Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Journal
- Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
- Volume
- 1996
- Issue
- No. 60 (1996)
- Date
- 1996-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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ff Almemor und Gitter" w EIN KAPITEL ZUR GESCHICHTE DER STORCH-SYNAGOGE IN BRESLAU Die jüdische Gemeinde meiner Heimatstadt Breslau (1925: ca. 23 000 Mitglieder) war die einzige Grossgemeinde Deutschlands, welche — trotz aller religiösen und politischen Gegensätze — ihre Einheit aufrechterhalten konnte. Mit Recht betrachtete sich die „Breslauer Richtung" als Gegenpol zu Frankfurt, der Hochburg des sogenannten „Austritts", Stichwort für die religionsgesetzlich begründete Trennung orthodoxer Juden von der Hauptgemeinde und die Errichtung einer separaten Religionsgesellschaft. Die Breslauer Juden dagegen besassen im Rahmen der gemeinsamen Gemeindeorganisation ihre zwei Hauptsynagogen, die grosse liberale „Neue Synagoge", in der Nähe des Polizeipräsidiums am Anger 8, und die kleinere konservative „Alte Synagoge", in der Wallstrasse 7, unweit vom Jüdisch-Theologischen Seminar, das eine zwischen den zwei Richtungen vermittelnde Stellung einnahm. Mein Vater, als Zionist prinzipieller Gegner jeder separatistischen Spaltung, hatte seinen Betplatz in der „Alten Synagoge", kurz „der Storch" genannt. Das Gebäude war in den Jahren 1827—29 von dem bekannten Baumeister Carl Ferdinand Langhaus (1781 — 1869) auf dem Grundstück „Zum weissen Storch" errichtet worden, und mit diesem Gotteshaus sind meine ersten Kindheitserinnerungen verbunden. Als ich am 8. Schwat 5687 (8. Januar 1927) anlässlich meiner Bar- Mizwa (Konfirmation) den gesamten Wochenabschnitt und anschliessenden Prophetenabschnitt vortrug, befand sich der Almemor, auf dem die Torarolle lag, vorn, gegenüber dem Heiligen Schrein, dort, wo der Vorbeter seinen Dienst versah. Bei der an mich gerichteten Ansprache des Rabbiners stand ich ebenfalls vor dem Almemor, über dem sich die Kanzel des Rabbiners erhob. Von der Frauenempore, deren niedrige Bailustrade den Ausblick auf den Männeraum nicht versperrte, sah meine Mutter, beglückt und befriedigt, auf ihren einzigen Sohn herab. Die Tatsache, dass der Almemor, entgegen der in konservativen Synagogen üblichen Raumaufteilung, nicht in der Mitte stand und dass die Frauenempore nicht vorschriftsmässig vergittert war, dürfte bei der Mehrzahl der Beter keine religiösen Skrupel hervorgerufen haben. Die „Storch-Synagoge" war bis zur Eröffnung der „Neuen Synagoge" im Jahre 1873 das der liberalen Mehrheit und der konservativen Minderheit gemeinsame Gotteshaus und es entsprach dem reformatorischen Geist der Majorität, dass auf die althergebrachte Aufstellung des Almemors in der Mitte des Raumes und auf die Errichtung des Gitters vor der Frauenempore bewusst verzichtet worden war. Als dann 1873 die „Storch-Synagoge" den Konservativen übergeben wurde und sich im Laufe der Jahre ein Erweiterungsumbau als notwendig erwies, nahmen die Gemeindemitgl'eder an de> bestehenden Anordnung keinen Anstoss, obwohl sie nicht der in der orthodoxen Synagoge üblichen Raumaufteilung entsprach. „Almemor und Gitter" wurden erst im Jahre Von Prof. JOSEPH WALK 1928 zur orthodoxen Kampfparole, als ein Umbau des gesamten Innenraumes bevorstand. Die Initiative ging zweifellos von dem seit 1921 in der „Storch-Synagoge" amtierenden Rabbiner Moses Hoffman (1873— 1958) aus. Moses Hoffmann war ein Sohn von David Hoffmann (1843—1921), Dozent und Rektor des orthodoxen Rabbinerseminars in Berlin, der als Talmudforscher und Bibelexeget zu den bedeutendsten Vertretern der deutsch-jüdischen Orthodoxie zählte. Er war seinerzeit auf Betreiben der orthodoxen Mitglieder der Gemeinde berufen worden, denen der vom Breslauer Jüdisch-Theologischen Seminar graduierte, seit 1913 als zweiter Rabbiner fungierende Rabbiner Max Simonsohn (1888—1936) als Nachfolger des 1921 verstorbenen Ferdinand Rosenthal (geb. 1838) nicht genügte. In einer seiner Predigten erhob Hoffmann, im Zusammenhang mit dem geplanten Umbau des Innenraums, die Forderung der Verlegung des Almemors und die Erhöhung des Gitters und der Frauenempore. Als Rabbiner konnte er sich zweifellos auf historisch und religionsgesetzlich (halachisch) begründete