Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1978
- Issue
- No. 43 (April 1978)
- Date
- 1978-04-01
- Page
- Seite 24 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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(Fortsetzung von Seite 23) Zeitung des Judentums”:''“Zu diesem Anlass die Vorhallen aufs prächtigste mit exotischen Gewächsen dekoriert waren. Schon eine halbe Stunde vorher hatten sich die geladenen Ehrengäste versammelt, unter denen sich die Herren Regierungspräsident Graf von Poninski, der Commandant von Breslau, Generalmajor von Lindern, der Rector der Universität, Geheimrat Prof. Dr. Häfer, der Bürgermeister Geheimrat Dr. Bartsch, Deputationen des Magistrats und der Stadtverordneten... und noch viele andere Persönlichkeiten befanden. Das Gotteshaus selbst war überfüllt. Nachdem Baurat Oppler, der Erbauer der Synagoge, und der erste Gemeindevorsteher Commerzienrath Friedenthal Ansprachen gewechselt, nahm der Präsident Graf von Poninski den Schlüssel entgegen und öffnete damit die Thüre des Gottesshauses unter dem Wunsche, dass diese Synagoge immerdar eine Stätte, des Segens für die hiesige Gemeinde sein und Gott der Allmächtige, zu dem wir alle beten, sie in Schutz nehmen möge. Unter Vorantritt des Landesrabbiners Tiktin, des Rabbiners Dr. Joel, des Vorbeters und der Vofstandsmitglieder, welche sämtlich die Gesetzesrollen trugen, folgten nun in langem Zuge die geladenen Ehrengäste... unter dem abwechselnden Gesänge des Vorbeters und des Chores wurde der Umzug mit den Thorarollen vollzogen. Rabbiner Dr. Joel... richtete in begeisterten Worten an die Gemeinde die Weihepredigt. Mit einem Gesang ‘Jauchzet dem Herrn alle Welt’ wurde diese ernste Feier nach zweistündiger Dauer geschlossen”. In den zwanziger Jahren, wurde dann das Gotteshaus renoviert und in der Progromnacht des 9./10. November total zerstört. Auf Grund obengenannter Aussagen und Informationen von Privatpersonen in Israel sowie des Yad Vashem wurden am 9./10. November 1938 in Breslau zerstört. Alte Synagoge in der Wallstrasse; Neue grosse Synagoge, Stadtgraben (verbrannt, Abriss); Betsaal Fuchssche Stiftung (demoliert); Betsaal Fränkelsche Stiftung (demoliert); Betsaal Machsike Thora (demoliert); Betsaal Jüdisches Krankenhaus (demoliert); Betsaal Zufluchthaus (demoliert); Betsaal Spiegel’sche Haschkomoh (unbekannt); Betsaal Pinchas Synagoge (demoliert); Synagoge Zum Tempel (demoliert, Abriss); Synagoge Zum Storchen (demoliert); Betsaal Glogauer Schul (demoliert); Betsaal Sklower Schul (demoliert); Betsaal im Rabbinerseminar (demoliert); Betsaal Landschul (demoliert); Betsaal Rhediger Platz wurde nicht beschädigt. Heute finden Gottesdienste in Wroclaw (Breslau) nur noch in der vernachlässigten Synagoge “Zum Storchen“ statt. Nur 40 Beter waren am Schabbat in dem Gotteshaus anwesend, als Erich Lewin aus Ramat-Gan 1974 dort die Tefilla leitete. 1962 lebten In Wroclaw etwa 6000, 1964 um 4000 und 1974 ungefähr 1000 Juden, berichtet Erich Lewin. Das für die Nachwelt wichtigste Dokument in der Breslauer Gemeinde ist das “Friedhofsbuch”, das ausserordentlich sorgfälitig vom Jahre 1926 bis 1942 — der Deportierung des Schriftführers — die Namen der Verstorbenen mit Todesdatum, Beerdigungstag und sogar die Klasse des Begräbnisses aufführt. * Informationen und Material zu dieser Abhandlung stammen von: Yad Vashem, Jerusalem; Erich Lewin, Ramat-Gan; Dr. Franz Unikower, Langen; Heimatortskartei Nordosteuropa; Kirchlicher Suchdienst, Lübeck; Stadt- und Universitätsbiblothek Frankfurt; Stat. Handbücher d. dt.- israelischen Gemeindebundes; Privatpersonen. UNVERGESSEN Wer könnte vergessen den Storchen-Tempel? Ihn zierte ein besonderer Stempel. Einst predigte dort Dr. Rosenthal — Er packte die Beter in diesem Staal. Aus heiligen Büchern verstand er zu lehren Und unseren Glauben wusst er zu vermehren. Wie schade, dass sein grosses Wissen Wir lange schon vermissen müssen. Dort gab es Bar Mitzwoth sonder Zahl, Ein Fest war die Chuppah jedes mal. Und alle, die Rosenthal getraut Sind heute noch wie Bräutigam und Braut. Der Kantor hatte den gleichen Namen, Und viele ihn zu hören kamen, Er sang voller Seele und mit Gefühl, Wie es eben üblich in jener “Schuel“ Sein Singen war Gebet voller Haltung, Der Liturgie gab er eigne Gestaltung. Das man sich garnicht unterhielte und nach der Frauen-Empore schielte, darüber wachte — es wäre gefährlich — Jahraus — jahrein der Schammes Ehrlich. Der Orgel und der Chöre Rauschen Könnt in der “Liberalen” man lauschen. Hier war Rabb. Vogelstein Zugleich mit Sänger im Verein. Der geistige Führer dieser Kille Und