Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 44 (1.11.1906)
- Date
- 1906-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 44 Feuilleton. ver kaal-Zckem von Micbelrtaclt. Bon 7t»dä»e. Nachdruck vrrbvlrn. VII. ^!0 erste» ,\nhvc des nennzelmten 'saht־ hnnderts unuc» für ganz Europa, besonders aber für das nmnittclbar a» Frankreich .grenzende westliche Dentichland eine überaus bewegte Ieit. Wie eine anfgehende -Sonne nun- 9c'apaleo1! am Bachtbimmel Europas blmigrot heransgezogen, batte die alte '?«'acht verscheucht und 11 in sieg reiches Iortschrcitcn lenkte aller Angen aus sich. Er batte den kübueu Traum verwirklicht, iu dem sich Frankreich bis zum Bbcinstrvin erstreckt, und diesen zur Grenzichcide zwischen Frankreich >cud Deutschland gemacht. Während aus dcnr liukeu Bbcinnscr alles srau uuiidi ivar, berrschreu rechts vom Bhein noch die deutschen ,Fürsten iu ihrer bisherigen Weile, iu Wirklichkeit hei richte ׳),apoleon aber auch liier, denn die ,Hirnen und ihre Be giernnaen waren nur willenlose Werkzeuge iu ))capoceons -\'u!1vu1. i 1״«! olese Ao!!ang»gkeit verloren die Fürsten und ihre Beamten jedes Ansehen bei ibrem eigenen Bolke. Diese ׳))c'iß achtnng steigerte sich zu osseuenl Trozc gegeit jede Dbrigkeit, von der man nichts hoffte und nichts nachtete. Dazu kam der schivcre Druck, der aus allen Bolksklasscn durch die unablässigen Spier au Gm und Blut lastete, ivelchc die iort währende Kriegsbereitschail aller Staaten er forderte. Am ichiveriten lästere dieser Druck auf den unteren Ständen. Die Sbrigkeil, die Justiz» die den (Gedrückten nicht Helsen konnten, verloren bei dein eigentlichen Bolke jedes Anicben! es tuchte nch iclber zu beiten. Es organineiten sich ganze Bänbcrbanden, die eine An Bebingericht ausübtkii, missliebige Beamten beseitigten, reiche Hose plünderten und so in ibrer Beeise die Ber schiedeubeit des Benfes ausglichen. Dadurch er freuten ׳'ich die Bäuber der Stnnpathien der unteccu Bolksschichtcn. und aut diese Beeise er langteii dieic Banberbanden eine Macht und einen Einfluß, ivie es in geivöhnlicheu;feiten nicht möglich geivkie» wäre. Die Zauber konnten die kecksten llebenalle wage» und sich in ihre Siiilnpf Winkel zuruckzicben, um von dort ivieder neue Plünderungen vorzuueluneu, c׳lme fürchten zu niüncn, da;; ein 'Bauer oder Handwerker sic ver rate. Beer sich Härte und llngerechiigkcit gegen die unteren Stände zu schulden koiuinen lies;, fand in diesen Banberbanden seinen Bacher. Das Bolk verklagte ׳eine Peiniger nicht bei den ob» mächtigen Gerichie», sondern bei den Bäubern, die prompte In'tiz übten nnd dein Ang. klagten in der folgenden '?»acht das Haus abbraumen, nachdein sie zuvor die ganze Habe geplündert und bei Seite geschafft baue» llnter den Bäubcrband?»!euer Icit, deren Taten noch beute int Bolksmuud leben, in 100hl diezenige des 2 di 1 nde v h a!!!! e s die populärste. Er war ein Bauber von Boltes (Gnaden, der so recht nach dein Geschmack nnd (Metallen des Bolkes sein Handwerk betrieb tind dadurch der erklärte Liebling groüer Bolksiuanen ivar. Er ivar zil Bc'übleu bei '.'cananen!in '.'ca״anl׳chcn geboren und hieß von Haine aus Johannes Bückler. Er sclbn nannte neb mit Borlicbe! ..Johannes durch den Wald״ und innerzecciincle aucti ׳ 0׳eine 'Be fehle lmd Proklamationen, die er als Bänderhanptmann auSstellte. Seine Bauden waren gut diszipliniert, er selbst aber war nichts weniger als tollkübn und todesmutig. Er verstand es jedoch, aus seinen (Genossen treue Untergebene zu machen, ivelche vor den venvegensten Angriffen nicht znrnckschreckten. Er