Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2002
- Issue
- No. 72 (2002)
- Date
- 2002-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 ^•33S333333SSS88S8am&383gmBgS333$Sg3SS3S^^ Breslauer Erinnerungen (Aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts) von J. Kastan Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts verlegte mein Vater seinen Wohnsitz von Kempen nach Breslau. Den Eindruck, den die schlesische Hauptstadt auf das Gemüt des zum Jüngling heranreifenden Knaben machen mußte, ausführlich zu schildern, liegt nicht in meiner Absicht. Es kommt für mich nicht in Betracht, hier meine Erinnerungen niederzuschreiben, als vielmehr die damaligen Zustände in der jüdischen Gemeinde Breslaus möglichst naturgetreu zu schildern. Freilich darf ich dabei nicht verhehlen, daß ich lediglich auf mein Gedächtnis angewiesen bin. Es ist indessen glücklicherweise noch so zuverlässig, daß ich hoffen kann, mich von der Wirklichkeit nicht allzusehr zu entfernen. Nur Eines sei im Voraus bemerkt: auf meinen eigenen Entwicklungsgang hatte der Ortswechsel an und für sich nicht den allermindesten Einfluß. Der in Kempen begonnene Unterricht, sowohl der talmudische, wie der sonstige wurde unmittelbar nach der Übersiedlung in Breslau fortgesetzt. Nur die Scene sozusagen, war verändert. Diese Veränderung jedoch war eine in jedem Betrachte recht gründliche. Und nun, nach dieser kurzen Vorbemerkung, zur Sache. Ein Oheim mütterlicherseits hatte sich schon einige Jahre vor unserem Ortswechsel in Breslau niedergelassen und dort die jüngste Tochter des Dyhernfurther Rabbiners Falk geheiratet. Unmittelbar nach unserem Eintreffen in der genannten Stadt wurde ich behufs Fortsetzung meiner talmudischen Studien seinem Schwager, dem Dajan (Mitglied des Rabbinats) Reb Falek zugeführt, der mich mit einer mir überraschen Freundlichkeit aufnahm. Erfragte mich nach meiner bisherigen talmudischen Beschäftigung. Ich antwortete, daß ich ausschließlich mit dem Inhalte der drei "Babas" (Privatrecht) bekannt gemacht wurde. Er schien darüber erstaunt zu sein. Er meinte, ich müßte nun hauptsächlich mit den auf die eigentlichen Ritualien bezüglichen Ta I m u d t r a k t a t e n bekanntgemacht werden In diesem Sinne wurde nun der Unterricht bei ihm begonnen und einige Jahre fortgesetzt. Ich will über den Unterschied zwischen seiner und der Kempener Lehrmethode hier kein Wort verlieren; doch kann ich nicht verschweigen, daß mir die neue Weise sehr wenig zusagte und mir den Geschmack an den talmudischen Studien gar bald verdarb. Da ich sein einziger Schüler war, konnte es indessen nicht ausbleiben, daß sich zwischen meinem Lehrer und mir eine gewisse Vertraulichkeit herstellte, sodaßich bereits nach kurzer Zeit in seine Familie eingeführt wurde. Und noch heute, nach fast siebenzig Jahren, denke ich mit einer gewissen Freudigkeit an die in seinem Hause verlebten Sabbat-Nachmittage. Bei diesen Schulosch-Sudos-Gesprächen, der übligen dritten Sabbat-Mahlzeit, lernte ich nach und nach fast alle die zahlreichen Mitglieder der Familie des Dyhernfurther Rabbi kennen, die sämtlich in Breslau ansässig waren. Die Familien der vier Brüder Falk und deren Schwäger-Familien bildeten innerhalb der damaligen Breslauer Judenheit eine festumfriedete Gemeinschaft, eine Art Merkwürdigkeit, wenn man will, so etwas wie ein kulturgeschichtliches Überbleibsel aus einer längst verklungenen Vergangenheit. Sie waren abgeschlossen, auf sich selbst zurückgezogen, ganz besonders die älteren Mitglieder, völlig unberührt geblieben von den Einflüssen ihrer Umgebung. Kein Hauch des neuen Zeitgeistes war in ihre Wohnungen gedrungen. Um ein Beispiel anzuführen: Aus der ganzen neueren Geschichte waren ihnen die Namen "Alter Fritz", Blücher, den sie jedoch beharrlich "Blüchert" aussprachen, Napoleon und Kaiser Nikolaus geläufig. Auch von der Leipziger Völkerschlacht hatten sie eine dunkle