Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 51 (20.12.1906)
- Date
- 1906-12-20
- Page
- Seite 13 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/2446951-9543451-9894055--0997-7375475- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
•20. tf^embtr 1906. rHcctjt hätte, wenn alles, ivas ich mit meinen leibhaftigen Augen gesehen habe, eitel Vug und Trug und meine Uttel auch bie Eschen Ehajil (das wackere Weib wäre, die ne vor elf fahren war, als nur uns trennten!" Ein tiefer Seufzer entrang sich dem gepreßten Herzen des Unglückliche». Er war ein arofter. hagerer Mann mir schwarzem Vollbart, in den 1 sich schon ci»1ge Silberfäden mischten. Her Ernst und die Redlichkeit sprachen aus jedem Zug des wetterfesten <^esichtes, sowie jede Bewegung und Acufterung den vielgereincn, ivellersahrenen Mann bekundete, der jedenfalls nicht io leicht zu beschwichtigen war, als seine andere Halste, •?,achdein er aus Geheis; des Rabbiners sich nieder gesetzt hatte, sprach dieser: ״Rach dem Hin Gesetz der Thora hat der Kläger immer zuerst das Wort und das ist auch in unserem Falle so gehalten worden, Fhr habt Euere ,Trau schwer augeklagt und habt behauptet, Fhr hättet Euch nicht vom Hörensagen, sondern mit Euer« eigenen Augen von ihrer Untreue überzeugt, Fhr habt damals diese Anklage nur in allgemeine» Redensarten erhoben, ohne das; ich Euch ausforderte mir alle Einzelheiten Eueres Verdachts mitzuteilen. Das ist aber jetzt nö ig, wenn ich der Sache näher treten uild die Scheidung einleiten soll, Seid Fhr dazu bereit'?" ״Her Rabbi begreift", entgegnete der (Gefragte, ״ivie veinlich es für eilten betrogenen Ehemann in die Untreue seines Weibes in allen Einzel heiten zur Sprache zu bringen, aber wenn es notwendig in, so werde ich alles, was ich ive s;, erzählen. Fch sage ausdrücklich, ״ivas ich weis;", denn es handelt sich nicht etwa um einen blos;en Verdacht, sondern um Hinge, von denen ich mich selber überzeugt habe". :Rach einer kleinen Pause, in welcher er nilt Aufgebot aller .straft den Widenvillen nieder zukämpsen schien, der ihm die nun folgende Mitteilung seiner Erlebnisse verursachte, fulu ti fort: ״Her Rabbi weis; bereits, warum ich vor elf fahren meine Familie mit deren (Zustimmung verliest, oder richtiger mit Zustimmung meiner Ettcl, denn die Binder waren noch nicht erwachsen. Fch habe ein unruhiges, an Sorge und Anitrengung jeder Art reiches Veben hinter mir, aber der Himmel hat meine Tätigkeit gesegnet, so das; ich mene Familie erhalten, zwei Töchter verheiraten und auch eine Lumme znrücklegen k.nnte, mit der ich ievt die Heimat anssnhre, um nun rin ruhiges Vcben mit meiner Familie lebeir^ zu können. Wenn die Hitze des Tages, der Tyioft in der Rächt, die Mühen des Geschäfts und seine fortwährenden Ansregnugen mich verzagt und mul los machen ivollten, hielt mich immer der Gedanke an den Augenblick des 'Wiedersehens und des Zusammenlebens mit meiner Familie ausrecht. Fch lvollte sie überraschen, lim mir lind meinen sieben die Freude des Wiedersehens zu steigern. Fhre abges 1 iedene Verlassenheit war vielleicht »och opfervoller als ein ruheloses 'Wanderlebenich wollte einmal sehen, wie mein Hans ohne mich aussah. Als armer Mann verkleidet kam ich nach Momart zurück,׳ es sind jetzt drei 'Wochen her. Fch suchte in dieser Verkleidung meine Familie aufniemand erkannte mich. Zit der einzigen jüdischen Familie, die noch aufterdem in Momart wohnt und die mich ebensowenig wieder erkannte, fand ich ein Unterkommen über flacht. Als tvir Abends beisammen sagen, suchte ich das Gespräch, ohne das; jemand meine Absicht merkte, aus meine Familie zu lenken. Ich erkundigte mich, ivarum die übrigen Familien den h rt ver lassen hätten und meinte, dag die zwei jetzt noch allein ansässigen wohl viel ,niteinander verkehrten. Aus den Antworten, die ich bekam, merkte ich bald, dag meine Wirte nicht gut ans meine ,'yfliit lie zu sprechen waren. Ich forschte weiter und meinte, ivenn ztvei jüdische Familien allein in einem Horie leben, waren sie doch so auf sich angewiesen, dag man manches in den .Stauf nehmen müsse und nicht jedes Wort und selbst nicht jede Handlung aus die Goldwage legen dürfe. Aber meine Wirtsleute meinten, das alles Trr Israelit habe seine Grenzen. Sie!eien es ihren Stindern schuldig den Verkehr mit einer Familie auf;» gebe», deren Mutier in so schlechtem Rufe stehe, wie es hier der Fall sei Fcki warf die Vemerkung hin, das; mail an, das Gerede böser Menschen tiichts geben dürfe, ne selber hätten doch geivis; nicht׳!! ״;rechte.