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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 2004-01-01 · No. 76 (2004) · p. Seite 2

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
2004
Issue
No. 76 (2004)
Date
2004-01-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2 Palästinareise März*April 1926 Aus den Reisetagebuch von Dr. Rachel Freund (Breslau, Pardes-Chana, Jerusalem) Abends gegen 6 Uhr ging unser Zug aus Kairo, um uns in 12 Stunden nach Palästina, in die alte Heimat hineinzuführen. Wir ließen uns noch auf dem Bahnhof in Kairo die Schuhe putzen, um den Staub der Fremde nicht in unser Land zu tragen. Eine eigenartige Stimmung kam in uns auf. Visionenartig stieg die Vergangenheit empor: Unsere Väter, kleinmütige, gedrückte Knechte der Pharaonen, raffen sich unter dem genialen Führer auf zum vierzigjährigen, mühseligen Weg durch die Wüste, wo sie das Gesetz annehmen und zum Volke werden. Ein kleines, armes Hirtenvolk wurden sie in ihrem gelobten Lande, aber Träger und Ausbreiter eines ewigen und großartigen Gedankens. Ihren langen Wüstenweg wollen wir heute in einer Nacht mit der Bahn fahren, und die Räder des Zuges, der sich in Bewegung setzt, nehmen in ihren Rhythmus die Melodie unserer Seelen auf und singen: Späte Enkel suchen heute zum zweiten Male den Weg ins Land, ihre Wüste hat länger gedauert und war anstrengendr als die der Väter, Haß und Unterdrückung haben sie müde gemacht, statt schaffend sind sie kritisch, statt eines Volkes sind sie eine Summe aufgeregt streitender Gruppen, werden sie, werden wir nochmal ein Volk auf eigner Erde sein? Sind wir würdig, sind wir reinen Herzens? Werden wir noch einmal zu uns selber kommen, ja werden wir noch einmal hinabsteigen an den Brunnen geheimnisvoller Schöpferkräfte und einen Gedanken heraufholen, so hell voranleuchtend in die Jahrhunderte wie jener von Moses am Sinai? Das Gewicht solcher Gedanken legt sich auf unser Herz und drängt Tränen in unsere Augen. Und so fahren wir durch Ägyptenland, überden Suezkanal und durch die nächtliche Wüste, die ihren Staub durch die Fensterritzen sendet und unsere Kleider und unsere Haut damit bedeckt. Wir strecken uns auf unsere Bänke 3. Klasse und schlafen ein. Morgens gegen 5 Uhr sollten wir an der palästinensischen Grenze sein und hatten uns vorgenommen, um diese Zeit wach zu sein; aber die wichtigen Augenblicke versäumt man meistens; als wir erwachten, waren wir in Gaza, Palästina hatte schon seit 2 Stunden begonnen. Schnell, um nur ja nichts zu verlieren, steckten wir den Kopf zum Fenster hinaus. Sahen das Land, der Himmel, die Bäume, anders aus wie alles, was wir bis dahin kannten? Mußte nicht hier im Lande der Bibel das Wunderbare, das Geheimnisvolle in der Landschaft stecken und sie unterscheiden von den anderen Gegenden der Welt? Aber die Erde war lehmig gelb wie wo anders auch, die Landschaft anspruchslos eben und abwechslungslos und der Himmel mässig blau. Trotzdem also nichts Besonderes zu sehen war, schienen uns die Getreidefelder und die Wiesen doch seltsam lebendig, so als ob sie sagen wollten: Was Ihr bis jetzt gesehen habt in Eurem Leben, das waren nur Bilder von uns; wir sind die eigentlichen Wiesen und Felder, wir sind Eure Heimat, bei uns seid Ihr zuhause. Willkommen den Heimgekehrten! - Und wir sahen den Himmel blauer und das Land grüner, jeder Baum grüßte und jede Blume freute uns, sie war doch im Vaterland und hatte auf uns gewartet. Die Vergangenheit schien auf einmal gar nicht mehr fern, die Jahrtausende der Fremde schmolzen zusammen, und uns war zumute, als ständen wir dort in der Zeit, wo unsere Väter das Land verlassen hatten. Gaza, die Hauptstadt der Philister, war die Stadt unserer Feinde und ich war stolz auf unseren Simson, der hier mit ihnen gekämpft hatte. Aus fernen Enkeln wurden wir zu nahen Kindern. - Allmählich gingen die Felder in Gärten von Mandeln und Orangen über, man sah Häuser mit roten Ziegeldächern - die erste jüdische Kolonie. Und wir fangen jetzt an, die ersten Ansätze der neuen jüdischen