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Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel · 1990-01-01 · No. 54 (1990) · p. Seite 4

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Journal
Yediʿot shel Irgun ʿOle Breslau be-Yiśraʾel
Volume
1990
Issue
No. 54 (1990)
Date
1990-01-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Breslau 1929-Wroclaw 1989 Von Prof. Dr. JOSEPH WALK Breslau 1929: Ein für den damals 15jährigen — wie sich später herausstellte — entscheidendes Jahr, dessen Ereignisse von nachhaltigem Einfluss auf meine Entwicklung bleiben sollten. Im Frühjahr musste ich aus der behüteten, nahezu familiären Atmosphäre des Jüdischen Reformrealgymnasiums in die mir neue, sich von gleichgültig bis ablehnend verhaltende Klassengemeinschaft des Reformrealgymnasiums “Zum Heiligen Geist” übergehen. Neun Jahre lang hatte ich das Gluck gehabt, im Geiste von “Tora im Derech Erez", der Synthese von “Lehre und Umweltkultur” erzogen zu werden. Mit 12 Schülern hatten wir 1920 im ersten Schuljahr angefangen, jetzt waren es einige hundert Schüler, welche die bis zur Untersekunda aufgebaute Schule am Rhedigerplatz (die “Rhedigerschule") bevölkerten. Aber es ging über das Vermögen des “Jüdischen Schulvereins”, die Höhere Jüdische Schule weiter aufzubauen. Kurz nach meinem Eintritt in die nichtjüdische Schule beschloss ich — vielleicht unbewusst Ausgleich und Schutz suchend — eine neue jüdische Jugendgruppe zu gründen. Unter dem Bild von Theodor Herzl aufgewachsen,, lehnte ich den Eintritt in den toratreuen, politisch neutralen, “Esra” ab und rief eine Ortsgruppe des religiös-zionistischen “Brit Hanoar schel Zeire Misrachi” ins Leben. In diesem Kreis Gleichgesinnter, der sich langsam, aber stetig vergrösserte, fand ich geistigen und seelischen Rückhalt gegenüber den mir fremden Klassenkameraden. Die meinem Judesein anhaftende Andersartigkeit verspürte ich insbesondere am Sabbat und an den Feiertagen. Selbstverständlich war ich am Sabbat vom Schreiben wie von allen an diesem Tag verbotenen Tätigkeiten befreit und durfte an den Feiertagen dem Unterricht fernbleiben. An diesen Tagen konnte ich in der mir von Kindheit an vertrauten konservativen Gemeindesynagoge (der “Storch-Synagoge”) am G”ttesdienst teilnehmen. Mitte des Jahres fand die Einweihung des neuen, nach religionsgesetzlicher Vorschrift in die Mitte des Bethauses versetzten Almemors statt, ein aufwendiger Umbau, der auf den Widerspruch der grösstenteils traditionellen, aber nicht orthodoxen Mitglieder der Synagoge gestossen war. Dem jugendlichen Beter schien die Veränderung bedeutungslos. Rabbiner, Vorbeter und Gemeinde bestimmten mir weiterhin den Charakter des verinnerlichten und verhaltenen G”ttesdienstes. Die Gesänge und Melodien des “Storch", eine für Breslau typische Mischung von ost- und westjüdischer Liturgie, sollten mich noch viele Jahre später nach Erez Israel begleiten und meinem eigenen “Vorbeten” den Stempel aufdrückn. Noch wusste ich damals an den Hohen Feiertagen meinen Grossvater und Vater neben mir und war mir der Verbundenheit mit den zwei älteren Generationen bewusst. Ende des Jahres verstarb der Grossvater, der mir den Typ des litauischen gesetzestreuen “Maskil” (“Aufgeklärten”) verkörperte und zum ersten Mal in meinem Leben