Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2002
- Issue
- No. 73 (2002)
- Date
- 2002-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 1691)
- Language
- German
- Belongs to
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Breslauer Judentum im Zeitalter der Emanzipation (Fortsetzung von Seite 3) politischen Ereignisse der Zeit hingewiesen werden, die für das Selbstbewußtsein des schlesischen Judentums, besondes aber das in der Provinzhauptstadt, in doppelter Weise bestimmend wurden. Am 22. Januar 1813 entzog sich König Friedrich Wilhelm dem französischen Einfluß in Berlin durch Übersiedelung nach Breslau, von wo aus er am 17. März den Aufruf "An mein Volk" erließ, durch den der Volkskrieg gegen die napoleonische Unterdrückung entfesselt wurde. Auch unter der jüdischen Jugend fand der Appell des Königs eine überraschend große Resonanz. In Schlesien sind damals mindestens 67 jüdische Freiwilige zu den Fahnen geeilt, 37 von ihnen kamen direkt aus Breslau - darunter auch der Student Meyer Hilsbach, der erste jüdische Offizier in der preußischen Armee. Drei der aus Brslau Ausgezogenen blieben vor dem Feind: Ihre Namen bewahrte eine Gedenktafel in der Breslauer Synagoge. Der Zusammenklang mit der allgemeinen patriotischen Begeisterung konnte allerdings nur von kurzer Dauer sei. Zwar hieß es in Artikel 16 der am Rande des Wiener Kongresses ausgehandelten Deutschen Bundesakte vom 10. Juni 1815 noch: "Die Bundesversammlung wird in Beratung ziehen, wie auf eine möglichst übereinstimmende Weise die bürgerliche Verbesserung der Bekenner des jüdischen Glaubens in Deutschland zu bewirken sei, und wie insonderheit denselben, der Genuß der bürgerlichen Rechte gegen die Übernahme aller Bürgerpflichten, in den Bundesstaaten verschafft und versichert werden könne. Jedoch werden den Bekennern dieses Glaubens bis dahin die denselben von den einzelnen Bundesstaaten bereits eingeräumten Rechte erhalten." Aber auch das klang doch schon reichlich unbestimmt, öffnete dem reaktionären Partikularismus Tor und Tür und mußte besonders diejenigen Juden treffen, die bereits durch die napoleonische Emanzipationsgesetzgebung wesentlich besser gestellt worden waren, wie z.B. die Judenschaft in Westfalen. Der Umschwung, der sich hier bereits abzuzeichnen begann, ist mit den Stichwörtern "Reaktion" oder "Restauration" allerdings nur unzureichend charakterisiert. Die Französische Revolution und die napoleonische Gewaltherrschaft waren in weiten Kreisen als Ausgeburten einer Aufklärung begriffen worden, die mit der Absicht angetrten war, die Menschen von der Furcht zu befreien, und dafür die Angst geschaffen hatte. Die Bewußtseinskrise, die sich mit dieser bestürzenden Einsicht verband, zeitigte tiefgreifende Konsequenzen in allen Bereichen des Lebens, veränderte das politische Klima ebenso wie die literarischphilosophische Landschaft und machte auch vor den Kirchen nicht halt, in denen sich der Protest gegen eine nur noch triviale Aufklärung, die man Rationalismus zu nennen sich angewöhnt hatte, in Erweckungsbewegungen von unterschiedlicher Prägung und Intensität an allen Orten kräftig zur Stelle meldete. Die Kehrseite dieses Aufbruchs einer Gesellschaft, die einigen ihrer liebsten Illusionen den Abschied zu geben gezwungen war, war das oft starrsinnige Festhalten am Althergebrachten. Zu dem schlimmen Traditionsgut, das nun plötzlich wieder eine Chance erhielt, gehörte auch die Judenpolitik alter Machart. Die erworbenen Rechte wurden den Juden beschränkt, und die in Aussicht gestellten Freiheitsrechte vertagte man auf eine unbestimmte Zukunft. In Preußen galten die Bestimmungen des Gesetzes von 1812 nur für die Altgebiete. 