Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 38 (19.9.1906)
- Date
- 1906-09-19
- Page
- Seite 20 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Der ISrarltt. l'J. Lrptembrr liiüS. &n!r 20. 9h - Dämon und Phintias t* der I«de«ßasse. on Arthur Kah». 3*'l Nachdruck vtrbolrn. (Srft nachdein btc ganze Familie Jcchicls, und die Gesellen ׳ich von der nachbarlichen Anwesen heit des niederträchtigen Katers überzeugt batten, beqnemten sich die Herren von der Nadel zu der natürlichen Lonnig des Ereignisses, daS ihnen anfangs als ans einer anderen Welt herrührend er schien. Auch n,r die geschivollenc Wange ward rasch von der resoluten Hanssrau die Lösung gefunden. In, Stubätii neben der Gliche batte Stella, die sich immer mehr zu eitler verbissenen Jungfer umge staltete, den Gespenst ec erzählungrit ihres Bakers durch die onene Tür zugehört. Als der Lehrjunge mm mit angst'tarren Auaen in die Gliche eilte, konnte sie einer plötzlichen Erngebiing, den Kiinben noch mehr zu ängstigen, » cht nnderstchen und verlebte ihm, als eben der Kater auf seinen Hals und von da durchs geulter sprang, eine derbe Ctn־ feige, Taftir hriinste Bell von den Eltern harte ^urechttveitlittgen und Tadel ein, als diese Abends mir ihr allein waren. — Am Sabbaliiachmitlag gingen Bcrcz und ^echiel am Rhein spazieren, hechlet ivar in ge drücktet Stimmung und klagte über-Kopsichmerzen, die sicli ׳eit niehrcren Abenden regelmäßig einstellten. Sie sprachen von den sich hänscnden Kranklicits und Todcssällen und kamen schließ lich, wie gar oft in ihrer Unterhaltung, wieder einmal >׳:!׳ ihre Jenseirsaussichtcu zu sprechen. Für L׳׳l11e denen das Ticsscits säst alles schuldig bleibt. Inas das Leien noch lebenstvert erscheii.en läßt in das jenseits durchaus keine gleichgilrige Angelegenheit, denn es bildet ja die letzlmögftchc Chan׳״ dieser Enterbten und Enttäuschten. Bcrez knüpfte mancherlei Betrachtungen über das Leben, seine Leiden und Lasten an das eben geschlossene Thema. Ta fuhr, citum mit riesigen Sh'ibmn behängten Schleppdampfer überholend, ei» ׳chönes Boot vorbei. ״Siehst Tn, Jcchicl", fuhr 'Bcrrz fort, indem er auf beide Boote deutete, ״das hier gleicht unsdas ist ein Schleppschiff, tvie wir, die Armen. TaS schaufelt, '»-״chi, raucht und arbeitet zchrtinal woiel wie dieses schöne Schiff und kommt dennoch kaum vorn Fleck. Man hat so viel mnli sich zu ziehe:׳., Sorgen, Leid, Entbehrungalles Tinge die einen keinnien, sich ait einem scstklanimcrn, dasi man nicht voraiikommt. Aber hier," Bcrez deutete aus das schnell und elegant dahinsahrendc Tampsdoot, ״das ist der Reiche: nichts hinter sich zum Mitschlcppen, alles t'ür Bcgurmlichkcit ringerichtet, ohne Spektakel kann er vonväns und überholt all die armen Schlepper, die wir armen Leute nrin einmal sind." Gedankenvoll hörte Jechiel ju. Er überdachte sein ganzes Leben, das eigentlich doch recht ann und leer war. Arn> und gering waren die Hoff nungkn für den Rest seiner Jahre, Greisen jahre, in denen nicht mehr viel gelingt. Freilich batte jetzt sein Sohn, der mit Emil Korns Hilfe Lehrer geworden, Aussichten ans eine bescheidene aber geachtete Stellung, und vielleicht N'urde dieser Sohn eine Altcrsstütze. Bielleicht - oder Jechiel mußte warten, bis der zwcftjüngste, ein Küfer lr rling, Geselle getvorden. Bis dahiir war er noch rlnige Fahre älter, und bis Salonion, der bei Adolf Eberttein im Manusaklurwarengeschäst in der Lehre ivar, ausgelernt hatte, tvar Jechiel vielleicht überhaupt nicht >nehr unter den Lebenden. BNihrend Bcrcz und Jcchicl mit ihren Frauen spazieren gingen «mb die Lonne eben hinter den Bergen versank, suchte Goldchen, nachdem sic kurz zuvor noch ein Stückchen Fisch verzehrt halte, mit matten Händen s,ch zu entkleiden. Sie fühlte sich io elend, daß ne kaum noch das Bett besteigen konnte. Eine große Airgst übcrkam die allein tlckeirde Person. Wenn Niemand merkte, daß sie krank sei, so kennte rin Tag vergeben, cbe sich irinand um sie kümmerte. Sie mußte auf sich austnerkram