Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 2001
- Issue
- No. 70 (2001)
- Date
- 2001-01-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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13 ...MfiN LIESS SIE ERBARMUNGSLOS VERHUNGERN Dr. Helmut Krumpholz, St. Augustin Ulrich Herbert (Hg.): Nationalsozialistische Vernichtungspolitik 1939-1945. Neue Forschungen und Kontroversen. Fischer Taschenbuch, Frankfurt/M. 1998, 332 Seiten, DM 24, 90. Seit den achtziger Jahren, verstärkt vor allem durch die Goldhagenschen Thesen zur Rolle der "gewöhnlichen" Deutschen (Hitlers willige Vollstrecker), hat sich die wissenschaftliche wie auch die öffentliche Diskussion über die Geschichte der NS-Vernichtungspolitik mehr und mehr von der Interpretation ideologischer Zielsetzung verlagert auf die Vernichtungsvorgänge in den eroberten Gebieten. Auseinandersetzungen, ob der Holocaust als Vollzug einer Weltanschauung oder als Prozeß einer kumulativen Radikalisierung anzusehen sei, traten hinter Untersuchungen vorwiegend jüngerer Historiker zurück. Ermöglicht vor allem durch die Öffnung der Archive in den Ländern des ehemaligen Ostblocks, konnten sie neue Quellengrundlagen erschließen und Fakten ermitteln, die bis dahin unbekannt oder auch unbeachtet geblieben waren. In den Blickpunkt trat dabei insbesondere die Rolle der Wehrmacht, und zwar sowohl die Rolle der einzelnen Besatzungsverwaltungen wie auch des einfachen Soldaten oder Polizeiangehörigen. Ferner hat sich, zusammengefaßt formuliert, gezeigt, daß jedenfalls in der Frühphase der Vernichtungspolitik das Gewicht situativer Umstände und regionaler Initiativen für die Auslösung der Verfolgungsmaßnahmen höher zu bewerten ist als bisher angenommen wurde. Sicherlich wurden diese Initiativen von der Zentrale in Berlin gebilligt, häufig erst im Nachhinein, aber es waren keine zentral geregelten und ins Werk gesetzte Aktionen. Nach Motiven sowie Art und Umfang der Realisierung, und das gilt auch für den Anteil von Wehrmachtsstellen und Truppe, sind sie unterschiedlich verlaufen, waren sich aber in einem Ziel einig, der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung. Es fiel dann der Zentrale nicht schwer, anlässlich der Wannseekonferenz im Frühjahr 1942 die Zügel in die Hand zu nehmen, die V e r n i c h t u n g s m a ß n a h m e n zusammenzufassen, verwaltungsmäßig zu verselbständigen und sogar auf Kosten militärischer Maßnahmen in den Mittelpunkt der Kriegspolitik zu stellen. Das Buch, das diesen Komplex unserer Vergangenheit in eindrucksvoller und leicht verständlicher Formulierung schildert, bietet nicht allein dem Wissenschaftler oder Politiker, sondern auch dem interessierten Bürger eine aufschlussreiche Fundgrube. Es geht auf eine Vorlesungsreihe der Universität Freiburg im Wintersemester 1996/97 zurück. Der Herausgeber schildert zunächst in einer Zusammenfassung Entwicklung und Stand von Forschung und Diskussion, vor allem die Hinwendung zu dem Geschehen vor Ort. Sodann werden in einzelnen Beiträgen die wichtigsten Ergebnisse solcher regional orientierten Forschungen dargeboten, die Entwicklung in Polen, in der Sowjetunion, in Serbien, Litauen und Frankreich sowie ein von einem britischen Forscher gezeichnetes Täterbild, das sich auf den Einsatz des Hamburger Reservepolizeibataillons 101 bezieht. Insgesamt betrachtet erhellt, daß zumindest bis zu der vorerwähnten Wannseekonferenz für die genannten Mordaktionen in erster Linie wirtschaftliche und militärische Gesichtspunkte auslösend waren, wie