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Der Israelit · 1906-02-08 · 6 (8.2.1906) · p. [Seite]

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Journal
Der Israelit
Volume
47 (1906)
Issue
6 (8.2.1906)
Date
1906-02-08
Page
[Seite] (sequence 13)
Language
German
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Seuilleton - Beilage zu Hr! () ^es ^xxxxxxxxxxxxxx Tx r&.-c. Kü»UÜLÜSW» 5am0a 8. Wiilias in iier Z8Sk8zsßk. Bon Arthur Kahn. ''! Nachdruck orrvolon Iomtof Schiff fühlte sich nicht wenig geschmeichelt, wenn ibm, sobald er vom Altar mürbevoll herabschritt, die Gcmeindemitglieder ein aufrichtiges ״Jejascherkoach" zurieken. was ebensowohl «ineil Dank, wie auch eine Anerkennung ausdrückte. Im Geiste schon mit diesem schönen Bilde bcschäftigt, trennte sich Schiff vor dem Synagogcntor von seiner stattlichen Gattin, die durch ein Neben- Vortal verschwand. Soviel stand fest, das! die neuen Stiefel an seinen Fähen eine gefällige Form hatten, ovwohl Iomtof vermeinte, Verez hätte seinem linlen Fußballen noch etwas mebr Raum gönnen sollen. ck.׳er rechte Stiefel war aber tadellos bequem, so hätte Verez auch eigentlich den linken arbeiten muffen. Uebrigens muffen alle neuen Schuhe und Stiefel im Anfang etwas drücken. Später, wenn sie etwas ausgeweitet sind, trögt man den Lohn des anfänglichen Martyriums als hübschgeformte Fußbekleidung mit sich herum. Nach einer alten Ginrichtung in der Gemeinde, war der Gottesdienst von Pesach bis nach Sukkos an Sabbat und Festtagen in SchachriS (Friihmorgen- und Dormittaggottesdienstl und Musasgottesdienst getrennt. Elfterer begann etws um 7 Uhr. letzterer um 9 Uhr. So war es auch heute. Als eben Iomtof die Synagoge betreten, einen Augenblick mit zusammengepreßten Füßen gegen Osten sich verneigend, weiterschritt, begann das Hallet (Psalm 113) als Einleitung zum Gottesdienst. Behaglich ließ sich Iomtof auf seinen Sitz nieder, und streckte unwillkürlich, nachdem er sich in seinen Gebetmantel gehüllt, die Beine hinweg. Gr fühlte sich, nachdem er eine Strecke gegangen, ruhebedürftig. Gin wenig muß Berez. oachte jetzt Schiff, den linken Stiefel immerhin über den Leisten spannen. Und der brave Purnes vrrsuaür seine Aufmerksamkeit von seinem Fuß ab- und dem Gebet mehr zuzuwenden. Geräuschlos glitt der Schammes durch die Synagoge, da und dort silberne handgroße Tafeln verteilend an diejenigen Männer, die zur Thora gerufen, oder an derselben eine gleichwertige Handlung vollziehe» sollken. Die solchermaßen Beehrten stellten sich, הי war hier der Brauch, als das ״Ausheben" gesungen wurde, neben den Borbeter, Rabbiner uno Vorsteher. Die beiden letzteren schritten neben dem die Thora kragenden Vorbeter, ebenso zur Rechten und Linken zwei Männer neben dem Träger der zlveite» Tborarolle. Die Uebrigen folgten zu zweien in feierlichem Zuge, bis der Umzug sich vollzogen hatte. Dann setzten sie sich auf die beiden zu Seiten des Borbeterpultes befindlichen Bänke. Sämtlich« Aufgerufene kehrten erst, nachdem die Thorarvllrn wieder eingrhoben und von den gleichen Personen, wre beim Ausheben, zuruckdeglertet war. auf ihren Platz zurück. Kein anderer Akt im Gottesdienst war im Stande so feierlich einzuwirlen, oder machte einen ähnlich tiefen Eindruck, wie das ehrturchtsvolle Einberschrriten neben und