niachen. Mn dem letzten Aufgebot ihrer Krane warf ßr ihr Frderniann rn der Nach barichaft bekannte halbst denc Jacke, die sie nur am «rabbat trug, durchs Fenster. Tann ließ sie noch einen Strumpf folgen nnd einen Blumenstraup. Spielende Kinder fanden die Sachen und zeigten sie Koppel, der eben mit seiner Jette ins Gäßchen trat. Eirr Berbrechen, vielleicht ein Mord, meinte Koppel. Jette, seine resolute Gattin, begab sich in Goldchens Wohnung, wo diese stöhnend im Bett lag. Am Ende der zweitcir Woche, zu früher Morgenstunde, standen vier Frauen ani Sterbelager Goldchens. Fra»t Juliane Kahlt, überall die erste, wo der Schmerz und das Unglück wimmerte, die Arnlut lveinte, .Krankheit und Sorgen ans den Winkeln starrte, strich mit liebevollen Fingern über Goldchens erkaltende Hand und Stirn Tie Sterbende war bei vollem Bewußtsein. Sic blickte mit hilseslichenden Aiigen von der Schneidersgatti» zu Sprinz und Jette. Mit vernehinlichcr Stimme redete sic die Frauen an: ״Sprinz! Breiidcl! Hab ich euch beleidigt oder gekränkt?-geht, )cib mirs tausendmal nivchel. * ״Sie phantasiert", murnielte Koppels Frau. (Goldchen, deren Gehör durch ein lebenslanges Horchen überaus geschärft worden war, harte die leise gesprochenen Worte vernoiniiieii. ״Wer sagt da, ich phantasiere? Ich Hab' aottlod meine Sinne noch beisammen.-Tie Leute haben mir viel Böses nachgcsagl — — Hab's oft verdient — nur eine einzige,- die frömmste von euch, — eine Malachke elokim (Engel Gottes >, die reinste, edelste — — gilt zu mir, — zu allen — — die Feile-" die .Kranke holte tief Atem und begann noch kräftiger und deutlicher: ״Feigere, Bögelchen Kahn, gute Freunditl, gib mir die Hand - — sprich mit mir die Lcheirnos (Sterbegebete), beginne eh's zu spät-durch Teure Lippen ins Ga» Eden — will ich —" Tie großen, milden, in Nührung schivimmendei! Augen der Angerufenen richletcir sich auf das verfcheidciidc Weib und leuchteten wie Hoffnung׳ verheißende Sternenstrahlen in Goldchens brechende Blicke. Tie Frauen stellten sich um das Bett, als Frau Juliane airdachtsvoll begann: ״Höre Israel, der Ewige unser Gott ist einzig einig!" Goldchen sprach, mit geschlossenen Augen das uralte GlaubensbekeniitiiiS nach und die Frauen flüsterteii cs mit. Tann schlug Goldchen lvieder die Augen auf und sah die vor ihr stehende Frau groß an. Tie begann wieder: ״der Ewige allein ist Gott —." (Goldchens Kräfte schienen beim Gebete eher zu lvachsen, als nachzulassen. Siebenmal hatte lie die drei 'Worte milgebetet, während ihr Haupt sich leise zur Seite neigte. Sekundenlang herrschte feierliche, ergreifende Stille. Keiner wagte sich zu rühren, kaum zu ntincn. Ta hob Goldchen lvie voii einer Last befreit tief zu atmen an und schrie plötzlich laut aus: ,,B'jodcho afkid ruchi."**׳ Noch ein letzter, tiefer Seliszer entrang sich Goldchens Brust, ein gralicr Schatten zog über daS kleine Gcsichtchcn, langsam sanken die Äugenlider — Goldchen ivar verschieden. Noch einige Minuten verharrten die Frauen schweigend und regungslos, ihre Blicke alis die Tote gerichtet. Ta trat Frau Kahn in die Mitte der Stube, dicht unter die Sabbatlampe, hob das Antlitz zur Teckc und die blauen, herrlichen Augen mit einem fronntigläubigen Blick »ach oben, riiid sprach feierlich: ״Kärlich Tajan Emcth!"***) Mit nassen Auge״ lispelten die Fraiien Amen. Ter Tot hatte allen Groll gegen das im Leben n cnig beliebte Goldchen hinwcggeschcucht. Eie war jetzt eine heiingegangene Schwester, die als gläubige Jüdin aus dem Leben geschiedcir ivar nnd jetzt vielleicht geläutert, höher organisiert, zn einem Urguell hinschwebte. — Ein Lein ent lich verdeckte die zilsainnienge silnkcne, unansehnliche Gestalt Goldchens. Lange durste sie nicht im Totenbett liegen. Tie Furcht vor Ansteckling verbreitete sich immer mehr. Ilm die Mittagsstunde, als die Gesellen vor deii Haus küren standen, kaitt der Shnagogendiener mit dein Lcichcnbrett ins Gäßchen. i>ctcr fühlte sich fast einer!Tbnmacht nahe, als er des Meisters Traum *■ Brnribt nur s. **) Fn dkink Hand rmpsrhlr ick, mrinrn Gon. *״ Ge'.ed' ff.'