Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 24 (14.6.1906)
- Date
- 1906-06-14
- Page
- Seite 71 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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lischen Lebensverhältnissen aiizupusseu, ohne dabei die deutsche Nationalität — sowohl innerlieh als äusserlich — einzubüssen. Sie haben die harten Prüfungen, welche das Fieber, durch das sie anfangs in Sarona in furchtbarer Weise dezimiert wurden, über die junge Kolonie gebracht hat, mannhaft ertragen, und befinden sich jetzt in einer relativ behäbigen und gesunden Situation. Dennoch ist von einem kräftigen Vorwärtsschreiten der Kolonien wenig zu spüren. Die Lebensansprüche der Kolonisten sind im Hinblick auf das Land relativ bedeutende, die Erwerbsgelegerheit keine sehr ausgedehnte, so dass ein Tlieil des Nachwuchses vorzieht, anderswo in der Welt sein Glück zu versuchen. Zur Erklärung der geringen Zunahme der Kolonisten in den letzten zwanzig Jahren ist sicherlich auch die Einwirkung des Klimas in Betracht zu ziehen. Der schwäbische Stamm, aus dem sich die Kolonisten vorzugsweise rekrutieren, ist verhältnismässig unvermischt germanischer Herkunft. Die Germanen repräsentieren aber eine ganz spezielle Anpassung der arischen Völkergruppe an mitteleuropäisches, d. h. nördlich gemässigtes Klima. Alle Versuche der Germanen, nach Süden vorzudringen, sind bisher gescheitert; die Langobarden in Italien, die Gothen in Spanien, die Vandalen in N 0 r d a f r i k a sind geschichtliche Beispiele hierfür. Es ist kein Geheimniss, dass die jungen deutsehen Kolonisten Palästinas zum weit überwiegenden Tlieile sich bei der ärztlichen Piiifung für den deutschen Militärdienst als untauglich erweisen. Das Klima hat also schon in ein bis zwei Generationen dieses an sich so kräftige Völkchen zu degenerieren begonnen. Ob Inzucht hierbei auch schon im Spiele ist, wage ich nicht zu behaupten und glaube es auch nicht, wohl dagegen werden Fieberplasmodien und die hohe Sommertemperatur dabei eine Rolle spielen. Wie dem auch sei, die Thatsache steht fest, dass der südliche Orient ebensowenig wie Nordafrika und Italien ein passendes Kolonisationsfehl für Deutsche germanischer Rasse darstellt. Die Templerkolonien sind ein interessantes und für die Kultur im Orient wichtiges Experiment, das aber jedenfalls nicht zu einer grossen Ausdehnung ermuthigt. Für die Deutschen ist nun einmal die kühlere gemässigte Zone das richtige Kolonisationsgebiet, einerlei, ob es Nordamerika incl. Kanada, Südchile, Südaustralien und Neuseeland, oder Russland und Sibirien heisst; auch in wärmeren Gegenden vermag sich deutsches \ olksthüm zu erhalten, indem es besondere Entwickelungsrichtungen einschlägt, wie z. B. in Südafrika, 0 u eens land und vor allem Südbrasilien, ahoi׳ doch nur dann, wenn die Konkurrenz gering ist, oder hervorragend ,günstige Momente vorhanden sind. Wo beides nicht der Fall ist, wie im Mittelmeergebiete, da hat deutsche Kolonisation keinerlei Aussicht, eine grosse Bedeutung zu erlangen.*) Trotzdem möchten wir in Palästina '"die Templerkolonien nicht missen. Sie [bilden ein natürliches Verbindungsglied des Orients mit dem Occident, und zwar speziell mit denf Christ - liehen Occident, besonders mit dem kulturkräftigen Deutschland. Wenn auch in demjspäteren wirthschaftlich erstarkten Orient ein grosser Theil des vermittelnden Verkehrs nach dem Occident hin den Juden naturgemäss zufallen "'ird, so wird es doch jederzeit Spezialgebiete des Handels geben, welche die Templer besser zu beackern im Stande sein werden, sei es in Folge besserer Eignung und Anlagen derselben, sei es aus Gründen der Geistes- und Sprach- Verwandtschaft zu den europäischen Völkerschaffen, oder in Folge der Sympathie letzterer. Ein bedeutender Theil des sicher in Zukunft stark zunehmenden Fremdenverkehrs wird sich ohne Zweifel dauernd der Vermittelung und Kenntnisse der palästinischen Deutschen bedienen und auch Abnehmer liefern für ihre produktive Tätigkeit; ebenso werden «lie vielen und an Zahl zunehmenden religiösen, wissenschaftlichen und humanitären Anstalten Westeuropas und speziell Deutschlands auf die verscliiedenste ^Weise die Templerkolonien in Nahrung setzen. Auch die Aerzte, Apotheker, Ingenieure, Architekten, Beamte, Fabrikanten, Gastwirt he und besseren Handwerker unter den deutschen Kolonisten werden bei zunehmender Landeskultur nur um so leichter ihr Brot finden und haben eine Konkurrenz keineswegs zu scheuen. Wenn also viele der Templer missgünstig und scheelen Auges auf die fortschreitende jüdische Kolonisation in Palästina blicken, so verstehen sie nicht ihre eigenen Vortheile, indem sie, in einer unbegründeten Furcht befangen, meinen, dass ihre wirthsehaftliehe Existenz untergraben werden könnte, während doch gerade ein wirthschaftlich aufblühendes Land eine reiche Fülle der verschiedensten Existenzen zu ernähren vermag, die in einem wirthschaftlich rückständigen Lande nicht hätten bestehen können oder sich doch nur mit Mühe halten würden. י) Wir sprechen hier natürlich von nnvermischten Siedelungen. Dass bei starker Vermischung mit den Eingeborenen sich eine dauernd widerstandsfähige und kon•* knrrenzkräftige Mischbevölkernng entwickeln Hesse, ist nicht ausgeschlossen, aber die Templer haben selbst, ihrer Ethik entgegen dem Kasseninstinkte folgend, die eheliche Verbindung mit Araberinnen fnr nicht zulässig erklärt.