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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 2002-01-01 · No. 73 (2002) · p. Seite 5

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
2002
Issue
No. 73 (2002)
Date
2002-01-01
Page
Seite 5 (sequence 1692)
Language
German
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(Fortseirung von Seite 4) nicht nur eine gründliche Hochschuldbildung, hatte an der Pester Universität den philosophischen Doktorgrad erworben, sondern verfügte auch über sehr klare Einsichten in die geistige Situation des Judentums seiner Zeit. Rückblickend schilderte er diese einmal so: "Die Nachahmer und Nachbeter Mendelssohns, die den Meister weder an Tiefe erreichen, noch von seiner Frömmigkeit beseelt waren, nahmen im Judentum nichts wahr als ein ödes Conglomerat von Ceremonialgesetzen, die sich überlebt haben und keine Verbindlichkeit mehr besitzen. Ein flaches verwässertes Räsonnement über Gottes Eigenschaften war ihre Theologie und einige nicht minder verschwommene Sätze aus der Moral ihre Religion. Sie standen durchaus auf dem Standpunkt des flachen Rationalismus und der Schöngeisterei des achtzehnten Jahrhunderts. Und diese oberflächlichen Schwätzer hielten sich berufen, ein Judentum zu predigen, dem jeder innere Halt, jede positive Grundlage abging." In dieser Lage formuliere Frankel die Aufgabe der Zukunft, die auch zur Magna Charta des Breslauer Seminars werden sollte, mit den Worten: "Es galt, die Grundsätze der allgemeinen Wissenschaft auf das Studium der Gotteslehre und der übrigen jüdischen Religionsquellen anzuwenden und das jüdische Wissen zur jüdischen Wissenschaft empor zu entwickeln." Frankel wirkte für dieses Ziel bereits vor seiner Berufung nach Breslau in Dresden, eine Berufung nach Berlin lehnte er wegen der dort herrschenden unbefriedigenden Verhältnisse ab. Der Anfrage aus Breslau aber verschloß er sich nicht, weil er dort die Möglichkeit sah, sein Ideal zu verwirklichen: "Aussöhnung des Glaubens mit dem Leben, Fortschritt innerhalb des Glaubens, Erhaltung und Veredelung, Regeneration des Judenthums aus und durch sich selbst, dies ist der Kreis, in welchem die Bestrebungen sich bewegen müssen, und gemäßigte Reform muß die Losung der Gegenwart und der Zukunft sein." Mit dieser Konzeption gelang es Frankel, das Breslauer Jüdisch-Theologische Seminar Fraenckelscher Stiftung, das seine Arbeit offiziell am 10. August 1854 aufnehmen konnte, zur Pflanzstätte der "Wissenschaft des Judentums" werden zu lassen. Noch vor der Gründung erklärte er: "Das Seminar hat für das Judentum eine universelle Bedeutung; es gehört nicht einem Orte, nicht einem Lande, sondern der Allgemeinheit an; räumlich befindet es sich in Breslau, geistig muß (man es) als außer diesem Raum stehend betrachten." Den Plan, das "Studium der jüdischen Theologie nach geeigneter Methode, in materialer Vollständigkeit, und in untrennbarer Vereinigung mit allgemeiner gelehrter Bildung" zu organisieren, konnte in Breslau von Anfang an deshalb in mustergültiger Weise verwirklicht werden, weil es Frankel gelang, Gelehrte von überragender Bedeutung an die neue Lehranstalt zu binden. Hier sei nur der Name von Hirsch Heinrich Graetz (1817-1891) genannt, der zum Begründer einer selbständigen jüdischnationalen Geschichte wurde . Seine "Geschichte der Juden" schilderte eine Geschichte des Martyriums und der geistigen Selbstbehauptung von der frühchristlichen Zeit an. Graetz wurde damit nicht nur zum Begründer der jüdischen Universalhistorie, sondern vor allem auch zum Interpreten des jüdischen Schicksals, dessen Betrachtungsweise nach dem größten Martyrium des jüdischen Volkes, dem Holocaust unseres Jahrhunderts, neue Aktualität gewann. Von vornherein besaß das Breslauer Seminar mit der von Frankel schon seit 1851 herausgegebenen "Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums" ein "Hausblatt", das zu einem der wichtigsten Zentren der geistigen Auseinandersetzung innerhalb des Judentums wurde. Die 83 Bände dieser Zeitschrift, die bis 1939 erscheinen konnte, sind "eines der imponierendsten Denkmäler, das sich der jüdische Geist in der Diasporageschichte