wenn er sprach, da war es stille, Denn, was er sagte, war Genuss Die Drösche war aus einem Guss. Er sprach wie Buber, abgeklärt, Teils tolerant, teils hochgelehrt. In gleicher Weise stets bereit, Nicht schwieg des “Sängers“ Höflichkeit. Im Zweig-G”ttesdienst an hohen Tagen, Wusst er die Gebete festlich zu sagen. Er hiess nur Sänger — er sprach nicht lang, Doch reich an Inhalt war sein Gesang. Und wundersame Melodien Entströmten der Kunst eines Gollanin. In Breslau gabs — es ist nicht gelogen — Noch sehr viel andere Synagogen, Erinnern sich ein jeder kann ja: Es gab auch einen Schammes Schampanjar. Es sang der Oberkantor Cerini, Erinnern möchte an Borinl. Gedenkt ihr noch an Berlinger, Graf, An Deutsch, Hamburger — manch andern Raw? Und als gewissenhafter Dajan Engagierte John Cohn aus Rawitsch man. Noch viele Männer wahrlich wert sind Dass ihre Namen hochgeehrt sind. Zu den guten Dingen der Gemeinde Gabs Brüderlichkeit und keine Feinde, Ob Rechnitz, Cohn, Goldfeld sie hiessen — Nie etwas ausser Acht sie liessen. Ja, mit den schwierigsten Problemen, Mit kompliziertesten der Themen, Sich zu befassen, sie zu nehmen, Tat Wilhelm Freyhan sich hervor. Drum rufen wir zum Schluss im Chor, Du hast getan, hast nie gestreikt. Du hast als Vorbild dich gezeigt. Und so ist klar, infolgedessen: Wilhelm Freyhan bleibt unvergessen. JULIUS SACHS Pessach in Breslau, 1941 Auf meinem Weg in den Storch, der einzigen noch existierenden Synagoge, in der die Gemeinde mit klugem Bedacht die Spuren der Barbarei nicht völlig beseitigt hatte, traf ich Herrn Perle. Auf die natürliche Frage, wie sein Seder gewesen sei, bekam ich die unerwartete Antwort: “Ich hatte meinem Seder ganz allein heute morgen um 4 Uhr“. Am Erew Pesach war in Breslau ein Wagon Matzoth, ein Geschenk der ungarischen Juden eingetroffen, die gegen Abgabe der Brotkarten und Bezahlung des “Einfuhrzolles für feines Gebäck“ an die Gemeindemitglieder verteilt wurden. Herr Perle hatte die ganze Nacht Matzopakete gepackt und an die umliegenden, Gemeinden verschickt mit Zustimmung und Ermutigung des Rabbiners Dr. Hamburger. „ Das war nicht mein einziges Pesacherlebnis in Breslau 1941. Meine Frau und ich wohnten mit unserem 23/4 Jahre alten Kind in einem “Judenhaus“ in der Sadowa' Strasse in einer 5-Zimmerwohnung zusammen mit Familie Garnmann, die aus 4 Erwachsenen bestand. Später zog noch ein Ehepaar, dessen Namen ich vergessen habe, mit in dieselbe Wohnung ein. Über uns wohnte Familie Schäfer und unter uns das Ehepaar Kaliski, Herr Mai mit Schwester und ein einzelner Mann, dessen Name ich auch nicht mehr weiss. Mein Heimweg vom Storch führte mich an der Wohnung Kaliskis vorbei. Die Türe öffnete sich und heraus trat Frau Kaliski, wünschte mir einen guten Jomtow und fragte: “Hatten Sie gestern abend keinen Seder? Warum haben Sie uns dazu nicht eingeladen?“ Beschämt trat ich in ihre Wohnung ein und antwortete der Wahrheit gemäss: “Meine Frau und ich haben diese Frage besprochen und sind zu der Meinung gekommen, dass Sie und Ihr Gatte sich bei unserem streng traditionellen Seder nicht wohlfühlen doch aus Höflichkeit eine Einladung nicht ablehnen würden. Aber heute abend ist ja auch noch ein Seder. Zeigen Sie, dass Sie unseren falschen aber gut gemeinten Entschluss verzeihen, indem Sie heute abend unsere Sedergäste sind“. Kaliskis kamen. Ein anderer eingeladener Gast, Amtsgerichtsrat Bildhauer, hatte unsere Einladung abgelehnt, weil er fürchtete beim Nachhausweg gesehen zu werden, denn nach Einbruch der Dunkelheit war Juden die Strasse “verboten“. Wir hatten einen sehr schönen Seder. Koscheres Fleisch gab es schon lange nicht mehr, und ich weiss nicht, was wir gegessen haben. Der Wein war ein eigenes Gebräu, Zeroa, der geröstete Knochen war ein Ersatz, aber der Moror war echt. Die Tränen, die beiden Kaliskis während unserer Hagadakommentare in den Augen standen, waren nicht vom Moror. Wir wurden gute Freunde, und als wir im allerletzten Augenblick noch, im September 1941, nach Amerika kamen, manchte meine Frau die verzweifeltsten Anstrengungen Kaliskis ein Visum nach Kuba zu besorgen, und hatte schliesslich auch Erfolg. Wo das Geld dafür herkam, muss auch heute noch ein Geheimnis bleiben. Aber es war zu spät. Am 6-ten Dezember, abends, um 11 Uhr, waren alle Formalitäten erledigt, und meine Frau sandte das Telegramm mit der guten Nachricht nach Breslau. Am nächsten Tag kam es zurück, die japanischen Bomben hatten die letzte Hoffnung zerstört. Es dürfte Kaliskis letzter Seder gewesen sein. Uns wird dieser Pesach 1941 in Breslau für immer im Gedächtnis bleiben. Dr. HERMAN BLUMENTHAL 24