ivar überall und nirgends. Während Soldaten und Polizisten ihn iu den tiefsten Wäldern suchten, hielt er iu einem der Dorier an der Babe oder Mosel mehrtägige ösfentliche Zechgelage, führte die zu seiner Wc fangeunaknic ausgesaudten Mauuichasteu durch falsche Berichte ״vom Schinderhannes" auf falsche Iährtcn und hatte aus diese Beeise immer die Vacher aus seiner Leite. Bei allen feinen St1־eif* zügcn lmd geivagten lluternehmungen ivar er, wo cs nur irgend anging, daraus bedacht, dasz auch der Hniuor zu seinem Beckue kam. Eine Gesellschaft von drcisug Kanflenten, die sich wegen der allgemeine» Unsicherheit vereinigt nnd bewarf »et batten nn, ihre Ware zu befördern, ivnrde von Schinderhannes angebalten und beraubt. Als 2träte dafür, dasz sie Widerstand geleistet und von ihren Waffen Gebrauch geinacht hatten, mutzten alle den rechten Schul) ausziehen nnd konnten ihre Weiterreise nnr mit einem Schub an den Iüßen antreten. Solche und ähnliche Iüge erhielten niid erhöhten seine Bolkstümlichkeit. Die׳'e kurzen ftüchtigen Iüge zur Schilderung jener Ieit dürsten genügen, um uuS die '-!lugst und den Schrecken zu vergegenwärtigen. mit tvelchen jeder Beisende darnals eine Beise antrat, sobald er das Gebiet streifte, iu welchem der berüchtigte Büuberbanptiuann mit seiner Bande hauste. Sander Goldsticker fonnte aber nicht zurück nach Koblenz ohne die Gegenden zu passieren, in;velchen der Schinderhannes alles weit und breit unsicher inachte. Nus die Meszbesucher, die jept hin und zurück reisten, batten cs die Bäuber besonders abgesehen, und dasz die jüdischen Beisendeu besonders Beraulassuug hatten ängstlich z>1 sein, braucht nicht erst gesagt zu werden. Aron Schotten hatte deshalb feinem Gebens retter geraten sich den kleinen Umweg nicht gereuen zu lassen und mit ihm nach Mtchelstadt z>c gehen; der ׳Baal Schein werde ihin gewiß ein Mittel geben, das ihn ungefährdet durch alle Gefahren nach Koblenz bringen werde. Dieser batte jedoch keinen (Glauben an eine derartige Hilfe nnd ivar nnr undenvillig gefolgt, mehr um de» freund zu begleite», den er nach den Ausregnngen der jüngste» 'Wochen nicht gern allein ans dem Wege wufzte, als iür sich etwas zu erlangen. ׳ ,11111(■'״vie ge'ällt Euch der Baal Schein?" fragte 'Aron Schotte» feinen Begleiter, als sic in dein Minimer ihres 'Wirtshauses sich uiedcrge lassen hatten. ״Was wollt II״ nur von einem Baal Schein?" erwiderte Goldsticker, ״Ihr seht doch, dasz er sich selber nicht für einen Baal Scheu! ausgibl, ivarnni wollt ihr denn mit aller Gewalt ihn dazu machen? ,El! glaube, dasz er ein sehr gelehrter, frommer Mann i׳"t, mit vielen hervorragenden, guten Eigenschaften. Er ist gewisz viel mehr, als er iu seiner Bescheidenheit selber glaubt, und die'er Ing hm mir besonders gut gefallen, aber " ״Aber?״ fiel ihm Schotten ins Wort, ״lassen nur das folgende unausgesprochen. Wenn der Babbi!veiler nichts iväre, als das, was Ihr von ihm haltet, so must auch das vollkoninicu genügen, dasz einen! der Bat, das Gebet nnd der Segen eines solchen Mauues nicht gleichgiltig sein kaiiu. Was habt Ehr riskiert wenn ihr morgen früh dein Babbi sag!, dasz Ehr nach Haine reisen wollt nnd grosze Inrcht vor dem Schinderbannes habt, er ׳'oll End, einen Bat, seinen Segen geben, und Euer iu feinem Gebete gedenken?" ״,En habt Becht. Babbi Aron", das kann nichts schaden, kann nur nüfen. und ich werde Euren Bai befolge»", erwiderte Goldnicker. '.'lls an! anderen 'Borgen nach dein Morgen gebet ׳ich die beiden Irennde zmu Abschied bei des ״)sraelit" dem Babbi einfanden, trug Goldsticker