1822 wurde die Zulassung von Juden für akademische Lehrämter zurückgenommen. Die Zusagen an die jüdischen Kriegsfreiwilligen, daß sie auf eine Versorgung im Staatsdienst rechnen dürften, hielt man nicht ein. Ebenso wurde die Wählbarkeit von Juden in kommunale Ämter, die 1812 verkündet worden war, annulliert. Juden, die im Felde zu Offiziren befördert worden waren, durften nicht an Landwehrübungen teilnehen, und wenig später mußten die mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichneten Juden und jüdischen Offiziere überhaupt das Heer verlassen. Nimmt man nun noch die Zerstörung der jüdischen Gemeindeorganisationen hinzu, die schon 1812 als nur noch "zu gewissen Zwecken erlaubten Privatgesellschaften" definiert worden waren, so konnte das Judentum tatsächlich das Bild bieten, das von ihm in einer Verordnung vom 10. März 1818 entworfen wurde, nach der das Judentum nicht "als eine Religionspartei, sondern nur als Trümmer eines aufgelösten Volkes zu betrachten seien". Daß es nicht gänzlich Wirklichkeit wurde und der Schock der Restauration, der so unmittelbar auf den patriotischen Aufbruch von 1813 folgte, nicht alle Ansätze einer Neugstaltung jüdischen Lebens zerstörte, hatte das Judentum weitgehend nur sich selbst zu verdanken. Es waren jene Kräfte, die am Erbe des Judentums festhalten wollten, die also nicht bereit waren, den Weg der Assimilation zu beschreiten, und die doch gleichzeitig darum bemüht waren, dieses Erbe mit der neuen Zeit in Zusammenhang zu bringen. Die schlesische Hauptstadt sollte dabei zu einem Hauptschauplatz werden. IV Am 27. Januar 1846 starb in Breslau der Kgl. Kommerzienrat Jonas Fränckel (geb. 1773 in Breslau), der einer in den Großgemeinden Deutschlands, Böhmens, Österreichs und Polens hochangesehenen Familie von Rabbinern und Gemeindevorstehern entstammte. Sein Vater, Joel Wolf Fränckel, der Schwiegersohn des Schlesischen Landrabbiners Joseph Jonas Fränckel, hatte das Familienvermögen durch den Handel mit Polen und Rußland zu bedeutender Höhe gebracht. Zusammen mit seinem Bruder David vermehrte Jonas Fränckel diesen Reichtum weiter, zugleich widmete er sich aber auch intensiv der Wohlfahrtspflege der Breslauer jüdischen Gemeinde und diente ihr als Chef des Obervorsteherkollegiums. In einem Erbvertrag von 1836 bestimmten die Brüder, die unverheiratet geblieben waren, ihr beträchtliches Vermögen u.a. für "ein Seminar zur Heranbildung von Rabbinern und Lehrern" für dessen Errichtung drei Kuratoren die Verantwortung übernehmen sollten. Die Zeitgenossen erkannten sogleich die Bedeutung des Fränckelschen Testaments. So las man im wöchentlich in Leipzig erscheinenden "Orient" von 1846: "Was bisher als ein frommer Wunsch in der Brust von Tausenden geschlummert hat, was durch eine bettelhafte Subscription aus allen Gauen Deutschlands nicht zu Stande gebracht werden konnte, das wird endlich durch den letzten Willen eines Einzigen realisiert werden. Die Sache ist den besten Händen anvertraut. Die Curatoren sind von dem regsten Eifer und dem geläuterten Bewußtsein beseelt, daß dieses folgenreiche Institut nur dann das wahre Heil des Judenthums fördern kann, wenn es sich von der Einseitigkeit der Tagesdoctrinen fernhält, daß in einem derartigen Institut Wissenschaft und angestammter Glaube sich die Hand reichen." Die Vorarbeiten zur Errichtung des Breslaur Seminars gestalten sich schwierig, waren doch bisher alle Versuche, etwas Ähnliches zu schaffen, aus Geldmangel und aus konzeptionellen Unklarheiten in den Anfängen steckengeblieben. In Breslau aber fand man in dem Dresdener Großrabbiner Zacharias Frankel (1801-1875) nach längerem Suchen diejenige Persönlichkeit, die alle Voraussetzungen besaß, um das geplante Werk in Angriff nehmen zu können. Er besaß (Fortsetzung auf Seite 5)