hinter der Thora, von acht bis zehn Männern wobei der Träger noch einen möglichsi großen Bogen machte, um das »Gleite auszudehnen. Iomtof Eckst" kam heute nicht an die Reihe de» Aiifgerlisemverdens, was ihm in seinem Augenblick- X X X X * ׳X X X X X X X X X X X ÄT־X lichen Behagen richtiger getagt, beginnenden Un behagen — ganz willtommen wor. Ter Borveter batte eben das ״Akdoiv.aus milin" (.poetisches Gebe« am Scdewuothf angesiimmt. Man tonnte sich beim Anhören dieser gar eigen artigen Melodie verstelle» . wie einsi die Turm Wächter von drn Zinnen der Zionsburg herab, den sich der beiligen Stadt nähernden Bewohner des Landes diese selbe Melodie auf Schalmei oder Trom pete grüßend entgegensandre. Der Ehassen, wohl wisiend, daß sein Portrag mit großer Aufmerksamkeit verfolgt und strenger Kritik unterzogen werde, »ang das Atdomaus mit mancherlei musikalischen Rand Verzierungen. Schiff vermochte trotz aller An strengungen nicht, seine Aufmerisamteit auf den lieb lichrii Sang zu loiizeuiticirii. Immer Ivieoer icniie ihn ein unbehagliches Gefühl ad. Er war im Stillen froh, als endlich dir Vorlesung aus der Thora be gcnn und ungeduldig darüber, daß die Aufgerukencu eme Segenspendung nach der anderen machen ließen. Die Spenbelust dünkte ihm heute ungebührlich gr״ß Völlig ungeduldig wurde er bei den schier endlosen Segensprndungev. Rebbe Wolfs, der einen!leinen Zettel in der Hand, sehr gewissenhaft nicht nur leine eigene zahlreiche Familie, sämtliche Schwiegersöhne und Töchter und deren Kinder, sondern auch seine Brüder, Vettern und Freunde mit der stets hoch an geschlagenen Aufmerksamkeit eines solchen, ..Mischt berach" genannten Segcnspruches bedachte. Kaum daß sich Iomtof Schiffs Antlitz für einen Augenblick anfhellte. als Redb Wolf auch ihm einen pompösen Mischeberack machen ließ. Das bisher unbestimmbare Unbehagen kam, jo sehr sich Iomtof auch gegen diese Gewißheit in Anbe trackt der qutkleidenden Stiefel wehrte, vom linken Fuß her. (Fortsetzung folgt.) flcinricb Eure Erzählung von Friedrich Rotl. >33 Nachdem der Hausherr den üblichen Segen über Wein und Brot gesprochen, ward das Mahl allseitig in heiterster Stimmung eingenommen, dann folgten die unvergleichlich schönen Lieder zur Verherrlichung des Sabbates und nach diesen das Tischgebet. Bald darauf erhob sich Weißkopf, den Heimweg anzutreten. ״Sir wollen schon fort, Herr Weißkopf? bleiben Sir doch über Nach! bei uns, Sir wissen Ihr Zimmer ist immer in Bereitschaft, und wir sind doch sitzt gerade so gemütlich alle zusammen, wenn Sie fortgehen, sind wir nicht mehr vollzählig." ״Ich danke Ihnen, liebe Frau Irma. Sie missen, wie gern ich in Ihrem lieben Kreise weite und wie sehr es mich freut, von Ihnen wie zur Familie gehörend betrachtet zu werden, aber ich möchte mich heute noch 'mal nach der Familie meines Bruders umsckauen, meine arme Schwägerin kann sich noch immer nicht fassen. Also guten Sabbat allerseits!" Alle erwiderten seinen Gruß und drückten ihm die Hand, Mar geleitete ihn bis zur Haustür. ״Aber nun inußt Du beichten, Heinrich," wandte sich Irma an den Bruder, nachdem Weißkopf sich entfernt hatte, ״weshalb hast Du mich vorhin so eigentümlich ange sehen und mir so fest die Hand gedrückt, als ich die Vermutung aussprach, daß das Verhalten des Ge fangenen einen