Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2001
- Issue
- No. 71 (2001)
- Date
- 2001-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 1643)
- Language
- German
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2 Für Walter Laquer DAS ENDE DER BELLE EPOQUE IN WROCLAW ÜBER DIE VERNICHTUNG DER JUDEN IN LAQUEURS HEIMATSTADT: KAROL JONCA Wer in der schlesischen Odermetropole, Breslau - Wroclaw, die Belle Epoque des wilhelminischen Kaiserreichs miterlebte, wusste, was diese Zeit zu bieten hatte: Sicherheit und Prosperität. Den "prahlerischen Glanz" des alten, malerischen Breslau erschütterten noch nicht die Ereignisse des großen Krieges. Sicherheit und Prosperität schwanden zusehends im braunen Alltag der Nazis und fanden ihr jähes Ende in der völligen Vernichtung einer einst herrlichen, blühenden Stadt in den letzten Kriegswochen anno 1945. Die Juden Schlesiens spielten seit dem Mittelalter, besonders nach der Emanzipation im 19. Jahrhundert im Gesamtbild des jüdischen Lebens in Deutschland eine zunehmend hervorragende Rolle. Die jüdische Bevölkerung Schlesiens erreichte um 1800 mit 52.000 ihren Höchststand, fiel im Laufe der Industrialisierung auf 44.000 im Jahre 1910. Breslau hatte im Jahre 1933 die drittgrößte jüdische Gemeinde (20.202) des Dritten Reichs - nach Berlin (160.000) und Frankfurt am Main (26.000). In Niederschlesien gründeten jüdische Unternehmer Baumwoll-Textilfabriken und renommierte Handelshäuser, in Oberschlesien Bergwerksgesellschaften, Unternehmen in der Montan- und Schwerindustrie, im Transportwesen, Bank- und Handelsgesellschaften. Weltbekannt wurden Namen jüdischer, aus Schlesien stammender Nobelpreisträger wie Fritz Haber, Max Born, Paul Ehrlich, Otto Stern und Konrad Bloch. Ende der zwanziger Jahre öffnete der aus der Waldenburger Gegend stammende Pastor Joachim Hossenfelder die Tore der protestantiscen Kirche für Hitlers nationalsozialistische Weltanschauung. Seine Glaubensbewegung "Deutsche Christen" begrüßte in ihren "Richtlinien" Rasse, Volkstum, Nation als "Gottesgeschenk". Reichsleiter Hossenfelders Programm vom 6. Juni 1932 entsprach Hitlers Parteiprogramm und galt insofern als bahnbrechend für die spätere Rassengesetzgebung, da er sich entschieden gegen Mischehen mit Juden und den gesetzlichen Schutz des deutschen Volkes vor mindenwertigen Elementen einsetzte. Bereits in den ersten Wochen nach Hitlers Machtübernahme kam es in Breslau zu Judenverfolgungen, deren strategisches Ziel darauf gerichtet war, die "Nichtarier" aus der deutschen "Volksgemeinschaft" mit rechtlichen, politischen und wirtschaftlichen Mitteln zu verjagen. Sie wurden durch sozialen Druck, "Verwaltungsmaßnahmen" und unzählige Boykotte ergänzt. Der ersten wirtschaftlichen Boykottwelle vom 1. April 1933 ging am 13. und 14. März eine "Aktion" der Breslauer SA-Einheiten voraus, die gröhlend ins Gerichtsgebäude am Stadtgraben eindrangen und jüdische Rechtsanwälte und jüdische Richter aus dem Gericht vertrieben. Jüdische Rechtsanwälte und jüdische Richter wurden durch eine Verfügung vom 31. März von Reichskommissar Hans Kerrls beurlaubt. Das Betreten der Justizgebäude wurde ihnen verwehrt. Laut "Beamtengesetz" vom 7. April wurden von 564 jüdischen Rechtsanwälten in Schlesien nur 239 zur weiteren Ausübung ihres Berufs zugelassen. Ein Gesetz vom 25. April führte im Hochschulwesen den berüchtigten numerus clausus ein und