Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 39 (27.9.1906)
- Date
- 1906-09-27
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 39 ״)sraelit". euilleton. Der Baal-Scbem von micbelsfadt. Bon Clubäue. (3) ‘JJnrfibruff vcrbolrn. Bon U’^tcrcm erzählt mau sich, boft feine ihn l»eobachtendcn We110f»e!t seit zwei Tilgen ihn!nieder einmal nicht Speise rn'.d Trank zu sich nehme»» sahen. Ta ec« verboten ist anderen mitzutrilen, baft man rastet, so »volltcn ste ihn auch nicht darüber direkt fragen - aber ans eine Probe stellen »vollten sie ihn. Sie gingen nach Mincha des verinuteten ztveiten Fasttages, nachdem ihr (Genosse schon achtnndvierzig Stunden nichts genossen, zu sammen vor der Stadt spaziere». Fs >var nin o»c Flulzeir. Tie ersten Zwerschen >v« en eben reis und die jungen steute risten ans ihrem Spaziergang einige von den ,Früchten ab nnd ver zehrten sie. ״Warum nimmst Tn keine Früchte?" nagten sic Mosch eh Sofcr. ״Tn »asten »vohl wieder?" ״Liegen des Fasttages konnte ich sie schon nehmen nnd sie mir ansheben," entgcgnete der (Gefragte. ״Aber »ch nelnne keine fruchte, »veil es verboten ist zu stehlen". Während die anderen lachten und nun ihrer Sache sicher ivaren, kam plötzlich ein Flurschütze, »voran» alle die Flucht crgristen. '.'<111 Moscheh Soser blieb stehen. Tei Schuhe »vollte sich an dem Finen sür die Fntftohenen schadlos halten und er schlug ihn mir seinem Stock. Moscheh Soicr sagte ihm, er habe kein Tbst genommen. 211* der schuhe trohdem -in!! z!veiten Male den Stock erhob, ergrist Moscheh den Schuhen, »vars ihn zu Boden, risi idm den Stock ans den Händen lind gab ihm eine solche Tracht Prügel, dasi er keine stust mehr vcil'pürte »eine Beschnldignng 511 »vicdcrholen. Tie (Genossen hatte» von der Ferne zugeschaut, 2lls sie da»»n wieder mit Moscheh Sester zusainmcnkamen, sagten sie ihm, jehl seien sic überzeugt, dasi er nicht »'aste. Tenn nach acht- »lndvierzigstündigem Lasten batte er einen solchen Kampf nicht ansiiehmeii nnd spielend io siegreich yi vTu'V sühreil können. Moscheh Soser lächeltedenn er sasietc seinen ^wriling heiter fort, ohne dasi ihn diese 1111 terbrechnng besonders gestört hätte. Solche nnd ähnliche Züge ans jener v'Vm »verdcn es erklärlich 'ein lassen, »venn Seckel stob ui feinem achtzehnten Jahre sich das Gelübde sür sein ganzes steben au»erlegte, von Speise und Trank alles dasjenige auszn'chliesien, n׳as von einem lebenden Wesen herrührt, ein Fnt'chlnsi, in Folge dessen er sich nicht nur Fleisch und Fisch, sondern auch CS־iev, Milch, Butter und dergl. versagte. Tiefe Fnthalknn.g beruht ohne Zweifel au» der Wissenschaft der Kabbala entnonnneneii Bor aus'ehungeu. Tic äusiere Beranlanung zur Nebernabme eines so schweren, tief in das ganze steben cingreisenden Gelöbnisses »var ein Bor kominnis, das ׳.!»s noch später beschäst,gen wird. IV. -Lechs Fahre lag Seckel stöb dem Tliora 'tudiuin in Frankfurt a. Bi. ob und enreutc sich Von der Ächtung und Freund,cha»! der ange »ehnsten Fannlie» Ter stokalpatrioüsums de! alten, eingesessenen Franksurter» bei welchen der Mensch erst mit dem Frankfurter beginnt, ist bekannt. 