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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1972-09-01 · No. 32 (September 1972) · p. Seite 8

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1972
Issue
No. 32 (September 1972)
Date
1972-09-01
Page
Seite 8 (sequence 2026)
Language
German
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„Toynbee-Halle" 100 Jahre alt Es sind nun 100 Jahre her, dass von dem englischen Sozialreformer Arnold Toynbee eine Einrichtung geschaffen wurde, die das Bildungsniveau der einfachen Bevölkerung heben sollte. Damals wurden in England Vortragsabende in leicht verständlicher Form — unentgeltlich arrangiert und daneben auch Erfrischungen geboten. Die Einrichtung wurde nach dem Tode ihres Gründers als “Toynbee-Halle” bezeichnet. Um die Jahrhundertwende übertrug man diese Institution auch auf jüdische Verhältnisse, und so entstanden in vielen Gemeinden in England, Österreich und Deutschland die so benannten kulturellen Abende. Seit 1904 hatte Berlin eine Toynbeehalle, wo sich besonders die Bnej-Brith Loge in den Dienst dieses gemeinnützigen Werkes stellte. Viele Städte folgten, so Breslau und andere Gemeinden, und die Toynbee-Hallen haben sich bis heute vielfach erhalten, wenn sie auch den Namen änderten. Denn was heute unter Veranstaltungen für Eltemheime, Golden-Age-Clubs, landsmannschaftliche und Älterenverbände läuft, sind eigentlich Toynbee-Hallen. Man bringt den Bewohnern solcher Heime, die aus vielerlei Gründen nicht mehr am kulturellen Leben ihres Wohnortes teilnehmen können, solche Unterhaltungsabende ins Haus — oder man schafft Kontakte zwischen Alleinstehenden oder Nichtgesettelten, indem man in einem zentral gelegenen Saal einen kulturellen Unterhaltungsabend organisiert. Meist beginnt man mit einem aktuellen Vortrag, geht über zur Musik (vokal, instrumental) und beendet das Programm mit humoristischen Darbietungen. In Tel-Aviv gab es in den vierziger Jahren eine Toynbee-Halle unter Leitung Elfriede Bergel- Groncmann, die sich grossen Zuspruchs erfreute. Allwöchentlich versammelte sich im Saal der Gemeinde “Beth Israel” die zahlreiche Hörerschaft, hauptsächlich Angehörige des mitteleuropäischen Kreises, die damals nur in diesen Veranstaltungen am Kulturleben des Landes teilnehmen konnten. Als Frau Bergei ihre Arbeit aufgab, übernahm der Schreiber dieser Zeilen die Tätigkeit in gleichen Sinne. Es machte viel Freude, allwöchentlich solche Abende vorzubereiten, zu proben, zu konferieren und namhafte Kräfte heranzuziehen. Auch podiumreifer Nachwuchs wurde oft eingesetzt und mancher Star am israelischen Kunsthimmel hat die ersten Schritte voller Lampenfieber — das ist der Respekt vor dem Publikum — auf dem Podium der Toynbee-Halle getan. Vertraut sind den Hörern die Arien, die Lieder, die Klavier- oder Violin-Werke. Man hat sie selbst einst nachgespielt oder nachgesungen, der Frieda Hempel, der Maria Ivogün, dem Leo Slezak, dem Raoul Koczalski und wie sie alle hiessen. Und es ist anheimelnd, wenn jetzt hier die jugendlichen israelischen Sängerinnen und Sänger, die Pianisten und Geiger, künstlerisches Gut vermitteln. Wer sind die Mitwirkenden, die sich uneigennützig zur Verfügung stellen? Alle! Es gibt keinen Künstler in Israel, der seine Mitwirkung für diesen Zweck verweigern würde, wenn