Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 49 (6.12.1906)
- Date
- 1906-12-06
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Leuilleton-Beilage zu Nr. P) des ״Israelit". euilleton vervaal-Zedem von Micdelrtaät. Bon Sudans. I l Nachdruck verboten. rer fremde lvar aber nur für Rabbi Wolf fremd. Wir ivisse» bereits, daß cs niemand anders als Sander Goldsticker ans Koblenz war und unsere Ahnung über den Zlvcck seines Besuchs beim Baal-Schem von Michelstadt bestätigte er selber, indem er mit nicderg schlagene» klugen envidcrte: ״Die Worte des Rabbi bedürfe» meiner Beftätignng nicht, Ich wollte, bevor ich die Mah nnna des Rabbi befolg:c und mein Gelöbnis voll und ganz einlöste, noch einmal persönliche Rücksprache deshalb nehmen. Der Rabbi begreift, wie schwer cs in dieser Zeit ist, eine so große Sttmmc ans einmal — —" Hier unterbrach der Rabbi der! Sprechenden mit liesernsrem Tone: ״Rabbi Sander, jedes Wort, das Ihr sprechen wollt, um eine Berpflichtung, die null einmal auf Euch liegt, von Glich abznwälzen, kann verhängnisvoll für Euch werden. 'Wenn Euch das Leben von Frau und Kind, wciln Euch Eller eigenes Leben lieb ist, io folgt lmverzüglich dem, was ich Euch jetzt saae." Goldsticker erhob jetzt den Blick, um dem Rabbi ins Äuge zu schauen, lies; ilm aber sofort ivieder sinken, als der Rabbi fragte: ״Wie grosi ivar Eller Berinögen, als Ihr vor Gott gelobt habt, die Hälfte davon den Armen zu gebend ״Achttausend Gulden." ״Und wie viel habt Ihr davon den Armen gegeben?" ״Zweitausend Gulden." ״Wie viel habt Ihr bis jetzt für Doktoren, Professoren und Apotheker zur Heilung Eurer Frau ausgegcben?" Goldsticker nahm ein Rotizblich anS der Tasche, und antwortete, nachdem er einige Minuten die betreffenden Rorizcn zusammengezählt hatte: ״Scchszehnhundcrr Gulden, Rabbi!״ ״Was man den Armert vorenthält, mnß man dcur Arzte geben", sagte der Rabbi. ״Ihr habt also!loch vierhundert t^lllden zu zahlen. Zahlt sic sofort Eurem Begleiter Rabbi Wolf Muhr. Er gedenk! übermorgen feilte Tochter zu ver heiraten und es fehlt ihm noch gerade diese Summe." Cbm־ ein Wort zu sprechen, öffnete Sander Goldsticker feine Geldgurte und legte in Dnbloneit die Summe von viel hundert Gulden ans den Tisch. Der Rabbi ging in sein Rebeuzünmer und kam nach einigen Minuten mit einem ledernen Bcntelchen zurück, legte das Geld hineil, und übergab cs Rabbi 'Wolf mit den 'Worten: ״So,!nt gehl mit Eurem Geld in Gottes Ramcn beim und verheiratet Elirc Tochter, cs seil Euch Maiel und Brocho bringen. Und Ihr, Rabbi Sa! der, lein sobald als möglich nach Hause, Jln »׳erdet Eure Frau auf dem Wege der Besserung und bald vollkommen genesen sindcn. Hder habt. Ihr vicll.acht 1 och cm Anliegen?" ״Ich habe ׳onst mckns auf dem Herzen", cnr grgnrie der t׳'׳e!ra,le ..als meinen Dank für den Rat und die bestimmte Zusage, das, meine Frau ihre Gc'uildhclt wieder erlangl. '.'tber ivober bat der Rabbi gewnsit, in welcher Angelegenheit ich hierhergekommen bin ,,Run, dazu gehört rvahrlich keine besondere Ehochmo (Weisheit/ envidcrte der Baal-Schem, ״nachdem ich aus Eurem Briese an mich wußte, wie Euch die Krankheit Eurer Frau nahe geht." ״Aber »vohcr weiß de, Rabbi so sicher, daß meine Frau ihre Gesllndheit sobald wieder