z..B. Aufbringung von Nahrungsmitteln für Truppe und Reich, Transportraummangel, Sicherung gegen Partisanen sowie die jeweilige Kriegslage. Daß sich mit diesen Motiven auch weltanschauliche Überzeugungen verbanden und Radikalisierungsprozesse zum Tragen kamen, ändert hieran wenig. Damit erweist sich die Vernichtungspolitik des Regimes als ein Teil der deutschen Eroberungs- und Besatzungspolitik in Europa. Aufschlußreich und schockierend zugleich sind insoweit insbesondere die Vorgänge in Weißrußland und Frankreich, die hier beispielhaft genannt werden sollen. Weißrußland hatte von allen besetzten Regionen die höchste Zahl der Opfer - Juden, Bauern und Flüchtlinge als Opfer der Partisanenbekämpfung und Kriegsgefangene - aufzuweisen. Von den einst 9,2 Mio. Einwohnern waren nach der Rückeroberung im Sommer 1942 weit weniger als 7 Mio. übrig geblieben. Umgebracht waren etwa 550.000 weißrussische Juden, ihr überwiegender Teil wurde schon in regionalen Mordaktionen getötet. Hier waren, wie einleuchtend dargelegt wird, kriegswirtschaftliche, in erster Linie auf ernährungswirtschaftlichen Druck zurückzuführende Gründe für die Auslösung des Geschehens ursächlich. Die Erfüllung des ''Aufbringungssolls" wurde mit äußerster Brutalität realisiert: so ließ man z.B. zur Beseitigung "überzähliger, unerwünschter Esser" oder zur Einsparung von Transportkapazität zahllose Opfer im Rahmen eines ,,Hungerprogramms" erbarmungslos verhungern. Was die beteiligten Institutionen angeht, waren Militär- und Zivilverwaltungen nicht zurückhaltende oder bloß zustimmende, sondern eher treibende Kräfte der Judenvernichtung. In Frankreich war es neben der Regierung in Vichy die deutsche Militärverwaltung, die, wenn auch erst auf wiederholte Intervention der Botschaft und des OKH, in der Judenpolitik schon bald aktiv wurde. Ziel war die Entfernung möglichst aller Juden aus dem besetzten Gebiet, wobei auch, wie im Reich, handfeste wirtschaftliche Erwägungen eine Rolle spielten. Als sich nach Beginn des Rußlandfeldzuges Anschläge kommunistischer Widerständler auf deutsche Soldaten mehrten, kam es zu umfangreichen Verhaftungsaktionen und Erschießungen vorwiegend jüdischer Geiseln. Für letztere Repressalie forderten Hitler und das OKW eine Erschießungsquote von 100 Geiseln für ein deutsches Opfer. Anstelle eines solchen Vorgehens schlug der Militärbefehlshaber von Stülpnagel die Deportation einer größeren Zahl von Menschen zur,.Zwangsarbeit in den Osten" vor. Diese Maßnahme sollte sich außer gegen Kommunisten vor allem gegen die Juden richten, die angesichts des in Frankreich damals nicht unerheblichen Antisemitismus vermutlich nur wenig Solidarität zu erwarten hatten. Die Berliner Zentrale griff diesen Vorschlag auf, ohne jedoch ihre brutal harte Haltung in der Frage der Geiselerschießungen aufzugeben; von Stülpnagel trat daraufhin im Frühjahr 1942 zurück. Die Vernichtung französischer Juden hatte damit eine neue Dimension erreicht. Die Publikation bietet einen erschütternden Einblick in unsere geschichtliche Erblast. Neben der Vermittlung neuer Erkenntnisse scheint mir ihre Bedeutung für die Öffentlichkeit vor allem darin zu liegen, daß sie nüchtern und mit klarer Beweisführung in Erinnerung ruft, was angesichts des distanzierenden Zeitablaufs in Vergessenheit zu fallen droht. Sie sollte vor allem den jüngeren Jahrgängen an die Hand gegeben werden, als Mahnung und in Beantwortung zahlreicher Fragen, die von ihnen immer wieder an die Älteren herangetragen werden. (AVS Informationsdienst Nr. 2/3 Dezember 2000)