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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 2002-01-01 · No. 72 (2002) · p. Seite 4

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
2002
Issue
No. 72 (2002)
Date
2002-01-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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&&8SS££53gSft!£ Breslauer Erinnerungen (Fortsetzung von Seite 3) In seinem schwarzen, weiten Obergewande, den Stock mit dem Goldknauf in der Rechten, gravitätisch einherschreitend, machte er einen nicht Übeln äußerlichen Eindruck. Er hielt sichtlich auf eine Würdigkeit im Auftreten und er versäumte keine sich ihm darbietende Gelegenheit, diese seine geistliche Würde zur Schau zu tragen. Als der zum Nachfolger des Cardinais von D i e p e n brock erwählte Fürstbischof Dr. Förster in sein hohes Kirchenamt eingeführt wurde, fehlte auch Gedaljah nicht unter den Glückwünschenden. Nicht lange darauf erhielt er den Roten Adler-Orden vierter Klasse. Damals an und für sich eine hohe Auszeichnung und nun gar für einen Juden eine ganz besondere Ehrung! Allein des Lebens ungemischte Freude ward keinem Sterblichen zu teil. Der in der Gemeinde durch seine Schlagfertigkeit und seinen stacheligen Witz bekannte Hi rsch Joachimsohn besuchte den Rabbiner eines Tages und beglückwünschte ihn zu seiner Ordensauszeichnung mit den Worten: "Wenn man sich vor dem "Zeilem" (Abbild, im Jargon soviel als Kreuz) bückt, wird man groß." Der Spötter spielte damit auf die Verbeugung Gedaljahs bei dem Besuche im erzbischöflichen Palais an. Dazu kam noch, daß die Meinungen über seine talmudischen Kenntnisse sehr weit auseinander gingen. Der Dajan Reb Josef Leib Feder hielt, sobald die Rede darauf kam, mit seiner Ansicht vorsichtig und respektvoll zurück. Allein Reb Jankew Leib Kroch, ein in allen Brühen gebeizter Pilpulist zuckte verächtlich mit den Achseln bei der bloßen Namenserwähnung Tiktins. Es gingen sogar Gerüchte um, daß er zuweilen sehr scharfsinig zusammengebraute "Schales" (Fragen), die eine sofortige Beantwortung erheischen, an ihn habe richten lassen, um ihn auf die Probe zu stellen. Mit der deutschen Sprache stand er auf einem mehr als gespannten Fuße. Gleichwohl kam ihn zuweilen die Lust an, schon um seine Vorurteilslosigkeit gewissen Ansprüchen des Zeitgeistes gegenüber zu erweisen, eine deutsche Predigt zu halten oder sich zu einer Ansprache an ein Brautpaar aus ansehnlichem Hause aufzuschwingen. Dabei sind ihm dann gar häufig die ergötzlichsten Entgleisungen mituntergelaufen, die sehr bald zu erheiternden Stadtgespächen wurden. Er gab daher diesen aussichtslosen Wettstreit mit dem ihm fremden Idiom auf. Ein sehr großer Teil der alteingesessenen tonangebenden Familien hielt sich indessen trotzdem zur Tiktin'schen "Tempel"-Schul, teils aus Pität gegen die Vorfahren, teils weil gerade diesen höchst ehrenwerten Gemeindemitgliedern die von Geiger durchgeführten Neuordnungen zu radikal erschienen. Zu diesen Familien ghörten Jonas Lippmann aus Königsberg, Schreiber, 3SSSSSS33SS33SSS33SS3S2S%&&& Freund, dessen jüngster Sohn Wilhelm späterhin zum Abgeordneten und zum Vorsteher der Stadtverordnetenversammlung gewählt werden und als Ehrenbürger der Stadt Breslau sterben sollte. Auch M. B. Friedenthal, Reb Mordeche Dow, wie er zumeist genannt wurde, das Urbild zu dem Bankier Ehrenthal in Gustav Freitags "Soll und Haben" hielt sich, wenigstens äußerlich zu den Tiktinianern. Zu jener Zeit, von der hier die Rede ist, hatte sich M. B. Friedenthal bereits längst von seinen Geschäften zurückgezogen, um sich ausschließlich seinen hebräisch literarischen Neigungen zu widmen. Er