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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1975-09-01 · No. 38 (September 1975) · p. Seite 25

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1975
Issue
No. 38 (September 1975)
Date
1975-09-01
Page
Seite 25 (sequence 2205)
Language
German
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Geschichte der Familie Nothmann FRIEDRICH NOTHMANN GESCHICHTE DER FAMILIE NOTHMANN Obige 1939 verfasste Schrift ist uns dankenswerter Weise von Herrn Heinz Nothmann, Petach Tikwah (Fedja) Remesstr. 15 zur Einsicht zur Verfügung gestellt worden. Wie schon aus dem Inhalt ersichtlich, erzählt der Verfasser nicht nur die Geschichte der Familie, sondern viel mehr auch den allgemeinen geschichtlichen wie auch jüdischen Hintergrund, auf dem die Geschichte der Familie abrollte. Leider macht es uns der grosse Umfang des Materials (Ca. 300 Schreibmaschinen-Seiten) unmöglich, es zur Gänze abzudrucken und müssen wir uns daher mit dem Abdruck kleiner Auszüge — u. auch dieses in Fortsetzungen — begnügen. DIE REDAKTION Im Jahre 1939 habe ich, Friedrich Nothmann, diese Geschichte unserer Familie für meine Kinder aufgezeichnet. In dieser Zeit, in der wir um unserer Abstammung willen aus Deutschland vertrieben wurden, schien es mir wichtig, etwas dazu beizutragen, dass der Ursprung unseres Geschlechtes nicht in Vergessenheit geriete, dass das Andenken an unsere Vorfahren und ihre Schicksale im alten Lande lebendig bliebe, und dass die Enkel immer wieder erkennen können, wie die Wurzeln ihres eigenen Daseins ins vergangene Leben der Familie zurückreichen. AUS DEM INHALT : Ursprünge der Familie Nothmann. Vorgeschichte. Einwanderung in Schlesien. Kolonialland Schlesien. Judenknechtschaft im 18. Jahrhundert. Breslauer Zustände. Die Landgemeinde. Freiwilliges Martyrium? Vom Glauben der Väter. Die Synagoge. Gottesdienst. Sabbat. Feiertage. Vom Passah bis zum Laubhüttenfest. Halbfeiertage. Familienleben. Soziale Hilfe. Religion Im Alltag. Zülz, die Stadt der Gerechtigkeit. Von Namensbräuchen und vom Priesteradel. Langendorf. Gute Schrift und gute Siegel. Juden und Bauern. Vorboten der Emanzipation. Die neuen Familiennamen. Les droits de l’homme et de citoyen. Staatsbürgerrecht. Bildungsverhältnisse vor der Emanzipation. “Fern von gebildeten Menschen”. Schulwesen. Erste Reaktion. Judentaufen zwischen Aufklärung und Romantik. Moderne Wissenschaft. Aufklärungsphilosophie und Vernunftreligion. Aesthetische Erziehung und Humanismus. Jüdische Reformbewegung. Conventionelles Christentum und Bildungsreligion. Die Brüder Samuel, Josef und Salomon Nothmann. Die ersten Auswanderer. Josef Nothmann. Salomon Nothmann. Oberschlesien vor hundert Jahren. Revolutionszeit. Die Gleiwitzer Krawalle. Eheschliessung in vier Generationen. Liberalismus und Kaiserreich. Die Reaktion der Gründerjahre. Simon Nothmann Die Industrie in Oberschlesien. Adolf Nothmann. “Wie hast Du’s mit der Religion?” Die Familie Lustig. Berliner Schulzeit. Berufswahl. Der Weltkrieg 1914—1918. Die Familie Schneider. Die Familie Bernhard. Die Polen in Oberschlesien. Ewige Wiederkehr des Gleichen. Exodus. Etwas Anthropologie. Ausblick. URSPRÜNGE DER FAMILIE NOTHMANN Meine Familie, die im Jahre 1939 aus Deutschland auswandern musste, hat dort mindestens 200 Jahre lang ununterbrochen gewohnt. Meine Vorfahren waren schlesische Juden. