Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 23 (7.6.1906)
- Date
- 1906-06-07
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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ÜU. «eite ti. Ter Israelit. ל■ x)u1n lit Putzmacherin, die iiumer am Fenster sitzend arbeitete. sak> mit anfänglichem Befremden den jungen Limbachet in die Schneiderswohnung gehen. Indes hat ein so seiner junger Mann ja stets Arbeit für einen Schneider, und sie gab sich mit dieser Erklärung zufrieden. Molochen, die fast täglich Jda besuchte, sann aber lange darüber nach, ob Gustav denn so viele Kleider auszudcffern hal>e, wie nach deffrn häufigen Gängen in die Werkstätte anzvnehmen war. Selbst Goldchen, deren Kombinationsgab« sehr wenig Rücksicht auf Nus und Eharakier der Lcutr nahm, wir» die Annahme zurück, daß das häufige Erscheinen des jungen Patriziers im Zusammenhang mit Iechiels schöner Tochter stehen lönnte. Ihr ganzes Fühlen empörte sich gegen die Möglichkeit, dasi ein reicher junger Mann sich so erniedrigen könnte, sich mit der Schneiderstochter einzulasien. Nicht aus Standesgesuhl, Venn Goldchen wurde nicht zur Aristotrarie gerechnet und war derselben auch nicht geneigt, vielmehr gönnte sie einem blutarmen Mädchen nicht eine solche Auszeichnung. Dasi der ersie neue Anzug nicht recht sitzen wollte, brachte Gustav nicht wie andere Kunden in den Harnisch. Er beruhigte den etwas verwirrt gewordenen Schneider und liesi es an Geduld und Zeit nicht fehlen, um die Mängel beseitigen zu lasten. Herzchen und Peter waren völlig hingeristen von Gustavs Liebenswürdigkeit und bedauerten, dasi Jechiel bei den nächsten Anproben den seinen Kunden in die gute Stube nötigte, was dieser freundlich atz nahm. Um ihm die Zeit nicht lange werden zu lasten, leistete ibm Jechiel, bis die Mutter sich bester umge kleidet hatte, aus kurze Zeit Gesellschaft. Bella blieb unsichtbar. Mit heftig klopfendem Herzen sasi sic in einem Nebrnstübcken mit ih.er Schwester an einer Näharbeit. Das Haupt tief berabgeneigt, machte sie hastige Stiche. Sie bemühte sich, ibr glühendes Antlitz vor der Schwefle׳- zu verbergen und horchte anqeffnrfftihf IIHt?r()<111UfIC( anderen Zimmer. Sie atmete tief auf, als sie Gustav sich entfernen börte. Ihre Erregung legte sich nur langsam und sie wünschte im Stillen, dasi er sobald nicht wie^erkommcn möchte. Sie fürchtete, jeder könne ihr ansehen, was in ihr vorging, und das sollte doch ihr Geheimnis bleiben. ,Fortsetzung folgt.) Iyeivrick Meer. Eine Erzählung von Friedrich Rott. ls» .Und was hat der Ringelhosbauer davon?" flüsterte der Ddrrinccht. mit weit aufgrristencn Augen ins Leere starrend und beide Hände gegen die pochen den Schläfen pressend. Der Blick des Mädchens haftete voll Interesse an dem erregten Angesicht des jungen Mannes, den sie in Wirklichkeit in ihr Her; geschlossen hatte, auch sein flüstern war ihr nicht entgangen. .Was der Ringelhosbauer davon hat? — Hm, drc Franze! hol g'sagt. er denkt sich sein Teil, aber teden möcht' cr ui davon, und wos der Franzel sich denkt dot-i wasi nii. —" Der Grosiknechl starrte noch immer sinnend ins Weit« und murmelte wiederholt in sich hinein: .Was bat I*r Ringelhosbauer davon gehabt?" Plötzlich sätble eine Blatwolle sein ausdrucksvolles Angesicht hoher, er sprang auf und rannte wie sinnlos den Berg, an dessen Fuß sie sasien. aufwärts. .Peppusch!" rief die Kati, gleichfalls ausstehend, .Peppusch, wo willst denn hin?" Doch da lam er schon zurück, dicke Schweif;- rropsen peilten auf seiner Stirn, die er mit dem Tuche trocknete. .Was ist da mehr, Peppusch?" forschte das Mädchen, .geb'n wer jetzt zum Tanz?" .freilich geben mir zum Tanz, freilich. — Aber — weifzt. Uati, mir ist da eben etwas eingefallen, was ich jemandem mitteilen möchte, ich muss daher sofort binnnter in die Stadt, aber in fünf Bicrtr!, spätestens in anderthalb Stunden bin ich wieder hier." Da» Mädchen machte ein sehr betrübtes Gesicht. .Muss denn das grad' beunt' sein? Du hast doch v'rsprochen. Du führst mj heut' zum Tanz, aber wenn Du drunten