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Der Israelit · 1906-09-13 · 37 (13.9.1906) · p. Seite 12

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Journal
Der Israelit
Volume
47 (1906)
Issue
37 (13.9.1906)
Date
1906-09-13
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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Kt. 37. Seite 12.__ Mehr als von der Klugheit war der Wrnt von dem feinen Takt des Knaben frappiert. Denn cs »var dem «Grafen gar kein Zweifel, dasi der Knabe ganz gut lvnsitc, wie der Gras sich hinter seinen Vorhang über den armen kknaben lustig machen wollte und wie er sich damit selber verraten hatte. ״War Dir denn gar nicht unheimlich zu Mute, als D» ans dem Hofe und im Hanse keinen Tonvächter, keinen Diener und keine Dienerin sahst?" ״Nein, Herr Graf, ich bin das von zu Hanse getvohnt, wo wir auch nie einen Diener sehen." Der Gras hatte diese Frage gestellt, um dem Knaben eine leichte (Gelegenheit zu gebe», seine geistige Ueberlegenheit zu zeigen und etwa zu bemerken, dasi diese Mittelchen bei ihm nicht ver sangen. Er war daher auf's neue erstaunt, als der Knabe dieser Bersuchung in so kluger und doch kindlicher Weise ans dem Wege ging. ״Ihr habt zu Hause keine Diener"'? fuhr der Graf fort. ״Dann seid Ihr wirklich zu beneiden. Ei? bereiten einem mehr Berdrnsi als Nutzen. Wir leiben hier im schlosse viele Diener, aber ich habe sie alle bei Leite geschickt, als ich Dich erwartet habe, damit sic Dich nicht irre machen. Denke Dir, wenn Du ans den Treppen und Eorridoren zehn Dienern begegilet lvärest unb hättest sie nach meinem Empsangszimmcr gefragt, der eine aber hätte Dich hierhin und der andere dorthin gewiesen, was hättest Dl! dann ansangen wollen, uni mich zu finden'?" ״Bei einer solchen Berschicdenheit der Stimmen, hätte ich mich nach der Mehrzahl gerichtet. Hätten z. B. drei Diener mir ein und dasselbe Zimmer als Empsangssaal des Grasen gezeigt und drei ein anderes, endlich aber vier ein drittes Zimmer, so hätte ich mich für das lebte entschieden." Jetzt war der kleine Schlauberger doch in die Falle gegangen, die ihm der Gras gestellt hatte. Der Gras hatte Mühe, seine Freude darüber zu unterdrücken nnd ging daher direkt ans sein Ziel los, indem er bemerkte: ״Das in klug von Dir gedacht, mein Junges der Mehrheit muff man sich fügen. Wenn Du aber von dieser Wahrheit wirklich überzeugt bist, so wundert es mich, dasi Du nicht nach ihr handelst. Wenn die Mehrheit entscheidet, warum wirst Du nicht Ehrist? Warum bleibst Du Jude'? Ihr seid ja die Minderheit nnd wir die Mehrheit?" Der Knabe richtete leine grosien dunklen Augen in die Höhe nnd begegnete den Blicken des Graten. Hätten die letzteren die Angensprache des .Knaben lesen können, so hätten sie darin nicht viel Berbindlichcs für den Leser gesunden. Aber die Selbstzufriedenheit des Grasen merkte den Blitz nicht, der ans diesen Augen einen Mvnienr aunenchretc, obwohl er!edeni antmerk samcn Beobachter recht deutlich sagte, dasi der Knabe nun wisse, was ihm die Ehre dieser Audienz verschafft habe. Dieser erwiderte daher ganz freimütig: ״Herr Gras! Jetzt ivcisi ich, wo der Empfangs saal des Herrn Grasen ist, deshalb brauche ich keinen Menschen mehr darnach zu?ragen. Wenn mir jetzt alle Diener des Schlosses ungefragt ein anderes Zimmer zeigen würden, so würde mich das an der Wahrheit ineincr Erfahrung nnd llebcrzeugnng nicht nie machen. In zweiselhaslen Fällen ist die Mehrheit entscheidend, aber bei un zweiselhasren Tatsachen entscheidet nur die Wahrheit. Ich bin von der Wahrheit der Neligion meiner Eltern überzeugt, deshalb kommt ' für mich die Mehrheit der Christen hier nicht in Bclrackt.