stand ich bei seiner Beerdigung auf dem Coseler Friedhof. Mit dem Tod des Grossvaters, der mir noch ein Jahr zuvor bei einem hebräischen Aufsatz, der mich zweifellos überforderte, die Feder geführt hatte, war ein Zeitabschnitt in meinem Leben zu Ende gegangen. Wroclaw 1989: 60 Jahre später, 53 Jahre nachdem ich Breslau als Lehrer und Erzieher einer Jugendalijagruppe verlassen hatte, befand ich mich wieder in meiner Geburtsstadt. Die Einladung der Universität in die jetzt polnische Stadt verdankte ich einem deutsch sprechenden Professor, der sich mit der Geschichte Schlesiens in der Neuzeit befasst und dessen besonderes Interesse der früheren Breslauer jüdischen Gemeinde gilt. Hatte ich schon in meiner Jugend Breslau und seine Bevölkerung — von der Natur abgesehen — nicht als meine eigentliche “Heimat" empfunden, so zog es mich jetzt nur noch zu den vier jüdischen Brennpunkten meiner Kindheit: Schule, Jugendheim, Synagoge und Friedhof. Da stehe ich nun im Hof der “Rhedigerschule”, Schüler des ersten Jahrgangs und im Jahre der “Machtergreifung” der erste aus der Schule hervorgegangene Lehrer der 6. und 7. Klasse. Das mir in allen Einzelheiten vertraute Gebäude, das auch heute als Schulhaus dient, ist unversehrt, auch der Schulhof ist unverändert. Dem Geist der Schule, der in sich geschlossenen Synthese von “Tora im Derech Erez” bin ich bis heute treu geblieben. Ich bitte meinen Begleiter, mit mir zum Jugendheim am Schweidnitzer Stadtgraben 28, zu fahren. Dieses von der Einheitsgemeinde Breslau erworbene Haus stand jeder jüdischen Jugendorganisation offen. Hier hatten auch wir unsere “Heimabende”, unseren “Oneg Schabbat" und unsere Diskussionen mit den anders gerichteten Bünden. Das Haus steht, wird aber zur Zeit renoviert und ist daher von einem Baugerüst verdeckt. Ein Blick zu den Fenstern des ersten Stockwerks, wo meine Mutter den weiblichen Arbeitsnachweis der jüdischen Gemeinde leitete, der in den Jahren der wachsenden Arbeitslosigkeit an Bedeutung gewann. Zurück zu den Erinnerungen an jene Stunden, als wir noch unser jüdisches Eigenleben pflegen durften, als sich uns die Umwelt immer mehr entfremdete und wir uns bereits als potenzielle Bürger der „altneuen" Heimat ansahen. Damals hofften wir auf die Verwirklichung eines religiösen Sozialismus in Erez- Israel, im Sinne von “Tora wa’Awoda” (“Lehre und Arbeit") und noch immer halte ich an dieser Weltanschauung fest, trotz der Risse und Sprünge, die dieses Ideal erlitten hat. Im Hof der “Storch"-Synagoge. Das G”tteshaus, von Nebengebäuden umschlossen, ist in der “Pogromnacht 1938” nur von innen zerstört worden. Aber das Gebäude ist heute so verwahrlost und baufällig, dass es abgestützt werden muss. Die wenigen in Wroclaw lebenden polnischen Juden — man schätzt ihre Zahl auf 70 — würden sich ohnehin in dem grossen Raum verlieren und können sich mit einem kleinen Saal in dem benachbarten Gemeindehaus begnügen. Mein polnischer Betreuer berichtet mir von seinen Bemühungen, den “Storch” unter Denkmalschutz zu stellen und in ein jüdisches Museum zu verwandeln. Hier kommt mir eindringlich zum Bewusstsein: es gibt keine Breslauer jüdische Gemeinde mehr, nur noch Geschichte und Vergangenheit. Auch das Schicksal der heutigen Wroclawer überalterten Juden ist unwiderruflich besiegelt