Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2003
- Issue
- No. 74 (2003)
- Date
- 2003-01-01
- Page
- Seite 14 (sequence 14)
- Language
- German
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14 Eine typographische Brücke Deutsche Literatur in hebräischen Lettern Druckerzeugnisse in hochdeutscher Sprache verlassen erstmals in den sechziger Jahren des 18. Jahrhunderts hebräische Druckerpressen in Deutschland. In dieser Periode wird das Hochdeutsche auch in traditione all-jüdischen Kreisen gebräuchlich. Vorwiegend jedoch wird es nicht in lateinischen Lettern transkribiert - Also für den deutschen Buchstaben A das Hebräische Alef, für B Bet usw. gesetzt. Das bekannte Beispiel für diese typographische Eigentümlichkeit ist die Mendelsohn'sche Toraübersetzung aus den Jahren 1780-1783. Meist verzichten die Autoren, Herausgeber oder Drucker darauf, ihre Entscheidung einen deutschen Text in hebräischen Lettern gesetzt zu haben, dem Publikum gegenüber näher zu begründen. Eine seltene Ausnahme hiervon macht der Hamburger Gemeindevorstand bei der Drucklegung der von ihm angeregten Gutachtensammlung 'Eie divre ha-berit (“Dies a ' ' “ " *’ sind die Worte des "‘T ■" Bundes“, Altona 1819). Eie divre ha-bmt (Atam Sje bünde|t die 1818 (Cohen-Bibliothek, Stellungnahmen Stemheim-lnstitut) angesehener europäischer Rabbiner gegen liturgische Neuerungen am Berliner und am Hamburger Reformtempel. Die Herausgeber rechtfertigen dabei nicht nur ihre Offensive gegen die Reformversuche, sondern auch das parallele Erscheinen gleich dreier Versionen: “Das hebräische Original dieses Buches ist vor einigen Monaten erschienen und mit ungetheiltem Beyfall aufgenommen worden. Um das Werk gemeinnütziger zu machen wurde dem Originale eine Deutsche Übersetzung, jedoch mit Auslassung aller gelehrten Argumente beygefügt. Ausschließlich für ihre Israelitischen Mitbrüder bestimmt,... wurde die deutsche Übersetzung ebenfalls mit Hebräischen Lettern gedruckt. Der Wunsch mehrerer Leser aber Dibcre Habcrith (man -nan) S5wft t(t «»»grut^nrltjR knft SaUmir. Jjl'jun tit Sfuu ölwlnMn 'fcrtlra i-nk Eltn in t+ »in mijm 3b*Ih6u«m ln HiU™ ^fuir'itirdka — >»5« t'f */* 3u»m Hum« — frndCxt!» ''Sinns lirrrt-ömia." »ca b« Dia&btora» b« Sfadinftot Ömrlaba ju Hamburg. > «CB cr*3 u« n.-rtf#. 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Den orthodoxen Herausgebern gilt die deutsche Sprache als unzulänglich für einen religionsgesetzlichen Fachdiskurs über Legalität und Legitimität der beanstandeten synagogalen Reformen. Halachische Verhandlung religionsgesetzlich strittiger Fragen, rabbinische Argumentation gegen die liturgischen Neuerungen bedarf unbedingt gediegener Hebräischkenntnisse. Die hebräische Fachterminologie lässt sich nicht ohne wesentlichen Sinnverlust in die deutsche Sprache übertragen, eignet sich dagegen nach dem Dafürhalten der Herausgeber durchaus zur Belehrung und Unterweisung des Laienpublikums, der "israelitischen Mitbrüder". Parallel zu dieser Ordnung der Sprachen besteht eine typographische: Deutsch in hebräischen Lettern für die Allgemeinheit eingesetzt zum innerjüdischen Gebrauch, und schließlich nur auf "Wunsch mehrerer Leser“ das ganze auch noch einmal in deutschen (lateinischen) Lettern und damit prinzipiell auch nichtjüdischen Lesern zugänglich. “Aus dem Hebräischen treu ins Deutsche übersetzt" hatte die traditionalistische Kampfschrift gegen die Liturgiereformen Schalom ben Jakob ha-Cohen (1772-1845). Er gilt den Zeitgenossen als herausragender Stilist des Hebräischen (und Deutschen). Geboren in Meseritsch (Posen) unterrichtet der zwischen Amsterdam, Berlin, Hamburg, London und Wien umherziehende Gelehrte und Dichter hebräisch, legt mehrere