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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1972-09-01 · No. 32 (September 1972) · p. Seite 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1972
Issue
No. 32 (September 1972)
Date
1972-09-01
Page
Seite 15 (sequence 2033)
Language
German
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?—Das letz Die Entwickelung des Jüdischen Gebets von den religiös-sentimentalen Gefühlsausdrücken des ßaal Tefillah im kleinen Gebetsstüble zu dem gepflegten und zivilisierten Gottesdienst in der grossen Breslauer Neuen Synagoge ist genau geschichtlich dokumentiert. Die theologischen, intellektuellen und aesthetischen Bedürfnisse der Breslauer Juden waren richtunggebende Einflüsse bis 1938. Von 1938 - 1945 jedoch wurde das Gebet und der Gottesdienst ein menschliches Grundbedürfnis. Für den kleinen Geist war es der letzte Versuch G”tt um ein Wunder zu bitten und Ihn für die persönliche Rettung vor der menschlichen Bestialität verantwortlich zu machen. Für den aufgeklärten Menschen war das Gebet und der Gottesdienst eine geistige Aufgabe mit dem Ziel, die wohltätige Ordnung in der Welt und das positive Potential des menschlichen Geistes nicht vor seinen Augen zu verlieren. Ich glaube kaum, dass zu dieser Zeit die religiösen Kleinigkeiten und theologischen Spitzfindigkeiten rür irgend einen der Breslauer Juden von Bedeutung gewesen sind. 1935 trat ich in die Religionsunterrichtsanstalt II am Anger 8 als Schüler ein. Wie jeder ungezogene Junge habe ich Dummheiten mitgemacht. Der Lehrkörper hatte es nicht leicht gehabt und alle Lehrer hatten einen Spitznamen. Herr Wesel (Wesel der Esel), Herr Davidsohn (Dovidl mit dem Strohhütl), Rabbiner Haipersohn (Der Halbidiot) und der Vorsitzende Herr Schönfeld hiess nur der Moische. Dem Kastellan, der die Lichter in der Neuen Synagoge an und abschaltete haben wir nachgrufen: “der ewige sprach es werde licht und sieh, es funktionierte nicht”. Bei weitem der interessanteste Mann in der Neuen Synagoge war der Oberschammes Haase, der das Mikrophon für Oberkantor Wartenberger für den Kiddusch am Freitag Abend von dem grossen Vorbeterpult gegenüber der Lade zu dem anderen gegenüber der Gemeinde umschaltete. Für anständige Führung und Fleiss gab es Belohnungen, wie die Sukkah dekorieren zu dürfen. Dies war eine besondere Verantwortung und nur eine Aufgabe für Kinder, die sich gut benehmen, da diese Aktivität oft von den Fenstern des gegenüberliegenden Gauleitungsgebäudes photografiert wurde. Die grossen Fahnen durften wir kleben und tragen für die Hakafot an Simchat Torah. Und vielleicht der beste Preis war Wein zu trinken am Freitagabend-Gottesdienst in der neuen Synagoge. Ein Junge und ein Mädchen durften dann neben dem Kantor während des Kidduschgebetes stehen und mit ihm danach Wein trinken. Mir war es endlich geglückt, Ich war der letzte Junge, der im Gotteshaus am Freitagabend Wein getrunken hat. Die Woche danach bin ich mit meinem Vater den ganzen Tag auf dem Hardenberghügel spazieren gegangen, um nicht während der Verhaftungen zu Hause zu sein. Die brennende Kuppel haben wir den ganzen Tag von dort beobachten können bis sie auf einmal verschwunden war. Die Pioniere hatten sie wegen Einsturzgefahr gesprengt. Die Gottesdienste gingen weiter im Freundesaal. Er war immer überfüllt und ich sass neben dem Chor. Da konnte ich den Organisten Berger und den Chordirigenten Sander beobachten. Inzwischen hatte ich einen neuen Schulfreund Ulrich Lewin! Er war der Sohn des letzten Gemeinde- Rabbiners Dr. Reinhold Lewin. Erst wohnte er im Gemeindehaus am Stadt graben und da haben wir oft von seiner Wohnung in die abgebrannte Synagoge heruntergesehen. Später wohnte er im Theologischen Seminar in der Wallstrasse und e Gebe f—* da haben wir in den Sukkoth im Garten des Seminars am Stadtgraben gespielt. Nach einiger Zeit wurde die Storch-Synagoge wieder innen eingerichtet und das Unmögliche gemacht. Die Liberalen und die Orthodoxen hatten nacheinander am Freitag Abend und am Sonnabend früh Gottesdienste in dieser Synagoge. Es gab keine religiösen, sondern nur technische Probleme. 