Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 51 (20.12.1906)
- Date
- 1906-12-20
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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l\WB£^ Ein Centralorqan (ur das orthodoxe Judeniiun tffUI/i 20 De?emtk. 3. Ceroeth 5667. 47. Iflhrgang. ss 5ranh1ur! a. M.. öen?er Israelit erfchrint jeden Donnersiaq. Abonnements; (»ewölniliche ÄuSgabe Mk. '..'>0 viertel,ädrlich. He׳,au«״abe a,:j Nu»stsr»Nvavi»r Mk.lt.- viertel,Ldrli», >«u«la,1d»pre>ie für di« oemökiilicke ÄuSqabe: Lesterreick 2 Kr., Rnnland l K»I>., iLiiAland 2 >!>., Äincrita .'>0 >t>., Niederlande 1,2" tl.! ÄboiineinenlS bei allen 'vo>1a»»alte». Buchdandlunaeii, lowie direkt bei der Srpedition, HettauSgabe mir direkt. Inserate: 30 Pfk»11i«k für die ,echsaefvalrene Colonel-.;eile: Nabat« nne»׳ Sav.l vV.;!ir.sU1i״m1ui1111t mit ourct» r)aa«e»s!e>» ». Bo« irr « Ä, in «Cdntn bei der ». M. Postsparkasse 4Üiru No. 7NNN.'». Iraiitfurt a. M. und deren Ijlialen. Von,» bet dem M. Postsparkassenamt Budapest No. INI24 llitfrrc vrrrhri |)oR<tbonnrntrn bitten wir um rechtreitige Erneuerung des Abonnement» rum t. Zarrnar 1007. Die Rcichsfagswahlcn. Tie Negierung bat »ach der Ablehnung einer von ihr als nonvendig erachtete» Zordcrnng de» Neichstag aufgelöst 1l»ddamit »o» de» bisherigen Cr iväblte» des Bolkes an die Wählet selbst appelliert. Zedent wahlberechtigten dentsche» Bürger liegt mm die Pflicht ob, nach bcstcnt Wissen lind Gewissen zu prüfen, tvelcheni Manne er als zu kunsrigrin Betlr rer int Pa iainenr vertrancn dürfe, »iid danach am Wahltag seine Abstimmung einzurichten. Tie Betrachtung der bei dieser Entscheidung in Zrage kontnienden Kriterien bat dem Ailschein nach nur insofern eine spezifisch jüdische 2eitc, als cs im deutsche» politische» i'cbcii Parteien giebt, deren Tätigkeit ansge sprochettermasten oder doch tatsächlich durch ihre feindliche Gesinnung gegenüber Juden und Inden ttun ihre besvndcte Prägung erhält. Gewist ist cs vor allem diese Tatsache, die ein jüdisches Blatt veranlassen wird, sich über die Haltung der Inden bei den kommenden Wahlen auszn sprechen. Allein wir sind der Ansicht, dost noch andere Momente, und zwar alsbald zu Beginn der Wahlbewegung, dringend der Erörterung bedürfen. Was die Stellung anlangt. die die jüdischen Wähler gegenüber dett antisemitisch gesinnten Parteien einznnehmen haben, io ist darüber nicht allzuviel neues zu sagen. Es ist für jeden Inden selbstverständlich, dast er sowohl den offenen >vie den verkappten Judenfeinden mit allen Kräften entgegentritt. Er tut di s in seinem eigenen Interesse, er erfüllt damit aber auch ein Gebot der ׳Selbstachtung. Es ist wohl kaum nötig, hieran noch besondere Mahnungen zu knüpfen, und man kann die Konsequenz, die sich daraus ergicbt, einfach dahin ausdrücken, dast jüdi che Wähler nur einem solchen Kandidaten, der sich klar und entschieden als Gegner des Antisemitismus bekennt, ihre Stimmen geben werdet». Dieses Bersahreit wird in keinem Zall dazu führen, dast daraus irgend eine gegen das Wohl des gesamten Ltaatswcsens gerichtete Bestrebuitg Borteil ziehen kann, Zedern Zuden, der sich wahrbast zum Judentum bekennt, gilt im politischen ist'ben als oberstes Gesetz das Wort des Propheten, das uns das 'Wohl des Ge metnivesens fördern heistt, tu dessen Mitte nur leben. Dieses Gesetz aber wird recht eigentlich in der Bekämpfung des Antisemitismus erfüllt, der das unsittliche Stre en, eine bcsttinmtc Klasse von E taatsbürger i, zu Grunde zu richten, zum Grundsatz erhoben hat und damit die sittliche Staatsordnuitg frivoler Weise negiert. Dieses (besetz allein rvird der!» euch für uns ntastgebend sein, wenn es stch darum handelt, uns über die Abgabe unsrer Stimme zrt entschliestcn. ES ist nicht unsere Ausgabe, danach das Berhaltcn des jüdischen Wählers zu sämtlichen Parteien im einzelnen zu bestimmen. Es niilst das umsomehr dem Ermessen jedes Einzelnen überlassen bleiben, als die Berhältnisse ntcht überall gleich liegen rind sich ein schematisches Bersahreit damit von selbst verbietet. Ans eines inllst jedoch hier eingegangen rvcrden, damit man sich nicht in jüdisciien Kreise» hier oder dort zu einem schweren Zeolcr verleiten lasse Di׳ Austösnng des Ncichstags ist erfolgt, iveil austcr der Sozialdemokratie auch das Zentrum die