׳ von dcr Fr»»!,ririirn. Ha ivurde aber mein Geivährsniann wild und meinte, er gehe nicht leichtsinnig mit der Ehre eines anderen Menschen und gar mit derjenigen einer ,Trau um. Aber wen•! ich ihm nicht glaube, io könne iä> mich selber überzeuge». Nachts, ivenn olles im Horte still wird lind der Wacht r einzelnen die zehnte Stunde geblafen hat, dann wird's da druven lebendig. Ha kommen die jungen Burschen vom Horf, klopfen an die Vaden, die ,Trau E.tel selber öffnet sie, lägt die Vinschen Hineinneigen, die das Haus nach einigen Stunden, oft auch er!t beim Mo gcugrauen wieder v r lasten". Her Erzähler hielt erschöpft einige Sekunden inne und fuhr dann fort: ״Als ich diese Mitteilungen Hörle, glaubte ich, die Vliitwelle, die ich plötzlich mir zu stopf steigen fühlte, müsse mein Verräter iverden. Hie Pulse käiumertei?, das Herz pochte, der Aiem st.'ckte unr, ich nieinte, ich müsse ersticken. Ich hatte jedoch noch Geistesgegenwart genug den Stopf ein ivenig seitwärts zu halte», so dag er dem Schein der!Hellampe entrückt war und keiner elivas von meiner Erregung merkte. Fch lies; dann einige Worte fallen, man möge sich wegen der Lache nur nicht ausregen, ich hätte als ,Tremder >a gar kein Fnteresse an Venten, die ich nick» einmal dem '.Rainen nach kenne und gab dem Gespräch bald eine andere Wendung. 'Rach einer halben Ltunde schützte ich Uebermiidung vor nnd wurde von meinen gastlichen Wirten in melii Zimmer geführt. Es ivar noch nicht nenn Uhr Hag ich »ick t zu Vctt ging, kann man sich denken. Fch löschte das Vicht aus und fetzte mich an das offene Fenster. »00! ::׳.״ mir nichts entgrl e» rvnulc, ivas in meinem gegenüberliegenden Hanfe vor ging. Verlangt der Ra . bi, das; ick, weiter erzählen soll, ivas nun folgte?" (,Torlfetzung folgt Dämon nnd Dljintias in der Iudengalse. Bo» jlrtbur Rahn. 47 Wacbbwicf vcrboltn. Hie zahlreichen Meilschen, die jetzt das ganze Haus füllten, gaben sich indessen keinerlei sciitimentalen Vctrachtungen über die Wandelbarkeit des Glückehin. Sie wollten vielmehr für billiges Geld zu Gebrauchsgegensränden kommen, für deren An schassnng erst die gerade gebotene Gelegenheit eine Rotivendigkeit schuf. Neugierde und Ueberfluft an freier Zeit trieben immer noch mehr Lchaii lustige herbei, betut eine Auktion bot von jeher dem Stleinstädter genügenden Ersatz für das Tbe ater. Es ist sogar fraglich, welchem von beiden Vergnügungen er den Vorzug geben würde. Einer der lautesten von alle» war der rote Hannes, vom Publikum immer noch Vimbachers Meschores genannt. Er spielte eine Art,Tührerrolle, wie etwa ein Schloftkastellan oder ein sMueumsdiener. Auch Adolf Eberstein war da mit seiner Braut und Frau Wächter. Tie folgten dem Hannes in einen kleinen Talon, ehemals Limbachers Prunkzimmer, worin die ivenvollsten Gegenstände zusamniengestellt ivaren. ״Has wäre ein Ttück Möbel f«1 Tie", wandte sich Hannes an die Braut Ebersteins, indem er auf ein überaus kunstvoll gearbeitetes Kanapee hindeutete. Adolf lieft sich hineinfallen und!treckte die Beine von sich. Has Kanapee, die dazu gehörigen Tessel und Stühle fanden auch den Bei'all der künftigen Schwiegernultrer. Frau Wächter, die zur groften Belustigung der reute ein gestieltes Vorgnon mit sich zu führen pstegte, stellte sich daun vor einen Stahlstich, Napoleon aut einem weiften Pferd ininitten des Schlachtgekünimele darstellend. Has Voran׳ «״»st an dir Nr. '>1 Teile 19 Augen