Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 27 (5.7.1906)
- Date
- 1906-07-05
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton-Beilage zu Nr. 27 des ״Israelit". Pamon und Plsintins in der )udengalse. B»׳n Arthur Kahn. A: .'iart)Pruft t'fvbcli'11. Imttc sich von seinem Schemel erhöhen und schob seine Hornbrille aut die Stirn zurück. Her Händler ׳'nhr bedauernd ton: ״Wäret ^hr bei cnreni allen Los geblieben, so könnte ich euch morgen fiiiitmiD^uhiii^i^ Giilden ansbe,zahlenso aber itt's diesmal nichts, Sagt mir nur Berez, tvelcher liicl beit euch nur von eurem Los abge raten rnbci zeigte der Handlet aut die mit Wahlen bedeckte Viftc. Berez aber drehte sich z» dem ivie versteinert dastehenden Moppel und veuetzte diesem eine geivnltige Shrfeige. Entsetzt sprang Koppel, einen Schemel und den Pechkübel umstoftend, zur Leite, um mie den Bereich des zu eitler zrveiten Ohrfeige tveit ansholenden väterlichen ׳?lrmes zu gelangen. '?ftnez irnrtc aber seine :linke tvieder erlangt und sagte nun merkiviirdig gelassen: ״der da in an allent schtild mit seiner nngeraden -H!HI. Eigentlich tollte ich gerade 9!nu»nern machen und dir noch eine Mani'chelle geben." Koppel rieb sidie getroffene Zwange und schrie bewundernd -inbernsen, Bater, Han du noch Kräfte! beruhig dich, die eine Hhrseige gilt »ür drei, niibernscn und nnbeichrieen!" Spät in der ׳.'»acht kam Haknemann nach Haust. Er »var von einer Kirmes; gekomineii und muftie bald seinen ׳?tad׳tn׳ächterdien»'t an treten Während er battig sein '?»adtteneu zu ilch nahm, erzählte ihm seine ,Han, der Lotterie Händler sei dagkwescn. Hie Settchen Üliü' ׳ei IN den Hot gegniigeu und habe dü'.dl-s srenster gesehen, ivie der Koppel von seinem Baker anszer vielem (Keld, das der Händler da gelassen, eine mächtige Hhrfeige bekonimen habe. Hahneniann horte vergnügt zu. ׳״?»'un, da lmt'0 doch endlich einmal bei uns eingeschlagen." Er zog ׳einen großen Mantel nm und begab sich, bevor der Hientt begann, in eine ׳^ap״virl׳cha׳'t, wo ein ausgezeichneter ׳chiverer :h'oland ausgeichäukt ivnrde. ,Hi Änbetrachk des Lotteriegewiiins von noch »»geahnter (Kröne, lies; er sich dann »och ganz lleunlid,erweise einen Krug Wein füllen, den er unter seinem Mantel verbarg, bevor er ans die Straue trat. Heine Nacht. u׳o er besondere gm aufgelegt rvar, nahni er ׳ich vor, dem '?io du wachlerdienil bald zu ent'agen und bevor die kalten '?»ächte begannen, ,ftetzt, wo er nicht mehr unter dein ׳chvange eines »nznlänglichen Bernieo glaubte Hienff tnn zn niüsseu, ׳and er sein '.'link plötzlich ׳ehr angenehm und poetisch. der ii4,־.c der Kapuziner und (Kraben gaffe blieb er nehen. ׳Paine nach allen Leiten, fetzte dann den King an den Mund urrd tat einen ne׳en ׳i»g. .,,>!» Loinnier itt j« der Nachtwachierdientt das Sdiontte all׳ der Welt" 'prach er vor ׳ich. ״aber im Sinter' hier bläff der Bund heran׳, ei, ich ׳ehe gar nicht ein, ivarnin ich da durch Schnee und Eis tappen ׳oll ich Habs ja nicht mehr nötig — —" Ha ichlng d e Uhr vom Nathauskurni. Her '?»achrivaduer zählte eit oder zw ölץ׳ Herrgott, letzt tt'N'Ne er es nicht ׳tockffn,ter. alle Laternen ausgedreht. Er überlegte, trotzdem es ihm envas schwer im Kops war. Lechs Lprüchlein hatte er zn singen, von zehn bis früh vier, für jede Stunde ein anderes. Es könnte and) erst zehn Uhr geivesen sei». Hoch neinnach zehn gingen ja die Leute erst nach Hause. Er trank, in der Borstadl aiigelangt, nochmals ans dein Krirg. Er suhlte eine unbesiegbare Lchwcre im Kops nnd beinahe hätte er den Krug satten lassen. Has ernüchterte ihn iviedcr