8 Uhr abends war Ausgehverbot für Juden und beide Gottesdienste mussten 7 30 Uhr beendet sein. Die Liberalen warteten im Hof bis der orthodoxe Gottesdienst beendet war. Man konnte in den Hof von dem Grossen Tor in der Wallstrasse hinein sehn und Gemeindebeamte passten auf, dass jeder in den Treppenhäusern und auf der Seite des Hofes wartete, um so wenig wie möglich Auf-sehen zu erregen. Der Gedenkstein für die im ersten Weltkrieg gefallenen Jüdischen Soldaten wurde von der Neuen Synagoge in den Vorraum der Storchsynagoge gebracht. Es war vielleicht der törichte Versuch mit diesem Beweis Jüdischer Vaterlandsliebe das Unheil abzuwenden. Für uns liberale war es das einzige Mahnmal für die verbrannte Neue Synagoge. Die Storchsynagoge wurde dann als Lagerraum beschlagnahmt, aber der Gottesdienst ging weiter. In der Wochentagssynagoge in der Wallstrasse wurde gebetet, abwechselnd die Liberalen und die Orthodoxen. Die meisten Bänke waren herausgenommen. Ein Gebetbuch war kaum zu benutzen da stand man zu eng zusammen. Es gab noch Harmonium und Chor. Wer zu spät kam, musste im Treppenhaus stehen. Zwangsarbeit, Abtransporte, Ausgehverbot erschwerten den Gottesdienst weiter. Liberal und Orthodox wurden sinnlose Unterscheidungen. Die Liberalen hatten keine Orgel u. keinen gemischten Chor. Die Orthodoxen mussten den Gottesdienst kürzen, denn wer spät nach Hause ging, wurde auf der Strasse verhaftet. Gegessen wurde alles, was es auf Lebensmittelkarten zu kaufen gab und kein Rabbiner predigte über talmudische Spitzfindigkeiten. Die Frage des Tages war Mensch zu bleiben und Hoffnung zu geben in dieser Zeit. Der Gottesdienst wurde vereinheitlicht. Siddur Sefat Emet mit deutschen Auszügen aus dem liberalen Einheitsgebetbuche. Der Kantor war orthodox, der Rabbiner war Dr. Lewin, liberal, von der Neuen Synagoge. Gebetet wurde zuletzt in dem Sitzungssaal des Gemeindehauses in der Wallstrasse. Unvergesslich ist der erste Tag, an dem wir den Stern getragen haben. Wir wohnten in der Kopischstrasse. Das war noch sehr elegant im Vergleich zu den meisten Jüdischen Familien, die schon in der Sonnen-Zimmer,- Wall,- Alsen- und Antonienstrasse wohnten Aber wir mussten bis zur Wallstrasse zum Gottesdienst laufen. Das war ein weiter Weg, Nicht zu weit zu laufen, aber sehr lang um angepöbelt zu werden. Es war ein Stern nicht nur an der Heiligen Lade, sondern jeder Mensch in der Synagoge hatte seinen eigenen gelben Magen David. Die Frage “Wer ist Jude” war beantwortet. Jeder, der in Breslau an diesem Tage gebetet hat, war Jude. Die Halachische Definition eines Juden war überlebt, und selbst die Herren vom Hechal Shlomo werden sie für mich nicht wiederbeleben können. Die Transporte gingen weiter, Mitte 1944 hörte der Gemeinde-Gottesdienst auf, aber gebetet wurde weiter. Noch eine Woche vor meiner Dportation in das Arbeitslager haben wir gebetet. In der kleinen Stube des Tischlers Korotowski in' der Fischergasse hinter dem Königsplatz. Ungefähr 20 Menschen. Gesungen wurde nicht, sodass man es nicht im Hausflur hören konnte. Wir sind nacheinander gekommen und nacheinander