Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 19 (10.5.1906)
- Date
- 1906-05-10
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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1, Der Israelit Ein Centraiorgan für das orthodoxe Judentum Icgrfiodet oon Dr. Lehmann in Mai« 77/ 47. Aayrganj,. *Frnnhiurt n. M., drn!0 m«i 19015.!§. 3jor §151515. W-L) «15 ״«. Der Israelit erscheint jeden Donnerstag. Abo»«eme»ts: Gewöhnliche Ausgabe Mk, t 50 vierteljährlich. Hestausgade auf Kuuitdruckpapler Mk, 3 vleneljahrltch. ,Ausland« preise für die gew, Ausgabe: Oesterreich 2 Kr., Rußland 1 Rub., England 2 sh, Amerika 50 cts, Riederlande 1,20 Ü.) Abonnements bei allen Postanstallen, Buchhandlungen, sowie direkt bei der Expedition, HeftauSgabe nur direkt. Inserate: 30 Pfennige für die sechsgespaltene Eolonel Zeile; Rabatt nach Tarif. Znseratenannabme nur durch Hassen st ein t Vogler A.-1N.!>, Frankfurt a. M und deren Filialen. feuerreichen! ״Tie aoge splitterten jüdischen Gemeinde n", so lautet das neue Schlagwort das der Verband der Deutschen Juden in die Arena t-es jüdischen Tageskampfes geworfen hat. Just in dem Augenblick, da der verband seine dem Reichstag gemachten Abänderungsvorschläge zum Toleranzcntrag den Redaktionen der jüdischen Blätter zugehei: ließ, wurde es bekannt, daß er bereits vor fast einem Monat in aller Stille beim Preußischen Ab geordnetenhaus eine E'Ngabc zum Schulgcsetzentwurs eingereicht hatte, deren Inhalt die gesetzestreue Judenheit Preußens in hohem Matze beunruhigen muß. Unser Berliner Korrespondent hat die hierbei in Belracht kommenden Ausführungen bereits in voriger Nummer unseres Blattes wiedergcgeben <siehe Artikel: i^ui trouipe-t-uu 101?) und wir bitten unfcee Leser, sich deren Wortlaut wohl gegenwärtig zu Hallen. Wir finden es begreiflich, daß der sonst so niitteilsame Verband der deutschen Juden sein Opus vor den prüfenden Blicken der jüdischen Oesfenilich kkit bewahrt wiffen wollte. Man dachte, den ver haßten Gegnern einen empfindlichen Hieb zu versehen, hütete sich aber, ihn auf diese Absicht erst aufmcrlsan: zu maciien und ihm Gelegenheit zu geben, den Hieb zu parieren. Ticke Kampfesweise scheint überhaupt in Mode kommen zu sollen: will doch auch der Ge meindebund von den Geheimniffen des Rosin'ichen Gesetzentwurfs trotz aller Aufsorderungen nichts derraten, offenbar in der Absicht, die Feinde seiner Organisationspläne eines schönen Tages mit irgend einem kalt act-ompli zu überraschen. In der Tat hatten die .Herren vom Verband alle Ursache, ihr Gcistesvrodukt vor unberufenen Kritikern geheim zu halten. Tie von ihnen anfaestellten Be- Hauptungen schlagen so ungeniert allen Tatsachen ins Gesicht, daß es sich wirklich nicht verlohnte, sich eingehender damit zu befaßen, wenn es nicht darauf cnkäme, gewine Schlußfolgerungen ans der ganzen Lage der Sache zu ziehen, die riir die Beurteilung der Verbältniffe innerhalb der preußischen Judenheit von ganz enisnenter Bedeutuna sind. Wenn d׳e Verbandseingave recht hätte io be ständen innerhalb der überwältigenden Mehrheit der preußischen Juden in religiösen Angelegenheiten keine Meinungsverschiedenheiten. Lediglich drei kleine ab׳ gesplitterte Gemeinden gäbe es, die einen dissertieren den Standpunkt einnebmen: eine jüdische Sekte, die sich zu der Majorität verhält, wie etwa die Alt katholiten ׳u der katholischen Hauptkircke. Ti? Regierung wäre aUo nickt im Rechte, wenn sie sagt, sie könne nicht feststellen, was jüdischer Religions unterricht ist. ״A bgesplittert Wahrlich eine treffende Bezeichnung für diejenigen die, der lleberlieferung der Vater lreugeblieben, sich gezwungen sahen, ge sondert־- Religionsgesellschaften zu biltcn, in denen das alle historische Judentum, von alle׳ moderne» Religionserkindung verschont, seine Stätte finden sollte. Tie jüdische Geschichtsforschung der Gegenwart wird umlerncn miisien: Tie Kreise, in denen die Herren vom Verband zu Hause sind, sie sind die Erben der vergangenen Jahrhunderte, s i e stellen die jüdische ״H a u p t t i r ch e" dar und jene sind nur eine!