und findet seinen geradezu symbolischen Ausdruck in dem mit (Fortsetzung auf Seite 17) ABSCHIED VOM TURNVEREIN IN BRESLAU Ich wandere den gewohnten Weg, meinen liebsten Abendspaziergang seit zwanzig Jahren. Genau eine halbe Stunde brauche ich immer dazu, denn ich bin gewohnt rasch zu schreiten, während ich mir in der Vorfreude der kommenden Genüsse ein Liedchen summe. Diesmal ist es anders. Schwer und schleppend sind meine Schritte, und je naeher ich meinem Ziele komme, desto langsamer wird mein Gang. Ich schelte mich kindnisch oder selbstsüchtig. Was ist denn geschehen? Nichts. Mein Kummer schrumpft zu einer Belanglosigkeit zusammen gegenueber den Sorgen der zahlreichen Glaubensgenossen, an deren Tür die Not pocht, weil sie ihre Existenz verloren haben und gezwungen sind, neue kaergliche Nahrungsquellen fuer sich und ihre Familien zu erschliessen. Ich aber nehme es tragisch, weil, ich als Nichtarierin aus einem Verein ausgeschlossen worden bin. Oder ist dies einer der kleinen Nadelstiche, die eine Seele tiefer verwunden koennen als die Faustschlaege dem Schicksals? Ich gebe es auf, mich gegen meine Gefuehle zu wehren und gehe weiter, immer langsamer. Der leere Koffer in meiner Linken wiegt wie eine Zentnerlast. Bald wird er gefuellt sein; dann wird es ueberstanden sein. Widerstrebend biege ich um die letzte Ecke, denn nun bin ich fast angelangt. Ich moechte nicht aufbiicken und tue es doch, um es nicht zu sehen, das grosse rote Haus mit den hohen, schlanken Fenstern, aus denen um diese Abendstunde immer froehlicher Gesang aus jugendlichen Kehlen erschallt. Endlich gebe ich mir einen Ruck und trete ein, bemueht, mir in Haltung und Gesichtsausdruck den Anschein ruhigen Gleichmuts zu geben. Unten, in dem behaglichen Vorraum, sitzt der Vereinskassierer, vor dessem gewohnten, freundlich jovialen Gruss ich heute fluechten moechte. Vergebens, er hat mich erkannt und begruesst mich — wie immer. “Ich muss doch meinen Austritt anmelden. Kann ich das bei Ihnen tun?" sage ich ohne ihn dabei anzublicken. Meine Stimme klingt mir fremd. “Bitte sehr”, antwortet er hoeflich und deutet auf einen kleinen Stoss von weissen Zetteln. “Das sind alles Abmeldungen. Da hat man mit den Leuten (er meint einige Herren vom Vorstand) schon soviele Jahre gut zusammengearbeitet, man ist an sie gewoehnt und jetzt... Es muss halt sein!” flüstert er mir vertraulich zu. Ich kann nichts erwidern und gehe hinauf in den Garderoberaum, und die Garderobenfrau, die mich schon als ganz junges Maedchen gekannt hatte, kommt mit entgegen. Nicht weinen, befehle ich mir, keine Szene machen! Aber die gute Frau macht es mir nicht leicht, sie scheint gern Traenen zu sehen. Sie zaehlt mir eine Reihe von Namen lieber Turnschwestern auf, die sich alle ihre Sachen schon abgeholt haben. Und so schwer sind sie gegangen, die meisten haben geweint. Ich fuehle ihren Blick. Nun grade nicht, denke ich und muss beinahe laecheln. Es gelingt nicht recht. Ich zwaenge meinen Kopf in das enge Schraenkchen, obwohl ich es bereits geleert habe. So bin ich wenigstens vor den Blicken der Guten gesichert. “Liegt dann da unten noch etwas?” forscht sie. “Ja, ich glaube ein alter Turnschuh", erklaere ich und (Fortsetzung auf Seite 15) 4

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