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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 2001-01-01 · No. 70 (2001) · p. Seite 2

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
2001
Issue
No. 70 (2001)
Date
2001-01-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Sparen jüdischen Lebens von Christa Duller Eindrücke von einer Reise nach Breslau Auf dem jüdischen Friedhof Kosel im Westen Breslaus erfahre ich, daß in den Sommerferien eine deutsche Schulklasse zum "Saubermachen" kommt. Ich freue mich! Die Breslauer Juden - ein bedeutendes Kapitel Breslauer Geschichte. Da ich schon immer zum jüdischen Volk eine besondere Zuneigung im Herzen habe, abgesehen davon, daß sie Gottes Augapfel sind - daran ist nicht zu rütteln - bin ich sehr stolz auf meine Stadt bis, ja bis - umgedacht wurde-, das war dann auch zugleich das Ende meiner ehrwürdigen Heimatstadt -. Ja, bis 1933 war hier alles in Ordnung - Breslau war eines der größten Zentren deutscher Juden (im Jahre 1925: 23.240 4,2% und 65% der wohlhabenden Bürger Breslaus), jahrhundertealte, kulturelle, wirtschaftliche und politische Tradition mit herausragender gesamtdeutscher Bedeutung: Bankiers, Unternehmer, Kaufleute, Arbeiter, Handwerker, Künstler, Gelehrte, Schriftsteller, Philantropen, Politiker, Militärs, - auf Schritt und Tritt begegne ich den stummen steinernen Zeugen vergangener, glanzvoller Zeit: Jüdische Geschäfts- und Wohnhäuser mit herrlichen Fassaden, das jüdische Krankenhaus, 400 Betten Prof. Georg Gottstein - und viele andere mehr -. Auf dem alten jüdischen Friedhof, Lohestraße, riesengroß, zeugen die Grabmale - Tempeln gleich - mit ruhmreichen Namen von der Wertschätzung der hier Ruhenden, Namen wie: Lasalle, Stein, Alexander, Barasch, Bauer, Bielschowsky, Boden, Breslauer, Gottstein, Heimann, Lewy, Sachs, Schottländer, um nur einige zu nennen ... Ich stehe vor dem Haus Hohenzollernstraße 76: Sachs, Arthur, Großkaufmann, mit seiner Schwester ... Mutter sprach mit großer Hochachtung und Liebe von ihrer Herrschaft, wo sie so gut Kochen gelernt hatte - als junges Mädchen - jüdische Herrschaft - nicht herrschend, nicht von oben herab: "Trinken sie mit uns Kaffee - Streuselkuchen - Klara!". Im Judenviertel Meine Zeit geht unaufhaltsam dem Ende zu. "Es eilt die Zeit und stille steht sie nie - drum nütze sie" stand mal in meinem Poesiealbum - und ich will sie nützen, jede Minute! Wie gesagt - ich muß noch unbedingt in die Antonienstraße, Wallstraße, ich weiß selber nicht, warum es mich so stark dort hinzieht - aber irgend etwas zieht mich - unablässig - unweit der Hofkirche führt ein schmales Sträßchen in einen hohen, das heißt von hohen, alten Gebäuden eingeschlossenen Innenhof - ein Teil der Gebäude ist die alte jüdische Synagoge "Zum weißen Storchen" ein schöner, alter Langhans-Bau (Langhans baute das Brandenburger Tor in Berlin). Die weiße Storch-Synagoge war wohl der Vorläufer der späten, großen Neuen Synagoge, der zweitgrößten in Deutschland, ich habe sie auf Bildern gesehen - sie stand am Anger neben dem Polizeipräsidium - welch eine Ironie - und wurde am 9. November 1 938 in der "Reichskristallnacht" zerstört - ungeheuerlich zu was der zum "Ungeheuer" gewordene Mensch fähig ist - und nun stehe ich vor dem Rest der übriggebliebenen Storchen-Synagoge - sie steht noch, weil es damals zu gefährlich war, den roten Hahn auf's Dach zu setzen - alles Umliegende wäre abgebrannt - nur deshalb steht sie noch - vielleicht aber auch aus einem anderen Grund - nämlich aus einem schon einmal in meinem Aufschrieb benannten: “Wenn diese - nämlich das Volk der Juden - schweigen" - und sie mußten schweigen - eine Gedenktafel, die im Innenhof des Verwaltungsgebäudes der Synagogengemeinde angebracht ist, sagt das aus - in polnisch, hebräisch und deutsch: “Von hier, von diesem Platz aus wurden 1941 die Breslauer Juden