'Wenn Seckel stöb, obrvohl kein geborncr Frankfurter, dennoch sich einer so hohen Anerkennung und Auszeichnung erfreute, dasi dieses in seiner Jugendzeit geknüpfte Freund- ,chastsband ihn zeitlebens mit den ersten Frank surrcr Familien verband, nachdem er Frankfurt längst verlassen halte, so brauchen wir sür den Kenner der damaligen Zeit den! nichts hinzuzusügen. Diese seltene Auszeichnung unter Hunderten jugendlicher Studiengenossen beiveist, dasi inan tu dem Jüngling den einstigen grosien Mann bereits zu würdigen wusite. (Lin angesehenes Mitglied der Frankfurter (Gemeinde Isaak Reiß zeichnete ihn ans, indem er ihn! seine Tochter Adelheid zur Frau gab, mit »velchcr er dann Frankfurt verliest, lim sich in Michelstadt niederzulassen. Tort lebte er zu- »lachst nur seinen Studien und teilte mit den Fl »er»» Tisch und Wohnung. Doch bald verlor er seine Mutter nnd kurz daran» auch den Baker, sodast er im st.",. Jahre allein mit Frau und Miiitmi dastand und durch die Berhältnisie ge drängt wurde, sich einem Broterwerb zuzuwenden. Trotz Armut und ernster Frkranknng konnte er sich nicht cntschliesten von der Beschäftigung mit der Tliora zu lassen, ja er liest sich ihre Ber breitiing in einer Weise angelegen sein, die in ihrer Art einzig dastehr. Zum offiziellen Rabbiner des Bezirks wurde er erst st" Jahre später l.^stst) ernannt. Aber auch als solcher bezog er nie einen Fehalt, sondern nur die Gebühren von Trauungen u. a. und auch diese nur zur Hälfte, ans Gründen, aus die zurückznkommen sich noch späterhin (Gelegenheit sinden wird. Zum Bal ׳Schein von Michelsladt hat ihn die jüdische öffentliche Meinung gemacht. Fr selbst hat sich zeitlebens gegen diesen Titel gesträubt, hat sich nie darin gefallen dem Wunderglauben der Massen Rechnung zu tragen, sondern lebte im Gegenteil so schlicht nnd plan, trat so anspruchloS einfach im Berkehr mit seiner Um gcbung aus, dasi man hinter diesem Auftreten alles andere eher als einen Wllnderrabbi gesucht hätte. Freilich beit Seelenadel, der aus seinen klugen, milden Augen leuchtete, der jeden Zug seines edlen Angesichts verklärte, die Herzensgüre, die aus jeder Miene, die Weisheit der Thora, die aus jeden» Worte sprach, diese Beiveii'e ׳'einer wahren, inneren Scelengröste konnte anch seine Bescheidenheit nicht tilgen. Auch die Demut unseres stehrcs Moscheh konnte den stichrstrahl nicht unterdrücken, der aus seinem Antlitz blitzte, er selbst aber »vusite nichts von dem Glanze, der seine Züge verklärte. Fs w׳r in der Tbat ein wunderbares steben, das von Rabbi Seckel stöb Wormser auSging nnd »vcit über den engen Kreis seiner örtlichen Wirksamkeit die Augen der jüdischen Gemeinden nnd Finzelnen auf sich zog. Zunächst gründete er eine Talmud Hochschule Jeschiba für Jünglinge, welche sich dem Tal mndstndiui» ividme» »vollten. In einem kleinen standstädtchen wie Michclstadr, »var das keine geringe Ausgabe. Fr konnte von der kleinen jüdischen Gemeinde nicht einmal die Beköstigung seiner Schüler durch Freitische beanspruchen, wie es zu jener Zeit in vielen Gemeinden gang und gäbe war. Tenn die Jeschiba, welche in ihrer Blütezeit von siebenzig Hörern besucht »vurde, die sich von allen stäudcrn in Michelstadr zusammen fanden, Hane mehr Schüler als die Genieinde Mitglieder. Sie »vurden ausnahmslos im Hause des stehrers beköstigt, soweit sic nicht aus wohlhabendem Hause stammten oder sich als Halislehrer ihren stebcnsnnterhalt verdienten. Tie körperliche Nahrung »vie die geistige »var vollständig umsonst. Bei der stangsamkeit und Schwerfälligkeit des damaligen Berkehrs war es auch nicht leicht wohlhabende auswärtige Kreise hit dieses Unternehmen heranzuzieden. Michel» stadk baue damals auch nicht cinnial eine Post. Bon dem eine halbe Stunde entfernten Kreisort Frbach kam wöchentlich zweimal der Postbote nach Michelstadt. Wie oft blickte Rabbi Seckel stöb in der Richtung nach Frbach sehnsüchtig den, Briefträger entgegen, wenn die