Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1906-12-27 · 52 (27.12.1906) · p. Seite 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
47 (1906)
Issue
52 (27.12.1906)
Date
1906-12-27
Page
Seite 9 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
85% known words query
IRI
…/2446951-9543451-9894062--1008-7375485
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

27. Dezember 1906 Petersburg, 2.Y Tezernber Tos Zentral komitee des „Veieins für jüdische Gleichbevechii' gung" sandle an alle Heilungen und Abteilungen des Vereines die folgende Mitteilung: »In der culslänbischen Piene erschien die Nachricht, daß alle russischen Inden sich angesichts der nahei:den Wahlen der Partei der niedlichen Erneuerung onschließen, Tas Zenrralkoimiee des Vereins für jüdische Gleichberechtigung, welches in den uninittelbarsten Beziehnngcn zu der jüd. Wahlbewegung ßelit, erklärt, das,' diese Nachricht vollständig salsch ist. Tie Vereinigung der Juden mit der Partei der friedlichen Erneuerung wäre ein Widerspruch gegen die Nesoluiione» der Vereinskonserenzcn und eine Verengerung der jüdischen Interessen. Tie Lchivankungen, ivelche die bervorragendüen Vertreter der Partei der friedlichen Erneuerung bei der Vebandlung der Judensrage gezeigt haben, entsprechen nieder der Leichtigkeit der s>rage, noch dein 'N'iveau des russischen Judentums, welches schon seit langem die Ueberzengung gcivnnn, dag die jüdische (Gleich berechtignng nicht aut de,» Wege der Kompromisse erreicht werden kann, ßind daß beim Kamps uni die jüdische <>>ieichverechlignng eine Opposition gegen alle Unteriiehuiungen der Negierung wider die Prinzipien der bürgerliche» Gleichheit und politischen Freiheit erforderlich ist." Perersbnrg, 22. Dezember. Wie aus sicherer Quelle verlautet, liegt der Ilkas, der den Juden Erleichterungen verschasien soll, bereits Zur Tagen ans dein Schreibtisch des Zaren. Von den Gegner» der Inden werden alle Hebel in Velvegung gesetzt, den Vollzug des Erlaßes zu hintertreibcn. An» dein Schreibtische des Zaren bleiben ivichrige Ukaien niiendlich lange liegen, bis die Entscheidung des verflossenen „Selbstherrschers" schließlich doch nicht als Ergebnis einer reiflichen Erwägung nach der einen oder der anderen -Leite fällt, sondern unter mein oder minder sainlein Zwange des allerletzten Nalgcbers. Warschau, l.'>. Tez. Im jüdi chen Hospital der Vorstadt Tsclniste fand vor einigen Tagen eine militärische llnrersnchung Natt, die in allen Kreisen gros-e Eiitrüstnng verursachte. Tas Hospi tal wurde von Truppen nnizingclr und alsdann die ganze Nacht hindurch hochnotpeinliche Verhöre' mit den Patienten vorgenommen. In der pnichiatrischen Abteilung. iväre es beinahe zu blutigen Zusammenstößen mit dem Militär gekommen. — Tie ganze ttntersuchnnq verlies völlig resultatlos. K a s a „ , 20. Tez. Wie die „Eentral News" melden, in ein rvegen Ermordung des Advokaten Michaelorv Viirskii bei dem letzten Pogrom zu elf Monaten Gefängnis ,lnd Ehrverlust verurteilter Genosse des Lchwarzen Hundert vom Kaiser zu zwei Monaten Gefängnis mit Erhaltung der bürgerlichen Nech.e begnadigt ivorden. - JL'.'Sr J^anhreid). Paris, 22. Tez. Tas ehemalige Korn fiftorinm hat die ,Türsorge für den jüdischen Elementarunterricht der Ecole normale der Alliance israelite übertragen. In religiöser Be ziehnng wird das wohl keine Aendernng bedeuten, weder zum Guten iloch auch znm schlimmeren. — (Gemeldet sind jetzt ungefähr 81» „religiöse Gemeinschaften" in Frankreich, eine Ziffer, die der Zahl der alten Gemeinden ungefähr ent spricht. — Drninmvnd wütet natürlich weiter gegen „Juden, Protestanten und Trennaurcr", der-en Einfluß das Trennur gsgcfetz einzig und allein zu verdanken fein soll. SiiUr tTnstcnrterr. Rumänisches. (Bon unserem Sorrcsvondemen Bukarest, 21. Tezbr. Der Kultusminister Dissescu bereitet einen Gesetzentwurf vor, wonach sämtliche Privatschulen n'.:r solche Lehrer, die bereite 10 Jahre an einer Der JSraeitt. anderen Lchule nnterrichket haben, sollen anstelle» dürscn. Ter Lehrplan der Privatschuleu muß genau dein der össentlichen schulen entsprechen. Tie an den Privatschulen anznstellenden Lehrer