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Der Israelit · 1906-03-08 · 10 (8.3.1906) · p. Seite 7

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Journal
Der Israelit
Volume
47 (1906)
Issue
10 (8.3.1906)
Date
1906-03-08
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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> Marz 19u*i. ^*radi( itx £«1t< 7 Nr!״. ,Nicht verlernt. abrr auch nicht geübt." sagte Gustav Limbacher. ,Glaub' ick. bei der heutigen Welt/ setzte Schiss trocken hinzu. Maier Korn niclte zustiinmenb und sah dabei durch'« Fenster; die!ungen Männer schwiegen verlegen und empfanden es als eine willksmmene Wendung, das; Leontine. Schiffs einzige Tochter, rin kaum achtzehnjähriges Mädchen, mit sympatiscken Gesichtszügen und prächtigem, tvelligem, schwarzem Haar, die jungen Leute aufsorderte, aus dem Leben der Großstädte etwas zu erzählen. ,Gehen wir in's nächste Zimmer," schlug Leon tine vor. Es galt aber nicht für die Väter, die, nach dem die jungen Leute sich nach der ,Staatsstube" de geben hatten, eine lange gleichgiltige Unterhaltung führten. Auf dem Nachhauseweg fragte Korn seinen äl testen Sohn — (?mil war längst allein nach Hause gegangen — wie aus ernstem Nachdenken heraus: ,Wie gefällt Dir Gustav? Kein übler Mensch, h:? Sicht aber nicht aus. als ob er ein tüchtiger Geschäftsmann sei." ,Kann man Niemanden anseben? Wie kommst Du aber gerade darauf?" ,Ich meine nnr so," erwiderte Korn langsam. Tie beiden Söbne dachten nicht daran, daß der Batik Pläne schmiedete, in denen Limbachers beide Kinder m*♦ «&**«** m 90* •»14 «|» I4»j»»«l»j»lt »j» ViVtUfl 14'»« »4 <.!•• Maier Korn mar aber nickt nur ein tüchtiger Kauf mann, sondern auch ein weitausschauender Vater. Gr hatte noch eine Tochter, die bereits heiratssähg war. Gr war auch nicht blind dafür, das; Gmma, obwohl nickt häßlich, doch etwas eigenartig war — nicht Jedermanns Geschmack. Das Mädchen würde ibn einmal viel, viel Geld tosten, ivenn er das für sie erreichen wollte, was er plante. Und er plante große Dinge: und warum nicht? Denn welcher Vater plant nickt Großes mit seiner Tochter? Zumal wenn diese Tochter klug, sogar sehr klug ist und der Vater selber eine große Mitgift dem künftigen Schwieger sohn behändigen kann. Aber gerade dieser Punkt beschäftigte häufig Maier Korns Gedanken. Nickt wieviel er von seinem väterlichen Gelbe dereinst der Tochter mitgeben, sondern wieviel er nicht heraus geben wollte, wenn cs zum Heiraten kam, macht» ihm mancherlei Sorgen. Gr galt als ein sehr reicher Mann, dessen Tüchtigkeit und Glück in geschäftlichen Unternehmungen schon oft den Neid mancher M׳t bürger erregt hatte. Das ansehnliche Vermögen, das sein Vater, der Gründer des Geschäftes Nathaniel Korn, ihm hinterlasien hatte, war unter seiner Tätigkeit sicher verdoppelt worden, und das Geschäft be׳ reits sünsundsünfzig Jahre in demselben Hause be trieben, versnrach einen noch größeren Aufschwung zu nehmen, wenn jetzt die beiden Söbne eintraten. Simon hatte in Berlin, Siegfried in Paris neue Absahgebiete kennen gelernt und beide beabsichtigten, zu den bisherigen noch neue Handelsartikel einzusiihren. Große Perspektiven erifsneten sich vor Korns Augen und er sah bereits im Geiste einen neuen Aufschwung der alten -sirina Nathaniel Korn. In ihr glaubte er auch die Manen seines toten Vaters zu ehren, obwohl diese Art Ehrung einen ganz sonderbaren Anstrich bekam, als Maier Korn weder durch eine gemeinnützige Stiftung den väterlichen Namen zierte, noch auch mit dem erworbenen Gelbe besondere Wohltaten ausübte. Vielmehr glaubte er in der stetigen Vergrößerung seiner Iirma, die des Vaters Namen trug, in der Anhäufung immer größeren Reichtums, seinen eignen und des Vaters Namen kür lanae Zeiten hinaus lebendig zu erhalten. Aus solchen Erwägungen heraus war er zu der Ansicht gelangt, daß eine große Mitgitt kür einen noch unbekannten Schwiegersohn ein Nebel sei, das er im Interesse seines Geschäftes nach Möglichkeit einschränken müsse. Eine Stimme neben ihm flüsterte: ,Zehn Gulden an die Kabronimkibbe (Kibbe, Vereint bezahlst Du: dock wird Dir dafür nach Deinem Tote rin Srao überlassen. Der arme Schuster Berez zahlt auch jede Woche vier Kreuzer an diese Bruderschaft: und deLgleichen der arme Schneider Jechiel. Du bezahlst daS Dreifache und verdienst das Hundertfache Ist das Dein Maaser lder Zehntel, dieses herrliche Gebot der Nächstenliebe?" ״-auf daß Du lernest den Ewigen Deinen Gott zu fürchten, alle Tage.