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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1997-01-01 · No. 63 (1997) · p. Seite 7

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1997
Issue
No. 63 (1997)
Date
1997-01-01
Page
Seite 7 (sequence 1455)
Language
German
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7 NUR FÜNF ÜBERLEBTEN Die Geschichte der Juden Estlands Eugenia Gurin-Loov ist eine zierliche ältere Dame. Sie sei gerade aus einer grossen in diese kleinere Wohnung gezogen. Die neue Umgebung sei ihr noch fremd, "aber hier habe ich alles schnell mit einem Griff", sagt sie, geht zu einem hohen Regal, öffnet ein braunes Paket, entnimmt ein Buch, schreibt eine Widmung hinien und gibt es mir. "Da können Sie alles nachlesen." Der Titel: " Holocaust of Estonian Jews 1941". Eugenia Gurin-Loov ist die zweite Vorsitzende der jüdischen Gemeinden in Estland, aber offenbar der Motor schlechthin. In Estland, dem nördlichsten der drei baltischen Staten, hätten Juden nie eine grosse Rolle gespielt. Zwischen den beiden Weltkriegen waren es etwa 4.500, 0,4 Prozent der gesamten Bevölkerung. Die Hälfte wohnte in der Hauptstadt Reval, das heute Tallinn heisst.Die restlichen verteilten sich auf Tartu (früher-Dorpat), Valga, Pärnu, Narva und einige andere Ortschaften. Sie waren kulturell weitgehend autonom mit eigenen hebräischen und jiddischen staatlichen Schulen. Wie in vielen anderen Ländern gewannen Mitte der 30er Jahre Nationalisten an Einfluss. In Estland nannten sie sich Omakaitsen. Sie waren antisemitisch und verlangten u.a., der jüdische Einfluss auf die estnische Wirtschaft müsse zurückgedrängt werden-bei 0,4 Prozent. 1940 war es mit der Selbständigkeit der kleinen Republik für fast ein halbes Jahrhundert vorbei. Stalins Aussenminister Molotow und sein deutscher Kollege von Ribbentrop hatten in Moskau ein Geheimabkommen unterzeichnet, das die baltischen Staaten dem Machtbereich der UdSSR unterwarf. Verfolgungen blieben freilich vorläufig aus. Sie setzten schlagartig am 14. Juni 1941 ein, acht Tage vor dem Einmarsch der Naziwehrmacht. Die roten Herrscher verschleppten etwa 10.000 Esten nach Sibirien, unter ihnen 500 Juden. Noch ehe die Wehrmacht Tallinn besetzte, konnten die meisten der zurückgebliebenen Juden fliehen - in die weiten Wälder oder in die Sowjetunion. Dort erwartete sie zwar nicht die Freiheit, aber sie waren vor den deutschen Mördern vorerst sicher.Etwa 1.000 zogenes vor, zu bleiben und notfalls in den Untergrund zu gehen. Zunächst brauchten sie nur - wie Juden im gesamten Machtbereich der Nazis - den gelben Fleck tragen. Doch bald durften sie öffentliche Verkehrsmittel und Bürgersteige nicht mehr benutzen. Dann begann das Registrierenmit tatkräftiger Unterstützung der Omakaitse-Einheiten. Das Oberkommando hatte der Chef des Sonderkommandos la, SS Obersturmbannführer Martin Sandberger. Es begann eine gnadenlose Jagd auf alle männlichen Juden, die älter als 16 Jahre waren. Sie wurden entweder auf offener Strasse umgebracht. Die Leichen blieben dort liegen oder sie wurden ausserhalb der Städte zusammengetrieben, erschossen und in Massengräbern verscharrt. Von Geheimhaltung keine Spur. Im Januar 1942 konnte Sandberger nach Berlin melden, Estland sei "judenfrei". Damit war das Martyrium der Holocaustopfer aber noch nicht zuende. Die estnischen Juden waren nämlich auch deshalb umgebracht worden, weil die SS und ihre Helfer Platz für deutsche Juden brauchten. Im Herbst 1942 rollten die ersten Güterzüge vor allem aus Westdeutschland, aber auch aus dem Ghetto Theresienstadt östlich von Prag und aus den überfüllten litauischen Ghettos Wilna und Kaunas sowie aus dem KZ Riga- Kaiserwald nach Estland. Die Männer und Frauen mussten für die deutsche Rüstungsindustrie Ölschiefer abbauen und später, als die Rote Armee gen Westen marschierte, Panzergräben ausheben. Wer nicht mehr arbeiten konnte, wurde an Ort und Stelle oder in den Lagern Lagedi und Klooga ermordet. Als Estlands Befreiung bevorstand, wurden die letzten Juden ins KZ Stutthof bei Danzig verschleppt und in die Ostsee getrieben. Am 22 September 1944 rückte die Rote Armee in Tallinn ein. Die letzten Juden, die dort überlebt hatten, tauchten aus dem Untergrund auf. Es waren fünf. Heute leidet die kleine Gemeinde vor allem daran, dass die jüngeren Frauen und Männer in den Westen Europas gezogen sind, vor allem in die Bundesrepublik "Wir richten uns so gut wie möglich ein ", lächelt Eugenia Gurin-Loov. "Kommen Sie in einigen Jahren wieder. Dann werden Sie sehen, ob es hier noch jüdisches Leben gibt." Heiner Lichtenstein (Die Mahnung, 1.3.1997.) Antisemitismus (Fortsetzung von Seite 6) sollen von den eigenen Problemen ablenken und eine Minderheit belasten. Benz sieht in dem gegenwärtigen Antisemitismus ein subkulturelles Substrat, man könne vieles als marginal oder esoterisch betrachten, aber ein Bedrohungspotential sei immer vorhanden, eine Prognose über die weitere Entwicklung der Bedrohung jüdischer Menschen sei nur mit Vorsicht zu stellen. Eine lebhafte und teilweise kontroverse Diskussion insbesondere zum Begriff des Antisemitismus schloss sich an die Ausführungen an. Alle Diskutanten waren sich aber einig, dass nur weitere ständige Aufklärung, auch nicht nur der Jugend, In einer mehr persönlichen Anmerkung beklagte Prof. Benz übrigens auch die Tatsache, dass die Bundesregierung die wenigen hundert Überlebenden des Holocaust in den Baltischen Staaten nicht entschädige, sondern dafür als Abgeltung ein Krankenhaus bauen würde, die dafür entstehenden Kosten wären gemessen zum Beispiel am Ausbau des Reichstages nur als beschämend zu bezeichnen. Dieser Auffassung kann man sich wohl nur vollinhaltlich anschliessen. Es bleibt zu hoffen, dass die weiteren Veranstaltungen dieser Art auf gleiches Interesse und gleiche Resonanz stossen und dass das Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin seine Arbeiterfolgreich fortsetzt. Dr. Kurt Samuel (Die Mahnung. 1.2.1997)

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