Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 48 (29.11.1906)
- Date
- 1906-11-29
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Ein Centralorgan für du orthodoxe Jodentun liirlMct 47. Jahrgang. Sranhfurf a. M.. flen 29. n0pemberl9Q6. 12. Hislero 5667. Xcv .läraelit friAriiit jeden Tonnernag. tlbanncmeiit«: (MnuBbiiliAf An-aabe ilif. 1..׳!» vierteliSbrlich. i*ftan<t1abf auf ftuuftMiufpapin i'Jf.;1 mfrlflidbtlub. AnSlanbSvreif« für bir aewöbnliibe A»S,1abe: Oeftcrreidj 2 Kr., Runland 1 Kuli., (funlaub 2 »11״ Amerika .0>׳ et*., Niederlande 1,2» fl.> Abonnemenl« bri alkni Poltaiinalttn, )PuibbanMiiiififu, fowir birrft bri brr Exprbition, HeftanSaabe nur bircft. Inserate: 3» Pfen,1i«e für bir ׳kchSae'paltkne Lolonel-Zeile: Rabatt nach Tarif, Inferalenannabine nur burch Haafenfiein ». Bögler H.-Oi. in Vonto bei der S. Poftfparkasfe Wien 2io. 7!M>0.V Frankfurt a. IV. unb bereit ,lilialrn. Warna bei bem M. Paftfparkaffenamt Budapest 910. 1*121 Der Sund der üudenfrage in Rußland. (5$ vergeht jetzt selten eine Lboche, oline dast die offiziöse russische Presse Mitteilungen über die Absichten der Regierung in Aachen der Jude» veröffentlicht. Der Inhalt dieser Mitteilungen deckt sich im wesentlichen mit dein, was vor einiger Zeit über die beiden Gesetzentwürfe des Ministers M okowzew betr. die Berhältniffe der jüdischen Bevölkerung berichtet wnrde. Die Juden, die sich bisher nur innerhalb des Ansiedlnngs rarion aufhalten durften, sollen die Erlaubnis auch in den Dörfern dieses «Gebietes ,;!! wohnen erhalten. Aehnliche Bergünstignngen werden für den kleinen Teil der russischen Inden, der allster halb des Ansiedlungsrauon wohnhaft ist, in Aussicht gestellt. An die Aufhebung der Aiisiedlnngs grenze und des Berbotes des (!andankaufs — die einzige M'astnahnic, durch die das Elend der Juden ivirklich gemildert iverdcil könnte —wolle die Regierung nicht selbständig herantreten; die Entscheidung hierüber, so heistt es,!volle sie der künftigen Reichsdnma Vorbehalten. Es ist merk ivürdig, wie konstitutionell die russische Regierung plötzlich zu denken beginnt. Die Regieriing, die zur Zeit der ehemaligen Rcichsduina ängstlich darüber wachte, dast diese möglichst wenig Ein׳ slnst auf die (Gesetzgebung gewänne, die das Institut einer Bolksvertrctnng »ur als ein nuumgängliches Nebel betrachtet lmd am liebsten überhaupt niemals das Bolk mit Wahlen be lästigen möchte, diese Regierung besinnt sich, ivenn es sich um die Juden handelt, sofort aus ihre koiistitiltionellen Pflichten und scheut sich einer Entscheidung der Duma in dieser Angelegenheit vorzugreifen. Man könnte ja vorlänffg auch über das mini, male Zugeständnis, das die in Aussicht gestellten administrativen Anordnungen aii die Menschlichkeit machen, eine gewisse Genngtnung einpffn den, wenn cs wirklich sicher oder doch wahri'cheiiilich!väre, dast die Bersprechnngen eines Stolvpi» in Wirklichkeit umgesetzt werden. Das in aber keinesivegs der Jall, und schon die un ivahrhastige Art, in der, wie wir sehen, die Regierung ihren angebliche״ Standpunkt begründet, rechtfertigt ernste Zweitel an der Aufrichtigkeit ihrer Enunziatiouen. Zn dem finanziellen Motiv, das man derartigen Kundgebungen der rnffischen Regierung ohne Bedenken in erster Vinie zu (Gründe legen darf, komint gegenwärtig noch die Rücksicht aus die Wahlen, die der '> egierung den Schein des Wohlwollens gegenüber den Juden empsiehlt. Man hofft auf diese Weise die jüdischen Massen ׳'ür die regierungsfeindlichen Pur leien ei-sangen zrl können. Bon behördlicher Seite wurde den Juden in letzter Zeit wiederholt dringend geratk«, der ״Partei des .'!<» Oktober", die fick! übrigens immer gegen die Emanzipation ausgesprochen hakihre Stimmen zu geben, und man meint offen bar, dast die Inden sich durch die Milderung einiger Bcschränknngen — verivöhnr sind sie ja nichr -- würden ködern lassen. Hier zeigt sich ivieder einmal, ivie cs sich mit der revolutionären (׳Besinnung der Inden in Wahrheit verhält. Die Regierung glaubt augenscheinlich selbst nicht an die immer wieder von ihr aufgetischie Mär. Sie hält die Juden für gutmütig genug, uni sie durch die Allssicht ans einige unbedeutende Reformen von ihrer Borliebe für die Kadetten, die doch auch noch keine revolutionäre Partei sind, abbringen zu können. In di. Tat liegt aus Sdessa eine 'Rachricht vor, die Jührer der dortigen Judenschaft hätten sich