Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 47 (22.11.1906)
- Date
- 1906-11-22
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Ein Centralorgan (Qr das orthodoxe Judentum Bcgrfladef m Dr. Lekniii I» IHaiiz 47. Jahrgang. Sranhfurt a. M.. öen 22. nonemberl906. 5. Kislero 0667. M 47. Xfr Istaeiii cridieiiit jcben?onnerfiaii. slbonnements: (Mm'öhnlutoc AuSaabc Mt. l.'xt matd'Abrlut, -ötstau-gadc auf HmiftMtufiiaimr *Jiff!t.— virrldiäbriich. -Ai1-Ia11d<prtvt für dir arwöliiilitiic Ansaabc: resterroicki 2 Kr., Runiand I >!»>>., England 2!<11., ftmcrifa 50 1׳ts, Rirdcrlanbr 1,211 ״.! Aboiiiitiiikitibei allen Postaiistailt», B»>bbandlu»ar», fowie direkt bei der Ervrditioii, Hefiansgabe nur direkr. Inserate: Pfennige für die ׳echsgeinaliene Eolonel deiie: Rabatt nach Tarif, Iiifrrairiiatiiiabmc nur durch L»aa 1 euste 1 n u. Pogle.r A.<א. in Konto bei der M. M. Postfparkaffe tx'tcii Ro. ,"vranftmt a. M. und deren ,Filiale». Konto bei bem M. Postfparkaffenamt Vnbapeft -to. IKltl Requiescat in pace! De< siori «reden 6r;r:res;wurrz 6:ück iind €ndf. 'Hm achtzehnt 11 Juni des vorigen Wahres waren in den glänzenden Räumen der frankfnr-t Loge zu frankfnrt a. M. die delegierten des einen Teil der de;tfd)en Indenhcit repräsen tierenden Deutsch Israelitischen Gemeindebundes zum sogenannten Gemeindctag versammelt. Den Mittelpunkt der Beratungen bildete ho* Referat des Gcheimrats Dr Ros in aus frei bürg über die Grundzüge (es von ihm im Auftrag des Gemeindebundes ausgearbeiteten Gesetz entwurss zur Regelung der Rechrsverliältnisse der preußischen Gemeinden. In der eleganten »nd sormvollendeten Weise, die man bei einem Ltaatsrechtler vom Range Rvsins gewöhnt ist, entledigte sich der Redner seiner Aufgabe. Klar und scharf traten die vier Probleme hetvor, deren Lösung der Gesetzentwurf bringen sollte, klar und scharf auch die durchaus oberrätlich badischen Prinzipicrr, ant denen diese Lösung sich ausbaute und ivenn trotzdem lauter Beifall de!« Referenten lohnte, wenn, wie der offiziöse Bericht ohne Widerspruch meldete, die ganze Diskussion den Eharakter ״allgemeiner Zustimniung" trug, so durfte der Referent soivohl >vic seine Auftraggeber mit fug und Recht erivarten, daß das vollendete 'Werk jedenfalls keine allzustarken Anfechtungen mehr eriahreu würde. Und nun? Das Bureau des D. vV W. versendet an die Presse folgendes Eommuniauö: »Die vom Deutsch Israelitischen Genientdebunde und vom Berbande der Deutschen Juden zur Bordereiiunq eines Gesepenlwur'es betreffend die Organisation der irdischen f'lciiikmden Preußens gebildete gemischte »oiumimoit hat ihre Arbeiten begonnen. Die von de״ größeren Gemeinden und verbänden eingr.wgencn (Gutachten haben die Kommission überzeugt, dag der durch Herrn Ärbcimrat Roün gefertigte Entwurf troh seiner hohen lechnischcn Vorzüge und seines brivundervsmerren inneren Ausbaus den besonderen Ucberlieterungcn und Anschauungen der preußischen Israeli rn nicht entspricht. Tie hat deshalb ihren Beratungen einen anderen Entwurf zurundc gelegt, der auf die bisherigen Einrichtungen der preußischen Gr nicindrn bauen ist. deren religiöse Telbständigkev un berührt läßt und sie nur zu Zwecken gemeinsamer Wohl sahrts Anstalten und gegenseitiger Untcrstüvung zu höheren Einheiten ׳,usan::!:ensch!!eß!." An diesem Schriftstück interessiiert uns zunächst der erste — negative — Teil. Die vom Gemeindebund und Verband der Deutscheil Juden eingesetzte .Kommission bat den Rosinschcn Entwurf erst gar nicht in Beratung genommen, sondern ihre Tätigkeit mit der Ausarbeitung ei es schöne» Rekrologs aus dieses ein Jahrzehnt lang großgehätschelte Unglückskind der Vcrbandsmanie beonnen. So erfreulich diese Talsackic ist, so überebt sic doch nicht der Beantwortung der frage nach den Ursachen dieses merkwürdige» Gesin nungsivechsels. Aut dem f^emeinderag zu frankfnrt: all g e m eine Z » si! m!!!!