Grammatiken und Lehrbücher der hebräischen Sprache vor, verfasst hebräische Poeme und Dramen und redigiert die beiden einzigen zweisprachigen Zeitschriftenprojekte seiner Zeit - von 1809-1811 Ha-Me'assef ("Der Sammler") und von 1820-1823 Bikkure ha'ittim ("Erste Früchte der Zeiten".) Obwohl, er wiederholt hebräische Lettern zur Wiedergabe des Deutschen verwendet, will Schalom ha-Cohen doch diese sprachlich-typographische Zwischenform letztlich hinter sich lassen: "Zu wünschen wäre es freilich, daß das jüdisch-deutsch Schreiben aufhöre, < ID > '5 kts rrv'SDxm wnin r-’W rrstef wm »4 j 7y nryio c>a rrvya ,-qni ti-in 1 - i’up'öq'z j ♦ nyna1? ro ppy ' Ci3T,’-i - Vüjte? ♦.?> ton J * npn - int? --UJJ i - c'-inn n-nvai? im<q im ’s -ry * rryya-i ijj io* *,, rn n2»j 03 '3 tsfcoo “7-uy pnyri? riy^&n nnw r’tt "Jp.’n?isy}? n7i n^rtrin tj» : -ia&z * "F'VO tiP PVOI. *3p\!3~2itTl?ja-T3 ' in-i'sn: nvn typm t injjtt* 'jpjDirrapri'i - «s-n«-m 7a -tpini i’jg psS» ♦ injiWüi inain 310* ip>n ’natp * ' und daß man die Landessprache auch mit den im Lande üblichen Karakteren schreibe". Publikum und Buchproduzenten lassen diesen Wunsch der Vorrede zu Jacob ha-Cohen vielfach nachgedrucktem hebräisch-deutschen Briefsteller Ketav joscher ("Stylübung“, 1820) gleichwohl ungehört verhallen. Zum Leidwesen des Autors bestehen Verleger und Leser auf hebräischen Lettern. Ein Konflikt, der den allmählichen, schrittweisen Übergang zur deutschen Sprache und Schrift anschaulich belegt. Texte wie diese reflektieren Strategien jüdischer Selbstbehauptung zwischen deutscher und jüdischer Kultur, zwischen hebräischer und deutscher Sprache. Sind doch deutsche, in hebräischen Buchstaben gesetzte Texte eng mit den gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Umbrüchen und sprachlichen Neuorientierungen jüdischen Lebens gegen Ende des 18. Jahrhunderts und zu Beginn des 19. Jahrhunderts verbunden. Dieser Literatur des Übergangs widmet sich ein Forschungsprojekt am Steinheim-Institut unter dem Titel: Zur Konstruktion des kulturellen Tons - Deutsche Literatur in hebräischen Lettern. Besonders Übersetzungen, Moralschriften und Lehrbücher, Briefsteller und periodische Schriften bedienen sich um 1800 dieser sprach lieh-typographischen Zwischenform. Hebräische Lettern stecken einen sicheren, der nichtjüdischen Mehrheit unzugänglichen, geschlossenen Raum innerjüdischer Auseinandersetzung ab. Einen Raum für Aneignung und Vermittlung. Einen Raum für Konstruktion und Einübung zeitgemäßer Kommunikationsformen, bürgerlicher Bildung, des Geschmacks, des Schreib¬ und Lebensstils der Mehrheitskultur. Einen Raum aber auch für interne Differenzen, Brüche und Grenzziehungen wie etwa in Hamburg an der Frage der Reformulierung jüdischer Tradition im Reformtempel geschehen. Einen Raum also für Debatten, die sich nicht mehr in nur einer Sprache, der hebräischen, abspieien können. Wenngleich im Deutschen doch noch die Form (die Buchstaben des Hebräischen) gewahrt bleibt. Die Verfasser dieser Literatur schlagen eine typographische Brücke in die bislang außerjüdische (deutschsprachige) Gesellschaft und europäische Kultur. Einmal auf der anderen Seite angelangt, wird diese Behelfbrücke nicht mehr gebraucht werden. Doch darin sind die Erfahrung des Übergangs aufgehoben, die damit verbunden Erwartungen und Befürchtungen bewahrt. (Kalonymos, 5. Jahrgang 2002, Heft 2) "Die Schlange und die Feile” Fünfzehnte Fabel aus der Fabelsammlung Mishle Agur, herausgegeben und ins Deutsche übertragen von Schalom ha-Cohen, Berlin: in der orientalichen Buchdrukkerey, 1799. Rechts, das hebräische Original, links die deutsche Übersetzung der Fabel, gesetzt in hebräischen Lettern. (Haskala-Bibliothek, Steinheim-Institut)