gegen die Unterstützung der Kadetten und für den Anschluß an die Dktobristen ausgesprochen, eine Nachricht, die allerdings mit groster Boisicht aufgenommen ivcrden must. Wie deu! aber alich sei, jedenfalls kann der Radikalismus der Juden nicht als gar erschrecklich angesehen werden, wenn die Regiernng über dcffen Wandlungsfähigkeit so optimistisch denkt. Die Inden geben sich übrigens antzesichts der Reglernngsknndgebniigen keinerlei Illusionen bin. Sie schenken Herrn Stolyprn das Bertrauen, das it verdient. Das beweist der Ausruf des Wiluacr jüdischen Wahlkoinites, in den! gesagt wird: ״Die einzige .Hoffnung, die nris geblieben,ist die Reichs dunia. Dort, hoffen ivir, iverden sich ivieder die Besten Rußlands zusammen sinden, dorr werden ivir Gelegenheit haben, uns an de>׳ ehrlichen ulld gesunden Sinn der Benretcr aller Bölkcr Rußlands zli wenden." Die Regierung wird schließlich, wenn sie trotz ihrer Bcrsprechungen alles beim Alten läßt, um eine Rechtfertigung nicht verlegen sein. Sie ivird sich auf das Bolk berufen, das eine Reform der Judengesetze nicht zngeben wolle und dieselbe mit offener Einpörnng beantworten würde. Schoi» jetzt kommt aus verschiedenen Teilen des Reiches die ahnnug, auf diese Stiulmung des Bolkes Rücksicht zu nehmen. Pogrome werden vorausgesagt für den Jall, dast nian ctivas für die Juden luewenn die Juden ins Dorigebick zu gelassen würden, so weide die Regierung zwischen diesen und den Kosaken zu wählen haben, Nalürsich ist es die Presse der ״echt russischen Männer", die Diele Drohungen ausstößt - und man kennt aus den Enthüllungen über die Pogrome die Be ziehungen der Regierung zu den ״echt russischen Männern" zu gut, um das Ekschrei dieser Preffe für etwas anderes als siir bestellte Arbeit zu halten. Das Bolk selbst hat an diesem Treiben keinen Anteil, und für die schwarzen Banden bedarf es nicht des Anlasses der Iudenemanzipanon, um einen Pogrom in Szene zu setzen. Es ist trauriger Ausblick, den die l.'age unserer Brüder im Oste» eröffnet. Bis jetzt ist noch kein Icrmii, ׳ sür die 'Wahlen zur Reichsdnma angesetzt, und um,, weist nicht, wie lange cs noch dauern wird, bis b!> Regierung dieselbe sinberuft. Sicher ist auch, dast die Regierung!ich für die künftigen Wahlen besser vorsehen wird, als sie es sür die Wahlen zum ersten Parlament getan hat. Sie ivird mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln ein für sic günstiges Resultat herbeiznsühren suche». Bon de»! Erfolg oder Mißerfolg dieser Beinühuiigen hangt es ab, ob die russischen Juden in absehbarer Zeit eine Beffernng ihres harten Geschickes zu krivurrril haben. Wochenrunöschau. Kölnische Voihs?eiiung und Sranhlurter Zlagivervrgneten-Wahl. In der Kölnische» BolkSzeitnng wird zur Erklärung des bei den Jrankfurter Stadtver ordneteuivahlen zustande gekommenen Wahldünd nisses zwischen positiven Protestanten und Katbo Ilten eine Znichriit 1>01! christlicknozialer Seite veröffentlicht, in der Jrankfurt als Borort des ״sogennnntkii R e s o r in 1 n de n t n m s ra d l k a l st e r Richtung" bezeichnet ivird. Es heißt dann weiter: Nirgendwo IN Trutschland ift bikses raöifule Reform- ,zudrnluiii, weiches dir Layungrn de» mofaifchrtt Be kenninn'fks gering schützt, den Üüaubrn der Bater längst preisgegebrn hat, und für welches das Judentum nur noch den oirqrnfnh argen «!1«t «cf•*:* t5hr:st'.:chr bedeurct, so siark, übt dasselbe einen so weitgehenden liinflun aus das öffentliche tzeben aus, wie hier. Das erklärt sich insbesondere daraus, dag hier das verbrrnetste, weitaus rinsluftreichsie und am geschicktesten redigierte Organ jener Richtung rrschrint, dir ״Frankfurter Zeitung". Die Kölnische Bolkszeituug einvnndet selbst, daß hier zivei Dinge mit einander identifiziert werden, die höchstens mittelbar zitsainmenhängen und bemerkt darum in einer redaktionellen Schlußnotiz: Man wird natürlich dir ״Franks. Ztg." usw mu dem sog Rrsormiudentum nicht schlechthin glelchsetzen dürfen. Auch innerhalb des übcralen Rrsormiudeniums gibt e» sicherlich verschiedene Schattierungen. Der Brrfafsrr der obigen Zuschrift hat ja auch, wenn wir ihn recht verftehen, nur die radikalste, in religiöser Beziehung schon mehr beim vollen Nihilismus anaelanate Richnmg «n, Atigr, deren eisrigste und einflunreichne 4Sortsüdrrr>n die .,Franks. Ztg." ist. Bet dieser Richtung ist vom Juden rum allerdings nichts weiter übrig geblieben als der