Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1973
- Issue
- No. 33 (April 1973)
- Date
- 1973-04-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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WILLY COHN, Breslau: Jüdische Musiker „Haus der Ewigkeit EIN 700 JAHRE ALTER FRIEDHOF AUF DEUTSCHER ERDE Als ich mich im Jahre 1918, nach langen Kriegsjahren von Frankreich kommend, in mehrtägiger Fahrt im Lazarettzug Insterburg näherte, erblickte ich rechts von der Bahnstrecke den Friedhof, an dessen Tor sich die Inschrift “Haus der Ewigkeit” befindet. Es war mein erster jüdischer Eindruck bei der endgültigen Rückkehr in die Heimat, und meine Gedanken gingen in diesem Augenblicke zu den vielen Gräbern zurück, die irgendwo in Frankreich jüdische Soldaten umfingen. Der tiefe Sinn dieser Bezeichnung ist mir im Laufe der Jahre immer wieder zum Bewusstsein gekommen, und heute wo wir vor einer völligen Neugestaltung unseres Daseins stehen, gehen die Gedanken mehr als je zu all denen, die wir im Laufe der vielen Generationen, in denen sich jüdisches Leben in Deutschland abgespielt hat, in deutsche Erde gebettet haben. Mit bewundernswürdiger Tapferkeit nimmt unsere Jugend ihr Schicksal in die Hand. Zukunftsfroh geht sie daran, sich neuen Berufen zuzuwenden und sich, wenn es nicht anders sein kann, in anderem Lande ihr Brot zu verdienen. Sie soll ihre Blicke nicht rückwärts streifen lassen. Vielleicht würde sie zu stark belastet durch all das, was uns Inhalt unseres Daseins gewesen ist, aber wir Aelteren, bei denen der grösste Teil des Lebens nun einmal dahin ist, wir kommen von der Erinnerung an die Vergangenheit nicht los. Wir möchten einmal von dem sprechen, was uns durch Jahrzehnte hindurch teuer war. Am Eingang zu einem der altehrwürdigen Friedhöfe der grossen Breslauer Gemeinde befindet sich ein Grabstein, jetzt in die Mauer eingelassen, dessen uralte hebräischen Zeichen deutlich auch heute noch lesbar sind: “Dieser Stein ist ein Denkmal am Grabe des Rabbi David mit lieblicher Stimme, Sohnes des Rabbi Sar Schalom, der eingetan wurde am 2. Tage der Woche am 25. Tage des Monats Ab im Jahre 4963 nach Erschaffung der Welt (4. August 1203). Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens”. Also im 12. Jahrhundert unserer Zeitrechnung bestand schon eine offenbar grosse jüdische Gemeinde in Breslau, deren Friedhof vor dem Ohlauer Tor gelegen war, denn dieser Stein ist ganz zufällig erhalten,' die meisten sind im Jahre 1345 durch König Johann von Böhmen entfernt worden und fanden bei der Stadtbefestigung ihre Verwendung. 1917 kam dieser Stein wieder ans Tageslicht, als man auf der Dominsel Bauarbeiten vornahm, und das Domkapitel schenkte ihn der Synagogengemeinde. Jüdische Gemeinden hatten sich in Breslau gebildet, und sie sind wieder zerstreut worden. Sehr lange musste man seine lieben Dahingeschiedenen fern von der Wohnstätte der Erde übergeben, und der Friedhof in Dyhernfurth, der heute noch umschattet von uralten Bäumen im Parke verborgen existiert, weiss v. all denen zu erzählen, die man in langer Fahrt dort beigesetzt hat. Da ging in Breslau in der Zeit Friedrichts des Grossen der Pulverturm in die Luft, und es erwies sich als notwendig — bei dem Unglück waren auch viele Juden ums Leben gekommen —, eine Ruhestätte für die wachsende Breslauer Gemeinde zu