״ Der Gra? war betroffen von dieser Schlag fen׳gk<׳n und Klugheit, niii welcher der Knabe ihn jetzt schon zum dritten Male seine lieber legenheit fühlen liesi. llrid das alles mit so taktvoller Zurückhaltung, so frei von jedem anmasiendcn Selbstbewnsitskin, wie es srühreisen Kindern sonst vielfach eigen in, dasi der Gras den, Gespräche jetzt eine andere Bscndnng zu geben für gut fand. ״Haff Du irgend einen Wunsch, so sprich ihn aus, ivenn ich kaiiii, ״׳erde ich >bn Dir erfüllen" sprach zulunlich der Grat. ' Der Israel'».__ ״Ich danke, Herr Graf, ich habe keinen Wunsch." ״Was, keinen Wunsch?" wiederholte der Gras. ״Nimm Dir Zeit, vielleicht fällt Dir ein Wunsch ein. Wärest Du ein Ehriff, so wurde ich Dich studieren lassen, damit Dir die höchsten Ehren zugänglich wären, nach welchen wir Ehristen streben. Aber Ihr Inden liebt weniger die Ehre als das Geld, nicht wahr?" ״Iaivohl, Herr Gras, jeder liebt das, was ihm am meisten fehlt." ״Was sagst Du da?" fuhr der Graf plötzlich in die Höhe. ״Ich habe nur die Worte des Herrn Grafen bestätigt. Ailf den Herrn Grasen und ans iiiich passen sie nicht. Denn dem Herrn Grasen sehlt keine Ehre und mir kein Geld." ״Dir sehlt kein Geld?" fragte der Graf. ״Wieviel Geld hast Du denn?" ״Ich habe gar keines und brauche keines, deshalb fehlt mir auch keines. Ich besitze auch kein Schloff, keine Grafenkrone nnd könnte trotzdem nicht sagen, dasi mir ein Schlosi oder eine Krone fehlt; ,ch wnsite nicht, was ich damit anfangen sollte." ״Du bist ein merkivürdiger Junge, aber essen oder trinken tvirst Du doch etwas bei mir? Du hast jetzt schon so lange mit mir geplaudert, dasi es Dir ganz schwach ׳ein musi." ״Ich danke, Herr Graf, ich esse und trinke nichts. Es ist mir von meinen Eltern verboten, etwas in einem anderen Hanse zu geniesien." ״Ja, ich weisi schon", entgegnete der Graf, ״Ihr Inden esit nichts bei uns, wir sind Euch nicht koscher genug; aber ich meine etwas, das Du ohne Bedenken egen darfst." ״Ich darf auch in keinem jüdischen Hanse etwas essen oder trinken nnd — —״ ״Hast Du Trauben lieb?" ״Nein." ״Was issest Du denn von Sbst gern?" ״Trauben." ״Haff Du mir nicht soeben das Gegenteil gesagt?" ״Lieb haben nnd gern essen, habe ich für zwei verschiedene Dinge gehalten. Gott habe ich l cb und Tranbeil esse ich gern." Der Graf war ganz konsterniert von der raschen Anffassung nnd Unterscheidungsgabe des Knaben. Er reichte ihm die Hand und versprach, seinen Eltern für ihn eine Kiste Trauben zu schicken. Damit war die seltsame Audienz beendet. Der Knabe eilte die Treppen hinab, umgafft von dem Schrvarm der Diener, die sich jetzt hervorgervagl hatten, nnd verliesi raschen Schritts den Garten, an detsen Ansgang ihn der Baker euvartele. s Fortsetzung folgt). Dämon und Phinlias in der Iudrn-asse. Bon Arthur Kahn. Z.',j Nachdruck verboten. Der Hissnachtwächter Hahne,nanu hatte eben eine eigene Theorie entwickelt, >vie man sich der abscheulichen Nervenkrankheit entziehen könnte. Biel sirilcn Wein, etwa stündlich ein halbes Schöppchen, so dasi der Körper stets von Wein dnrchspült sei nnd so für die Krankheit kein Nanm übrig bleibe sich cinznnistcn, das erhalte nnsehlbar gesund. Peter schüttelte verneinend das Haupt und meinte, der liebe Gott habe Kümmel, Pfefferminz nnd Anis nicht ohne Absicht im Walde wachten lassen. Allerdings dürfe die ihnen innewohnende Heilkraft nicht durch Kochen rorgedrnht werden. Wenn man aber diese heilbringeiiden Pflanzen in einen gute» Schnaps mit Znckerznsatz einlegc, nnd trinke, dann könne einem weder Pest noch Eholera oder Thphus etwas anhabcn. Je länger man dann diese Gewohnheit beibehalte, desto mehr Aussicht habe man dann ans ein gesundes, hohes Alter, freilich müsse man von diesem Heiltrank recht hänng des Tags über etwas nebmen. Währen dieser wissenschaftlich prophylaktischen Darlegung liesi Peter die mit farhigem Inhalt gefüllten Flaschen in Dor- 1:!. Leptcmbrr Idvtz. magens Laden keinen Augenblick aus den Augen. Plötzlich verzog er