Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1995
- Issue
- No. 59 (1995)
- Date
- 1995-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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„Jedes Kind ist mein Einziges“ Biographie und Erinnerungen Mirjam Gillls-Carlebach: LOTTE CARLEBACH-PREUSS, ANTLITZ EINER MUTTER UND RABBINER-FRAU von H. W. Goldstein ln den letzten Jahrzehnten werden Immer wieder Erlebnisse und Berichte veröffentlicht, die die Jahre der Verfolgung zurückrufen, den Nachfahren als Mahnung dienen sollen. Dieses Buch ist 'einer jüdischen Mutter gewidmet, einer Rabbinerfrau, die nicht nur neun Kinder aufzieht und bewusst im Schatten der charismatischen Persönlichkeit ihres Mannes bleibt. Dr. Josef Carlebach, seitdem sie, Jahrgang 1900, Ihm mit 17 Jahren, Schülerin eines Gymnasiums In Berlin, wo Dr. Carlebach naturwissenschaftliche Fächer lehrt, das Ja-Wort gibt, und einige Tage nach ihrem 18. Geburtstag Frau Carlebach wird. (Josef Carlebach ist Doktor der Mathematik, Absolvent des orthodoxen Rabbinerseminars in Berlin, unterrichte mehr als zwei Jahrie in Erez-ilsraiel an der Schule des Hilfsvereins.). In der Einleitung spricht Mirjam Gillis-Carlebach über die Aufgabe, die sie nach mehr als fünfzig Jahren veranlasst hat, ihrer Mutter das schriftliche Denkmal zu setzen, wie über die Schwierigkeiten nach so langer Zeit an die Quellen heranzukommen. „Sie ist nicht eine der Mütter, sie ist die Mutter für alle diejenigen, deren Schicksal nirgendwo beschrieben steht.” Mit diesem Satz wird die Neugierde des Lesers angeregt, und dann liest man das Buch in wachsender Spannung, trotzdem viele Namen erwähnt werden, die mit den Familien Carlebach und Preuss verbunden sind, die veranlassen, sich in den Familientafeln zu orientieren. Als im Frühjahr 1938 Mirjam, die Verfasserin gegenüber der Mutter erwähnt, dass sie auswandern möchte, vergiesst diese Tränen. Die Tochter tröstet sie, es blieben ja noch acht Kinder zurück, „sie sagte nur: Jedes Kind ist mein Einziges”, das Wort, das zum Titel des Buches wird. — Die Biographie, man möchte sagen die Erzählung, die so tragisch endet, besteht aus zwei Teilen, von den .Anfängen”, der Geschichte der Familien (Der Vater, ein Mediziner, der sich auch der Forschung widmet, verstirbt als Lotte 13 Jahre alt ist) bis zur „Trennung ohne Abschied”, als die sechzehnjährige Mirjam mit der Jugendalija nach Palästina kommt, nach den Ereignissen der Pogrom-Nacht. Es werden persönliche Erinnerungen erzählt, ihrer wie der der Geschwister. Die Mutter bemüht sich, den Kindern ihre Sorgen nicht merken zu lassen, auch später noch. In ihren Briefen schlägt—fast immer—ein optimistischer Ton durch. Es hört sich heute unwirklich an, dass nach der Geburt des neunten Kindes, Sara-Stella, 24. Dez. 1928, der Reichspräsident Hindenburg die Patenschaft übernimmt, „eine Tatsache, die sowohl amtlich als auch journalistisch bekannt gegeben wurde". — Man sollte dutzende von Ereignissen rezitieren wie eine Überschrift ,,Freie(?) und Hansestadt” aber auch die seit ungefähr 1935 verwendeten „Tarnausdrücke” — bitte nicht lächeln — „Der Stempel ist wieder da”, was besagt, das jemand einen Ausweg aus einer schierigen Situation gefunden habe, „Sanatorium", steht für KZ, und „die Brötchen haben ausgezeichnet geschmeckt” besagte, dass jemand über die Grenze entweichen konnte, Im gegenteiligen Fall: „Die Butter war schon ranzig”. Der zweite Teil bringt Briefe und wenige Dokumente, von den Eltern insbesondere von der Mutter an Kinder und Verwandte, wie von denen, die nach England kommen konnten. Die Mutter verrät selten ihre Sorgen und Gedanken. Erst spät bemühen sich die Eltern um Einreisemöglichkeiten. Josef Carlebach träumt von Palästina, wo er die Sprache beherrscht und als Uebrer tätig war. (Einmal erwähnt er, dass er im englischen Kurs gute Fortschritte macht.) In einem Brief vom August 1939 schreibt die Mutter an ihre Mutter, der „Oma Preuss”, die bei einem Sohn hier lebt, dass sie vier Briefe geschrieben habe, an Herrmann Struck, Dr. Zuntz, Dr. Nelken und Hermann Cohn. Niemand habe geantwortet. Schon im Februar 1939 heisst es, dass ein Dr. B. und ein Dr. Sch. „zu Raw Herzog gingen, und Jo von der Liste streichen zu lassen”, „Sie habe den Glauben und Vertrauen zu Menschen verloren", „Wissen sie nicht, dass Sein oder Nicht- Sein eines Menschen davon abhängig sein kann, ob er grade jetzt nach Erez Israel kommt oder „DIE BETTLER" von Aharon Bornstein (Ein Kapitel ilm allgemeinen wird die Ansicht vertreten, dass die finanzielle und soziale Lage der Juden in Deutschland bis zum Jahre 1933 eine, lim Allgemeinen gesehen, gute war. Das Buch von iBornstein beschäftigt sich mit dem Teil der Juden in Deutschland, deren wirtschftliche Lage nicht gut war und welche auf die Unterstützung der