! du. R-.cktrr bxx S£״I״Ü<11. voill toten Goldchen gedachte. Kaum batte er seine Schwächeanwandlung übertvunden, so ging er in Fiau Tormagens Lädchen und ließ sich eine Mischung von Pfeffermünz und Kümmel eingießen. Mit holden! Augenaufschlag und freundlichem ״Wohlbeknmms" kredenzte die Wittwe dem Gesellen bei: Heiltrank. Ta ward's Peter sofort wieder besser und er verblieb im Laden, in dem es nach Häringeil, Kaffee, Käse und Seite roch, bis das Einiihrläuten an die Wiederausnähme des Tagewerkes mahnte. Inzwischen hatten dieselben Frauen, die Goldchcn bis ztir Ewigkeitspforte geleitet halten, die Leiche der religionsvorschriftlichett Reinigung unterzogen und in die Sterbegewänder, die in bewunderungswürdiger Sauberkeit und Srdnung in der Kommode lagen, gekleidet. Eugens, ihres Neffen, letzter Brief ans Amerika lag obenauf. Tie Leiche wurde sogleich in deii Sarg gelegt und Sprinz hielt bei der Toten treulich Wache, ohne Furcht vor Ansteckungsgefahr. Tie Armen fürchten sich selten vor dem Tod. Ihnen ericheint er nicht als grausiger Sensenmann, cher sie von Genuß, Besitz und Wohlleben unbarmherzig hin- »vegrcißt wie dem Reichen, der sich von so vielem zu trennen hat. Er ist die einzige unwandelbare Unbestechlichkeit aui Erden, deren Symbol er sein sollte. Um die sechste Abendstunde stand der Leichen wagen in der Judengasse am Eingang des Gäßchens. Bcrez, Koppel und zwei Männer der Brüderschaft trugeil den Sarg bis zum Wagen. In ungebührlicher Eile fuhr der Leicheilzug durch die Straßen, sodaf; die wenigen Begleiter schnell ansschreiten mußten. Tie allgemeine Furcht vor Ansteckung hielt die Leute davon ab, Goldchen die letzte Ehre zu erweisen 1111b nur aus achtungsvoller Entfernung gingen einige noch pietätvoll fühlende Personen drei oder zehn Schritte mit und kehrten dann schleunigst um. Todesfurcht macht die Menschen stets egoistisch uitd gemein. Erst bei anbrechender Tunkelheit kamen die sparlicheit Begleiter vom gnteil Crt zurück, darunter zwei Frauen, die als letzte die düstere Gräberitadt verließen. Sprinz nnd Juliane Kahn, genannt die Feil, sprachen andächtig Gebete für das tote Goldchen, sehr zum Verdruß des Sckianimcs. der sich bei dec hereinbrechenden Täiniiierung zu fürchte» begann. Ganz entschuldbarer Weise, denn diese weite Totenstädte überlagerte eine unsagbare Tüsterkeitettons Niederdrückendcs, Gc- »valtiges und Erhabenes zugleich umschloß die langhingezogenc» grauen Mauern. Tie alten, bald weiß, bald schwärzlich emporragenden, teils nach vorn, teils!lach Hinte!׳, gesunkenen Leichensteine schienen eine drohende Stellung einzilnchmenetwas Furchtbares offenbaren zn wollen. Ein dniiipfes Brüten über die Bergänglichkeit alles Geschaffenen, ein ernstes Mahnen an Tot und Vergehen ging von diesen Leichensteinen mit ihren ernsten Schriftzeichen aus; ein!7rt der Schtvermul lind Stille, inmitten herrlicher Szenerien voll fröhlicher Schönheit und zur Freude einladender Reize — ein Symbol des inmitten aller Lebensschönheiten von traurigen Geschicken umgebene» Judenvolkes - ein richtiger jüdischer Fried- Hof, in sinniger Weise der ״gute Ort" und ״Haus des Lebens" genanitt. Hinter den beiden Frauen schritten deren Männer, alle in ernster, feierlicher Stimmung. Sie hatten noch nicht den halben Weg zurückge legt, als der Mond ansging und seine rotgelben Strahlen durch das Gehölz des Waldes sandte. Am Waldessaum wandte )ich Frau Juliane um ll»d lvies mit der Harrd aus den hier deutlich sichtbaren Hügel, der sich seit kaum einer Stunde über Goldcheits sterbliches Teil erhob. Schtvarz ragte das srische Grab, jetzt vom Mondlicht bcstrahlt, über seine Iltngebung empor. Auch die andercl! blieben stehen und blickten erwartunasvoll Frau Kahn an, die mit der Hand alis die Totenstätte weisend, ausries: ״Ma nauro bamokom ha seh! Wir furchtbar ist doch dieser Trt! Tiefer ist nichts anderes als ein Gotteshaus, nnd hier ist die Pforte des Himmels." (Fortsetzung folgt.)