üdische Sekte, Warum sollte auch eine Körperschaft, wie das Preußische Abge ordnetenhaus, die von der Entwicklung des jüdischen Gemeindewesens feine Kenntnis haben kann, einer solchen unerhörten Gesichtsklitterung nicht Glauben schenke!,? Doch diese Umkehrung der Tinge in ihr Gegen teil will noch wenig besagen gegenüber der außerordentlichen Kühnheit, mir der der Verband die große Zahl der gesetzestreuen Gemeinden Preußens, d׳e nicht ״abgesplittert" sind, vollständig in der Ver senkung verschwinden läßt. Also außerhalb jener drei Gemeinden gibt es in ganz Preußen, weder in den Städten noch auf dem Lande, einen Juden, der über wichtige religiöse Fragen anders dächte, als etwa der Verbandsaeistliche Maybaum! In keiner der nicht abacsplittertcn Gemeinden gibt es eine Ver schiedenbeit der religiösenAnschauungen, gibt es einen Gegensatz von solcher Tiefe, daß die »inen im Religionsgesetz ein aus Wabn und Betrug erwachsenes Erbteil verschollener Zeiten, die anderen darin den Inbegriff ihrer Lebensidee erblicken! Nein, das gibt es nicht, unv die Regierung ist nickt im Recht, wenn sie sagt, sie könne nicht seststellen, was jüdischer Religionsunterricht sei. Was bedeutet die Veleidiauna. die der Verband der deutschen Juden den ״abgesplitterten" Gemeinden zusügte, angesichts des ungeheuerlichen Attentats, das hier an der Gesamtheit aller Gesetzes treuen das hier vor allem an den Gemeinden begangen wurde, in denen die Gesetzestreuen noch von Alters her die Zügel der Verwaltung in Hauden haben, weil der Abfall dort noch keine Stätte kand. oder weil die Abgefallenen dort nickt mächtig ober nickt energisch aenua sind, um jene an die Wand drücken zu können? Sie alle werden oon orn leiic ■״ זtu Männern des Verbandes zu religiösen Gesinnungsgenoffen der Neokogen gestempelt, zu Gliedern der jüdischen ״H a u p t k i r che", der nur die paar ״Abqesplitterten" als anderen Anschauungen huldigend gegenüberstehen. Blutigster Hohn ssirwahr! Aber freuen wollten wir unS ob der Verhöhnung, wenn sie der Gesamtheit der Gesehestreiien ein unauslöschliches Memento würde, wenn sie ihr gellend in die Obren, klänge als ein Ruf der Warnung vor der unerm e ß lick großen Gefahr, dir drohend am Wege lauert. Tenn darüber täusche;וז״ח sich nicht' Hier handelt cs sich nicht iiirhr um die jiibit'd* Volksschule, nicht um die Gleichberechkigung des!üdischrii Religionsunterrichts, sondern: .fluni־ licke K i r ch e n v e r s a s s u 11 g s ü r die Inden in Preußen", das ist es, was aus jedem Satz der Eingabe schreit, Unfm Neologen haben sich nie mit Kleinigteiten abgegeben. Wer nicht blind ist, der muß sehen, was die Herren wollen, ivenn sie der Regierung so dringend die Einigkeit der preußischen Juden vorstellen, an der die drei abge splitie'ten Gemeinden, die paar Sektierer doch wohl nichts ändern. Wer sich nickt selbst täuschen will, dem kailil es »ich! porisen/asi sein, wöruus si-, hin ziele», wenn sie dein Staate so freundlich bescheinige», er könne wohl sagen, was jüdischer Religions unterricht sei. Das ist das ungewollte Gute der Perhandse-.ngabe, daß sie Klarheit zu schiffen geeignet ist, daß sie auch denen, die bisher trotz allem ihr Vertrauen zum Verband noch nicht verloren hatten, die Augen öffnet und ihn in seiner wahren Gestalt erscheinen läßt. lind so kann diese Leistung des Verbandes zum Hei! für bas gesetzestreue Jubrntnm werden, wenn die ans ibr erwachsende Erkenntnis die zerstreuten Glieder zur Sammlung ruft »nd ihnen die gemeinsame Losung gibt: Auf zum Kampf gegen die Konsistoricilvrrfassung! Die Ausmeisungen vor dem Reichötog Am vergangenen Donnerstag fand im Reichslaq die Verhandlung über die Ausweisung der ruffischen Juden statt. Ter Vertreter deS Reichstanzlers, Graf Ppladv!v"v, lehnte dt! Beonk׳״״rk׳״׳g *ויו!!«׳ demokratischen Interpellation aus fnrmellen Gründen ab. Dennoch beschloß das HauS, in eine Besprechung der Interpellation einzutreten. Bebel begründete dieselbe in einer zweistündigen Rede, in der er eine Reihe von ungerechtfertigten »nd durch ihre Härte ausfallenden Ausweisungen aufzöblte. Dem Herrn von Oldenburg, der an dem Verfahren der Polizeibehörde nickt? auszusehen fand, bemerkte er. er fei doch wob! ein guter Ebrist und habe dock gewiß auch das Alte Testament durchgelesen. Tort stebe aber N Buch