderen, die nicht so fromm sind, geschlossen fehlen und den ganzen Schulbetrieb lahmlegen, das sei noch nicht dagewesen und das könne er nicht billigen. (Glaubt es oder nicht, der Tadel des Direktors hatte seine Wirkung, einer von den Juden der Klasse kam an den letzten beiden Feiertagen in die Schule. Der Ärmste verstand absolut nicht, warum alle Mitschüler ihn auslachten.). c) Die Zulassung zum Abitur musste neu beantragt werden. Bei dieser Gelegenheit konnte man auch verlangen, dass die Religionszugehörigkeit im Abitur Zeugnis vermerkt werde. Aber wenige Juden verlangten diesen Vermerk, auch nicht alle Christen. Den Christen, die den Religionsvermerk nicht verlangten, gab der Direktor den Zulassungs Antrag zurück, damit sie das Fehlende ergänzen, bei den Juden zeigte er Verständnis und unterliess Jede Beeinflussung. Zum Glück gab es jüdische Jugendbuende, gab es Religions Schulen in der Wallstr, gab es einen unvergesslichen Rabbiner Dr. Simonsohn s.A. und andere. Wer wollte, konnte jüdische Erziehung finden, soweit das Gymnasium Zeit und Kräfte liess. Wir wollen glücklich und dankbar sein, dass unsere Kinder. und Enkel in der Schule selbst jüdische Erziehung genlessen. Und wenn wir der individuellen Assimilation, die im Galuth drohte, glücklich entronnen sind, so wollen wir danach streben, dass der Staat Israel die kollektive Assimilation vermeide und im Gegenteil seine jüdische Note betont und entwickelt. Jisrael (Rudi) Jutkowskl, Tel Aviv entfernt ist, über, um für die Entwicklung der Schulen in dem südlichen Grenzdistrikt zu arbeiten. Er wirkte dort als pädagogischer Berater und Instruktor in der Anleitung für junge Lehrer und Lehrerinnen und verstand er, durch seine lange Erfahung und seine liebenswürdige Persönlichkeit, ein reiches Gut an Werten und Wegen echt jüdische moderne Erziehungsarbeit an eine neue Generation von Erziehern weiterzugeben. Es wäre zu erwähnen, dass er viele Jahre an der Arbeitsgemeinschaft israelischer und westdeutscher Lehrer teilnahm, die in den im Lande und in der Bundes Republik stattfindenden Seminaren bestrebt ist, die erzieherische Lehre der jüdischen Katastrophe im Nazi-Deutschland zu erörtern im Versuch, der heranwachsenden Jugend in Deutschland ihre Verpflichtungen dem jüdischen Volk gegenüber, ins Bewusstein zu bringen. Elieser Pinczower, Jerusalem David Pri-Cfien (Theo Freyhan) s.A. 25