lind er stellte den kost baren Lchatz in eine Thornische, il'eiiii er in einer Ltilnde .znrückkam, dann wollte er wieder ein Stürknngsschlückche» nehmen. Hann erwachte der (Keist der Pflichterfüllung nnd begann sich mit den fröhlichen Kobolden eines sich empor ringenden Weinrnnsches zu einem lnstigeii Neigen zn verbinden, ״Ad! was! >vas ist sür ein Unter- ׳chied zivildien zehn nnd zioöls Uhr, ivenn die ganze Ltadt doch schläst." Hahneniann stellte sich, aus seinen eisenbeschlagenen Stock gestützt, mitten in die Strafte nnd sang mit »»gewöhn licher Kraft: «Hört,?hi Herren nnd lagt euch sagen Hie Glocke hat jetzt zehn geschlagen usw." dann lieft er zehn gezogene Töne ans ׳'einer Pfeife klingen. (Kleid! daran׳ begann er ivieder denselben Nefrain, die Glocke habe elf geschlagen nnd lieft elf lange Pfiffe erklingenendlich, ohne eine gröftere Pause zu machen, als zum Atemholen nötig war, verkündete er singend, daft die Glocke zwölf geschlagen habe. Ehe er die nächste Ltnnde als bereits verflossen ansingen konnte, wurde ein ,Teutter oberhalb der Adlerapotheke geöffnet und eine zornige Stimme gebot dem Mitternachtsänger den Mund zu halten nnd sich iveiterzu scheeren. ^zn seiner fröhlich friedlichen Stiinmnng rrahm Hahneniann die derbe B»red1twei׳'ung nicht ׳veiler übel und tappte mit!!!!sichere!׳. Schritten bis znm Ende der Stadt, wo neben der protestantischen Kirche das Pfarrhaus sich befindet. Geivohnheitsmäftig blieb er hier flehen und begann machtvoll zn singen: ״hört ^hr Herrn und laftt euch lagen —.״ Hann fang er noch ein Liedchen, dessen Herr und Melodie keine Per ivechslung mit einem sronnnen Eboral anskonnnen lieften, hingegen recht häftliche Bene enthielten. Ha öffnete sich wicdcrnni ein oenffer »nd eine ernst mahnende Liiinme lieft sich vernehme», daft Hahneniann 'ich schämen sollte, hier in der Nähe des Gotteshauses solche häftliche Lieder zu singen nnd damit die Heiligkeit der Nacht zn entivciheu. Sofort möge er ׳'ein süudha'tes Tun cinffellen und ׳'eines Amtes!vürdevoll walte». Hahneniann ward aber durch dien׳ tadelnden Mahnungen sehr erbost nnd schrie znm ,Tenster hinaus, der Herr Paffor verstehe keinen Heut davon, ivie ein Nachtwächter!'ein Amt zn ver ׳'elieu habeer möge sich lieber um seine Kirche bekümmern und im übrigen habe der protestantische Pfarrer einem katholischen Nachtwächter nichts zn befehlen. Hann kehrte er in die Borffadt zurück, suchte nach ׳einem Krug Wein nnd trank den noch recht beträchtliche» Nett ans, um den soeben ansge standenen Aerger hinabzuspülen. Hie belebende Wirkung des feurigen Trunkes äufterte ׳'ich nnu in einer gottbegeitterten Suniinuug. Was scheue ihn!ctzt, ob es Mitternacht oder Morgen fei! Er war Hüter der öffentlichen Hrdniing für die Nachtttnnden, bis znm Tagesgranen und lle Schläfer sollten wahrnehme», dal; er treulich ׳'eines Amtes walte. 'Boreinem iveiftgeffrichenen Eckhaus am Frucht markt blieb er iviedernm stehen nnd lieft sein ,,hört, ,fthr Herren" mit Stentorstimme ertönen, sang nnd pfiff ttati des einen die l'äintlichcn ׳'echs Berslein ab nnd begauu dann, obivohl es so ffntter ivar, das; man keine» ^oll breit vor sich seben konnte, das Lied: ״guter Mond, du gehst so ttiile". Her Lichtschein ans zwei o-enttern im zweiten Stock verriet, das; hier noch keine '?lacht ruhe eingekchrt!var. Her Herr Gynuiasialdirektor saft noch bei seiner Stndierlampe, nm über eine schivierige Stelle in der Cbpffcc nachzugrübelii. ,?hm horchte er venvundert auf-!ver mochte denn in t'o später Nachtstunde solchen unerhörten Unfug treiben? Wirklich, der -!achtivüchter' Has!var dem an strenge Hisziplin gewöhnten Schul manu zuviel. Er rift erregt das oeutter au׳' und begann in deklamatorischen Ton, als!volle er die Schönheit einer Horazische» H'de vor einein Anditoriuni von ollchmäiinern darlegen, gegen Hahnemanns Amtsmiftbranch zn polemisieren. Schon in Griechenland seien '?!'achnvächter bestellt gewesen - bei den Nünieru und Germanen, wie Hahneinnnn im Taeitus Nachlesen könne, sei das '?»achtwächteramt nur bewährten Männer anver traut worden. ^hne den interessanlen historischen Bergleichen des Schuldirektors bis zu Ende zn folgen, richtete Hahnemaun eine unflätige Aufforderung, die von rohen Menschen seit (Kötz von Berlichiugens Seiten trotz ihrer Erfolglosigkeit nnzühligemal lviederholt worden ist, an de» gelehrten Schulmann.׳ Hie׳'e! schlaft schleunigst das Zensier, suchte im Bücher rega^ nach seinem Taeitns, um ׳ettznttellen, ob je ein Nachtwächter der alten Nömer und Ger inanen ei» so barbarisches Ansinnen an einen Bürger gestellt habe. zzn der Nheingasl'c »׳artete des bctrnnkcneii Hahnemam! eine unangenebme Ernüchterung, die aber nur von teilweiscm Erfolg war. Bor dem oeiitte! des oränlein Pöttinger kündigte er an, die Glocke habe eben zwei geschlagen, was mit dem graften feiger der Nathausnhr allerdings nicht übereinttimmte. Anstatt ,'ein richtiges Bers lein herzusageu, begann der Hilssuachtwächter Schelmenlieder zu lingeu, die ein wahrer Spott aus Tilgend »lild gute Sitte waren. Obwohl das nun schon über 'üiiszig ,>ahre alte ,Trünlein, seil reichlich zwanzig Satire einen io tngendreinen Lebenswandel sühne, daft alles, was voraus׳ gegangen nnd weniger ei!uvands׳'rei gewesen, längst vergessen >var, so entblödete sich der ganz aus dem Hänschen geratene ׳?»achttvächter doch nicht, das von ihm ans tiefstem Schlaf geweckte Fräulein in ganz niedertcäll,tigen Liedchen zn schmähen, bis fid) versdiiedeue oeutter öffneten, nm dem singsröhlidien Hahneniann zuznkürcn. Ein hart auf das Straftenpflaffer nieder'allendes flatl'dicndes Gerünsdi. das fid) aber niclit wie Beisallsklal'chen anhörte, bradite das unseine Konzert zu Ende. Eine o-lut von Schimpsivorten, die in der Negel nidlt an Männer geriditet zu »׳erden pflegen, folgte hieraus, bis endlidi des Sdiinipsens müde, der Hilssnadnlvädlter davontaumelte. ,'c» der folgende» Wodie ׳'and vor dem eigens zu d!e>'en! Zwecke zn׳'an11ne»ber>!׳enen Stadtra! eine ttrenge Untersudinng statt. Hahneniann beteuerte an׳ lein heiliges Ehrenwort, daft er fid! nicht erinnern könnte, envas anderes als feine Pflicht getan zn haben, ׳^!var sei es pedll'dlwarze '?»'adlt gewesen, nnd anfter den Klägern, dein Apotheker, Pfarrer, Sdiuldirektor nnd dem alten o-ränlein Pöttinger, fein selige an׳'znbringen, meinte der Bürgermeister, aber erivieseu sei. nach eiilttimniige» Urteil der Genannten, daft der Hilfs naclitwäditcr sdiivcr betrnnken gewesen. Hahnemann protestierte gegen diese ihn tief kränkende Be! dädnigung nnd madlte die Einivendiing, das; nicht er, sondern die Kläger benliuken gewesen sein müftien. Hanad! habe man allerlei Tränmc, ans denen die '?!nkiäger n׳!rh׳.׳'dreinlidr gerade er ivackit ׳'eien, als er pflickitgeinäs: dnrdi 'Kesang und P'ei'eulo» die Stunde der '?»acht verkündet habe. Tranni nnd 'Wirkiidikcit hätten fidi daun zu jenen Hallneinationen ve!did!tet, deren nnnkiuldiges <7wer er nun geworden sei. Ha das eine nidit zn beiveifen, das andere nidlt zn ividerlegen war, begnügte ,'ich der Magistrat mit einer ernsten Nüge, die der Stadt'direioer nebtt Berhandlnng zu Protokoll »ahm. oorl'etzuiig folgt.;