Zordernng der Negierung für die Kolonien abgrlehnt hat. Es kann füglich ganz auster Be tracht bleiben, ob die Abstiiiiinnng des Zentrums in dieser Zrage berechtigt rvar. Man kann sehr wohl der Ansicht sein, dast das Berlangerr der N, gicrung nicht hätteznrückgcwiesen werden dürfen, ohne doch das allgemeine Kesseltreiben, mit dem jetzt gegen das Zentrum vorgcaangcn wird, zu billigen. Die Situation ivird benutzt, um diese Partei als die konsesiionclle Bertretung der Katholiken zu», Ziel konzentrischer Angrist'e zu machen. Die Neichsrcgicrung, die ivohl iveist, dast eine Erneuerung des Kultur kampses keineswegs eine Schtvächurig des Zen trnms herbri,ähren würde, ist barmt nicht beteilig'. Sie hat ausdrücklich erklärt, dast für sie lediglich dcsien Kolonialpoiltik Gegenstand der Bekämpfung sei. Aber in den Kreisen, die dem Zentrum wegeit seines konfessionellen Eharaktcrs von jeher feind sind,macht sich deutlich eine kultntkämpserische Neigung bemerkbar, für die die Vcbrett der Ge schichte nicht vorhanden zu sein scheinen. Wir können uns an dieser Politik nicht beteiligen. Abgesehen davon, dast sie eine Ungerechtigkeit involviert und auch dcni Interesse des öffentlichen Zriedcns tmd dem des Staatswohles iiberhaupt entschieden zutvidrrläitst, hindern uitS innere und äustere Gründe daran, sie mitzumachen. Wir habeil die mannhafte Entschiedenheit und das Wohlwollen, mit der ein Dr. lieber und andere Zentrumssührer wiederh.'lt für unsre reit giösen Interessen eingetreten sind, nicht vergessen und würden cS als Undankbar feit betrachten, wollten wir dennoch die Angriffe, die gegen den angeblichen UltramontaniSinuS dieser Partei gerichtet werden, unterstützen Wir haben ferner Beranl assnng anznn׳ hinen, dast das Zcntrnni, das am eigenen feibe die Zolgen der konfessionellen Intoleranz kennen lernte, auch in der Znknnst da. >vo 'ich diese Intoleranz gegen die jüdische Minderheit richtet, unzw׳ldeutig Widerstand leisten ivird. Es ist nicht wahrschein lich. dast das Zentrum ans den bevorstehenden Wahlen stark geschwächt heruorgeben werde, uitd cs hicste demnach auch ans rein realvolitischen l^esichtspunktcn uns selbst empsindlich schädigen, wenn wir uns durch eine falsche Politik der Unterstützung des Zentrums verlustig machen würden. Zumal die gesetzestretlen Zllden aber haben alle Ursache, sich voll den beiden chasten des Parteienkampses nicht verblenden zu lasten, <^e rade in denjenigen jüdischen Zragcn, die gegen» wartig in den Einzclstaaten in den Bortergrund gerückt und,!!> den fraget׳, der Gesarntorgüui iation haben wir in der Zentrumspresse Berständnis für un'ere Interessen gesunden, was bet manchen anderen von uns sonst sehr hoch geschätzten pol! tiichen Kreisen dank dem Einstust neologer Inden, ■ die in ihnen eine Nolle spielen, nicht ohne lveitercs vorausgesetzt iverden kann. Wir »׳ollen gegenüber dein Zentrum keilt? Liebedienerei treiben, wir verhehlen uns anch nicht, dast die Anhänger dieser Partei keineswegs alle von antijüdischen Bor urteilen frei sind und wissen tvohl. dast in manchen Zcntrnmsblättern jüdische Angelegen hciten iit einem recht liiifrstenlichen Tone de handelt werden. Es kann feinem Juden und auch keinem jüdischen 'Blatte verpacht iverden, ivcnn cs gegen solche Auswüchse mit aller Kraft Stellung nimmt. Aber wir dürfen nicht die ganze Patte! für die Sünden einzelner verantwortlich mach n und!vollen vor allem nicht übersehen, dast, ivie man anch zu der den gc enwärtigeu Wahlkampf hauptsächlich beherrscheitden politischen Zrage steheu möge, aut' alle Zolle jede Kultur kampspolitik von uns z>lrückgewiesen werden must. ׳.sticht weil die Welt uns pebensanschaunng des Katholozismns etwa mit der des orthodoren Zudentuins besonders enge vertvandt wäre — da sind's im Geg «teil der Zäden viel mehr, die uns lnit einem religiös gestimmten, aber dog inatisch aiifgeklärteil Ehristentutn verbinden , ivarnen ivir vor einer Beteiligung an den, ent brennenden ״Kulturk mpf", sondern im Hinblick ans die Nücksichtslosigkeit, die d׳r Liberalismus von jeher gegen alle ihm nicht zusagend?» reli giösen Vebensäusterungen betvtihtt hat. So sicher uns daher unsere religlösen Jnteresicil höher stehen als olle materiellen und sozialen Borteile, so sicher wäre ein Wiederaufleben der Kulturkampsstlmmung unter den obwaltenden