müssen akademisch gebildet sein und das Tnkultäts erame» abgelegt haben.. Tiefer Gesetzenrn-.nrs, der demnächst dem Parlament zugebe» soll, be deutet geradezu die Veruichlung der >üdiichen Volksschule». Bisher mußte ein Lehrer au einer jüdische» Privatschule ebeino :vie es'bei de» vfsenrlichen Volksschule» ist 4 Ginnnasialklassen absolviert haben - sei» Gehalt betrug «>'»--0 ,Trs. monatlich. Ein akademisch gebildeter Lehrer be aniprucht »lindeste,,s 2'»0 T»smonatlichwoher sollen aber die jüdische» schule , die sich ohnedies nur mit Mühe und Not zu erhalten vermögen, das hierzu uotivendige Geld nehmen? Tie von der Negierung beabsichtigte Maßnahme in geradezu eine Verhöhnung der jüdische» Bevölker uiig. Wozu brauchen denn die privaten Volks schulen was gleichbedeutend in mit den jüdi scheu eher als die öffentlichen. Lehrer mit Hochschulbildung. Nachdem der vorige Kultus uiininer Haret die lüdischen Privatschule!', nur einer unerträglichen Ttener belanet hat, benb sichtigt Herr Tineseu unumeln eine Blaßregel, die dienm Lchnleu überhaupt den Untergang be reiten würde. Tieie ,Tolge und die Trage, >vie dann die >Vuymi> der l'»« Tube» Nnmäniens mit dem notwendigsten Elementarunterricht ver sehen werden soll, in dein Kultusniininer wohl nicht in den 2-mn gekonnnen. Es gilt eben den zahl reichen studierten Lclmlaintsanivärtern ein Untere komme» zu verschaffe», und wer iväre besser als die Jude» geeignet, die Kosten hic»sür zu tragen' Tie Vorsteher der juristischen Gesellschaft wollen dein Parlament einen Gesetzesvorschlag unterbreiten, durch den die Inden von jeder anwaltlichen Tätigkeit noch strenger, als es bisher der Ta>l war, serngebalte» werden sollen. Von der Advokatur sind die Juden durch das (Ersetz längst ausgeschlossen - die ivenigen jüdischen Zn ristcn, die bereits vor Erlaß dieses (Gesetzes ihre Ttndien beendigt hatten, suchten sich demgegen über io zu Helsen, daß sie sich rechtliche Anspiüchc, die im Prozeßweg gelt nd gemacht werden sollten, abtreten ließen, um dann in eigener 2ache vor Gericht zu gehen. Es in selbstverständlich, daß nicht viele Nechtsnichende dieses Veriahren bevor zugen, und »o ist die Lage der noch vorhandenen jüdischen Juristen auch jetzt schon nichts weniger als beneidenswert. Tie >urißische Vereinigung fordert nnn aber, daß dieses Verfahren durch Ge'ctz untersagt wird. 2ie verlangt auch, daß Nichtanwälten untersagt wird, ein juristisches Bureau zu unterhalten, ferner daß jeder bei Ge richt einznrcichende Akt von einem Anwalt unter zeichnet fein mnß. Bei allen diesen Forderungen wird das Wort Jude nicht envühnt, nichlsdeßo weniger haben sic keine» anderen Zweck, als die jüdische» Nechrspraktikanten vollkommen ihres Erwerbs zu berauben. Tas iß überhaupt das Ziel: Wo den rumänischen Juden noch irgendwie die Möglichkeit gegeben ist, sich wenn auch in dürftig ster Weise zu erhalten, da strebt man dairach, ihnen auch diese letzte Möglichkeit ans dem Wege der Gesetzgebung zu rauben. Tie Negierung beschäftigt sich schon längere Zeit mit der Trage der Emanzipation der Be vülkerung von Tobrogea, der beßarabischen Pro vinz, die nach de», russisch lürkischen Krieg 1x77 aus russischem Besitz aus Nuinänien überging. Man hatte erwartet, daß die Torderung der bürgerlicheii Gleichstellung, die diese aus Grieche», Bulgaren und Tuben bestellende Bevölkerung längst erhoben hat, bereits in der letzten Thronrede berücksichtigt werden würde. Tiefe Erwart ung erfüllte sich aber nicht, und die Negierung läßt nun neuerdings mitte,len. daß sie eine Kon, mission nach Tobrogea entsenden iverde, die fest stellen solle, kvelche von den Bewohnern bereits beim Uebergang der Provinz an Nuinänien dort ansänig gewesen seien, diese würdet» alsdann die vollen Bürgerrechte erhalten. Es iß zweifelhaft, ob die Kommission auch die Juden von Tobrogea als schon im Jahre 1877 dort ansässig getveien bezeichnen wird. Nlwt ais ob das wirklich irgend Leite *. Nr '>2 wie in Trage gestellt werde» könnte. Aber inan iveiß, ivie s. Zt. mit den rumänischen Juden ver fahren wurde. Ter Berliner 'Verklag bestimmte zwar die bürgerliche Gleichstellung der rumänischen Inden Aber die Negierung fand, daß nur 7.