jüdische Ärzte bekamen in der Verfügung des Arbeitsministers den Ernst der ersten "Arierparagraphen" zu spüren. In Breslau wütete die SA unter Führung des neuen N a z i - P o I i z e i p r ä s i d e n t e n Obergruppenführer Edmund Heines, bis ihm im "Röhm-Putsch" Nazi-Häscher ein klägliches Ende bereiteten. Noch am 10. Mai 1933 inszenierten seine SA-Männer auf dem Breslauer Schlossplatz unter der begeisterten Leitung des evangelischen Theologen Karl Bornhausen eine riesige Bücherverbrennung - Bücher und Schriften jüdischer Autoren, die aus öffentlichen Bibliotheken entfernt wurden. Walter Tausk, ein jüdischer Handelsvertreter, schreibt in seinem Tagebuch: "Die SA und SS, vor allem die SA, haust in ganz Deutschland, aber vor allem in Schlesien, schlimmer als die Horden im Dreißigjährigen Krieg (...) die Bevölkerung wird malträiert." Juden zur Auswanderung gedrängt Der von dem Nazis, besonders der SA geschürte und gesteuerte Volkszorn sollte der "Einschüchterung" und dem Ausschluss jüdischer Bürger aus der "Volkgemeinschaft" dienen. Die Einführung der Nürnberger Rassengesetze (1935) und die Welle von Ausführungsverordnungen gab den Nazis Ansporn zur "Legalisierung" der antijüdischen "Säuberungsmaßnahmen". Wirtschaftliche und soziale Verdrängung, Boykottmaßnahmen und gesteuerte Judenfeindschaft im Alltag drängten jüdische Bürger zur Auswanderung aus Deutschland. Nach den großen Auswanderungswellen, unter anderem nach der "Kristallnacht" verblieben in Breslau von einst über 25.000 nur noch 9.184 Juden (am 31. März 1941). Es gelang unter anderem den Cohns, den Biebersteins, den Laqueurs, den Jokls auszuwandern - zum Teil nach Übersee, Südafrika, Brasilien, Shanghai. Unter den nach Shanghai Ausgewanderten war * Hildegard S. Weihsblum, Walter Laqueurs Cousine. Aus vielen Gründen gelang vielen die Auswanderung nicht mehr. Zeugen des Holocaust werden etwa Willy Cohen und Walter Tausk, im Spätherbst 1941 ereilt sie das Schicksal - die Deportation "nach dem Osten", aber ihre Tagebücher blieben erhalten. Noch während des Kriegsjahres 1940 wanderten 544 Juden aus Breslau aus, im Frühjahr 1941 waren es nur noch Einzelfälle, dann wurden die Auswanderungen gestoppt. Der zehnjährige Wolfgang Margoliner und seine sechsjährige Schwester Rose gehörten wohl zu den letzten, denen es im Oktober 1940 gelang, nach Shanghai auszuwandern. Das zentral gesteuerte Judenpogrom vom 9. November 1938 verlief in Breslau und anderen schlesischen Städten nach den aus der Literatur bekannten Schablonen. Breslaus SS-Oberführer Rauter meldete dem Reichsführer-SS Himmler, dass die "anbefohlene antijüdische Protestaktion" im SS-Oberabschnitt Südost pünktlich am 10. November um 1.30 Uhr eingesetzt hatte. Breslaus große Synagoge, ein Prachtwerk Edwin Opplers, ging in Flammen auf, alle jüdischen Geschäfte, Warenhäuser, ( Magazine, ein Teil jüdischer Wohnungen, i wurden von SS-Horden demoliert und beraubt. Voller Stolz meldete der Höhere SS- und Polizeichef in Breslau, Erich von dem Bach- Zelewsky, dass in seinem Befehlsbezirk 80 Synagogen in Flammen aufgegangen waren. In Breslau fiel den Flammen eine Synagoge zum Opfer Zwei weitere, darunter die Storchsynagoge in der Wallstraße, wurden von SA-Männern demoliert. Die den Breslauer Juden auferlegte "Sühneleistung" brachte der Staatskasse in den Jahren 1938 und 1939 etwa 33,9 Millionen Mark ein. Im Rahmen der (Fortsetzung auf Seite 3)