er langt?" ״Darübel", antwortete der Rabbi, ״können wir vielleicht später einmal sprechen, nachdem Ihr Euch überzeugt haben werdet, daß die gute Botschast sich wirklich so erfüllt hat, wie ich sie Euch verkündet habe." DaS Gespräch wurde durch ein Pochen an die Thüre unterbrochen. Der Rabbi öffnete dieselbe und eine Frau trat ein. Goldsticker ver abschicdere sich, rvährcnd Rabbi Wolf Muhr znrnckblieb. Es handelte sich um eine Scheidung, wegen welcher die Frau ans diese Stunde vorgeladen war. Da Rabbi Wolf Muhr als Dajan Rabbinats Assi ffor) bei den« Akte mitzuwirken hatte, so fragte er den Rabbi, ob er zugegen bleiben solle, um ihm lvegen Anberanmnng des Get (Scheidung) zur Seite zu sein. ״Soweit halte» >vir noch nicht", entgegnete leise dcrRabbi. ״ich hoffe immer noch, daßeS gelingen lvird einen gütlichen Ausgleich zu Stande zu bringen. Aber Fhr könnt, wem! Ihr wollt, gern zugegen sein, um mir vielleicht bei dem Sühne versuch zur Seite uehen." ״Der Rabbi hat dazu meine Hilfe nicht nötig", entgegnete Rabbi Wolf. ״Fch glaube sogar, daß meine Anwesenheit mehr stören als nützen kann. Aber »venu es der Rabbi gestattet, bleibe ich gerne hier. Ich lerne von dein SichaS Ehulin die gewöhnliche, alltägliche Unterhaltung) deS Rabbi mehr, als von dem gelehrten Bortrag eines großen Meisters" (Fortsetzung folgt., Dämon und Phintias in der Iudengnlse. Bon Arthur Kal,». 4."> Nackdruck verboten. Bcrez beschtvichtigte mit einer freundlichen Handbewegnug den glücklich erregten Kranken, der nach kurzem Schweigen schmeichelnd bat: ״Geh', Bcrez, lach' mich nicht anS; laß' mich Deine Hand küssen." Run schüttelte aber Berez energisch den Kops, dann, nach kurzem Besinnen, sprach er, als sei er überzeugt, daß nur ein weiteres Kasteien die Genesling vor jedem Rückfall sichern könnte, treu herzig: ״Ein paar'Wochen iverd' ich's schon anS halten. Hat doch der Herr Kreisarzt selber gesagt, die Inden werden alt, iveil sie häufig faßen. Wird's auch bei n!׳.s sich bewahrheiten." Der langsam genesende Schneider konnte noch nicht sein Zimmer verlassen, als Schiff schon wieder langsam durch die Straßen ging und sich viel im Freien aushielt. Leontine erholte sich viel langsamer und ivurde, weil die Kräfte zum Geheil nicht allSreichte», bei gutem Wetter täglich ausgefahre״. Erft als Schiff sein Befremden darüber aussprach, daß sich Ricmand von Lim bachers blicken ließ, erfuhr er das Schicksal seines Freundes. Er brach in Tränen ans, nicht wegen des enipsindlichcn Berluftcs, den er durch den Bcrtrancnsbruch erlitten, sondern iveil Limbacher ihm seine ivirkliche Lage nicht aufrichtig offenbart batte, und mehr noch, iveil ihm das Unglück des Freundes fein־ nahe ging. Er war gerade in dein Stadium der Genesung, in dem mau leicht erregbar und gerührt, daher zum Weinen bei jedem Anlaß geneigt ift. Er ivar stets niedergc fchlagen und längst nicht mehr oder vielleicht noch nicht 0׳ gemütlich und redselig ivic vor seiner Er lrankung. Wenn Selig, der Sänff häufig besuchte, sich neben ihm niederließ, fo kam ftets das Gefvräch auf Litnbacher. Selig blieb feft bei der Ansicht, daß der Sturz hätte vermieden werden können wenn Limbacher sich nicht in die Hände Wucherischer Geschäftsfreunde begeben und Gustav nicht die