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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 2002-01-01 · No. 72 (2002) · p. Seite 3

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
2002
Issue
No. 72 (2002)
Date
2002-01-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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(Fortsetzung von Seite 2) polnische Landstädtchen trug ja einen ausgesprochen jüdischen Charakter; außerdem waren die Juden geistig recht lebhaft angeregt. Man nahm Anteil an denZeitereignissen, die Schlesische Zeitung wurde in einigen Häusern gelesen, hie und da fand sich ein Schillerexemplar vor. Kurz, ein gewisses Streben nach neuzeitlicher Bildung machte sich bereits geltend. Von alledem war in dieser meiner Breslauer Umgebung auch nicht die mindeste Spur zu bemerken. Die beiden ältesten Brüder konnten nur mühselig ihre Namen in deutscher Schrift hinkritzeln. Ein dritter Bruder Tobias, von den Seinen aber beharrlich "Tobijus" genannt, hatte indessen bereits einen leisen Versuch gemacht, aus diesem Verpuppungszustand ein wenig herauszutreten. Er war im Gegensatz zu seinen älteren Brüdern ein "Baal-Tenach", das heißt, er trieb auch neben dem Talmud Bibelstudien.. Er nahm die Mendelssohn'sche Übersetzung zur Hand, das bedeutete aber in seinen Augen keinen geringen Fortschritt. Es hieß bei ihm nicht mehr wie bei seinen Brüdern: "Der Tatsch (Deutsch) ist ausgerissen". So pflegten sie nämlich die in jüdischer Kursivschrift unter dem hebräischen Texte gedruckte deutsche Übersetzung spöttelnd zu bezeichnen! Außerdem hatte aber dieser Tobias Falk schon einige Bekanntschaften mit der deutschen Literatur gemacht. Er kannte den "Nathan", den "Don Carlos", Mendelssohn's "Phädon" und Schillers "Sendung Mosis". Der herzensgute Mann war nicht wenig stolz auf diese seine Bildung, die zugleich für seine Voruteilungslosigkeit in "weltlichen" Angelegenheiten Zeugnis ablegen sollte. In seiner Orthodoxie stand er jedoch keinem seiner älteren Brüder nach und in der "Sklower Schul" war er jeden Morgen und jeden Abend mit der größten Gewissenhaftigkeit zur Stelle. Diese "Sklower Schul" in der "Goldene Radegasse" war in jedem Betrachte eine Merkwürdigkeit des damaligen Breslau. Sie lag wie alle Synagogen und Betstuben auf dem Hofe. Eine schmale, sehr steile Treppe führte in das bescheidene, nach ältestem Brauche hergerichtete Gotteshaus. In der Mitte stand der Almemor, von dem aus die Wochenabschnitte aus der Thora verlesen wurden. Diese "Schul" trug ihren Namen nach ihrem Begründer, einem aus dem russischen Städtchen Sklow eingewanderten Gelehrten, dessen Sohn Reb Jankel Sklower zu meiner Zeit noch lebte und seinen Ehrensitz an der Misrach- (Ost) Wand, unmittelbar neben dem Aron ha kodesch (der heiligen Lade) innehatte. Den Kern dieser kleinen, auf der äußersten Rechten in der Orthodoxie stehenden Gemeinschaft bildete die in zahlreichen Zweigen verbreitete Sippe Falk und ihr religiös gleichgesinnter Anhang. In dieser kleine, unscheinbaren, rabbinerlosen "Schul" jedoch konnte man entnehmen, was Andacht im Gebet sei: Und das nicht etwa bloß bei den Gottesdiensten an den großen Feiertagen. Nein. Jedes Morgen-, jedes Abend-Gebet wurde in dieser Sklower Schul in einer Andachtsstimmung abgehalten, die tief in die Seele drang. Das "Schema Jisroel", das "Selach" im Achtzehn-Gebet, das "Alenu" wurde nicht in gewohnheitsgemäßer Abgestumpftheit hingesprochen; es rang sich mit wahrer Inbrunst aus dem inneren Gemüte empor. Niemals wieder habe ich in meinem langen Leben derartig tief ergriffene Beter gesehen und gehört, als eben in dieser "Sklower Schul". * ★ * Das Straßengewirr um den Karlsplatz herum, also die schon erwähnte Goldene Rade-Gasse, die Antoniestraße, die Siebenradebrücke, die Graupenstraße und die Karlstraße bildeten im wahren Wortsinne ein Judenviertel. Hier fand sich die ganze jüdische Kaufmannschaft, das Warengeschäft zusammen. Der Großhandel hatte seine Hauptstätten in der Karlstraße. Am Sabbat herrschte daher dazumal hier absolute Geschäftsstille. Das gleiche fast ausschließlich jüdische Aussehen zeigte sich auch in der Reusche- und in der Nicolaistraße. In diesem Stadtviertel bildeten aber wiederum einzelne riesige Häuserblocks, der Pokoyhof, die Fechtschule, in sich geschlossene Bauanlagen, in denen sich meistenteils