Wirklichkeit zu erleben, aus dem Gefühl und dem Gedanken wollen wir die Heimat übertragen sehen in die realen Tatsachen. Wir wissen, es ist erst ein kleiner bescheidener Anfang da, die Wirklichkeit ist hart, die Arbeit beinahe übermenschlich und die Gleichgültigkeit der Brüder in der Welt groß. Auch wir haben bisher wenig mitgearbeitet, wir müssen alles bisher Geleistete, und sei es noch so gering, werten wie eine Geschenk. Und da man Geschenke nicht kritisieren soll, wollen wir uns jeder Kritik enthalten, außer dort, wo sie helfen kann. Aus dem Anschauen soll uns die Verantwortung erwachsen. Ist etwas schlecht, so doch deshalb, weil wir zu wenig dafür getan haben, und ist es gut, so sollte es erst recht auch unsere Arbeit gewesen sein. Nicht mit der Gebärde des Richters kommen wir, sondern um zu sehen, zu lernen und zu helfen. - Die erste Begegnung mit jüdischen Kolonisten war schön. Eine ältere Siedlersfrau mit ihrer Tochter und deren Bräutigam stiegen in den Zug, um zum Sonnabend Verwandte in der Stadt zu besuchen. Sie waren sehr sauber angezogen, das junge Mädchen in weißem Kleid, der junge Mann in weißer, hochgeschlossener Bluse, und nur ihren verarbeiteten Händen und braunen Gesichtern sah man an, daß sie in nahem Verkehr mit der Natur standen. Sie hatten glückliche, heitere Mienen, ohne den Zug leiser Unsicherheit, der so oft in jüdischen Gesichtern steht, und schließlich fingen sie an, ein Lied in russischer Sprache zu singen. Ihre gewöhnliche Sprache war Hebräisch, aber für Dichtung und Lied ist sie wohl noch zu jung, oder besser, zu kurze Zeit wiederbelebt. Uns freute das Lied sehr, in Russland haben diese Leute wahrscheinlich nicht in der Eisenbahn gesungen. Wir fuhren bis Ludd mit ihnen zusammen, dort stiegen wir in den Zug nach Tel Aviv, wo wir über Schabbath bleiben wollten, um dann die Kolonie mit dem Auto zu bereisen. Tel-Aviv Unsere Erwartungen waren hochgespannt. Die erste jüdische Stadt, die Krone und Zierde des Aufbauwerks, wollten wir gern bewundern. Als der Zug hielt, nahmen wir eilig unser Gepäck um auszusteigen, vielmehr - wir hatten die Absicht, es zu nehmen; denn noch eiliger als wir, waren die leider zu zahlreichen Gepäckträger, die sich mit Geschrei und Püffen um unsere Koffer rissen. Auf dem Bahnsteig ein ähnliches Bild von schreienden, sich gegenseitig unterbietenden Droschkenkutschern und Hoteldienern, alle aufgeregt, und einer stieß sogar seinen Konkurrenten so heftig vor die Brust, daß er hinflog. Mir war zumute, als ob ich selber den Stoß bekommen hätte: Ist das der neue jüdische Bürger? Sind solche Verhältnisse in der vielgerühmten Stadt Tel-Aviv? Wir wagten uns vor Enttäuschung und Scham gar nicht anzusehen und fuhren in sehr gedrückter Stimmung mit einem Hoteldiener mit, der so findig gewesen war, in uns die Verwandten von Gustav Freund zu erkennen, mit dem wir uns in Tel-Aviv verabredet hatten und der auch in diesem Hotel abgestiegen war. Wir freuten uns, ein bekanntes Gesicht zu sehen und erholten uns dann ein wenig. Haifa Wir fuhren nach Haifa ein, wo wir sofort ins Hotel gingen, um am nächsten Morgen wieder mit frischen Kräften unsere so angenehme "Arbeit" fortzusetzen. Man kann fast sagen, Haifa ist die schönste Stadt Palästinas, aber hier muß man mit Superlativen vorsichtig sein, weil es immer doch noch eine Steigerung gibt. Jedenfalls ist es eine herrliche Stadt, die sich unmittelbar an der schönen, sanft geschwungenen Bucht von Akko am Gebirge hinaufzieht. Ihr Kernstück, die alte Stadt, ist arabisch, heute mit jüdischen Parzellen dicht durchsetzt, und nach allen Seiten, nach Meer und Gebirge hin breiten sich die neuen jüdischen Häuser und Villen aus. Die Stadt ist überall sehr sauber und gediegen gebaut, eine gute Mischung von Jaffa mit Tel-Aviv, eine sichere, gesunder Grundlage und Schönheit, Behaglichkeit, ja, eine gewisser Komfort. Man prophezeit der Stadt eine große Zukunft; denn dort soll jetzt ein großer Hafen gebaut werden, der den (Fortsetzung auf Seite 3)

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