׳.!! g; siebzehn Mvimte später: B egräbnis dritter >i l a s s e, ohne den geringsten Versuch, auch nur nach dem liebreichen Vorbild des frankfurter Zentral Vereins aus den *4 Paragraphen des Ennvilns das Brauchbare heransznschälcn! W i c ward das m ö g l i ä,? Dcu Schlüssel zu der itd^rans leh,reichen Be antwortung dieser frage Kieker ׳auf der einen Seite die Zusammensetzung des niandatlosen Parlaments, genannt Gemeindrtag, das dem badischen (Gesetzgeber zugejauchzt hatte, ans der andern Seite ein Blick auf die Ereignisse im inneren Leben der deutschen Iudenheit von lenem achtzehnten Juni bis zur Beerdigung des Rosin'sche» Entivurfes. Von dem Augenblicke au, da der Deutsch- Israelitische (Kemciiidebund in den siebziger fahren von Männern rcsormjüdischcr Gesinnung ans der Tante gehoben wurde hat er sich b e müht, nicht nur die Gesamtheit der jüdischen Gcmeinden Deutschlands in sich zu vereinigen, sondern auch in einem höheren Sinne den Vcr treter des in der deutschen Iudenheit herrschenden Gesamtgeistes zu spielen. Gelungen ist es dein Bunde deipi auch, auf Grund der materiellen Mittel, die ihm zu (Gebote stehen, zahlreiche kleinere Gcmeinden, die keineswegs prinzipiell zum Gemeindebundjudentuiu sich bekennen, um seine fahneu zu snmiiieln und so mir den Mitteln des glei enden Goldes ein Abhängigkeitsvcrhäitnis zu schaffen, das den Schein der geistigen Ge mcinschait vortänscht, ivo nur materielle Inte ressen den gegensätzlichen Meinungen Schiveigcn gebieten. Aus den Gemeindetagen aber siel die Rolle des Redens ganz naturgemäß denen zu, die sich für dieses pol'.tische 2r,stem von Haus ans begeistert und die sich allmählich in den Wahn hineingeredet hatten, die Vormünder der deutschen Indenheit zu sein. DaS waren zumeist neologc Herren mit starkem jüdischem Empsinden und wenig geklärten religiösen Vorstellu gen, und als Pendant dazu einige ganz vereinzelte Drtbodoxe, die entweder so gutmütig oder so politisch sind, daß sie jede schatte Verneinung fürchten und unsere Sache, die Sache eines weitüberwindenden Prinzips, nach Miguel schein Rezept »meist mit Händeorücken »nd Liebenswürdigciren fördern zu sollen glauben. In dieser S a l o n - A t m o s p h ä r e sind die g c i st r g r n Potenzen groß g e w o r o e n. aus denen Herr Gcheimrat Rosin den Mut zu seinem Gesetz gebnnaspla n geschöpft harte, und diese Potenzen allein beherrschten die Beifall klatschenden G e m e i n d e t a g e. In diese Atmosphäre hinein aber fuhren gleich reinigenden Blitzstrahlen glücklicherweise eine Reihe von Ereignissen und Kundgebungen, die de!» schönen Tntttin ein Ende machten» und deren henke, da wir an der Bahre des Rosinschen Werkes stehen, dankb r gedacht »׳erden soll. Daß gleich nach dem Gemeindetage die ״freie ׳Vereinigung für die Interessen des orlhodoren Iudeiunnis" mit einer ausführlichen Denkschrift über die (Gefahren des Drganisationswerks auf dem Platte erschien.^ ho.»te vor allem innerhalb des gefetzesr reuen Lager eine doppelt heilsame Wirkung. In ruhiger leidenschaftsloser Sprache n׳ar in jener Denkschrift die llnmöglichkcit einer zwaiigsweisen Vereinigung der beiden sogenannten ,.Richtungen" nachgcwiesen, aber je mehr dabei die Meinung dnrchblickte, daß der Rosinsche Zwangs Versuch nur eine logische folge der ganzen bisherigen Politik der allgemeinen Verbände sei, desio mehr mußten sich die ortbodoren freunde jener Verbände dazu veranlaßt kühlen, vor dieiein letzten entscheidenden Schritte d. ch endlich Halt zu machen und ihre Solidarität mit der ge samten Drthodorie mehr oder minder osi'eu zu rriveisen. Diese Solidarität kam in der Mitte Biai er folgten scharfen Protesterklärung der ge sctzestrcuen preußischen Rabbiner zu einem den Gegnern durchaus 11! erwarteten und darum umso wirkungsvolleren Ausdruck, nachdem »venige Tage vorher die dem Zentralausschuß des All gemeinen Rabbiner Verbands angeho rigcn orthodoxen Rabbiner eine - wenn auch wesentlich zahnrerc — Erklärung gegen den Entwnrf dnrchgesetzt hatten. Daß dann auch von der äußersten Linken die Stimmen sich mehrten, die im -iamen der W? u isiensfreiheit gegen Rosin auftraten, war erst eine folge des mächtigen 'Widerhalls jenes mannhaften Protestes der r. rrtiooorle, der die (Grenzen von Rord und Süd überbrückt und gerade darum ans die Politiker der Allgemeinen Zeitung die bekanilte konsternierende Wirkung ansgcübt hatte. Was aber nach unserer Ueberzeugung nicht minder zu dem erfreulichen vorläungen Er gcbn's des Kampfes gegen Rosin bcigetragen hat, das ivarcn zwei Ereigtusse,, die unsrer Sache scheinbar von Ungefähr zu Hülse kamen: Das Attfrrekeit des ״Verbandes der De tschen Juden" ini Volksschulkampf und der Mainzer >7 berrat Prozeß. Der Volksschulkampf lehrte ad ocul ■h, wie geringem Veritändnis die leitenden Herrn Juristen, mögen sie nun Verbands- oder künftige Lberrats- Juristen sein, den Bedürfnissen des Judentums entaeoenbringe״, »nd kvie sehr bei dielen naturgemäß ihre politisch emanzipatorifchen Interessen gegenüber dem spczisisch Religiösen im Vordergründe stehen.