Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 43 (25.10.1906)
- Date
- 1906-10-25
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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2r>. Oktober 1906. ״Und mein Vater, der alte, gebrochene Man» soll sein Haus verlasse»?," frng Gustav mit;lickenden Rippen und brach in Weinen ans. 0^ rührt betrachtete der Rechtskonsulent den fassnngs losen Menschen. Er war so schön ,,, seinem Schmerz - die Ereignisse die in der letzten Feit ans ihn eingestürmt, hatten seine zarten, 'foft iveiblichen Füge vertieft und veredelt, Fetzr um. kreiste!» seine Gedanken den Vater, den alten Mann, den er mitgerissen hatte in ein Elend, denen Höhepunkt noch nicht erreicht war. Ans allem gewohnten Glanz sollte der Greis heraus, in eine ungewisse, entsagungsvolle Furnnft; vielleicht gar inS Gefängnis. Da schlug die Standuhr zehn. Selig ent ivickclte null sein Plan. Gustav sollte ihm alle Akten, Briese und Verträge, und sonstige Ab kommen zwischen Korn und i?imbacher schienniqst aushändigen. Man müsse Bettys Erbteil aus der Konkursmasse ansscheiden, soweit es nur mög lich werde. Alle Pretiosen, alte Erbstücke, die einen großen Wert l,alten, sollten Selig zur Ver Währung übergeben werden. Zum Schluß er wähnte der kluge Advokat, daß Mosche Brück nicht zufällig anwesend sei. Mit Mosches Hilfe sollte Vimbacher Vor der sicheren Verhaftung geschntzr und ins Preußische gebracht werden. Mosche, der häufig Lchimme Bars Schwiegersohn, dessen lebendiges Jnvcnrarstnck er bald dreißig xV*!)ve bildete, in der Kalesche zu fahren pflegte, war schon instruiert. Man war gewohnt, Mosche als Kutscher das altmodische Gefährt lenken zu sehen. Er werde in der folgenden flacht an der einsamen Wasserseite anfahren, "imbachcr müsse den Wagen besteigen und falls an der Brücke ein Gensdarm oder Polizist sich zeige, ans der hessischen Leite bleiben und vier Wegstunden weiter bei Frälikisch-Grumbach ins Bäuerische Hineimahren. Schimme Bärs Schwiegersohn, ein braver, ver schiviegener Mann werde schon in der Kalesche sitzen, das 'Kör:ge werde Mosche Brück mir seinen! ״Herrn" in Dronnng bringen. Aber noch in dieser Rächt müßten alle Vorbereitungen getroffen und die nötigen Schriften in SeligS Hände gelangen. Dann wurde Mosche hereingerufen. ״Du getraust dich also, unfern alten Freund ans der Etadt zu bringen? und wirst dich nicht schlemilig ungeschickt) anstellen?" fragte Selig. Riiibacher, als Mosches alter Freund, schmeichelte dein Botengänger, trotzdem sich jetzt Riemand mehr als Freund dieses Mannes bekennen wollte. Ein stolzes, selbstbewußtes lächeln glitt über Mosches wettergebräuntes Gesicht. ״Roch viel mehr," antwortete er überlegen. ״Also, morgen Rächt, zehn, elf Uhr, je nachdem," fuhr Selig dann wieder fort, ״und," den Finger warnend an den Mund legend nnd Mosche mit seinen leb baiten Augen durchdringend ansehend ״stumm wie das Grab!" Mosche legte beteuernd die Hand aufs Herz. So, Mosche, jetzt mach', daß du unauffällig »ach Hanse kommst." Eine halbe Stunde später verließ Gustav die Wohnung des braven Rechtskonsulenten. Als er ans die Straße trat, stand plötzlich, wie aus dem Boden gewachsen, eine schlanke Ge- »alt neben ihm. Die Laternen waren schon aus gelöscht nnd Gustav konnte den so unerwartet »eben ihm ansgetanchten Menschen nicht erkennen. Er schrak zusammen. ״Gustav," flüsterte der Unbekannte. ״D, Emil!" gab er erleichtert zurück. ״Fa, ich! Ich habe ans dich gewartet. Fch muß mit dir sprechen - vielleicht das letztemal für lange Feit. Fnvor begleite mich und dann >r»erde nb dich wieder begleiten, Fernand außer mii^ will mch ans wenige