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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 2003-01-01 · No. 75 (2003) · p. Seite 18

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
2003
Issue
No. 75 (2003)
Date
2003-01-01
Page
Seite 18 (sequence 1751)
Language
German
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18 Mark Roseman: Die Waimsee*Konferenz Wie die NS-Bürokratie den Holocaust organisierte Sechzig Jahre sind ins Land gegangen seit jener inzwischen unter dem Namen Wannsee-Konferenz in die Annalen eingegangenen Zusammenkunft hoher deutscher Beamter, die für das Schicksal der Juden in den damaligen deutschen Gebieten richtungsweisend wurde. So lange musste es wohl auch dauern, bis ein junger englischer Historiker sich der Fülle des inzwischen produzierten Materials annehmen konnte, um eine beeindruckend geschlossene Geschichte darüber zu schreiben. Das Buch ist nicht nur deshalb gut lesbar, weil der Autor aus der kaum noch überschaubaren Menge an Sekundärliteratur einleuchtende Schlussfolgerungen gezogen hat, es überzeugt auch durch einen logischen Aufbau, angenehme Kürze bei Berücksichtigung der wichtigen Aspekte im Kontext und einen flüssigen Stil. Vor dem Hintergrund der unberechenbaren Pesönlichkeit Hitlers und der politischen Stimmung eines eher diffusen Antisemitismus entsteht ein eindrucksvolles Portrait der Bürokraten und Politiker, die ein großes Maß der Verantwortung für die planmäßige Ermordung der europäischen Juden trugen - darunter federführend der machtbesessene und zielstrebige Chef der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes, SS-Gruppenführer Reinhard Heydrich. Auf sein Betreiben wurde die Konferenz einberufen, nicht ohne dass er sich beim "Reichsmarschall des Großdeutschen Reiches", "Beauftragter für den Vierjahresplan" und "Vorsitzender des Ministerrats für die Reichsverteidigung", Hermann Göring, zuvor beauftragen ließ, einen "Gesamtentwurf über die organisatorischen, sachlichen und materiellen Vorausmaßnahmen zur Durchführung der angestrebten Endlösung der Judenfrage vorzulegen" - ein Schreiben, das offensichtlich Heydrich selbst formuliert hatte und das Göring Unterzeichnete. Dieses Dokument lag der Einladung zur “Besprechung mit anschließendem Frühstück" bei, deren ursprünglicher Veranstaltungsort und Zeitpunkt verschoben wurden - vom Kleinen Wannsee zum Großen Wannsee 56-58 und vom 9. Dezember 1941 auf den 20. Januar 1942. Die Formulierung in der Einladung lässt bereits den Schluss zu, dass das Zusammentreffen eher einen informellen Charakter hatte, ein gemütliches Zusammensein zur Einstimmung auf eine einheitliche poitische Linie, eben ein politisches Zeichen, das Heydrichs Macht als "unumschränkter Gebieter aller Juden in den von Deutschland beeinflussten und besetzten Gebieten" demonstrieren sollte. Darüber hinaus "war sie Teil einer konzertierten, koordinierten Kampagne, mit der Himmler und Heydrich ihre Vorherrschaft absicherten” (S. 120). Eine eigene Meinung der Teilnehmer war nicht wirklich gefragt, das später versandte Protokoll war wiederum von Heydrich persönlich verfasst. Die Bedeutung des Zusammentreffens muss den Teilnehmern dennoch klar gewesen sein: "Die Überlebenden, die in der Nachkriegszeit vor Gericht gestellt wurden, haben selbst ihre Teilnahme geleugnet, und nach der Entdeckung des Protokolls gaben sie vor, sich nur noch schwach erinnern zu können" (S. 97). Allerdings weist Roseman eingangs darauf hin, dass trotz politischer Vorgaben den Ausführenden durchaus ein gewisser Ermessensspielraum blieb - so wurden die Aufträge bzw. Befehle von den lokalen Kommandeuren höchst unterschiedlich interpretiert. Mit dem Problem der Interpretation sah sich Heydrich besonders durch die fortgeschrittene kulturelle Anpassung der Juden in Deutschland konfrontiert. Zwar gab es einen starken Antisemitismus, inwieweit dieser aber für die breite Mehrheit konsensfähig war, konnten die Machthaber schwer abschätzen. So vertrat das Innenministerium etwa ursprünglich die Auffassung, "dass nicht der Halbjude verfolgt, sondern der Halbdeutsche geschützt werden müsse" (S. 116) - ein Ansatz, den Heydrich nicht dulden konnte und den er zweifellos offiziell aus dem Weg räumen wollte. Die Wannsee-Konferenz kann daher als ein geschickt eingesetztes Instrument der NS-Bürokratie verstanden werden, um die höchsten deutschen Beamten auf eine einheitliche Linie einzuschwören, wie Roseman feststellt: "Obwohl die Konferenz nicht der Augenblick der Entscheidung war, bleibt sie doch ein symbolischer Moment von großer Tragweite". Was sagte Eichmann bei seiner Vernehmug durch Avner Less am 1. Juni 1960 in Jerusalem dazu? "Das ging eben sehr ruhig, sehr freundlich, sehr höflich und sehr artig und nett zu, und es werden nicht viele Worte gemacht, es dauerte auch nicht lange, es wird ein Cognac gereicht durch die Ordonanzen, und dann ist die Sache eben vorbei" (S. 126). Das Ergebnis ist im Anhang des Buches als Faksimile abgedruckt - die in den Akten des Auswärtigen Amtes gefundene einzig überlieferte Kopie des Besprechungsprotokolls, versehen mit einem Stempel "Geheime Reichssache" und dem Vermerk 30 Ausfertigungen, 16. Ausfertigung. Die sich hieraus erschließende Tatsache, dass eine erhebliche Menge an Aktenmaterial ] offensichtlich absichtlich vernichtet wurde, zeigt allerdings deutlich, dass den Akteuren die Unrechtmäßigkeit ihres Handelns auf globaler Ebene bewusst war, ebenso wie die Bedeutung des Protokolls jener "Besprechung mit anschließendem Frühstück", die sie in idyllischer Umgebung genießen durften und doch zu vergessen vorzogen. Ein historisches Grundsatzwerk über die Wannsee-Konferenz und zugleich ein Lesebuch, das im wahrsten Sinne der Worte die Banalität des Bösen erklärt. Und das uns heute auch als Lehrstück für den verantwortungsvollen Umgang mit Politik | in einer demokratischen Gesellschaft dienen kann. Eine Lektüre, die sich in g jedem Fall lohnt, auch wenn man sich | bereits historisch mit dem Thema | auseindergesetzt hat, da sich in dieser 1 ausführlichen Interpretation wirklich neue E Perspektiven eröffnen. | Nikoline Hansen I "Die Mahnung", 1.3.2003 I

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