-nack Verlaus dreier Jahre mußt Du ausscheiden alle Zehnten Deines Ertrages in diesem Jahre, llnd Du mußt es liegen lassen, in Deinen Toren. Dann soll der Levlte bekommen. - denn er hat keinen An teil und Besitz mit Dir Korn las nochmals diese Stelle. ,An die Leviten soll ich's geben?" Gr nahm da» ganz wörtlich und überlegte: ,Hier in der Gemeinde sind die Leviten lauter vetuch« (wohlhabende) Leute. Schlomeche Lorch, der Katzef (Metzger), hat'» wahrlich nicht nötig. Mayer Levi, der andere Lrvite, ist ein wohlvermögendrr und Moritz Seckel sogar ein sehr reicher Mann. Also den Leviten kann ich nichts anbieten: damit bin üh jau:e lentbunden)." KornS Züge nahmen einen zufriedenen Ausdruck an — er sparte Geld, ohne sein Gesetz verletzt zu haben. Auch dir folgenden Verse und Gebote vom Grlaßio.hr gefielen ihm vortrefflich: sein EKwissen wurve nicht beunruhigt. Nach sieben Iakren muß man die Ausstände un seinem Bruder streichen: die ,Forderung ist verjährt. Keine Pflicht wurde durch dieses Gebot Maier Korn aufcrlrgt. Sieben Jahre halte er noch niemals einen Debetposten an irgend einen Kunden offen gelassen. Solche Buch- und Gesckästssi'.brung war bei ihm nicht Brauch. Vielmehr sckriev er jedes Jahr an lässige Schuldner nach einem eisernen Sclxma einen kurzen Brief: * 4» <■#» ft/4\ ♦ IM;11114•««• »_/».» »44 KAf j»U/4 Mltlitli |141ca tuy Gonto mir «hier folgte oer Betrag» offen. Da dieser Posten bereits längst fällig ist. so ersucke ich Sie höflichst um Begleichung. Sollte ich inner balb acht Tag-» nicht im Besik sein, so iverde ich mir erlauben, den Betrag durch Wechsel einzuztehen und bitte ich Sie. bei Vorkommen meine Tratte z» schützen. Mich bei iveiterem Bedarf bestens empfoblen haltend, zeichne hochachtungsvoll. Dieüs war gewissermaßen der erste Grad der Tortur. Beim zweitmaliaen Mabnen >oard der Ton sckon etwas eisiger und für ferneren Bedarf empfahl man sich vorläufig nicht »veiter: an die Stelle der Hochachtung trat eine simple Achtung, die tckon die koinmende Verachtung ankündigte, bis es beim dritten und letztenmale schon gar keine Achtung inebr gab. und ein nickt mißzuverstehendes ,ergebenst" ernste Iolgen antündete. - Inzwischen batte Korn aber niemals sieben Jahre, — die ,Schemitta" der Tbvra — verstreichen lassen, um seine Ausstände einzutreiben. (Fortsetzung folgt.) Keivrick Meer. Eine Erzählung von Friedrich Rott. 3~ In diesem Sinne hatte sie auch dein Gefangenen geschrieben und ihr Brief, den der Untersuchung» richter vor der Uebrrgabe an den Adressaten gelesen, haitr auch ans jenen einen günstigen Eindruck nickt verfehlt. Weißkopf aber war überglücklich. Mit überströmenden Augen las er das Schreinen seiner reuigen Gailiii »,׳Ui*« und immer wieder und drückte es eben so oft an seine bebenden Lippen. Nun war ja alles gut. ein neues Leben hatte für ihn begonnen, und wenn er sich auch noch im Kerker befand, seine Trust hob sich auch hier so frei, so leicht — ungleich leichter als in jenem prächtigen, luftigen Kontor, in den, er an jedem Sabbat die ssfeder in sein Herzblut getaucht hatte. Mochte jetzt kommen, was da!volle, er dankte Gott für all das Gute, das ihm geworben. Er fühlte sich in Wahrheit glücklich. Und seltsam, auch leine Gesundbeit, die in den letzten Jabren seiner Umgebung oft Sorgen bereitet, besserte sich innerhalb der Kerkermauern. sein Antlitz schier, weniger faltig, seine Haltung weniger gebeugt und oft wenn er in seiner Zelle auf und nieder wandelte, summte er heitere Melodien vor sich bin, wie der Jude sie 2n Gott geweihten Tkrendensesien im Gotteshause singt. Selbst der Kerlermeistrr staunte, einen solchen Häftling hatte er noch nicht verpflegt. Aber die Zeit verstrich, eine Woche folgte ber anderen, ein Monat dem andern und trotz aller erdeutlichen Mühe war es dem Doktor Beer nicht ge lungen, auch nur «ine Spur des Mörders zu entdecken. Die Behörde gab sich nack dieser Richkuv! keine