Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 47 (1906)
- Issue
- 12 (22.3.1906)
- Date
- 1906-03-22
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Ein Centralorgan für das orthodoxe Judentum Begründet oon Dr. Lehmann in ülain: b&si 47. Aahrgang. W r a n si tu r t a. M., den 22. Mär! sgl)0. 25. Ndnr 5bbb. i^2) . u t rr Der Israelit erscheint jeden Tonnerstag. 'AbouuemeutS: Gewöhnliche Ausgabe Wik. t'10 vierteljährlich. Heslausgabe ans Kunstdr>»«kpapler Wik. :i. vierleljahrlich. «Äuslandspreis» siir dir grw. «»»gäbe: Lcsterreich 2 Le., Rußland l 8111»., England ti *h, A-nenka » rin, al^-drrlande I 20 tl.i -lboiinenieiila bei alle» Pvilaiistalkei». wvchh.inklimge», sowie direkt bei der Expedition, Heftansgabe nur direkt. Inserate: Pfennige für die sechsgespalleiie Eolonel Zeile i Wabatt nach laris Inferaleiiannadme nur durch Haasenüein Bögler '21. <"►>. in IrankNirt a. M. uiid deren Filialen. Neumondr-Luverlichl. .nwi: ■ערד p באשי־ שסעד Der Neumond naht, der in der Seiten Flucht der ruhende Pol geblieben ist, an dem das furcbtlam scheue Auge des rastlos gehetzten Volkes Israel den Ausdruck der Ruhe und der Verklärung annimmt. Mut und Zuversicht schauen aus ihm. Hoheitsvoll und siegesgewiß leuchtet's aus ihm-denn ״wo von die Kunde aus vergangenen Tagen in ihm lebt, das hofft es noch immer in unerschütterlichem Ver trauen selbst zu schauen." Vor Jahrtausenden einst in dunkler, milder Friihlingsnacht trat Moschch hinaus aus dem Ge wühl der Welt. Mochte er noch zagend und zitternd an die Aufgabe denken, die seiner wartete, sein Volk zur Freiheit zu führen, in dieser stillen Nacht ward es ihm klar: Nur was taghell glänzt und in prächtigem Prunke prahlend prangt, muß bangen vor den Adendschatten, die unabweisbar sich herniedersenken, doch was in Nacht umfangen gegen Finsternis zu kämpfen hat, mag es immerhin in bescheidener Zu rückgezogenheit den Weg der Wüste wählen müssen, einst muß ihm leuchtend die Morgenröte ausgehcn. lieber den M o n d ist es ausgesprochen, daß er sich erneuere. Das Nachtgestirn ward als Lebenssinnbild dem jüdischen Wappen eingefiigt. Js raels Los: bis zur Unkenntlichkeit dem bloßen Auge zu entschwinden, Israels Hoffnung: bis zur Voll kraft sich wieder durchzuringen. Es ist der ״Wirker der Wahrheit, dessen Wirken wahr ist." der Israel zum Träger seines Willens in der Menschheit Mitte dahingestellt. So blieb es der Schrittmesser alles wahren Fortschrittes in seinen Schwankungen, mit allem Rückschlag und allem Vorwärtsdringen. so wurden seine großen Lichtgestalten. an deren Beispiel uud Vorbild die Welt sich erzieht, so wurde sein Schriftium das Fundament des Kul turgebäudes der Welt, so wurde seine Poesie der Dolmetsch der Empfindungen jedes Menschenhereens in Leid und Freud. Gemeingut der gebildeten und gesitteten Welt geworden, von ihr gehegt und geschützt, verlor das jüdische Geisteslicht sich nie mehr und verliert sich nimmermehr. Der Wirkung der Israel geoffenbarten göttlichen Gesetzeslehre ist die Erhalt׳ ung gesichert. Nur die Menschenerde stellt sich oftmals zwischen diese Lebenssonne unseres Volkes und uns: und dann scheint es. daß es dunkelt in Israel und alles Licht nur ausstrahlt von der übrigen Menschheit. Doch bald zieht Finsternis herauf am Himmel der Weltgeschichte, kein Lichtschimmer wird wahr genommen, und alle Geister sind losgelassen und tanzen einen gar schauerlich »vilden. Totentanz aus der dunklen Erde. Auf dem Zifferblatt der Nstr. die die Zeit des Fortschritts angibt, ist im tiefen Düster kein Zeiger mehr zu erkennen, und als wären cs die ersten dunkeln Zeiten *tt Entstehung der Welt, so liegen alle Elemente in unseren späten Jahrhunderten noch im Kampfe: und wie ehedem, da nur Rohheit und Wildheit die Welt in brutaler Kraft und schreck lick-m Realismus beherrschte, tovr in manchem Land das Tier im Menschen. Aus alles, was in würdige Gottesebenbilds-Gcstaltung sich hüllet, ist das Ver nichtunqsschwert gezückt. Israel, das Volk, dessen Dasein an Freilieit und Menschenrecht erinnert, detien Dasein Untergang bedeutet aller Pharaonenmacht, aller Kn-chtuiigsgewolt, zieht auf sich den Haß der hochmütigen Schar. An seinem Blute soll der Freiheitsrausch sich