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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 2002-01-01 · No. 73 (2002) · p. Seite 19

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
2002
Issue
No. 73 (2002)
Date
2002-01-01
Page
Seite 19 (sequence 1706)
Language
German
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Mittelpunkt der Geschichte Wroclaw oder Breslau oder gar Preslaw? Mit jedem Namen ist die Stadt ein "Mikrokosmos" modernen Zentraleuropas von William Underhill Einst war sie die drittgrößte Stadt in Deutschland. Sie rühmte sich einer alt bekannten Universität und einer Tradition ’ deutscher Gelehrsamkeit, die acht Nobelpreisträger produzierte. Das war vor der Katastrophe des zweiten Weltkrieges. Doch sollte man Breslau auf keiner heutigen Landkarte Ostdeutschlands suchen. Als die Großmächte die Grenzen von Nachkriegseuropa neu zogen, verfiel die Stadt und ihre deutsche Vergangenheit ins Volksgedächtnis. Breslau wurde Wroclaw. Zum ersten Mal seit dem Mittelalter hatten die Polen wieder die Kontrolle: Die Stadt war "wiedergewonnenes Gebiet". Alle Zivilisten, die die verheerenden, 14 Wochen andauernde, Belagerung überlebt hatten, wurden vertrieben und mußten neue Wohnstätten im Westen finden. An ihrer Stelle kamen polnische Flüchtlinge, die selber aus den Gebieten ausgewiesen wurden, die die Sovietunion hunderte von Kilometern östlich in Besitz genommen hatte. Deutsche Straßennamen verschwanden, deutsche Denkmäler wurden niedergerissen, kostbare Bücher aus den Universitätsbibliotheken wurden vernichtet. Die Ziegelsteine der wenigen Monumente, die übrig geblieben waren, wurden nach Warschau transportiert für den Wiederaufbau der Hauptstadt. Für die Bevölkerung Zentraleuropas sind solche Ereignisse schrecklich bekannt. Die Grenzen dieser Region waren selten stabil. Gedächtnisse sind lang anhaltend und jede der vielen ethnischen Gruppen in dieser reichen lokalen Mischung hat seine eigene Version der Geschichte. Alte Widerstände kommen auf häßliche Weise wieder zur Oberfläche. Nur ein Außenseiter mit viel Geduld kann die Tatsachen sortieren und etwas zusammenstellen, was einem objektiven Bericht gleicht. Hier konnte Herr Norman Davies, Geschichtsprofessor in Oxford helfen. Während eines privaten Abendessens im Jahre 1996 schlug der Bürgermeister von Wroclaw ein radikales Projekt vor. Die Stadt brauchte eine neue Geschichte, die die Moderne mit der Vergangenheit versöhnt. So ein Buch, meinte er, kann kein Pole und kein Deutscher schreiben. Wäre Herr Davies daran interessiert? Das Resultat heißt: "Mikrokosmos, das Portrait einer zentraleuropäischen Stadt" und wurde mit Davies früherem Schüler, Roger Moorhouse, geschrieben und stellt eine Studie da von all dem, was die Region zu so einem unglücklichen Durcheinander macht. Der Titel bezeichnet schon das Thema. Es bietet keine gradlinige Zivilgeschichte an, es ist der Versuch, den Gedanken eines Zentraleuropas an Hand der Erfahrungen einer einzelnen Stadt zu untersuchen. Selbst für Geschichtsforscher von Davies Kaliber ist das eine Herausforderung. Schon der Begriff Zentraleuropa als unabhängige Region ist umstritten. Das Einzige, was klar erscheint, ist, daß immer eine sich dauernd verschiebende Pufferzone zwischen "Westeuropa" und dem ganzen slawischen Osten bestand. Was wirklich diese Region zusammenhält, mag nicht die Geographie sein, es ist mehr die gemeinsame Erfahrung von schnell wechselnder Oberherrschaft, wiederholte Invasionen und Masseneinwanderungen vom Osten und vom Westen. Die Region zog insbesondere eine große jüdische Einwohnerschaft an, die im Westen nicht willkommen und in Rußland ausgeschlossen war. Weiteres gemeinsames Unglück folgte im 20. Jahrhundert mit einer doppelten Portion von Totalitarismus von Händen der Nazis und dann der Kommunisten. Wroclaw beweist genau diese Punkte von Prof. Davies. Es mag mit dem Wagen bequem von Wien oder Berlin erreichbar sein, aber irgendwie gehört es einer ausgesprochenen Grenzzone an. Es lebte unter der Herrschaft der Böhmen, der Polen, der Ungarn, der Österreicher und der Preussen, abgesehen von einer kurzen Besetzung durch die Franzosen. Gemäß verschiedener Satzungen wurde es Wrotizla Vrteslav, Presslaw, Breslau und Worclaw genannt. Die herrschenden Religionen waren Römisch-Katholisch, Hussisch, Lutheranisch und wieder Katholisch. Wie überall in Zentraleuropa erwies sich das 20. Jahrhundert besonders grausam. Unter den Nazis wurde sogar die polnische Sprache auf den Straßen verboten. Nur 160 Juden überlebten eine jüdische Bewohnerschaft von 30.000. Unter dem folgenden "Stalin" Regime füllten sich die Gefängnisse mit polnischen Patrioten, die "faschistischer hitlerischa Verbrechen" beschuldet wurden. Das ist eine Vergangenheit, die Wroclaw mit Energie und Erfolg bearbeitet, um sie hinter sich zu lassen. Seit 1989 entwickelte sie einen lebhaften Touristenverkehr. Die Stadt ist besonders bekannt für ihre sorgsame Restaurierung mittelalterlicher und gothischer Architektur und für ihre Musikfeste. Dank der Nähe und der Geschichte sind die meisten Besucher Deutsche, die heutzutage mit den gleichen kommerziellen Absichten kommen, wie ihre Vorfahren einst - und sie sind wieder willkommmen. Unter den führenden Investoren in Wroclaw nach dem Kommunismus sind deutsche Großfirmen, wie Siemens, Daimler-Benz und Deutsche Bank zu nennen. Mit etwas Glück könnten die Spannungen der Vergangenheit mehr eine Sache der Forschung sein, als eine aufglimmernde Verbitterung. Es wird so gar davon gesprochen, mit deutscher Unterstützung eine Untersuchungszentrum einzurichten, daß die Massendeportationen untersuchen soll, die dem 1945 Abkommen folgten. Dafür gibt es wirklich keinen besseren Platz als "den Mittelpunkt dieser Geschichte". Erschien in der "Newsweek" Ausgabe vom 1.7.02, S.29 und wurde ins Deutsche übersetzt von Dr. Elijahu Hoffmann

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