das Gesicht nnd murmelte leise, er spüre etwas wie Leibschneiden. Herzchen sprang erschrocken zur Seite, Koppel nnd Hahne mann zogen sich rückwärts schreitend ins Gäsichen zurück. Peter aber ging langsamen Schrittes in Dormagens Ladet«, wo er sich von der Wittwe — zu welchem Stande die Ladeninhaberin ׳eit einem Jahre avanciert war — Pfefferminz und Kümmelli ör einschenken liesi, bis er Linderung fühlte, «vas aber erst nach geraumer Zeit eintrat. Die kritische Zeit, die den Leuten wieder ernsteres Nachdenken über Tod und Bergänglich keit nahelegte, wirkte ans Jechiel Friedbergs mystische Beranlagung mächtig ein. Er sprach oft von überirdischen Ereignissen, die sich aber nur bevorzugten Sterblichen offenbarten. Manchen Menschen würden in Träumen, anderen in nner klärbaren Gesichten kommende Dinge knndgegeben. Er, Jechiel, habe von seiner frommen flliutter etwas von diesen Gaben geerbt, mehr noch aber sei Berez, dem manches im Traum lange voraus bekannt geworden, ehe es eingetreten ivar, diese geheimnisvolle Gabe eigen. Kurz gesagt, glaubte Jechiel, dasi ihm nnd Berez Sehergaben verliehen seien. Eine fast unerträgliche Hitze herrschte in der Werkffätte, als Jechiel den mühsam gegen Schlaf nnd Mattigkeit ankämptenden Gesellen seine eignen Erlebnisse erzählte. Da wurden die beiden wieder munter, wie auch der träge Lehr bub. Einst, erzählte Jechiel, habe er einmal kurz vor Mitternacht vor dem klar am wölkenlosen Himmel hinziehenden Mond das Ne mond gebet andächtig geiprochen. Er habe ganz allein niitten im Hof gestanden. Da sei plötzlich ein menschlicher Schälten dicht an ihm vor über geglitten, aber kein Mensch zu erblicken geivesen. Anfänglich heftig erschrocken, habe er doch bald wieder Mut gesasit und entschlossen, diese un heimliche Erschcinilng zu ergründen, sei er durchs Hostor ins Gäsichen' getreten und bis zum freien Platz vor der Allee. Alles lag ruhig da, kein lebendes Wesen war ansier ihm zu sehen. Da plötzlich sei wieder der Schatten neben, hinter ihm, bald links, bald rechts iveit ausschreitend, hergegangen. Herzchen liesi an dieser Stelle der nnheim lichen Erzählung einen Rockärmcl, an dein er arbeitete, aus deii Händen fallen; Peter, der eine Nadel eintädcln wollte, begann heftig zu zittern und blickte verstört seinen Meister an. Der fuhr fort: Nachdem es ihm immer unheimlicher zu Mute gkivorden, habe er angefangen die Psalmen zu sagen: ,,Heil dem Manne, der nicht sitzt, wo Spötter «veilen n. s. w.", ferner: ״Der da sitzet iin Schatten des Allerhöchsten u. s. iv." Da sei der Schatten allrnälig znrnckgebliebe!׳. und am Gäsichen in einer weisien Dnnstlvolke verschwnnde». Zur selben Stunde sei Iechiels Bruder, der ein sehr srommer Mann, Lehrer, Borbcter und noch vieles andere gewesen, gestorben. Der Bruder habe aut dem Sterbebett noch Jechiel gernfei׳. Auch der Tod des Nabbiners sei ihnt drei Tage zuvor schon offenbart worden. Da habe er im Traume den Nav in seinen Sterbekleidern vor der offenen iade stehen und die Thora herausholen sehen. ״Mir «vird ganz übel, Meister," stöhnte hier Peter, dem die Zähne zu klappern begannen. Herzchen ermnntcrte aber seinen Brotherrn, trotz dem er sich nicht niinder wie Peter fürchtete mit einem lauten: ״weiter! iveiter!" ״Heut' flacht Hab' ich wieder ewas merk würdiges geträumt," fuhr daraufhin Jechiel nach kurzer Panse fort. Da vergasi Peter seine llebelkeit, der Lehrbub drängte sich zlvischen ihn nnd Herzchen, nnd dieser frug gespannt: ״was? ivas?" ' ״Heut' Nacht, so gegen eins," begann Jechiel, ״Hab' ich Goldchen, bis an den Hals mit einem Leintuch zngedcckt, aus dem Metahrbrett* liegen sehen . . . ." Den armen Gesellen rieselten kalte Schauer durch den Körper und beide blickten mir *) Das Brrlt, aui dcm die tzeictirn gewaschen werden

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