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Der Israelit · 1906-08-09 · 32 (9.8.1906) · p. Seite 86

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Journal
Der Israelit
Volume
47 (1906)
Issue
32 (9.8.1906)
Date
1906-08-09
Page
Seite 86 (sequence 22)
Language
German
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86 Die Schalen oad das Lehrlingswerk der Alliance Jsraelite Universelle Im Jahr«!»04. (I. Fortsetzung*). Sie lernen auf diese Weise allerdings sehr viele Worte, die sie in den religiösen Texten nicht finden, die anzuwenden sie niemals Gelegenheit haben werden, andrerseits bildet sich ihr Ohr, ihr Geist passt sich den Besonderheiten des hebräischen Sprachbaues an, und gerade deswegen, weil das Hebräische keine lebende Sprache ist und in N 0 r d a f r i k a am allerwenigsten Aussicht hat, es zu werden, sehen die Kinder darin leicht einen toten, aus stereotypen Formeln zusammengesetzten Lehrstoff, an dem Neugierde und Beobachtungssinn keine Nahrung finden können. Die direkte .Methode erweckt bei ihnen lebhafte Ueberraschung. Hebräisch sprechen, und sei es in noch so geringem Masse, erscheint ihnen als aussergewöhnliches Novum, das durchaus Aufmerksamkeit verdient, ja beinahe amiisant ist. Sie sind ganz stolz darauf, diese altehrwürdigen, fremdartigen Worte auf den gewohnlichen Umgang anzuwenden, nach Willkür zu kombinieren, während sie bisher in ihnen bloss einen tötliehen Memorierstoff gesehen hatten. Ihr Interesse an dem Studium der Bibel und des Gebetbuches wächst, je leichter sie die Texte verstehen und sich aneignen können. Wir können uns zu den durch diese Methode während des ersten Jahres ihrer Anwendung erreichten Resultaten nur beglückwünschen, ln den ersten drei Klassen sind die Fortschritte handgreiflich. Die Schüler betheiligen sich an kurzen Gesprächen und legen für die gewonnenen Kenntnisse viel mehr Interesse an den Tag als früher .... Das ganze Pensum des Religions- Unterrichts wurde erledigt. Ich halte auf Vertitfung der Lektion, um bei besonders wichtigen Gegenständen zu verweilen, als da sind: die menschliche und jüdische Solidarität, die Vaterlandsliebe bei den Juden, Laiengeist und Judenthum, die Anklagen der Antisemiten, die Alliance, die von Israel der Menschheit geleisteten Dienste etc, Wenn es ein Land giebt. in dem der Unterricht in der jüdischen Geschichte nicht zu entbehren ist, so ist es Algerien. Die grosse Masse unserer Glaubensgenossen weis» nichts von der Vergangenheit Israels, von seinen heldenhaften Leiden, von seinen Ruhmesthaten, von den moralischen Entdeckungen, welche die Menschheit ihm verdankt. Diejenigen unserer jungen Freunde, die auf unseren Rath R ei nach oder Grätz gelesen haben, genieren sich nicht, uns zu erklären, dass das eine neue, ungeahnte Welt für sie ist. Dies ist kein unbedeutendes Faktum. Wenn die Juden dieses Landes ein stärkeres Bewusstsein der Würde, des hohen Werthes ihrer Rasse gehabt hätten, wenn sie den unerhörten Angriffen gegenüber, denen sie ausgesetzt waren, ihre Kräfte in einem mächtigen Bunde zur Verteidigung der gemeinsamen Ehre vereinigt hätten, so hätten sie eines fremden Beistandes zur Bekämpfung des Antisemitismus nicht bedurft, und hätten ihre Feinde in Respekt gehalten. Die Krise wäre nicht vermieden worden — weil sie grösstenteils aus äusseren Ur- Sachen hervorging — aber sie wäre doch stark abgeschwächt worden. Zum allerwenigsten hätte die schreckliche Lektion des Jahres 1898 Früchte getragen; das Gefühl der Solidarität hätte sich entwickelt und den Kampf aufgenommen, um den stets möglichen Ueberraschungen zuvorzukommen, um den erniedrigenden Ostracismus, der auf die Gewalttätigkeiten der Strasse gefolgt ist, zu nichte zu machen. Wir haben nur auf die .1 ugend Einfluss, wir verwirklichen unser Programm in der Hoffnung, dass die Aussaat in einer nahen Zukunft aufgehen wird. Schon sehen wir unsere Anstrengungen teilweise von Erfolg belohnt. In vieler Hinsicht verstärkt und vertieft unser Geschichts* unterricht in der Seele des Kindes die für den Aufbau ihrer künftigen Weltanschauung wesentliehen Elemente. Auch die Lateinschule versucht es, allen ihren Schülern, ohne Unterschied des Ursprunges, die Liebe zur Gerechtigkeit, zur Freiheit einzuimpfen. Wird nicht die jüdische Jugend dieses Bedürfniss nach Gleichheit und sozialem Fortschritt lebhafter empfinden, wenn sie die Geschichte ihrer Ahnen durchgegangen ist, wenn vor ihren Augen die Opfer der Intoleranz als beste Prediger der Liebe vorübergezogen sind? Man hat vor ihnen die Logik der ״Menschenrechte“ entwickelt und man hat ihnen in denselben Ausdrücken wie allen ihren | Kameraden von den Eroberungen der Revolution erzählt. Wird er nicht von dem heiligen Charakter dieser Rechte desto mehr überzeugt sein» und wird er nicht ein hundertmal glühenderer Vertheidiger der Prinzipien von 1789 werden, wenn er den Beweis haben wird, dass er, wenn das alte Regime noch fortdauerte, vom Gesetze geächtet, von der Menschheit ausgeschlossen J wäre? Heisst es nicht in unauslöschlichen Zügen *) S. Nr. 930.

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