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wohnten sie in Zülz, einem kleinen Städtchen in dem oberschlesischen Kreise Neustadt. Später übersiedelten die Vorfahren nach Langendorf, einer Landgemeinde im oberschlesischen Kreis Gleiwitz, auf dem rechten Oderufer unweit der polnischen Grenze gelegen. In Oberschlesien lebten auch während des 18. und 19. Jahrhunderts die sämtlichen Geschlechter, denen die Mütter meiner Familie entstammen. Simon Nothmann (geboren 1821) starb im Jahre 1879 in Langendorf. Sein Sohn Adolf (1869- 1913), mein Vater, liess sich bald darauf in der Stadt Gleiwitz im oberschlesischen Industriebezirk nieder, die die Heimat meiner Mutter, Alwine geb. Lustig war. Im Jahre 1889 gingen meine Eltern nach Berlin. Weiter zurück als bis zum Anfang des 18. Jahrhunderts lässt sich der Ursprung der Familie Nothmann nicht verfolgen. Die schlesische Geschichte früherer Jahrhunderte nennt zwar manchen jüdischen Namen, der durch die Gelehrsamkeit oder durch den Reichtum, oder auch durch den Märtyrertod seines Träges ausgezeichnet ist; aber ob einer von ihnen zu unseren Ahnen gehört, wissen wir nicht. Die Erinnerung an Vorfahren wurde freilich in den meisten Familien gepflegt, aber in den unruhigen Zeiten von Krieg und Verfolgung wurde die Ueberlieferung allzu oft abgerissen, so besonders gründlich durch den dreissigjährigen Krieg (1618-1649). Es lässt sich daher nicht sagen, wann die ersten von unseren Vorfahren ins Land gekommen sind. VORGESCHICHTE EINWANDERUNG IN SCHLESIEN Woher kamen unsere Vorfahren, als sie In Mitteleuropa sesshaft wurden? — Darüber sind nur Vermutungen möglich. Wahrscheinlich haben sie, so wie die Ahnen der meisten deutschen Juden, zu Beginn der christlichen Zeitrechnung ln den östlichen Ländern des Mittelmeers gewohnt. Im Jahre 70 nach Christi Geburt wurde der Tempel von Jerusalem durch die Römer zerstört. Damit hörte der jüdische Nationalstaat endgültig auf, zu bestehen, und die meisten' Juden mussten aus Palästina auswandern, um fortan in der “Diaspora” zu leben, dh. zerstreut unter fremden Völkern. Mit der ständigen Ausdehnung des römischen Reiches kamen dann viele jüdische Kaufleute in die eroberten Provinzen. Auf den römischen Handelsstrassen, die nodwärts über die Balkan- und Alpenländer führten, zogen sie auch nach Germanien und nach Ländern, die seit der Völkerwanderung von slavischen Völkern besiedelt wurden. Manchmal blieben sie sesshaft, meistens blieben sie auf der Wanderschaft. Während eines Jahrtausendes haben sie die Gebiete zwischen Rhein, Donau und Weichsel durchzogen, ohne eine dauernde Heimat zu finden. Im heutigen Schlesien sind vermutlich schon zur Römerzeit die ersten jüdischen Siedlungen begründet worden Jedenfalls haben schon damals neben anderen Kaufleuten aus Italien, Griechenland und Ulyrien auch jüdische Bemsteinhändler die uralte Handelsstrasse benutzt, die vom Sueden her durch Oberschlesien, dh. den am oberen Oderlauf gelegenen Teil von Schlesien, zur Ostsee führte. Von einem jüdischen Reisenden stammt auch die erste zuverlässige Nachricht über Oberschlesien und den dortigen Handel. Es ist der