jüdischen Gemeinden und ihrer Mitglieder angewiesen waren. Insbesonders befasst sich das Buch mit der „Wanderbettelei”. Diese jüdischen „Wanderbettler” waren zum grossen Teil Juden welche aus Russland und Polen (welches bis zum 1. Weltkrieg ©in Teil von Russland war), infolge ihrer schlechten wirtschaftlichen Lage einerseits und der antisemitischen Verfolgungen andererseits, nach Deutschland kamen. Das Buch berichtet über die Tätigkeiten der jüdischen Gemeinden und Organisationen diesen Menschen zu helfen. Der Autor schreibt über das Verhältnis der gut situierten deutschen Juden zu ihren zugewanderten Glaubensgenossen aus dem Osten. Es wird das Problem der Produktivierung der „Wanderbettler” aufgeworfen, und insbesonders die Gründung der .Arbeiterkolonie Weissensee” betont. Es ist unverständlich, warum in dem Buch nichts über das grosse Produktivierungs-Projekt der Kattowitzer Gemeinde in den Jahren vor dem I. Weltkrieg erwähnt wird. In unserer Zeitung (No.58 —11994) brachten wir einen Artikel über „Jüdische Grubenarbeiter in Schlesien" welcher auf einem Artikel von S. Wiener im Jahre 1912 in der .Allgemeinen Zeitung des Judenthums” basiert. Dieses interessante und erfolgreiche Projekt welches von den grossen jüdischen Organisationen wie der Hilfsverein, Grossloge und dem Deutsch-dsraelitischen Gemeindebund unterstützt wurde, gab Tausenden von Durchwanderern welche aus Polen kamen die Möglichkeit ihren Lebensunterhalt zu verdienen und dabei alle religiösen Vorschriften wie Schabbat-Heiligung zu beachten. nicht?” — Carlebach bleibt bei seiner Gemeinde. Die Familie wird zusamen mit den anderen im Dezember 1941 in die Gegend von Riga deportiert, wo sie, Vater, Mutter und die drei jüngsten Kinder um den 26. März 1942 ermordet wurden. Einer der Söhne überlebt die KZ-Jahre und wird von den Russen 1945 aus dem Lager in der Nähe von Danzig befreit. Als Abschluss der Briefsammlung, die unvollständig ist, da trotz achtjähriger Sucharbeit nur wenig gefunden werden konnte, steht ein gedachter Brief aus Jerusalem, „Meine einzige Jma, meine inniggeliebte Mutti”, in dem von dem Tod der Oma Peruss berichtet wird, wie die Tatsache, dass auf deren Grabstein die Namen ihrer Eitern wie der drei Geschwister verewigt sind. Das Buch ist mit vielen, insbesondere Kinderbildern geschmückt, fast alle aus Privatbesitz, es enthält eine Bibliographie, Quellenmaterial wie ein Personenregister. Die Geschichte von Lotte Carlebach-Preuss, 1900—1942, einer jüdischen Mutter, die für viele steht. — Vergessen wir die bekannten Namen und setzen „gedachte” ein, was bestimmt spätere Romanciers machen werden, Mirjam Gillis-Carlebaoh hat das Hohelied auf die jüdische Mutter geschrieben, der Generation, die im Holocaust vernichtet wurde. Oer Leser wird in die erste Hälfte unseres Jahrhunderts versetzt, in ein Milieu einer endgültigen Vergangenheit und es ist nur zu hoffen, dass auch die Heutigen es lesen und zu verstehen versuchen. aus der Geschichte der Juden in Deutschland) Über die Sozialfonds wird kurz berichtet. Es gab „Provinzialkassen” (für beschränkte provinziale Gebiete): „Landeskassen”, welche für breitere Bezirke sorgten (z. B. Hessen und Bayern). „Ortsarmenkassen” und „Grenzkassen" welche den iRüokwanderern in ihre ehemaligen Länder mit Unterstützung behilflich waren. Über die grosse Krise und die Inflation anfangs der zwanziger Jahre welche viele einstmals wohlhabende und gut situierte Juden (wie auch andere Bürger) zu sozialen Fällen machten, lesen wir auf Seite 172 nur eine kurze Notiz: „Nach dem Krieg (der i. Weltkrieg) kamen nicht alle Wanderbettler vom Ausland. Es gab auch arme deutsche Juden welche sich mit Bitten um Unterstüzung an die Kassen wandten”. Es gab auch die sozialen Institutionen der Gemeinden und die verschiedenen Stiftungen aus privater Hand (wie z. B. das „Hillestift” In Breslau welches solchen verarmten Menschen unentgeltlich Obdach gab). Und doch soll hier betont werden, dass fast alle jüdischen Gemeinden in Deutschland segensreiche Institutionen für Sozialarbeit und Hilfsaktionen hatten. In vielen Gemeinden gab es Asyle für Obdachslose, um nicht die „schwachen Frauen und Kinder hier schutzlos und der planlosen Willkür der Andersgläubigen oder der Mission preiszugeben" (Aufruf des Verbandes für obdachlose Juden in Hamburg, 1903). Es ist aus anderen Quellen bekannt dass in vielen Gemeinden die Chewra Kadischa auch soziale Aufgaben wie Krankenpflege, Versorgung mit Medikamenten und freier ärztficher Betreuung auf sich nahm (z. B. Glogau [Stadt des Glaubens von F. D. Lucas und M. Heitmann, S. 290)). Die segensreiche und unermüdliche Sozialarbeit unter den schwersten Bedingungen in der Nazizeit, verdienen eine besondere Forschung und Würdigung. E. M. M’waker Was war die soziale Lage der Juden in Deutschland? 12