jüdische kleine Handelsleute niedergelassen hatten. Das Alles hatte einen fast familiären Charakter. In jedem dieser "Höfe" befand sich ein Bethaus, in dem die daselbst wohnenden jüdischen Händler ihre Morgen- und Abendandachten verrichteten. Manches später zu hohem Ansehen gelangte Bankhaus, u.a. das Jacob Landau'sche, hat hier seinen unscheinbaren Stammsitz gehabt. Alle diese Breslauer Eigentümlichkeiten sind indessen mit der später einsetzenden Entwicklung der schlesischen Hauptstadt spurlos verschwunden. Erhalten haben sich allerdings noch der Riembergshof und "der Storch", in dem schon damals die größte Symagoge Breslau's errichtet war; allein diese "Höfe" entbehrten gerade der charakteristischen Sonderart der oben erwähnten. Diese letztgenannten trugen ein ungleich vornehmeres Aussehen zur Schau. In einem unansehnlichen Hause an der Graupen- und Wallstraßen Ecke waren sämtliche Verwaltungsräume der etwa 12000 Köpfe zählenden Gemeinde vereinigt. Hier waltete der Rendant Cohn in unermüdlichem Fleiße und gewissenhaft seines nicht gerade sehr angenehmen Amtes. Er war ein allgemein gebildeter Mann, feinsinnig und überaus gütig. In seinem gastlichen Hause, das eine liebenswerte Gattin leitete, verkehrten viele jüdische Studenten sowie Hörer des dazumal neu errichteten Fränkel'schen Seminars. Er sorgte mit rührendem Eifer für diese zumeist nicht eben mit Glücksgütern gesegneten jungen Leute Der Rendant Cohn hat manchen seiner Hausfreunde, die später in Ämter und Ansehen gelangten, über die Nöte des Lebens väterlich hinweggeholfen. Das innere Gemeindeleben verlief damals in ruhigen Bahnen. Die sturmerfüllten Jahre während der ersten Amtszeit Abraham Geigers waren für immer dahin. Der große Reformator und Forscher hatte sich nach schwersten Prüfungen Raum zu schaffen verstanden. Seine zündende Beredsamkeit riß die zahlreichen Zuhörer in der "Storch"-Synagoge mit sich fort. Der Gottesdienst in der "Storch"-Synagoge erregte damals noch vielfach sehr großes Aufsehen und nicht bloß in jüdischen Kreisen. War doch die Sache noch verhältnismäßig neu. Äußerlich war der noch bis vor kurzem so erbittert geführte Kampf ja wohl als endgültig abgeschlossen anzusehen, aber die innerliche Erregung der Gemüter zitterte noch immer nach; es war wie ein unter der Asche glimmendes Feuer. Kein einheimischer Orthodoxer hat jemals die Schwelle des Geiger'schen Gotteshauses betreten. Wohl aber wurde diese Synagoge an Sabbaten und Feiertagen sehr viel von den in Breslau weilenden auswärtigen jüdischen Kaufleuten aufgesucht. Sie war eben noch ein Gegenstand der Neugierde, die eben befriedigt sein wollte. Wie aber auch immer die religiöse Stimmung beschaffen sein mochte, sobald der Cantor Deutsch seine herrliche, etwas baritonal gefärbte Stimme erklingen ließ, da lauschte Jeder den wundersam ergreifenden Tönen, die der Kehle des, man darf wohl sagen, auffallend zierlichen Mannes entströmte. Geigers Predigt und Deutsch's Gebetsvortrag, das waren die beiden mächtig wirkenden Anziehungskräfte, die nicht wenig zur Verbreitung des Rufes der "Storch"-Synagoge Breslaus in der ganzen deutschen Judenheit beitrugen. Räumlich nicht weit von ihr entfernt, nämlich in der Antonienstraße, aber im Wesen weltenweit von ihr geschieden, befand sich - und befindet sich noch jetzt, die sogenannte "Tempel"-Schul der alten, eigentlichen jüdischen Gemeinde Breslaus. Hier waltete GedaljahTiktinin alter Weise seines Amtes als Rabbiner. Er war der Dritte und Letzte in der Breslauer Rabbiner Dynastie Tiktin. Sein Gro'vater Abraham war von Glogau her nach der schlesischen Hauptstadt berufen worden; nach dessen Ableben folgte ihm sein Sohn S a I o m o n und diesem G e d a I j a h. War der Vater ein rücksichtsloser, heißblütiger Fanatiker, so erwies sich der Sohn als ein geschmeidiger, sich den Umständen anpassender Diplomat, der indessen nie sein Ziel aus den Augen verlor.Während der berüchtigten Ara Manteuffel-Westfalen der fünfziger Jahre blühte auch Gedeljah Tiktins Weizen. Er hielt sich zur Regierung, die ihn offensichtlich begünstigte. Er wurde mit dem Titel eines Land-Rabbiners ausgezeichnet und die Breslauer Spötter beeilten sich, ihm noch den eines "Wasser- Rabbiners hinzuzusetzen. Gedaljah war eine stattliche Erscheinung. (Fortsetzung auf Seite 4)

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