geschaffen hat." Hier veröffentlichten die gelehrten Dozenten des Breslauer Seminars - ausschließlich in deutscher Sprache - ihre oft bahnbrechenden wissenschaftlichen Studien, hier wurden wichtigste Quellen zur Geschichte des Judentums ediert oder doch deren Edition in entscheidender Weise vorbereitet, und hier läßt sich in dem noch 1938 erschienenen Registerband ablesen, welche klangvolle Fülle der Namen die Verfasser der rund dreitausend Aufsätze zusammenschließt, die in dieser Zeitschrift insgesmt vorgelegt worden sind. Das Breslauer Seminar hat aber nicht nur durch seine Dozenten und die "Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums" über die Grenzen der Stadt und Schlesien hinaus gewirkt. Unter dem Eindruck des Breslauer Beispiels entstanden 1872 die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin, die Budapester Landes- Rabbinerschule 1877, die Wiener Israelitischtheologische Lehranstalt 1893 und schließlich einige bedeutende amerikanisch-jüdische Colleges. Die Querverbindungen zwischen diesen Einrichtungen und ihre Abhängigkeitsverhältnisse sind im einzelnen bisher kaum befriedigend aufgearbeitet worden. Faßbar werden sie zunächst in den Biographien zahlreicher Absolventen des Breslauer Seminars, dann aber vor allem in der gemeinsamen Aufgabenstellung, das "jüdische Wissen zur jüdischen Wissenschaft empor zu entwickeln." Damit nahm man in Breslau ein Anliegen auf, das in seinem ganzen Umfang zuerst von Leopold Zunz (1794-1886) in seinem Erstlingswerk von 1818 "Etwas über die rabbinische Litteratur" beschrieben worden war. Dort wird der Zusammenhang zur "complicirten Frage über das Schicksal der Juden", wie sie sich im Emanzipationszeitalter stellte, gleich in der Einleitung deutlich herausgestellt: "Jede rücksichtslose sogenannte Verbesserung rächt der schiefe Ausgang; übereilte Neuerungen geben dem Alten, und - was das misslichste ist - dem Veralteten einen höheren Werth. Um also das Alte brauchbare, das Veraltete schädliche, das Neue wünschenswerte zu kennen und zu sondern, müssen wir besonnen zu dem Studium des Volkes und seiner Geschichte schreiten, der politischen wie der moralischen." Zunz betrachtete die "Wissenschaft des Judentums" universal unter dem Aspekt, daß "unsere Wissenschaft in ein ganzes Fach Wissenschaften (verwandelt werden müsse), deren jede in ihren Theilen gepflegt sein will, soll nicht das Ganze durch wesentliche Fehler verunstaltet werden". Deshalb schlug er die Strukturierung der "Kritik in drei Theile" vor: "in die doctrinale, welche die Ideen, - in die grammatische, welche die Sprache, - und in die historische, welche die Geschichte dieser Ideen vom Augenblick der Mittheilungen an bis sie gegenwärtig zu unserer Kenntnis gelangen, umfasst." Schon 1819 war von Eduard Gans, Moses Moser, Leopld Zunz u.a. in Berlin der "Verein für Cultur und Wissenschaft des Judentums" gegründet worden, der auf die Frage antworten wollte, wie Juden und Judentum angesichts der nach 1812 wieder eingeschränkten Freiheit und des zunehmenden inneren Verfalls ihre Existenz sichern könnten. Es ist hier nicht der Ort, den Weg und die Problematik der "Wissenschaft des Judentums" im einzelnen nachzuzeichnen. Die sehr bald ausbrechenden Streitigkeiten innerhalb der jungen Zunft, der elementare Individualismus ihrer Führungsgestalten und die naive Begeisterung für den Aufklärungsgedanken, die partiell einem allzu "platten Rationalismus" den Weg ebnete, haben der jungen Wissenschaft schweren Schaden getan. Trotz bewundernswürdiger Einzelleistungen mußte deshalb Ismar Elbogen (1874-1943) schon 1927 resümieren: "Die Wissenschaft des Judentums hat die öffentliche Meinung über Juden und Judentum aufgeklärt und vielfach zur Förderung der Emanzipation mitgeholfen, hat das Selbstbewußtsein der Juden gehoben, ihre Erziehung verbessert, ihre Religionsanschauungen geläutert und zur Säkularisierung des jüdischen Lebens beigetragen. Großer Volkstümlichkeit hat sie sich nie erfreut, sie ist fast ausschließlich Sache der Fachmänner geblieben und nur auf dem Wege der Popularisierung durch (Fortsetzung auf Seite 8)

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