schaffen. Im Jahre 1761 ist dieser Friedhof an der heutigen Claassenstrasse in Gebrauch genommen werden, und er ist heute noch bis auf eine kleine Veränderung, die ein Strassendurchbruch notwendig machte, unversehrt. Die Ruhe der Toten ist niemals gestört worden. Alle Grabsteine sind entziffert und bieten dem Forscher ein unersetzliches Material für die Kenntnis jüdischer Familiengeschichte. Nur selten geht ein Besucher durch die stillen Wege, die nur dem noch etwas zu sagen haben, der die Zeichen der Vergangenheit zu deuten weiss. Am 2. Mei 1813 wurde der erste jüdische Leutnant Meier Hilsbach in der Schlacht bei Gross- Görschen tödlich verwundet. Man hat ihn in heimischer Erde zur Ruhe gebettet, und die “Schlesische Zeitung” widmete ihm einen ausführlichen Nachruf, in dem es heisst: “Zu den heldenmütigen Streitern am Tage bei Lützen gehörte nach dem allgemeinen Zeugnisse in einem vorzüglichen Sinne der Studiosus Meier Hilsbach, welcher im Jägerdetachement der Jägergarde die heilige Sache des Vaterlandes nach seiner ganzen Kraft zu verteidigen gesonnen war... Seine Glaubensgenossen, aus deren Mitte er vor allem anderen auf den Ruf seines Königs unter die Vaterlandsfahne trat, mögen es dankbar erkennen, dass sein Beispiel manche Zweifel beseitigte und ihren Jünglingen ein herrliches Muster aufstellte.” Nun ist auch jener Friedhof an der Lohestrasse der Benutzung entzogen, der nach diesem von der Gemeinde geschaffen wurde. Wie viele Menschen ruhen hier, die ihr ganzes Dasein in hingebender Arbeit für ihre Gemeinschaft und ihr Vaterland verbracht haben! Und oft sehen wir zwischen den Grabsteinen Tafeln, die darauf hindeuten, dass ein Glied dieser Familie nicht bei seinen Ahnen beigesetzt werden konnte, sondern im Kriege in fremde Erde ruht. Fast jeder von uns hat sich in den letzten Monaten mit seiner eigenen Familie näher befasst, und man ist oft zu den Gräbern getreten, wo die Vorfahren ruhen, die man niemals gekannt hat und von denen kein Bild zu uns gekommen ist. Aber es ist so, als ob von ihnen die im Hause der Ewigkeit ruhen, eine unerhörte Kraft ausginge, die es uns ermöglicht, die Kette nicht abreissenzu lassen, sondern sie weiterzuführen von Geschlecht zu Geschlecht. Schon ist draussen, weit von den Toren des alten Breslau, eine neue Ruhestätte errichtet, und ein Ehrenhof erinnert an alle die Söhne der Gemeinde, die aus dem Weltkriege nicht zurückgekommen sind oder die in heimischen Lazaretten starben. Glied schliesst sich an Glied. Es ist eine fromme Sitte in unserer Gemeinschaft, dass die Gräber für immer erhalten bleiben. Wenn man es irgend ermöglichen kann, so wird man auch aus der Ferne zu diesen Gräbern wieder zurückkehren, zu mindestens aber für die sorgen, so, wie es unsere Vorfahren immer getan haben. Es sind vielleicht ein wenig trübe und herbstliche Gedanken, die uns umfangen, aber es gibt noch eine andere Bezeichnung für dieses Haus der Ewigkeit, man nennt es auch das “Haus des Lebens”. Wir gehen zu unseren vergangenen Generationen, nicht, um uns vom Leben zu entfernen, sondern um wieder ins Leben zurückzukehren. Sie helfen uns, an unserer Zukunft zu bauen, so wie sie selbst einmal sich ihr Leben gezimmert haben, und, wenn sich unsere Kinder vielleicht irgendwo anders durchgesetzt haben, so sollen sie doch die Erinnerung an diese unzähligen Generationen, die