Argumente stützen. Schon in der berühmten, gross angelegten Synagoge Alexandriens stand „in der Mitte [...] eine Tribüne aus Holz, auf der der Gemeindediener mit einem Sudarium (Tuch) in der Hand stand, und wenn Amen zu sprechen war, schwenkte er des -,"'J das "anzc Publikum antwortete Amen." Hierauf geht u.a. der Brauch zurück, den Almemor in die Mitte der Synagoge zu verlegen, um allen Besuchern des Gottesdienstes die Toravorlesung im weitesten Sinne des Wortes „nahezubringen" und das Anhören der in moderner Zeit eingeführten Predigt zu erleichtern. Auch die Trennung der Geschlechter beim Gottesdienst wird an derselben Talmudstelle historisch begründet. „Die Rabbinen lehrten: Anfangs sassen die Frauen innerhalb (des Frauenhofs des Tempels) und die Männer ausserhalb, als es aber zu Ausgelassenheiten kam, ordnete man an, dass die Frauen ausserhalb und die Männer innerhalb sitzen sollten. Da es aber noch zu Ausgelassenheiten kam, ordnete man an, dass die Frauen oben und die Männer unten sitzen sollten." Diese Anordnung wurde später dahingehend erweitert, dass ein Gitter den gegenseitigen Anblick der Geschlechter während des Gottesdienstes versperrte. Die vermutlich Ende Mai 1928 gehaltene Predigt erregte bei dem Grossteil der Hörer „eine gewisse Erregung", die in Zuschriften an die in Breslau erscheinende Jüdische Zeitung für Ostdeutschland ihren Ausdruck fand. In seinem anonymen Leserbrief „Zum Umbau der Storch-Synagoge" beschuldigt „ein alter Besucher der Storch-Synagoge" den Rabbiner, die Kanzel „zum politischen Rednerpult" verwandelt zu haben. Nachdem er die seiner Meinung nach kostspielige Forderung, den Almemor in die Mitte zu verlegen, als ein „Luxusbedürfnis" in „der Zeit grosser wirtschaftlicher Not" verurteilt hatte, führte er „die Trennung der Geschlechter" auf ihren historischen Ursprung zurück und versuchte zu beweisen, dass auch das Gitter „nur zeitlichen Umständen" zuzuschreiben sei. „Wer ins Gotteshaus geht zu beten, der wird beten, wie mit dem Gitter, so ohne Gitter." Die zweite, von der Redaktion zur Veröffentlichung ausgewählte Zuschrift stammt von Hermann Karger, einem in Breslau bekannten konservativen Juden, der—soweit zu ermitteln war — der konservativen Kultuskommission angehörte, die dem Verlangen des Rabbiners mehrheitlich zugestimmt hatte. Karger griff zunächst die Gitterfrage auf. „Wenn es stimmt, was ein Repräsentant in der letzten Sitzung gesagt haben soll, dass ein Gitter notwendig sei, damit die Frauen nicht schauen sollen, was sich unten bei den Männern tut, dann — ja dann sollen die Männer dem Gotteshaus fernbleiben, und ein Frauengottesdienst ohne Gitter abgehalten werden." Die für „Almemor und Gitter" veranschlagten Gelder von 20 000,— Mark sollten besser „zur Linderung der Not von Leuten, die existenzlos dastehen" verwandt werden. Karger „hofft zuversichtlich, dass der Vorstand energisch und einmütig dem sonderbaren Verlangen der Kommission entgeqentreten wird". Obwohl sich die Redaktion jeder Stellungnahme enthielt, sah sie sich doch verpflichtet anzumerken, dass nach ihren Erkundigungen sich die Kosten des Projekt nur auf 10 000,— Mark belaufen sollten (7000,— Almemor und 3000,— Gitter) und eine Ergänzung der Ballusfrade schon aus Sicherheitsgründen erforderlich erschiene. Nachdem sich sämtliche anfangs eingesandten Zuschriften gegen die vorgeschlagene Veränderung ausgesprochen hatten, gab die Redaktion drei Wochen später zwei Zuschriften Raum, die den entgegengesetzten Standpunkt vertraten. Die Redaktion betonte erneut, dass sie sich mit keiner der beiden Ansichten identifiziere, zumal es sich um eine Angelegenheit handle, die „offenbar nur die Besucher der Storch-Synagoge Unter sich austragen können". In der ersten Zuschrift trat Dr. Sammy Kober seinem Onkel Hermann Karger entgegen. „Durch die räumliche Entfernung" sei „aus der Thoravorlesung eine Nebensächlichkeit" geworden und das Gitter müsste schon aus „bautechnischen Gründen" wieder eingeführt werden. Die Befriedigung eines religiösen Bedürfnisses, selbst einer Minorität, dürfe nicht von finanziellen Überlegungen abhängen. Zum Schluss wies Kober die Angrifffe auf d:e angeblich politische Rede des Rabbiners zurück, der in seiner. Predigt nur ein religiös aktuelles Thema behandelt habe. (Fortsetzung auf Seite 3) 2