trunken trinken. Es dunkelt Israels Nachtbeherrscherin, und di- Tagesbeherrscherin verfinstert sich. Denn von aller Freiheit und aller Menfchenbewertung, von allem Gottesbewußtsein und allem Pflickstbewußtsein, von allem Wahren und tadeln ist keine Spur zu finden in jenen Landen, wiewohl ihr Tbrongeriist der ״Religivn" und die Altarstütze ihres Bekenntnisies aus dem Material geschnitzt sind, das Israel? geistiges Ideal versinnbildlichen sollte. So dunkelt der Mond, und so verfinstert sich die Sonne. — Doch daß die Sonne ihre Leuchtkraft e.n׳ gebüßt, wenn der Mond den Schein nickt spendet, das ist die jüdische Hoffnung. Nur darum liegt die Welt in Nacht gehüllt, weil das jüdische Lickt nicht, leuchtet. Wo trotz aller Juden heit und aller Be tonung jüdischen Nationalbewußtseins das Juden t n m erlahmt, wo dre Kinder mit Bewußtsein hivgeführt werden zu den Lehrstätten der Gottes leugnung, wo der Bruder dem Bruder nicht Treue hält in Mein und Tein, wo alles jüdische Leben veraußerlicht ist und als Macht der Gewohnheit schnell und billig veräußert wird, wo Haß und Neid die Familien entzweit und Unsittlichkeit die Häuser zer rüttet, wo die Waffen Amaleks in die Hand gebrüht werden unk der Aufblick zum Himmel verhöhm wird, da ist durch die Verderbnis den Völkern das Vorbild entzogen aus Grundlage friedlicher Ent Wickelung zur Höhe des Menschheitsideals sich emporzuschwingen. Mit dem alten Testament im Arm höhnen die Völker seine menschlichsten Lehrcn und erweisen die Wahrheit׳ Ohne Juden vermag die Welt mit t« Spende der Gotteserkenntnis nichts anzufangen, verständnislos steht sie ihr gegenüber. Nur der Jude kann der Führer der Menschheit auf dem Weg zum Verständnis ihrer von Gott gewiesenen Pflichten sein. ״So wahr aber der Wirker der Wahrheit wahr ist, so wahr ist sein Wirken wahr." So bleibt oas jüdische Volk unentbehrlich für die göttliche Wahrheit. Drum mutz es selbst aus tiefstem Fall sich °>vH»t׳»i׳ erheben, muß aus schmerzlichstem Leid zur Freude wieverkehren. muß, feinen Seufzer wandeln in den Judelrus der Freude, muß. selbst zurückgekehrt zu seiner Tauroh und ihrem Spender. ״Schutz und Leben, Heiligung und Wonne" sckxilirn. und wird mit unzweifelhafter Gewißheit aufs Neue Träger rverden, ״der Huld, der Güte und des Friedens segens" seines Gottes. ״W o v o n die Kunde in uns lebt, wir mochten, wir י־י * r den e s schaue n." Von btr Sklbstwthr. Die Frage der russisch-jüdischen Selbst wehr, auf deren prinzipielle und praktische Be deutung wir an dicser Stelle schon vor einiger Zeir hinwiesen, hat mittleriveile zu einer interessanten Kontroverse zwischen verschiedenen russischen Korrrspondenten geführt. Auf der einen Seite wiro be hauptet, daß der Bestand der Selbstwehr an zahl reichen Orten oen Ausbruch von Pogromen ver hindert oder sie im Keime erstickt habe. Demgegen über machen die Gegner der Selbstwehrbewegunp geltend, daß höchstens an kleinen Orten ohne Garnison und mit schwacher Polizei die Selbstwehr Organisationen denen es an Mut und Aufopserungs fähigkeit ja nicht gebricht, sich nützlich erweisen konnten. Grad« an solchen Plätzen aber seien Po grome selten. Gegen die Bureaukratie jedoch, mit ihren milirärischen und polizeilichtn Machtmitteln, sei ein Erfolg der Selbstivehr in allen Fällen ausgc schlossen: die Beweise dafür hätten die ÜTO Städte gelicfert, in denen Pogrome stattfanden. Wird sc die Wirksamkeit der Sekbstwehr überhaupt bestritten so führt der gleicht Korrespondent erneut Beispiele von dem unaeheuren Schaden an, die daS überreizte und unüberlegte Vorgehen der aufs höchste erhitzten juaendlichcn Gemüter angerichtet habe. klebrigen« wird versichert, daß die Frage der Vorteile oder Nack teile der Selbstwehr jetzt nur noch eine akademische lei. da seit der Unterdrückung der Revolution der Polizei sämtliche Waffen überliefert werden mußten so daß die Selbstwehr zu absoluter Ohnmacht ver urteilt ist. Es sei zu befürchten, daß Beiträge für die Selbstwehr nicht nur nutzlos, sondern mitunter sogar schädlich sein würden, da das Geld wahrfchein- '.ich in dir Taschen dr? Lunde? oder sonstiger re"o lutivnarrr Verbände fließt, welche oft unter der Maske der Selbstwehr aus ihre anarchistischen Ziele