Eine sind'st. was Dir bester g'sallt, so bleibst drunten." .Dos ist nicht wahr!" zürnte er, .was ich perspreche, das halte ich. Aber wenn Du mir nicht itauest und wenn's Dir nicht zu viel ist, so begleite mich, komm mit hinunter, dann bist Du sicher, dass ich wieder mir herauf komme." Das Mädchen war freudig einverstanden, sie machten sich sofort auf den Weg. Hand in Hand liefen sie. lachend und schäkernd wie zwei übermütige Kinder, den Berg hinunter. Ein aufmerksamer Beobackstr hätte jedoch leicht gewahren können, daß die Gedanken oes jungen Mannes nicht immer bei den Scherzreden waren, die Uber seine frischen Lippen sprudelten. Es war am Abend des folgenden Tages. Die Sonne war längst untergegangen, dennoch war es nicht übermäßig finster, denn hoch oben am Firmament funkelten zahllose Sterne in wunderbarer Pracht, und zwischen den leichten Wolken drängte sich jetzt der Vollmond hervor und hüllte alles ringsum wie in magisihem Glanz. In dem prächtigen Garten, den das Neufeld'sch-- Fabriksgebäude umschloß, lustwandelten z>vei Damen von ungefähr gleichem Alter, beide jung und schön: sie gingen Arm in Arm in lebhaft heiterer Unter Haltung. Es war Heinrich Beer's ältere Schwester, Frau Irma Neufeld und seine Braut. Meta Waldherr. Gleich, nachdem sie sich zum zweiten Mal mit einander verlobt hatten, hatte sich Meta öffentlich zu der Religion bekannt, der ihre Mutter angehört hatte, gleichzeitig hatte Heinrich seine Geschwister von seinem Verlöbnis in Kenntnis gesetzt. Mit aufrichtiger Freude hatten beide diese Nachricht empfangen, denn Emmi hatte ihnen öfters von dem herrlichen Mädchen erzählt, das sie hochschätzte. Irma tratst ihren her;- liehen Glückwünschen die Bitte beigefügt, Meta möge bis zur Hochzeit in ihrem Hause weilen und Heinrich hatte diese Einladung seiner Braut gegenüber leb Haft befürwortet, denn dadurch konnte sie an: leichtesten das echt religiöse Leben kennen lernen, das sie zu führen entschlossen war. Seit ungefähr sechs Wochen iveiltc sie daher in der Heimat ihres Berlobten, im Hause seiner Geschwister, und ׳? mcg: sie einander kennen lernten, desto mehr lernten sie einander schätzen und Meta lernte vier das jüdische Leben kennen, in seiner ganzen Schönheit und Innigteil. Heinrich hatte seine Bcaut zu seinen Geschwistern begleitet und seinem dercinstigen Lehrer Efraim Weißkopf persönlich von seiner Verlobung Mitteilung gemacht und ihn gebeten. Meta zu unterrichten. Est-rn hatte Weißkopf zngesagt und als Heinrich nach ungefähr vierzehn Tagen sein? Nr,litt besuchte, da hatte ihm deren Lehrer von Herzen Glück gewünscht zu der Wabl. die cr getrosten. Inzwischen war Emmi in der Residenz eifrig bschäftigt, das künftige Heim ihres Bruders mit aller erdenklichen Sorgfalt einzurichten. Irma aber hatte erklärt, die Hochzeit, die bald nach den .Herbstfeiertagen stattfinden sollte, müsse in ihrem Hanse gestiert werden. ״Ein wunderschöner Abend," sagte Irma, cmporschauend, ״und wie schön, wie hell die Sterne funkeln, und die vielen, vielen Sternbilder —" ״Und die vielen Sternschnuppen." fiel Meta ein. ״schau da. wieder eine mit langem, bellen, goldigem Schweif." ״Die war wirklich schön. Schade, daß ich mir in dem Augenblick nichts gewünscht habe, denn, D! iveißl doch, was man sich wünscht, während man eine Sternschnuppe fallen sieht, das geht in Erfüllung." ״Wirklich?" ^Sstmz gewiß." beteuerte Irma, ״hast Du viel׳ leicht in dem Moment einen Wunsch gehabt?" ״Ich habe immer einen Wunsch und zwar immer den gleichen." ״Daß Heinrich kommen möchte?" rief Irma lachenv, ״nicht ivahr. ich hab's getroffen? und das hast Du auch gewünscht, während Du die Sternschnupe gesehen hast — also wird Heinrich höchst wahrscheinlich noch heute kommen." ״Das glaube ich doch nicht, denn er ist erst vorgestern abgereist und sagte, vor Freitag über acht Tage dürfte ich ihn nicht erwarten." ״Ich erwarte ihn noch heute." entgegnest Irma lachend, ״die Sternschnuppe hat seinen Besuch anaekündigt. — Aber eigentümlich ist es." fuhr sse fort. ״ich glaube, daß alle Menschen in irgend einer Be Ziehung ein wenig zum Aberglauben neigen. Ar und für sich bin ich durchaus nicht abergläubisch, jglege auch den Sternschnuppen und dergleichen nick: den geringsten Werl bei, aber gestern Abend, währen.