er dazu aufgefordert wird. Ein Heer von Künstlern habe ich jede Saison mobilisiert, und sie auf diese Weise gefördert. Und es ist oft keine so leichte Arbeit, z.B. wenn jemand von den Mitwirkenden erkrankt und im letzten Moment absagt! Es wurden manche unvergesslich schönen Abende veranstaltet, und an Beifall fehlte es nicht. Alles in Allem war die Toynbee-Halie vielseitig wirkungsvoll. Sie wurde durch ihr hohes künstlerisches Niveau für das Musikleben in Tel- Aviv ein Begriff. Denn es kamen nicht nur Ältere, sondern auch die junge Generation. Grosse Verdienste erwarben sich in der Administration die Damen Frankenstein, Loeb, Bergmann und Dienstag. Und der einstige Rabbiner von Beth-Israel, Dr. Rosenberg, förderte die Toynbeehalle ebenfalls in grosszügiger Form. Es ist wohl mit der schönste Sinn der Musik, auch für solche Zwecke vorhanden zu sein! Da die “Toynbeehalle” vor 100 Jahren mit ihrer segensreichen Tätigkeit begann, sei an diese wertvolle und wichtige Einrichtung erinnert. JULIUS SACHS, Tel-Aviv EIN VIELSPRACHIGES LEXIKON Es ist sicher kein Zufall, dass nun etwa 40 Jahre vergehen mussten, bis ein hebräisch deutsches, auf den heutigen Sprachstand gebrachtes Lexikon im Lande erscheinen konnte. Aber es ist vielleicht auch kein Zufall, dass dieses Werk den deutschsprachigen Teil in die Vielheit der bei uns gesprochenen, oder zumindest bekannten Sprachkreise einordnet u. so in der gleichen Zeile — geradezu auf einen Blick — die ganze Problematik der kulturellen Absorption, wie ein photographisches Blitzlicht aufflamen lässt. Das vor einigen Wochen erschienene “Milon raw-leschoni”, Adi-Verlag, Tel-Aviv, bringt dem Einwanderer, Schueler Jeglichen Jahrgangs und jedem anderen, den es interessiert, einen sorgfältig ausgewählten, 14.000 Worte und Redewendungen enthaltenden Sprachschatz, der vom hebräischen in 6 Sprachen: Englisch, Französisch, Deutsch, Jiddisch, Russisch u. Spanisch übersetzt ist. Der schoene, wenn auch notwendigerweise etwas grosse Band, enthaelt auch verschiedene Erleichterungen zum Finden der gesuchten Wörter. In einer Reihe von besonders zusammengestellten Ausgaben-enthaltend jeweils 3 von den 6 Sprachen-gelangt dieses neuartige Lexikon — vermittels der Jewish Agencyseit einiger Zeit in die Haende von Tausenden Olim. Der Verfasser des deutschsprachigen Teils, Zvi (Hans) Schaal, ist vielen Breslauern kein Unbekannter. Im Hause seiner Eltern und Grosseitem, Restaurant Schaal, neben der Neuen Synagoge am Anger, haben wohl die meisten Breslauer Juden ihre Hochzeit, die Bar-Mizwa ihrer Soehne oder andere festliche Anlässe begangen. In der Jugendbewegung, Habonim und Hechaluz, war er unter dem Namen Hasch bekannt und nach dem November-Progrom 1938 leitete er-bis zu seiner Alija im folgenden Jahre-den “Hechaluz“ in Breslau. In Jerusalem organisierte und leitete er in den 40er und 50er Jahren hebräische Sprachkurse, bis ihn im Jahre 1954 “Kol Israel’ beauftragte, eine tägliche Nachrichtensendung in “Iwrit Kala für Neueinwanderer” zu übernehmen. In den — bisher — 18 Jahren, in denen er diese Sendung redigiert, die im wesentlichen eine Form von indirektem Sprachunterricht Ist, haben mehr ai: eine Million Schüler auf diese Weise ihren Weg in die hebräische Sprache gemacht. DIE REDAKTION OSTJUDEN IN BRESLAU (Fortsetzung von Seite 