« Juden eingeborene Nuuiä>><>>, oie übrigen aber Ausländer seien, dabei iß dokuinenlarisch feßgeßellt, daß die jüdische 'Bevölkerung Nuinäniens länger als ei» Jab, tausend im Land wohnt. Aehnlich wie den rnniänischen Juden kann es amb denen von Tobrogea ergehe». Amevtha. Baltl in o re, >o. Tez. In LÜd Ea rolina iß der 'Bedarf an Arbeitskräften z. Zt. so be deutend, daß Eiiuvanderer mit oß'eiien Arme» einpsangen werden, wenn sie einige Geichnklich keil für ,die Arbeit in den Baumwoll Mühlen oder zur Teldarbeik besitzen. Tas letzte Ein ivanderschin in Eharleßon ivurde an, Haren selb» von Tarnen der Gesellschan begrüßt und die An köminlinge mit Neisezehrung?e. versehen. Philadelphia, *. Tez. Unter großen Teierlichkeiten iß vorigen Lonntag in der .Kneseth Israel LNnagoge ein zu Ehren des verßorbene» Staatssekretär Ha», von bei «Gemeinde geßistetes künstlerisches ißlastenßer enthüllt ivorden. Tas Tenßer zeigt einen au» Bergesgipiel stehenden 2eher, der ein im Vordergrund kauerndes Ehe paar mir einem kleinen Säugling vor heran rückenden kriegerischen Horden schützt. Ter neue Handels und Arbeitsminißers Tsear Ltrans, der frühere Petersburger Gesandte Andrew White und Llaatssekietär Elihu Noot hielten Ansprachen, in denen sie der von edelßer Humanität erfüll te» Persön.ichkelt John Hans huldigten. Hans Protestnoten gegen die rnssischen und rumänischen Judenversolgnngen werden für alle Zeiten als Dokninente einer inenschlichen, rvahrhaf: großen internationalen Ltaatskunß gerühmt werden. Eapßadt, 2. Tezeniber. Ter Präsident des zionistische» Aktionskonntes, Herr Tavid Wolsisoh» ans Evln, iß bei feinen» Ausenthalt in Port Elizabeth und Eapstadt vou den zionistischen D rganisalionen enthusiastisch gefeiert »vorbei». Hier sühne der Bürgermeister den Vorsitz in der zu Ehre» Wolßsohns veranßal teten 'Versaninilung, die stark besucht »var. Wolfs »ohn dankte und »vies darallf hin, »vie viel in sinanzieller Hillsicht noch geleistet werden müsse, wenn man einen Erfolg erivanen wolle. llrrmlrcdte;. Berlin, '22. Dezember Die Schicksalr russischer 'Auswanderer gebürr» »u atlgeinriuen mch» zu den be neilxiiSwerirn. Lo wurde, wie die Bert. Morgenpost b« richte!, auch eine arme Tüdm aus Nunland, die zu idre» Kindern nach Amerika reisen wollte, aber von einein ge wlssrniosen Warschauer Auswanderungsagrntrn auf dem Batinbof Ateranderplatz (uriictaeiaiien worden war, dort von der Bahnosswache des diesigen lüdischrn Bolksverems imtlkitos und obne Tahrkarie auigrsunden und durch den Brrein, der sich die Jürsorge für derartige Durchwanderer zur Ausgabe gemacht da», vortaung mit Nahrung und Obdach vrrseben. Die Trau er^ähile aus dem Bureau des Hereins, sie habe in Berlin eine Lousinr, dir verheil ratet sei, wuhze aber weder deren Wohnung, noch deren Namen oder Ttand des Mannes. Dieseni Anhaltspunkt ging der Herrin ritrig nach. Tedoch trotz der ,z„anspruch nähme de« Adreßbuches, des (Linwohnermeldramtes und aller möglicher sonstiger Negis.er und Behörden konnte die ebrnsalls aus Nußland stammende iLousine nicht ermittelt werden. Schl„ßl,ch wurde eine besonders tüchtige Sraf» des BrreinS direkt aus dir Luche gesandt, und es gelang diesem .Lherlock Hormels" auch tatsächlich, unter den Hunderten der in Betracht kommenden Taniilirn dir richtige w ermitteln. Die geiuchrr tlounne war die Gattin eines ctzroßkausmannrs, eines bekannten Berliner Millionärs, der in einer der elegantesten Ltraßrn des Westens sein Heim h.rt. Mit lrbbanrn -iweiseln darüber, ob man dort wohl dir arme Jrau ausnrdmen würde wurde die Nussin zu ihren Berwandrrn gesandt. Nach rtw, ach. Tagen erschien aber im Bereinsburrau eine vornehn. gekieidele Taine, dir vor Rührung zunächst knn Wort herausbringen konnte. Der Brrrinslriter erkannte seinen Lchützling — denn es war niemand anders als dir vordem saß in Pumpen gekleidete Auswandrrndr — kaum wieder, als die Russin erzählte, daß man sie im Hause der Brrwandten mit allrr^ pirbr ausgenommen und in ^»>ch da» ne demnächst ohne niaterielle Borgen dir Reise zu ihren Kindern nach Amerika antrrten könne.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.