in Deutschland gelebt und auch für Deutschland gelebt haben, nicht vergessen. Und wie wir hier in einer beliebigen Stadt Deutschlands, nicht einmal der ältesten, durch 700 Jahre deutscher und jüdischer Geschichte gegangen sind, so wäre das auch an unzähligen anderen Orten möglich, aus Breslau Durchblättert man Musiker-Biographien, alte Konzertprogramme und lexikalische Werke, so findet man als Geburtsort vieler später produzierender oder reproduzierender jüdischer Künstler BRESLAU. Aber es scheint, dass nur wenige von Ihnen an Breslauer Musikschulen ihre Meisterprüfungen gemacht haben, auch haben einige später hier ein Tätigkeitsfeld gefunden. Woran mag dies gelegen haben? Waren die örtlichen Ausbildungsstätten nicht so, wie es ihren künstlerischen Zielen entsprach? Gab es z.B. Kapellmeisterklassen, gab es Lehrer für höchste künstlerische Reife-instrumental und vokal — wie etwa in Berlin oder Köln? Wie dem auch sei, in nachfolgender Betrachtung sei festgestellt, wo sie letzten Endes ihren Beruf ausüben. Die Musikerfamilie DAMROSCH, FRANK 1859-1937, LEOPOLD, 1832-1885, WALTER, 1862- 1950 wirkte in New York, nur LEOPOLD, der übrigens aus Posen stammte, war vorher in Breslau tätig. GEORGE HENSCHEL wirkte als Dirigent seit 1877 in England. Der bekannte Dirigent OTTO KLEMPERER (1885) war in Köln, Prag, Berlin, Los-Angeles, Budapest, New York, London und Israel aktiv. Als bekannte Opernsängerin wirkte FRIEDA LANGENDORF 1868-1947 in Prag, New York, Berlin und Dresden Der Komponist JAN MEYEROWITZ 1913 schuf in Amerika Opern, Oratorien und Kammermusik. Von MORITZ MOSZKOWSKY (1854- 1925), dessen Werke im Breslauer Verlag HAI¬ NAUERS erschienen sind, wissen wir, dass er seit 1897 in Paris lebte. Obwohl er Spanien nie aufgesucht hat, erklingen seine SPANISCHEN TÄNZE wie eines in Spanien geborenen Komponisten. MARTIN RICH (1907) war Dirigent an der Metro, New York. JULIUS STERN (1820-83) ist Mitbegründer des gleinamigen Berliner Konservatoriums gewesen. BOGUMIL ZEPLER (1858-1918) ist als Operettenkomponist hervorgetreten. Wollen wir auch die umliegenden Provinzorte berücksichtigen, so ist erwähnenswert, dass MAG¬ NUS DAVIDSOHN (1877-1958) als Kantor in Gleiwitz, Beuthen, Berlin und London fungierte. Er stammte aus Beuthen. In Leobschütz geboren sind die beiden HOL¬ LÄNDER, nämlich GUSTAV (1855-1915) der Direktor des Stern-Konservatoriums war, und VIK¬ TOR (1866-1940), im Metropol-Theater, Berlin, als Dirigent und Komponist tätig gewesen. Der einstige Oberkantor von München, EMA- NUEL KIRSCHNER (1857-1938) stammte aus Rokitnitz O/S. — HERMANN SCHEY (1895), Bariton ist in Bunzlau geboren. FRANZ WAXMANN (1907-1967) seit 1934 in Hollywood. Komponist von Filmmusiken, einer Oper und eines Oratoriums (Joshua). Als Musikkritiker und Musikschriftsteller sind erwähnenswert: OSKAR BIE (1864-1938), SALO- MON JADASSOHN (1831-1902), in Leipzig als Lehrer für Musiktheorie bekannt, ADOLF WEISS¬ MANN (1873-1920) war Kritiker am Berliner Tageblatt und Musikhistoriker. Er ist in Rosenberg O/S geboren. Julius Sachs, Tel-Aviv, Mazestr. 51 Heute ist alles wieder im Flusse, was einmal fest war, aber die Kraft der Lebensbejahung, sie geht, so merkwürdig es klingen mag, von denen aus, die unter uns waren und die für die, wir die Verbindung mit der Vergangenheit nicht verloren haben, noch unter uns sind. 8