hat auch verschiedene Werke und Abhandlungen in hebräischer Sprache bemerkte dazu: "Behalt's für Euch; es kann Euch einmal etwas einbringen". Und mit dieser Geldanweisung auf unbestimmte Sicht ward der Bittsteller entlassen. Einige Zeit darauf meldete sich der so schnöde abgefertigte Bittsteller wieder, um Abschied zu nehmen. Als das Gespräch die erwartete Wendung genommen, fuhr der Gast mit der Frage heraus: "Reb Mordeche Dow, wißt Ihr ein Wort im loschon ha kodesch mit vier Patach?" (Kurzes a). Als nun Friedenthal die Antwort schuldig geblieben, platzte der Gast mit dem Worte heraus: "Hakadachath" (das Fieber) "Behalts auch vor Euch!" Sprachs und schlug die Tür eiligst hinter sich zu. Die Sklower Schul abgefaßt. Daher war es nur ganz selbstverständlich, wenn jeder arme jüdische Wanderliterat auf seiner Subskribenten-Suche in Breslau zuerst den reichen Reb Mordeche Dow mit seinem Anliegen beehrte. Dieser jedoch gehörte nicht gerade zu den Mäcenas-Naturen, und gab er schließlich, so gab er nach den Worten des Lessing'schen Derwisch so unmild mild, daß der Empfänger ebensowenig wie der Geber eine Freude empfinden konnte. Eines Tages klopfte wieder einmal solch ein armseliger Bruder in Apoll an Friedenthals Tür. Das Gespäch verlief in streng literarischen Geleisen. Endlich rückte der Hauswirt die Frage heraus: "Wißt Ihr ein Wort im loschon ha kodesch (heilige Sprache) mit vier Kamez (langes a, bei uns u ausgesprochen)." Als der Gefragte nach längerem Besinnen keine Antwort gefunden, nannte Friedenthal das Wort "Huruchumu", der Aasgeier, und Das große Ereignis jener Zeit war die Eröffnung des Fränckel'schen Seminars "der jüdisch-theologischen Fakultät" Zunächst hatte es den Anschein, als sollte diese so folgenschwere Tatsache gar keinen ersichtlichen Einfluß auf das innere Leben der Breslauer Gemeinde ausüben. Die unbeugsame Orthodoxie nahm von dem "Rabbinerseminar" gar keine Notiz. Sie wußte sich mit dem der neuen “^Schöpfung zu Grunde liegenden Gedanken auch nicht entfernt abzufinden. Gleichwohl mußte sie mit einer Persönlichkeit wie Zacharias Frankel wohl oder übel doch rechnen. So geriet sie ganz unwillkürlich in eine gewissee Unsicherheit. "Er ist ein Mißnagged" (Gegner) von Geiger." 'Das war.ihr allerdings von Anfang an klar und beruhigte sie einigermaßen. Worin jedoch die eigentliche Bedeutung dieses großen Gelehrten bestand, davon hatte sie nicht .die leiseste Ahnung; konnte sie auch gar nicht haben. Allein es war doch andererseits sehr kennzeichnend, daß die ersten Breslauer Zöglinge des Seminars just der Falk'schen Familie entstammten! Wenn auch sonst nicht die '^geringste Berührung zwischen den orthodoxen Kreisen und der Gelehrtengruppe um Zacharias Frankel sich anbahnte, der Bann war durch den Eintritt jener Elemente aus der Familie des "Dyhernfurther Raws“ gebrochen. Abraham Geiger jedoch, den man wohl den David Friedrich Strauß der Juden nennen darf, teilte mit diesem auch das gleiche Schicksal völliger Vereinsamung. Selbst eine so mildabgeklärte Persönlichkeit wie die Salomon Nissens, dessen tiefgegründete, weitausgebreitete Gelehrsamkeit nur von seiner Herzensgüte übertroffen wurde, vermied jede Annäherung an den vielgeschmähten Reformer. Von orthodoxer Beschränktheit, von polterndem Glaubenseifer ebenso weit entfernt wie von radikaler Denkweise, behauptete Salomon Nissen, der eine verblüffende Wesensähnlichkeit mit Lessing's "Nathan" offenbarte, eine selbständige Mittelstellung. Er war ein feiner Kopf, ein feiner Geist, dem eine zarte Ironie, eine leise Skepsis zu Gebote stand; (Fortsetzung auf Seite 6)

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