marrokanische Gelehrte Ibrahim ibn Jacub al- Israeili, der im Jahre 965 als Gesandter des Bagdader Kalifenhofes an den Hof des deutschen Kaisers Otto I. nach Magdeburg gekommen war und von dort aus Boehmen sowie die Landschaften Jenseits der Elbe bis nach Krakau bereiste. Er berichtet, (vgl. Deutsche Übersetzung von Georg Jacob, 1927) dass damals Jüdische Kaufleute zusammen mit den Moslim aus Ungern kamen und aus Boehmen und Schlesien “Mehl, Zinn, Felle und Sklaven“ holten, (vgl. Encyclopaedia Judaica, Band 8, S. 375, Artikel: Ibrahim ibn Jacub). Mit Mehl, Metallen und Leder haben übrigens später auch meine Vorfahren gehandelt, die im 18. und 19. Jahrhundert in den oberschlesischen Orten Zuelz und Langendorf lebten. BRESLAUER ZUSTÄNDE Mit einem grotesken Juden-Reglement wurden unsere Ziilzer und Langendorfer Vorfahren in ihrer schlesischen Hauptstadt Breslau bekannt, wenn sie dort hinkamen, um die Handelsmesse zu besuchen oder um eine Zelt lang dort als Lehrlinge und Handlungsgehilfen “in Condition“ zu gehen. Anfänglich hatten in Breslau, nachdem diese Stadt wieder ein Wohnplatz für Juden geworden war, nicht mehr als zwölf Juden dauerndes Heimatrecht, an dem ihre Familie und ihr Geschäftspersonal Teil hatten; das war das sogenannte “Famulitimn”. Diese Zahl wurde noch in der “Allergnädigsten Deklaration” des Königs Friedrich II. vom Jahre 1744 festgehalten Daneben winden aber die Zülzer und die Glogauer Juden auf Grund ihrer alten Freibriefe aus dem 16. und 17. Jahrhundert, von denen ich noch einiges erzählen werde, zu zeitweiligem Aufenthalt in Breslau wie in ganz Schlesien zugelassen. Dann machte es die preusslsche Wirtschaftspolitik ratsam, auch einer grösseren Anzahl von Juden den Aufenthalt und den Gewerbebetrieb in Breslau zu erlauben, aber diese Rechte wurden ihnen nur tropfenweise verliehen und nur gegen Bezahlung hoher Abgaben zugemessen. In der späteren Regierungszeit Friedrichs des Grossen umfasste die Breslauer Judenschaft schliesslich nicht weniger als acht streng gesonderte Abteilungen mit verschieden abgestuften Rechten u. Steuerlasten. Da waren zunächst die General-Privilegierten, die im Handel und Verkehr, —i natürlich nicht In sonstigen Beziehungen — die Rechte der christlichen Bürger hatten; ihre Vorrechte waren erblich. Die zweite Klasse bildeten die gewöhnlichen Privilegierten; sie durften mit einigen Arten von Waren handeln und ihr Recht war lebenslänglich, aber nicht vererblich. Allerdings wurde auf ihre Kinder “bei offenen Prlvilegiis“, d.h. wenn anderweit ein Privileg frei wurde. Rücksicht genommen. In dritter Reihe standen die “Tolerierten ad dies vitae“, das waren Schutzjuden, die ebenfalls zu lebenslänglichem Aufenthalt zugelassen, aber meist auf Hausier- und Trödelhandel angewiesen waren. Noch beschränkter in ihren Rechten waren die “Tolerierten ad revocationem“; das waren die nur auf Widerruf zugelassenen Schutzjuden, die gegen eine bestimmte jährliche Abgabe die Erlaubnis erhielten, sich eine gewisse Zeit in der Stadt aufzuhalten oder dort ohne Leibzoll ab- und zuzureisen. Da ihre Jahresabgabe in der Amtssprache “fixe entröe“ genannt wurde, hatte man für diese armen Teufel den Namen “Fixentristen” erfunden. 25

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