Karlen weggeworfen hätte, längst bevor das Spiel verloren war. ״Jawohl, die sogenannten Freunde haben ihm den Garaus gemacht. Kein Kreuzer brauchte verloren zu gehen, es war genug Grundbesitz, genug Warenvcrmögen da, um alles anSzugleichen und der alte Mann hätte nicht als Bettler, Fälscher und Bankrotteur ins Ungewisse zu flüchten brauchen." ״Ja, Sie haben Recht, lieber Selig, wenn Maier Korn und ich zusammen — — —" ״Reden Sie mir nicht von Korn" wehrte Selig erregt ab, ״ein netter Freund,!or dem Gott behüten soll." Mit schmerzlichem Staunen erfuhr Schiff, lvie Korns frühere Freundschaft in bitteren Haß gegen Limbacher umgeschlagen war und auf welche unredliche 'Weise er sich an dem ihm in die Hände Gegebenen bereichert hatte. Langsam dämmerte Schiff die Gewißheit ans, daß Korn von Limbacher seine Wertpapiere entgegengenommen habe. Dagegen m׳ar ohne langwierigen Prozeß nicht auzukämpfen und von einem derartigen Borgehen wollte Schiff nichts hören. ״')Reine Erkrankung war LiinbacherS Unter gang. Ich Hütte ihn nie und nimmer fallen lassen", beteuerte Schiff wiederholt. ״Da kann man aber ivieder einmal sehen, daß taufend Pferde daS Glück nicht zurückhalten könne», wenn's am Davonlaufen ist." ״Und was soll aus Beltv werden?/ Selig sah Schiff erstaunt an. ,LAas aus ihr werdeil toll? Sie wird bei ihm bleiben und ihn pflegen." Schiff verivunderte sich noch mehr. ״Was? ein Mädchen, daS nicht gewohnt war, sich allein die Schuhe an und auszuziehen, soll ihren Bater pflegen? für ihn kochen, fegen,nähen und stopfe»?" ״Da muß sie'S eben lernen", erwiderte Selig gereizt. ״Lieber Selig, man hört'S, daß Sie ein Junggeselle sind." ״Ja, Goltlob!" bestätigte dieser und fuhr fort: ״Freilich, nach den immer moderner werdenden Anschauungen bei uns Juden sind die Eltern nur dazu da, ihren Kindern daS Bla» vom Himmel herunter zu holen, ihre anmaßendsten Wünsche devotest zu erfüllen und vor Dankbarkeit in die Knie zu sinken, wenn die jungen feinen Herren und Damen es ihnen großmütig verzeihen, daß sic keine Million besitzen. Wer von all den reichen Inden getrallt sich denn noä׳, von seinen Kindern Pflichten, kindliche Liebe und!Dpser zu verlangen? Affenliebe, aber kene Elternliebe- und darnach ist auch die Ernte." .,Run, gibt's nicht Ausnahmen?" ivarf Sch>N eifrig ein. ״Sie meinen Ihre Leonline; das ist tat sächlich, ohne Ihnen als Bater schmeicheln zu wollen, eine Ausnahme." Schiff's Angen leuchteten vor Stolz und. Rührung. ״Run, da kommen rvir ja wieder zusammen", sagte Selig, ״Was Ihre Leontine gekonnt bar, lvird Betty Limbacher auch lernen, und sie wird s, denn ihre selige Mutter — sic möge mir die Wahrheit verzeihen ״- kam nicht mehr dazu, ihre Tochter zu verderben, wie unsere jüdischen Mütter sollst NM." ״Selig, ich glaube, nein, ich fürchte, L>e!vollen nicht heiraten- Sic denken sehr, sehr gering von unseren jüdischen Damen " ״Gott sei Lob und Dank", rief Selig in '0 innigem Tone ans, daß Schiff unwillkürlich lachen mußte, so ernst er bisher und öfter mit dem Kovf zustimmend nickend, zngebört hatte. ״Im großen Ganzen haben Sie recht״, stimmte er dein Sprecher bei. ״Aber ich darf ivohl sagen, daß meine Fron nicht zu denen gehört, die das natürliche Pflichtgefühl nicht im Kindesgemüt