sein :'lnliegen vor. Einen 'Augenblick sah der Babbi dem B!ttsteiler mit seinen klugen, milden Augen in's ver düfterte Antliv nnd sagte dann mit heitere!!:, zuversichtlichem fächeln ״Tretet nur genoß Eure Beise an, der Schinderbanncs tut keinem Inden etwas zu leid." ״Berzeibt, Lehrer und Meister", entgegneke Goldsticker, ״ich iveisz nicht, ob ich den Babbi richtig verstanden habe. Der Schiuderhanues tut keiueui ^udeu etwas zu leid? Hat der Babbi nichts von den Beraubnngen, Plünderungen und selbst Mordtaten gehört, die der Schinderbannes und seine Venle gerade au Inden vorgenomnien haben?" ״Sind Euch Iälle bekannt, iu!velchen ,Eide» vom Schiuderbaunes angesallen wurden׳?" fragte der Babbi. ״Ich meine »ich! allgemeine Gerüchte und Bcdcnsarte», auf die man niemals erivas geben kann, besonders iu so aufgeregte» Seiten wie die jetzigen. Sondern ob Euch jüdische Verne persönlich mit Barnen bekannt sind, die durch den Schinderhannes zu leiden hatten?" Ein Augenblick besann sich der Gefragte, es schien ihm nicht so leicht dein geäußerten Wunsche zu entsprechen. ״Mit genauen Daten, für die ich mich verbürgen könnte, kann ich im Augenblick meine Angaben nicht belegen und es wäre schon möglich, dasz man inanchen Banbanfall aus Bechnnng des Schinderhannes setzt, an dem er ganz unschuldig ist. Aber bar der Babbi nicht von der Brandschafnng gehört, mit der Mendel Vöiv in Sötern vor etwa sechs Wochen vom Schinderhannes selber heimgesncht ivnrde? Sie hat den wohlhabenden Mann an de!! Bettelstab gebracht. Er hat in seinem Unglück selber an meine Türe gepocht nnd mir alles erzählt." ״Davon ist mir nichts bekannt", entgcgnete der Babbi ״die Sache kommt mir sehr auffallend vor. Es iväre aber immerbin möglich, daß dieser ')Bendel Vöw irgend eine Härte oder Ungerechtig feit gegen einen Bauern oder Taglöhner sich hätte ru Schulden kommen lassen, In diesen! Ialle lind den! Schinderhannes 'siibcn und ))licht jndcn gleich, Ich meine nur, dasz der Schinder Hannes kcincin fanden etwas zu Veid int, der ruhig wie Ihr seines Weges zieht. Welchen Weg nehmt Ihr nach Eoblenz?" ״')),ein kürzester 'Weg wäre von hier nach Bcnsheim an der Bergstraße, von da ginge ich nach Kreuznach nnd über den Hunsrück nach Hause. Aber man bat mir gestern von zu Hanse geschrieben, dasz der Schinderhannes gegenwärtig in Griebelschied bei Kirn einen großen mehr tägigen Ball veranstaltet bat. Dciil!vill ich aber ans dem Wege gehen und werde daher wahr scheinlich über Mainz reisen. In Wirklichkeit kann man aber heute nicht!vissen, wo die Bäuber morgen sind; vielleicht wifscn's sic selber nicht. Als ich zu Hanse sortsnhr, feierte er mit großem (Belage das Kirchweihfest in Meddersheim, Kanton Mciscnheim, nnd die Bacht da׳׳ans hatte er zwölf Stunden davon entfernt den Postivagcn ans geraubt." Der Babbi strich bedächtig mit der linken Hand seinen bis ans die Brust hcrabivallenden Bart, während die rechte nachdenklich einige Sekunden ans deni Tische trommelte. Als ob er in dieser kurzen Ieit einen Entschluß gefaßt hätte, der ihn einige Ueberivindnng kostete, sagte er dann mit entschiedener I-cstigt'eit: ״Beb Sander, ich bleibe dabei, der Schinder banneS wird Euch kein Haar krümmen. Aber cs giebt noch viele andere Bäuber nnd Mord gesellen jeder Art, die Euch ans dem 'Weg bc lästigen könnten, vor diesen müßt Ihr viel mehr am' der H»t sein. Damit auch diese Euch nichts anbaben, müßt ihr Euren Beneplan aufgcbcn und denjenigen anncbmen, den ich Euch einpfchle. Ihr dürft den! Schinderhannes nicht ans dem Wege gehen, sondern Ihr müßt ihn annnchen-