Kunde erlangt. Sonst wußten sie tatsächlich von keinem geschichtlichen Ereignis, das sich jenseits der Revolution des Jahres 1848 abgespielt hatte. Von jüdischen Gelehrten, die sich in der Welt ein großes Ansehen erworben, war ihnen lediglich Moses Mendelssohn bekannt, den sie zumeist als Mosche Dessau (aus Dessau) bezeichneten Daß diesen Einfältigen im Geiste dessen deutsche Pentateuchübersetzung: "der Tatsch" (Deutsch) als ein ketzerisches Unterfangen galt, kann nicht weiter Wunder nehmen. Auch mit der Kenntnis des jüdischen Schrifttums selbst war es bei ihnen übel genug bestellt. Von einer methodischen Erfassung des Talmuds, seiner Entstehungsgeschichte war auch entfernt nicht die Rede. Von der großartigen literarischen Entwicklung der spanischarabischen Juden hatten sie auch nicht die leiseste Ahnung. Lediglich die Namen Rambam (Maimonides) und Ibn Esra waren ihnen geläufig. Aus früherer Zeit trat selbstverständlich R a s c h i in den Vordergrund, nicht sowohl als der unentbehrliche Erkärer de Pentateuchs sowie der anderen biblischen Schriften, als vielmehr der des Talmuds. Dagegen hantierten sie beständig mit Rabbi Josef Karo, mit dem "R.J.ha-Kodesch" (Isaak Lurje), ferner mit dem Ramo, und aus der neuesten Zeit standen bei ihnen in höchster Verehrung Rabbi Eiiah aus Wilna, kurzweg der Gaon (Guen) genannt und der Posener Rabbi Akiba Eger (Reb Kiewe Eiger). Ihre gesamte Kenntnis der nichtjüdischen Geschichte läßt sich in die zwei Namen zusammenfassen: "Sander Muckdan", darunter verbirgt sich Alexander der Mazedonier, und "Tittes (Titus) der Rosche". So war der geistige Gesichtskreis dieser Männer beschaffen. Sie wanderten gleichsam als Fossilien unter den Lebenden ihrer Zeit - und dennoch in ihrer Art ehrwürdig. Bis in die allergeringfügigsten Lebensgewohnheiten hinein, hielten sie an den urväterlichen Bräuchen fest. Mit Ausnahme meines Lehrers, des Dajan, trieben die übrigen Brüder damals einen Lederhandel, der ihnen jedoch Zeit genug ließ, um ihrem talmudischen Studium eifrig nachzugehen. Denn diese Beschäftigung galt ihnen ja als ein Gottesgebot. Sie "lernten" im Talmud, um seiner selbst, um der Sache willen. Sie glaubten damit lediglich einer idealen Pflicht zu genügen und sie fanden darin eine sie beseeligende Zufriedenheit. Sie waren allesamt mehr oder weniger Naturen wie der Pater bona fide in Lessings "Nathan" und das traf besonders auf meinen Lehrer Reb Falek zu. Das kleine, schmächtige Männchen war vertrauensselig, hatte kein Arg, man hörte nie ein böses, oder gar ein zorniges Wort aus seinem Munde. Nur ein einziges Mal habe ich den stets friedlich gesinnten alten Mann in einer furchtbaren inneren Entrüstung und in einem maßlosen Zorn aufbrausen sehen. Das geschah, als seine Schwiegertochter uns bei unserer Talmudlektüre überraschte und mit einem gewissen brutalen Trotz ohne Haarscheitel vor ihm erschien. Ich sehe den über diese ihm angetane Schmach außer sich geratenen Reb Falek noch in aller Deutlickeit vor mir. Totenbleich erhob er sich von seinem Sessel, keines Wortes mächtig, zitternd an allen Gliedern seines schwachen Körpers. Endlich erhob er die geballte Faust, er holte aus, ich fiel ihm in den Arm und erinnerte ihn, um ihn einigermaßen wieder zu sich zu bringen, an das Wort, daß nicht die Sünder, sondern die Sünden ausgetilgt werden mögen. Ich winkte der kecken Schwiegertochter zu, sich zu entfernen. Mein in's Herz getroffener armer Reb Falek sank halb ohnmächtig in seinen Sessel zurück, ein Tränenstrom ergoß sich aus seinen Augen, er bedeckte sein Gesicht mit den Händen, sein ganzer Körper zuckte wie von einem Fieberfrost geschüttelt - an diesem Tage lasen wir nicht weiter. Hier unter diesen Falk-Familien lernte ich zum ersten Male den Begriff, das Wesen "Ghetto" kennen und verstehen. Hier atmete man richtige "Ghetto"-Luft. In Kempen war das keineswegs der Fall. Das ganze (Fortsetzung auf Seite 3)