Augenblicke sehen." Voller Lvannung, mit klopfendem Herzen folgte Gustav, ׳ast lvillenlos. Von Emil Korn ivar nichts Voses z» befürchten. ״Wer will mich sprechen?,!ver?" drängte jetzt Gmtav, vorsichtig durch die stockdunkle Gasse 'ck! reitend. ״Wir sind gleich zur Stelle", antwortete Ennl ׳eierlich, mit dumpfer Stnnme. Sie gelangten ״nch ivenigei» Augenblicken an's Gäßchen. Fetzt Der F-raelit. stieg in Gustav eine dunkle Ahnung ans. Er blieb zögernd stehen nnd faßte Emil am Arme. Doch dieser zog ihn mit sich kort nnd flüsterte: ״Komin' iilir! Fch lasse dich hier allein, an der Ecke envarte ich dich." Er ivar alsbald ver schwnnden. Fn diesem Augenblick huschte eine dunkle Frauengeitalt ans Gustav zu. Dann standen sich die beide!«!vortlos gegenüber. Er konnte die vermummte Gestalt nicht erkennen, aber er fühlte, daß er Bella gegenübcrstand. Die Kehle »var ihm zugeschnürt, er vermochte nicht zu sprechen, mit keuchendem Atem, nach stuft ringend, starrte er das vor ihm stehende 'Weib an, ans dessen Umhüllung ihm ein bleiches Ge sicht allniälig kennbar ivnrde. Sie regte sich nicht und sprach nicht. Endlich, nach langem Schweigen, nachdem er sich von seiner lieber raschnng erholt hatte, srug er: ״Bella, du -"י ״Fa, ich. Bella Friedberg!" ״Woher!vußtest du- ״stoß' gut sein," fiel sic ihm ins 'Wort. ״Fch weiß, was dir bcvorsteht. Bevor du von hier scheidest, — vielleicht für lauge, vielleicht für immer, — wollte ich dich noch einmal sehen und sprechen. Deine Freunde verlassen dich. Das geht immer so in der Welt, ivenn's einem schlecht geht. Du hast mich auch vcriafscn, weit ich cm armes Mädchen bin, du hattest nie daran gedacht mich zu deiner Frau z!l machen. Du hattest mit de»! Heiligsten freventlich gespielt, >vas es im steben gibt, mit der ersten stiebe eines Vertrauens vollen Mädchenherzens. Du hast damit ineinen Glauben an die Menschen vergiftet, mir meine Fugend zerstört, mein steben vergällt, mich mit grenzenlosem Haß gegen die Reiche» erfüllt und zugleich mit tiefer Verachtung gegen alle Männer. Dafür habe ich dir einmal in einer verzweifelten Stunde recht viel llnglück nnd Herzeleid ge wünscht, nnd später noch öfter." Das Mädchen seufzte ne» auf und schwieg. Gustav starrte sic unverwandt an. Fhre Augen schienen drohend auf ihn gerichtet. ״Und »mi mir das zu sagen, hast du mich hier erivartkt?" frlig er tonlos. ״Fa, aber ich bin noch nicht zu Ende." ״lind >vas noch?" frng er wieder. ״Es ließ mir keine Ruhe, daß ich dich verflucht nnd meine bösen Wünsche sich au dir er füllt haben. Heute Rächt als ich von Emil erfuhr, ivclchcs Unheil dir bevorstehe, ließ es mir keine Ruhe mehr, ich mußte dich noch ein mal sehen, dir sagen, daß ich dir geflucht habe und nun der Fluch ans mich zrirückfällt. Fch bin schuld daran, daß du jetzt ins llnglück wanderst, nnd du sollst mir das verzeihe». Hellte, o, schon lange, seit ich dich elend iveiß, bin ick, mir ivieder bewußt geworden, daß ich dicki nicht mehr hasse, dich nie gehaßt habedaß ich, — — daß ich dich noch immer liebe, — — daß icki dich nm Verzeibnng bitte»! — — daß du mir vergeben mußt — Gustav! -Gustav!