5) und Polen ein perfekter Taschendieb, bin übrigens auch mehrfach ertappt und wegen Diebstahls bestraft worden. Seitdem ich den Kommunismus kennen gelernt habe, hatte ich ein Ideal und habe nur noch dafür gelebt und das Stehlen auf gegeben. Ich habe Angst, dass ich wieder anfangen werde zu stehlen, wenn ich nicht mehr kommunistisch arbeite.” Ich kann den Fortgang unserer Unterredung nicht mehr rekonstruieren. Sie endete wohl mit einem Versprechen, zurückhaltender zu sein. Aber nach einiger Zeit kamen neue Klagen über ihn. Es folgten weitere Unterhandlungen mit ihm, halbe oder ganze Versprechungen seinerseits, Anordnungen von Ausweisung, Beschwichtigungen meinerseits — so vergingen etliche Jahre. Ungefähr 1930 oder 1931 erhielt er einen Ausweisungsbefehl mit Anordnung einer Erzwingungsstrafe. Die Sache lag bereits nicht mehr in den Händen der Polizei, sondern war bis zum Oberpräsidium der Provinz gelangt. Ich ging zu dem zuständigen Dezernenten. Über das Recht des Staates, einen Ausländer, der kommunistisch tätig war, auszuweisen, diskutierte ich nicht mit ihm; das wäre sinnlos gewesen. Ich zog mich auf ein einziges Argument zurück: Der Mann habe keinen Pass sei staatenlos, kein Land sei bereit, ihn aufzunehmen, und er könne also Deutschland gar nicht verlassen; es ginge nicht an eine Strafe zur Erzwingung einer unmöglichen Handlung festzusetzen. Der Beamte wollte meiner Argumentation nicht ohne weiteres folgen, aber auf ihn machte sichtlich die weitere Erwägung Eindruck, dass es wenig Sinn haben würde, meinen Schützling E. immer wieder für etliche Wochen auf Staatskosten einzusperren, wenn er ja doch nicht Weggehen könnte. So zog es also der Beamte vor, meinen Einwand anders zu parieren. Er behauptete, dass es dennoch Länder gäbe, die zur Aufnahme bereit. wären. Auf meine Bitte nannte er zwei solche Länder. Ich versprach, es mit diesen Ländern zu versuchen, und er sagte zu, einstweilen keine Verhaftung anzuordnen. Ich schrieb sofort an die Konsulate beider Länder folgenden Brief: “Der... E. ist wegen kommunistischer Betätigung aus Deutschland ausgewiesen worden und will daher nach .. auswandern...” Darauf folgten weitere Einzelheiten und die Bitte um Einreseerlaubnis. Natürlich erhielt ich von beiden Konsulaten ablehnende Bescheide. Ich legte sie dem Oberpräsidium vor. Die Ausweisung wurde annuilliert. Heute freilich muss ich mich fragen, ob es nicht für E. besser gewesen wäre, abgeschoben zu werden. Ich habe ihn aus den Augen verloren und weiss nicht, welches Schicksal er in der Zeit der Nazis hatte. Als ich im Jahre 1933 nach Erez Jisrael einwanderte, waren viele meiner einstigen Schützlinge schon hier. Viele andere kamen nach mir. Ich hoffe, dass die allermeisten sich vor den Nationalsozialisten zu retten wussten. Noch heute treffe ich hier und da einen auf der Strasse, und wir begrüssen einander sehr freundschaftlich; sie haben mir die Anhänglichkeit bewahrt. Ihre Kinder, die noch in Breslau geboren wurden, haben es hier im Lande vielfach zu recht gehobener beruflicher und gesellschaftlicher Stellung gebracht. Sie alle sind nicht mehr “Ostjuden”, sondern Israelis. Entnommen mit Genehmigung des Verfassers aus dem Mitteilungsblatt des Irgun Oley Merkas Europa vom 3. Oktober 1966. 8

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