- ich das Nachtgebei sprach, hatte ich unwillkürlich da. Angesicht dem Fenster zugewandt. Da. mit einen: Mal, während ich die Worte sprach: Behüte mick o Gott, denn auf Dich vertraue ich. da glitt langsam, wie vorhin, eine hcllschimmernde Sternschnuppe '!int״ dem Himmel dahin. Jetzt weiß ich es mit Bestimmt heit, daß Gott mich behüten wird, sagte ick lackend zu mir selbst, aber in Wirklichkeit erfüllte ein überau-- wohliges Gefühl meine Brust, ich fühlte mich so ganz besonders in Gottes Schutz und ich glaube, ich habe noch nie lo gut geschlafen, wie in der vorigen Nacht." ״Hoffentlich wirst Du in der folgenden Nackt wieder so gut schlafen, ich wenigstens finde, daß man überhaupt hier bei Euch ganz besonders gut schläft." ״Das freut mich: übrigens Dein Bruder ha: dasselbe gesagt, die Luft hier draußen ist weit beste., als in der Stadt." ״Und Euer schöner Familienkreis und die gurrt: Betten, die hat Herrmann ganz besonders gelobt." ״Sind auch lobenswert," sagst Irma mit sckerbaster Wichtigteit. ״Aber, wo ist Dein Brureeigentlich? er scheint ein fauler Schreiber, ich glaube, seit Du hier bist, hast Du noch nicht drei Mal Nack richt von ihm erhalten." ״.Herrmann ist in der Tat kein Freund ooni Schreiben und außerdem befindet cr sich gegenwärtia. wie er mir erklärt hat. auf einer Entdeckungsreise, und will von der Außenwelt nichts wissen, weshalb er mir nicht einmal seine Adresse angegeben hat. Aber, ich vermute, er treibt sich irgendwo in der Nähe im Gebirge herum, will vielleicht einen neuen Uebergang über irgend einen Felsen entdecken, oder ähnliches, und weil er weiß, daß ich diesen Sport nicht immer billige, verschweigt er mir lieber, wo er iß. Abe-o im ganzen ist er vorsichtig. Uebriqens sind seine Ferien sehe bald zu Ende, beute über vierzehn Tage muß er seilten Posten als Assistenzarzt bei Professor L. antreten Vorher kommt er her, das hat er mir ver׳ sprochen. ich freue mich schon darauf." ״Ich auch. Dein Bruder hat ein so heitere-: Temperament, ist ein solcher Freund von Schelmen streichen, daß ich ihn mir als Arzt schtver denken kann." ״Tu meinst, ihm fehle der erforderliche Ernst? o. da kennst Du ihn schlecht. Ich bin zwar auch noch nicht ganz sicher, daß der ärztliche Beruf der für ihn geeignetste ist. aber nicht, weil ich ihn für zu wenig ernst halte, sondern im Gegenteil, weil ich furcht׳׳, daß er jedes Unglück, jedes Leiden seiner Patienten allzu tief Mitempfinden und sich dadurch, Gott be hüte! aufreiben könnte. Ich glaube oft, er fühlt den Schmerz anderer phpsisch mit und wo er einen Menscheu leiden sieht, da drängt es ihn wenigstens den Versuch zu machen, zu helfen." ״Das hätte ich dem lustigen Bruder kaum zugetraut." ״Du bist nicht die Einzige, die ihn verkennt. Und es freut ihn sogar zuweilen, daß er verkannt wird, denn zuweilen schämt er sich seines weichen Herzens und seines, ich möchte beinahe sagen, leidenschaftlichen Strebens zu helfen. O, mein Bruder ist ein seltener Mensch, ich kenne wenige, die ich ibm zur Seist stellen möchte." ״An seiner .Herzensgllte habe ich nie gezweiselt. nur — Aber was hält denn da für ein Wagen? wer kommt so spät noch zu uns?" ״Ich glaube, derselbe Wagen war heust schon zivei Mal da, um den Inspektor Wolf abzuholen, seine Frau soll sehr krank sein." ״Max hat ihn schon um fünf Uhr nach Haus; geschickt und die anderen Herren vom Bureau sind auch längst fortgegangen. Herr Gott im .Himmel! ist das nicht Heinrich, der da ausstrigt?" ״Heinrich! Heinrich!" jubelte Meta, indem sie, wie vom Sturmwind getragen, dem Ausgang des Gartens zueilst. Irma folgte langsamer. ״Die Sternschnuppe hat recht behalten," rief sie lachend, ״die Sterne wissen alles." ״Du verstehst es. zu überraschen." lagst Meta, den Armen ihres Verlobten sich entwindend und ihm mit glücklichem Lächeln ins Antlitz blickend, ״vor-