- Fhre bisher feste Stimme erzitterte, sie be gaun zu schluchzen, Unter dem verhüllenden Tuch streckte sie ihm flehentlich die Hände ent gegen. Er ergriff sie und führte sie a» seine stippen ״'Richt deine Verwünschungen, sondern meine eigene Schuld haben mich ins llnglück gebracht, was ich schon selber eingesehen liabe," begann er sanft. ״Fch habe dir nichts zu verzeihen, aber du mir unendlich viel. Wenn ich das große Un glück, das über mich hereingebrochc!, ist, verschuldet habe, muß es eine Sühne dafür sein, ivas ich an dir gesündigt — es war schmäh lich, noch mehr, es war verrucht — — kannst du mir das vergeben? oder׳ muß ich auch zum Bewußtsein meiner Schuld auch noch den Fluch mitnehuien, daß du —- Lie riß heftig ihre Hände los, und trat einen Schritt zurück. Sie schien sich vor seinem immer leidenfchastlicher gewordenen Ton zu fürchten. Plötzlich siel sie idm um den Hals, er aber preßte sie fest an sein Herz, rin heftiges Gittern durchbebte ihn: seiil Schmerz, der ganze Rr 4:r. Leite 1.9. Famuier der zermalmend auf ihii inederdrückke silchte einen Ansiveg. Der Versinkende, der nirgends eine Stütze »'and, stichle nach einem Halt,!lach einer Seele, die sich mit der!'einigen vereinigte, die ihn cniporbielt über die brausenden Wogen des Schicksal, dessen Strudel ihn zu ver schlingen drohte Er ivar noch nicht vom llnglück gehärtet, alles in ihm noch nachgiebig. Fort'etznng folgt. ^Fnderecke. Versuckung. Rahel stand am Feilster und sah den spielenden Kindern im Schulhofe zu. Es giebt nichts litt angenehmeres, als eine» Schabbosmorgen in der Schule und noch dazu, weuu inan erkältet alleiii im Klassenzimmer bleiben muß und ,licht einmal die Panse mit den Frcnndiniien verbringen darf. Mil geheimer Sehnsucht dachte Rahel an die jüdische Mittelschule, die sie bis vor kurzen, besucht hatte. Der Lchabbos zll Hanse war doch gemütlicher. Ein par ärgerliche Thränchen stahlen sich in die braunen Angen nnd Rahel beschloß, ihren Anssichtspunkt an» Feilster zu verlasse« »»»d ihre Aufgaben noch einmal zu überlesen! Sie ivar zwar ihrer Sache sich, v, sie lernte immer gut, und in den letzten Woche» hatte sie »ich besondere Mühe ׳.;.׳geben. To war alle Aussicht für sie da, zun» Schlüsse des D.uartals das beste Fengnis und so auch den ersten Platz zu erhalten! — Heimatkunde tuib Französisch gingen am Schnürchen, jetzt kam noch Rechnen an die Reihe, o »veh, das Rechenbuch fehlte. Kein Suchen half, geiviß haue Ratiel es, als sie am Freitag ihre Bücher zll Tckiabbos in die Schule brachte, ver twfscn. Das arme Ding ivar ganz ratlos, ein iDronnngstadel wahr ihr sicher lind dann ivar die Aussicht auf den ersten Klassenplatz hin. Fhre Klasse ivar die einzige in der Schule, die diese Fibel benutzte, sodaß keine Schülerin einer anderen Klasie ihr anshclfen konnte. Eine Freundin nach Hause schickeir durfte sie gleichfalls nicht, das »var gegen die Schulregel und hätte ihr und der gefälligen Freundin einen Erna verivcis eingetragen. Da siel Rahel ein Ausweg ein: Sic konnte ja selbst das Buch zu Hause — sie ivohnte nebenan holen! Keiner würde ctivas merken. Die Eitern und Brüder waren in der Synagoge, das Mädchen »var ihre kleinen llebersälle gewohnt und achtete »oohl ihrer nicht, das Tchivesterchen hielt jetzt seinen Vormittags schlat. Wenn es aber zufällig ivachte nnd bei Tisch in feiner drolligen Art die große Reuigkeit stolz zum besten gab? 'Welchen Grund sollte sie den Eltern angeben? Tie sann nach, doch keine Antwort siel ihr ein, was sollte sie denn über hanvt sagen, da sie die Wahrheit verheimlichen wollte? Ei»1e Ausrede — eine stüge. Unwill kürlich ließ sie den Hiit, den sie schon in der Hand hielt, fallen. Eil« heißes Rot stieg in das ernste Gesichlchcn, und plötz'ich siel ihr ein Sinnspruch ein, den sic einmal gehört und wieder vergessen hatte, weil sie ihn nicht verstand, lind den sie jetzt verstehen lernte: Ein Unrecht zieht das andere nach sich. Warum stand sie denn hier und faitn auf eine Unwahrheit den Eltern gegenüber nach? Weil sie ein großes llnrecht, das sie t >n wollte, ver bergen mußte. Das erste Unrecht gegen den lieben Gott sollte ein ziveites gegen die Eltern nach sich ziehen.