Mittel für die Fr haltnng der Jeschiba ausgegangen waren' Daß er diese Hochschiile tief in den Bergen des Tdenwaldes gründen, leiten und bis an sei» stebcnsendc erhalten konnte, die Hingebung, das Gottvertrauen und die Menschenliebe mit der er dieses Wundenverk zli Wege brachte, das allein hätte genügt seinen Ruf als 'Wunderrabbi;» rechtsertigeu. Tiefer Mann, dessen Nahrung ansschliesilich aus einfachster Pflanzenkost bestand, der iil seinem Hause mit seiner Familie in de» bescheidensten, man darf!vohl sagen, ärmlichsten Berhältnissen lebte, dieser Mann speiste siebenzig Jünglinge, und ausnahmslos jeden Armen, der das gastliche Haus betrat! Wie war das Witlidet möglich •׳ Ter Name von Rabbi stöb 'Wormser lebte au» allen stippen, sein reines, heiliges, in Zurück gezogenhcit und Fnrhalrsanikeit geführtes steben lenkte die Anfinerksainkeit der Zeitgenossen um so nachhaltiger aus den großen Mann, je weniger er nach der Anerkennung und dem Beifall der grosien Menge strebte. Wer mit ihm in Berührung kam, wer ihn kennen lernte, mußte ihn lieben und verehren. Seine natürliche Herzensgüte, seine stebeusersahrung »nid Weltiveisheit gewannen ihn! wie durch einen Zauber alle (Geister und Gemüter. Ter Gelehrte schätzte in ihm den Gelehrten Aber der Handelsmann, der Biehhändler. der Handwerker und der Bauer waren ebenso betrosten von der Gewandtheit und Bertrantheit, die er für jeden stebensberuf an den Tag legte. Kein Wunder, daß alle Gedrückten und Beladenen von weit nnd breit zu ihm kamen, um seinen Rat, sein Geber und seine tatkräftige Hilfe zu erbitten. Seine unveri'iegliche Menschenliebe hatte sür jeden Bittenden Leilnähme, sein Heller Kopf hatte Rat für die Rar lo׳'en nnd seine wackere, hilsbereite Hand stand jedem helfend und aufrichtcnd zur Seite. Arm und Reich. Hoch n״.d 'Rieder, Gelehrte und Un gelehrte, Jude und Nichrjude, keiner har sich je 'erfolglos an den Bal Schein geivandt. Finer reiner Schüler, stazarus Blumen l h a l, der die Begegnisse und Frfahrungen seines reichen, überaus bewegten stebens für seine Kinder und Fnkel niedergeschricben hat, gedenkt an einigen Stellen seines Lehrers in einer Weste, die ungemein charakteristisch ist. Herr Tr. Max Blumenthal in New-2-ork hat gelegentlich eines Besuches in Tcutschland mir eine Durchsicht der Memoiren seines Baters und eine Berwertuug derjenigen Steilen gestattet, in welchen von dem Helden dieser Frzühlung die Rede ist. Ter Berfaster der Tenkivürdigkeiten ist z״ Jllcreichen!Bauern tut Jahre 1 TtHJ geboren und im 81. Jahr zu New-Bork gestorben. Fr schildert in überaus anziehender Weise seine Fr lebnisse von der frühesten Kindheit bis wenige Tage vor seinem Tode in jüdisch deutscher Schrift. Ter 'Wandertrieb des Bermssers führte diesen nach Italien, Spanien, Portugal bis nach Gibraltar, nach Malta, Sardinien, * Sieilien, London und zuletzt nach Amerika, aber die Anhänglichkeit an Familie und Heimat zog ihn immer dorthin zurück. Fr bekundet eine scharfe Beobachtnngs gäbe, große vielseitige Weltkenntnis und bei aller aufgeklärten, modernen stebcnsanschauung eine lief religiös angelegte Natur. Ta die Handschrift im staufe der Jahre unleserlich geworden war, schrieb sie der Berfasscr am 27. Adar 5NG' (21. März lackst zu New Bork mit ergänzenden Zusätze:! noch einmal nieder. Ter uns zunächt interessierende Passus lalltet: ״.'»Gl.'» 1 »«Ost. Am Tage meines 15. Jahres, rvandcrrc ick» mir einem älteren Bruder Namens Meier zu Fuß, mit einem Ränzchen, worin meine Kleider und Wäsche, auf dem Rücken, nach dem