deportiert nach ..." tausende und abertausende - mir ist schlecht und mich fröstelt bei über 30 Grad Hitze. Es geht um etwas anderes. Um das Vergessen. Vergiß nicht! - Ich auf keinen Fall. Neben mir steht jemand - der will auch nicht vergessen - wir beide stehen allein auf dem großen Innenhof und lesen die Gedenktafel - wir wollen beide unsere Wurzeln nicht vergessen - wir wollen beide nachgraben nach Vergangenem, wir haben beide Breslauer Wurzeln, ich christliche und Roberto Strauß aus Buenos Aires, Argentinien, jüdische. Wir stellen fest, daß an der stark verfallenen Synagoge "Zum weißen Storchen" tüchtig gearbeitet wird - innen drin - sie soll einigermaßen hergerichtet werden bis zum 9. November - da werden die jüdischen Breslauer Bürger, die noch zu erreichen sind, eingeladen - auch Roberto Strauß aus Buenos Aires - der jetzt seine wichtigen Geschäftstermine in Antwerpen unterbrochen hat, für eineinhalb Tage, um einmal in seinem Leben Breslau zu sehen, wo auch er seine Wurzeln hat - wo's auch ihn hintreibt - unerklärbar - so wie mich - wo wir beide suchen - ja - was suchen wir eigentlich? Unsere eigene Identität - man kann das Außenstehenden nicht erklären - sie verstehen's sowieso nicht - wir verstehen es ja selber kaum - da stehen zwei Menschen - siiissfiismimmismfmfmssmmsmimsmsmmmmfmmsmmisissmi wildfremd - in fremder Umgebung - kommen aus sich fremden Kontinenten und Lebensräumen und denken, fühlen und haben dieselben Erwartungen an und über ihr Breslau - also gibt es das doch - das "Heimaterleben“ oder Gefühl - wie man es auch immer nennen mag -. Heimat - hat mal einer im Schwäbischen gesagt - "Isch das, wo ma isch ond lebt", das stimmt bis zu einer gewissen Grenze - aber es gibt eben auch "das andere", das im Herzen sitzt - und das man nicht beschreiben kann! Roberto Strauß hat einen Zettel mit den Namen und Adressen seiner Großeltern - Bromberger - ich darf mitkommen ins Archiv - altes jüdisches Archiv - im Gebäude der Verwaltung der jüdischen Gemeinde - alte handgeschriebene Bücher - fein säuberlich in feiner spitzer Süterlin- Schrift - es sind Bestattungsdokumente der jüdischen Kultusgemeinde - "übriggerettete" Relikte - wertvoll - aus vergangener guter Zeit - ich wünschte mir, auch einmal ein solches Kirchenbuch unserer Salvator-Gemeinde mit den Daten meiner verstorbenen Großeltern sehen zu können - aber die sind wohl mit unserer Salvatorkirche untergegangen und verbrannt im Feuersturm der Festung Breslau. Die Großeltern Bromberger ruhen auf dem alten jüdischen Friedhof Cosel im Westen Breslaus. Er ist wochentags zugesperrt. Es wird auch hier schon zu viel Unfug getrieben. Nur am Sonntag - da kann er offiziell besucht werden. Hier werden die Toten der kleinen polnisch-jüdischen Restgemeinde bestattet. Ansonsten ist auch er ein Relikt vergangener guter alter Zeit. Man ist auch hier, wenn man das Tor von innen geschlossen hat, sofort in die Vergangenheit versetzt - riesige alte Bäume - riesige alte Grabmale, Tempeln gleich - riesige mit Efeu eingewachsene Gräberfelder - umgestürzte Steine - der Zahn der Zeit - beschriftet deutsch, oft auch zusätzlich in hebräisch - Brombergers liegen auf Feld 25b - wir machen uns auf die Suche - wir suchen und suchen - dann müssen wir aufgeben - sie zu finden, wäre beinahe wie ein "Sechser im Lotto", aber: hier auf dem "Riesenfeld 25" ruhen sie - auf jeden Fall. Zwei der überwachsenen Efeu-Hügel mit zwei überwachsenen Grabsteinen sind die letzte Ruhestätte der Brombergers. Vielleicht steht "Shalom" drauf. Ja - Shalom! Friede! Wir freuen uns - trotz allem. Auf dem schönen alten Ring ums Rathaus sitzen wir noch eine Weile bei einer Tasse Kaffee und genießen Breslau - die Gegenwart Mr. Strauß fliegt morgen zurück - er hat noch einen Termin in Düsseldorf. (Aus "Eine Reise in die Vergangenheit")

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