Mühe, für sie war der Täter sofort entbecki und längst in Sicherheit gebracht, für sie bedurfte es der Gerichtrverhandlung nur, um zu verurteilen. In ungetrübter Heiterkeit entschwanden dem Ge fangenen die Tage, di« seine Angehörigen in namrn loser Aufregung verbr«.chten. denn je näher die Ent scheidung rückte, desto!venigrr glaubte Heinrich ihnen verschweigen zu dürfen, daß er auf Freispruch wenig Hoffnung hege. Zwar ließ er in seinen iforschunaen nicht nach und wäre es ihin ein Leichte« gewesen, jeden Unbefangenen von der llnschuld des Be schuldigten zu überzeugen. Aber bie Wogen de? Antisemitismus gingen hoch, wie konnte man in jenen Tagen auf unbefangene Geschworene recknen? Drr Tag ber tsterichtsverhanblung war ge kommen, der große Schivurgerichkssaal ivar überfüllt von Semiten und Antisemiten und auch von einigen Philosemitcn. Die Geschworenen waren ausgelost, der Verteidiger hatte einige, als antisemitische Heiß-- sporne bekannt, zuriickgewiesen. aber diejenigen, die er batte gutdeißen müssen, »varen nickt viel besser. Die Gerichtsverhandlung hatte begonnen. Die Persönlichkeit des Angeklagten, der mit größter Un befangenbeit und ersichtlicher WakrbeitStrene alle an ihn gerichteten Iragen beantwortete, hatte selbst auf die enragiertesten Judenfeinde einen sympathisch-׳» Eindruck gemacht. Seine beiden Söbne und lein Bruder befanden t>ck unter den Anwesenden. Sie hatten ihn seit seiner Verhaftung, seit nahezu vier Monaten nicht gesehen und staunten über sein der bältnismäßig frisches, heiteres Aussehen und lausch ten pochenden Herzens dem ruhigen Tonsall seiner Stimme. Es erschien ihnen gerade,» unglaublich, daß man keG-n Worten keinen Glauben schenken oaß man ihm Böses Zutrauen könne. Nun solgte das Zeugenverhör. Nach einander traten sie hervor, die bäuerlichen Zeugen, wurden ver- ::bei u!!L!׳ernow.mrn, der Ringelhosvauer und »eine Irau und alle seine Hausleute. seine Knechte und Mägde seine Nachbaren und seine Vettern und Basen. Alle hatten sich zur Zeugenaussage gewettet, denn sie kamen sich überaus wichtig vor, daß in einer so bedeutenden Augelegenhrit ihre Aussage von Wert sein konnte. Tie Aussage aller war jedoch so ziemlich gleichlautend, nur daß der Eine mehr dieses, der Andere mehr jenes betonte. Alle hatten das lieblicde Kind gekannt, danen es auch öfters in Gesellschaft des Angeklagten gesehen, wenn derselbe aus der Bank vor dem Hause der iIuastelbäuerin gesessen. Die Einen berichteten, daß der kleine Wenzel in den Taschen des Angeklagten gesucht habe, vermutlich nach Süßigkeiten, durch die der I»d das Kind an sich gelockt batte: andere hatten sogar gesehen, daß der Jude oem Kinde seine Ubr gezeigt, und dieselbe hatte schlagen lassen: noch andere wollen geiehrn haben, daß das Kind den Juden im Rinaelhor herumgeführt habe zu dem Iedervieh und zu den Schweinen. Noch andere wollten ibn auch bei drr Hundehütte gesehen haben, wo er dem Kettenhunde Knocken und Ileisch gegeben habe. Letzteres stellte Weißkopf ennchirden in Abrede, möglicherweise hätte seine Tochter die Abfälle ikres Tisches dem hunde araeben ei selbst bätte es nie getan. Die meisten Zeugen erwähnten auch des Schacht- Messers und des mit hebräischen Buchstaben bedeckten zerknüllten Blattes Papier, sie behauptelen beides gesehen zu haben. Doch als der Verteidige׳׳ sie aufforderte, die ungefähre Größe drr erwähnten Gegenstände anzugeben, vermochte es keiner als der Ringelhofbauer und der Bader. Alle stimmten jedoch darin überein, daß dir Tochter des Angeklagten dir Erste gewesen, die die Bermuning geäußert, d>aß sich das vermißt« Kind in dem Schuppen befinden könne, da sie kurz nach Mitternacht die Tür desselben tn den Angeln hatte knarren gehört. Al« der Großknecht des Rinqelhofbauern vernommen wurde, fügte er seiner im übrigen mit den Andern gleichlautenden Aussage hinzu, daß der Bauer den kleinen Wenzel so gern gehabt hätte, daß die Leute gesagt hätten, er wäre gar nicht sein Neffe, sondern sein Sobn. Die Bäuerin warf dem Zeugen einen wütenden Blick zu. der Bauer aber erklärte mit vor Erregung bebender Stimme, dergleichen gehöre ooch nicht ,»» Ver- Handlung.

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