gegangen, um nicht Aufsehen zu erregen. Das war das letzte Gemeindegebet in Breslau vor dem Ende 1945. Was ist aus den Menschen geworden? Der Organist Berger mit Frau und jungen Sohn und Tochter hat sich mitten im Freundesaal beim Abtransport mit Cyankali vergiftet. Der Chordirigent Pulvermacher mit seiner Frau der ehemaligen Sängerin Jetka Finkenstein hat sich im Jüdischen Gemeindehaus in der Alsenstrasse im hohen Alter vor dem Abtransport mit Gas vergiftet. Ich habe ihm noch an diesem Tage das Mittagessen von der Gemeindeküche gebracht, als man sie tot aus ihrem Zimmer trug. Der letzte Gemeinde-Rabbiner Dr. Reinhold Lewin mit seiner Frau und Tochter und seinem Sohn Ulli sind im Osten umgekommen. Er hatte angeblich die Wahl, nach Theresienstadt oder dem Osten zu gehen. Er soll gesagt haben: “ich gehe mit meiner Geminde mit.” Der Tischler Korotowski ist vom Arbeitslager entkommen und nach Breslau zurückgegangen. Er soll ausserhalb Breslaus mit einigen anderen zurückgekehrten Juden erschossen worden: sein. Chanukka 1944 wurde noch im Arbeitslager gebetet. Kurz vor dem Abtransport nach dem KZ Gross Rosen, wir standen in einer Ecke der Baracke und haben zusammen die Chanuka- ■Segenssprüche gesagt. Kerzen hatten wir nicht. Den Tag zuvor hatten wir ein verendetes Reh im Wald gefunden. Wir haben es zu unserer Baracke geschleppt und der jüdische Fleischer Nossen aus Breslau hat es noch als essbar befunden. In einem Eimer auf dem Kanonen ofen in der Baracke hat man für uns alle einen Eimer Rehragout gekocht. Rehragout und Segenssprüche ohne Kerzen stimmen mit keinem religiösen Ritus überein. Die Orthodoxen haben diesen Gesetzverstoss mit Pekuach Nefesch wegrationalisiert. Für mich hat die Erinnerung an die Makkabäer niemals wieder solche Gegenwarts-gebundene Bedeutung gehabt. Das war eine der letzten Andachten der alten Breslauer Gemeinde. Danach kam für mich Gross-Rosen, 4 Monate Illegalität in Oberfranken und eine Reise zurück zwei Zonengrenzen meistens zu Fuss nach Wroclaw (Breslau). Die Reise dauerte von Mai bis August 1945 und der Zug ging nur bis Deutsch Lissa. Dann bin ich nach Breslau reingelaufen. Das erste jüdische Zeichen war der Friedhof Cosel. Russische Soldaten suchten nach Landminen und ich habe mich nicht gewagt, die Gräber meiner Grosseitem zu besuchen Die ersten Zeichen nichtzerstörter Häuser und Menschenlebens war am Königsplatz. Ungefähr 80 ehemalige Breslauer Juden hatten sich wieder zusammengefunden. Der Gottesdienst fing wieder an. In der Wohnung von Kantor Grabowski in der ehemaligen Zimmerstrasse haben wir gebetet. Dann klingelte eines Tages ein betrunkener Russischer Soldat an der Wohnungstür meiner ehemaligen Schulkameradin Hannelore Cohn. Ihre Mutter öfnete die Tür und sie wurde ohne Warnung erschossen. Das war das allgemeine Signal zur Auflösung. Autobusse von Erfurt brachten Polnische Buchenwald-KZler nach Polen zurück. Diese Busse haben wir gemietet und so kam die letzte Deutsch-Jüdische Gemeinde aus Wroclaw-Breslau nach Erfurt. Unter Ihnen Kantor Grabowski (jetzt Düsseldorf) Chordirigent Werner Sander (jetzt Leipzig) Gemeinde-Kassierer Günther Singer (jetzt Hamburg) Lange hat es dort auch nicht gedauert, bis alle weitergereist sind. Viel liess sich noch über das Breslauer Gebet schreiben. Die Gottesdienste in der Altersversorgungsanstalt in der Kirschallee bis zuletzt vom Heimleiter Herrn Königshöfer geleitet. Der liberale Jugendgottesdient im Kammermusiksaal des Konzerthauses von meinem Lehrern Davidsohn und Wesel geleitet. Der Gottesdienst im Jüdischen 15

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