drückend, studierte sie mühsam die darunter stehenden Schrntzeichen und ries dann laut: ״Hieies Bild wollen mir steigeni, Napoleon ist sehr gut darauf getroffen, es stellt ihn vor in der Schlacht beim Wasserfloh." Hie Umstehenden begannen leise zu lachen, die Tochter mnrdhl,,» rot »n Gencht, Adolf ivarf der Schnuegermntter einen ivütenden Blick zu Has; diese ungebildete Perlon sich auch immer blaut eien muftte. Sich zu einem zweiten, ähnlichen Bild wendend, fuhr lie unbeirrt fort ״Hier ist Napoleon nicht so gut getrosten, fei» Gefliigkladjutaitt ist viel qröfter als er." Fetzt lachten die Veute schon viel lauter. Hie Tochter wandte!'ich mit einem heutigen Ruck gegen ihre Mutter und zog sie mit sich ׳ort, er regt aut sie einsprcchend. Adolf war Hannes in einen kleineren Nebenraum gefolgt, dem ehe maligen Schlafziunner Bettus. Ein wieherndes tsst'lächter ertcholl dann, fodas; sich die Veute an die Türe drängten. Her Meichores hatte e nen zotigen Witz g mack t, der sehr beifällig aufge nonnuen ivorden war. So wurde in diefer Stunde das Reinste, was ei» keusches Mädchen wie ein unan astbares Heiligtum umgab, dem Schmutz roher Patrone prelsgegebcn und von sieche», lüsterneu Blicke» schamlos eniwciht. Ein besseres G fühl regte sich in Adolf Eberstein. Er schämte fick, vlotzli h dieser «"esellschaft, die i» ge meinen Witzeleien eine reine Mädchenfeele schän bete. Unter diesen Tröpfen ivaren Ltandesge nossen, Männer, die auch Töchter und Schwestern hatten- Stulturgeiiosten, die sich einbildeten höher stehende, gebildete Menschen zu sein. Er drängte s!ch durch die Gaste,, suchte vergebens seine Brut und deren Mutter. Beide h tten s!ch erst!eise, »,«״» hinter miteinander gezankt und ivaren dann 1or gegangen. Hie Auktion nahm dann ihren Anfang nnd endigte wie a'Ie anderen Auktio en. Telia hatte vieles snr teures Gcld eritanden, nur wenige errieten, für wen. Nach weiteren sechs Wochen wurden die Viegenschaften, darunter das Haus Vimbachers versteigert. Zn, srühern Wohnzimmer hakte der versteigernde Gerichtsbeainte drei dünne, stirgei lange Wachskerzen iväh end des BietenS an,zünden lauen. Beim Verlöschen des letzten Sterzchens blieb der Höchstbietende Eigentümer des Hauses. Es waren viele Viebhaber dafür da imd das Haus über den Tarriverl hiiiausgekomlnen. Lchla'ftlich blieben Maier .stör» und Adolf Ebernein die einzigen Bieter. Hie beiden, bisher ganz freundlich miteinander verkehrenden Konkurrenten begannen sich mit feindseligen Blicken zu betrachten. Tiegfri d Korn stand neben seinem Vater, vergeblich sich bemühend, feine Aufregung nicderzukäuipscii. Siegfried galt seit einiger Zeit als ״still" verlobt, wenngleich die Familie Stör» die Tatsache noch leng iikle. Adolf Eberstein erriet daher leicht, das; Storn das Haus für Siegfried zu enverben ge dachte und er ivar daher fest entschlossen, sich nicht überbieten zu lasten. Nur für einen so hohen Preis, das; die Freude des Besitzes auch reichlich vergällt war, wollte Eberstein das Haudem Gegner zukommen zu lasten. Siegfried strieite den Zug ndfreund mit gespannter Miene, setzte seinen Zwicker mit impertinentem Vächeln aus, nahm ihn wieder ab, wischte ihn mit seinem Taschentuch, um ihn von Neuem, mit einer be leidigenden Geste aus die Nase zil klemmen. Maier Stört!, dessen Bildungsgrad beträchtlich geringer war, als der seines Sohnes, der doch schon *bie Realschule besucht und jahrelang in Paris gelebt hatte, suchte seinen Mitbieter durch halblaut hingeworfene beleidigende Bemerkungen abzuschrecken. Aber Adolf Eberstein, gewillt, stch nicht aufter Fassung bringen zu lassen, überhorte und übersah alles, was storn Vater und Sohn taten lind sagten, selbst um ei en!ehr hohen Preis wollte er Besttzer des Hauses werden. Gespannt folgte» die dicht Umherstehendc ׳ dem hartnäckigen Stampf. Sie nahmen förmlich Partei für die beiden Rivalen, ״'s ist P׳acht, aus," ״immer noch billig," ..halb geicheukt ׳' klang es bald du, ömi> dort, vogleich die also Sprechenden