günstigen Eindruck auf den Unter suchungsrichter gemacht haben müsse?" ״Weil d-as Gegenteil der Wahrheit entspricht." ״Das Gegenteil?" fragten Irma und Emmi wie aus einem Munde. ״Allerdings, das ganz entschiedene Gegenteil. Ich war ja selbst geradezu frappiert, als der Unter suchungsrichter in schroffstem Ton befahl, den sichtlich erregten Gefangenen zurück in seine Zelle zu führen. ״Das war nichts Gemachtes," wandte er sich dann an mich, als wir allein waren, ״das war keine Komödie." ״Freilich nicht." stimmte ich bei. ״der Mann scheint nicht imstande ein unwahres Wort über dir -Lipprn zv brötgen." X X xy k X X X X X X X X XX X X ,.»Vst celon“ erwiderte er, drn Kopf wiegen^ ״der Mann ist ein Fanatiker, wir mir noch keiner v--r getommen ist. denn es war sein Ernst, die Nacheick!, die Sie ihm gebracht haben, Hai ihn ungleich mehr beglückt, als wenn Sie ihm die Freiheit angetünbigt hätten. Der ist ein Fanatiker vom Schlage des Tor qnemada. für seine lieber zeuguna opfert er freudigen Herzens sowohl seine Freiheit, als auch Ekrisien linder." ״Ihr könnt Erch denken, was alles ich ihm er widert habe, aber es ist mir nicht gelungen, seine Ueberzeugung. daß es eine jüdiscke Sette gibt, die Ehristenblut zu religiösen Zeremonien gebraucht, auck nur zu erschüitern." ״Schrecklich! schrecklich!" sagte Mar. den Kopf wiegend, ״man könnte sich im dunkelsten Mittelaller wähnen, statt im letzten Viertel des neunzehnten Jahr Hunderts, und dabei ist der Untersuchungsrichter doch zweifellos ein Monn von hoher Bildung." ״Das ist er sicherlich." entqegnete Heinrich. ״Äbrr so traurig dieser Wahngiaubr an da» jüdische Blutritual auch ist. so wenia überrascht er mich von seiten eines Nrchtjuden, nachdem ich vor wenigen Jahren, anläßlich des ähnlichen Falles in Tißa Eßlar von einem jüdischen Professor ver rsieschicktr. der vamals ׳oaar Dekan einer der bedeutendsten Uni versitäterr war. «ine Aeußerung vernommen habe, nach der auck׳ er von einer diesbezüglichen <>t«setzesvorsckkift sich übrrzeuat erklärte." Mar kam aus dem Staunen nicht heraus. ״Das hätte ick in der Tat nicht für möglich gehalten, aber daraus kann man ersehen, auf wir schwacher Unterlage!die aelebrten Herren ihre Ueberzeugung aufbauen. jAber kehren wir die Sach« einmal um. nehmen wir einmal an. es gebe ein Geketz, das uns den Genuß von Ehristenblut vorschrribt, daraus folgt doch noch nicht, daß wir unser Leben gefährden und einen Mord begehen müssen. Das könnten wir billiger haben, für wenige Kronen würde uns jeder Bader Ebristenblut verschaffen in Fülle." ״Das ist in der Tat keine schlechte Idee, die ick in meiner!Verteidigungsrede gehörig breittreten wrrde. AVer viel w»>v vns uuu! wohl nnrst »»ätzen, nachdem man. das Schächtmester des Angeklagten in der Nähe der Leicke gefunden und ein aus einem kleinen hebräischen Buche acrissenes Blatt, das u! einein Knäuel ziisammengeyreßt war in dem MurG des Ermordeten gefunden bat." ״Herr Gott im Himmel!" rief Irma erbleichend, ״wie können diese ׳.steaensiände dorthin gekommen sein'" ״Jedenfalls durch den Mörder, der dadurch den Verdacht des Mordes aus den Verhafteten gewälzt hat. Ick: werde gleich übermorgen nach Großdors fakren. den Tatort in Auaenschein zu nehmen und die dortigen Verhältnisse näher kennen zu lernen. Denn nur ivenn es mir gelingt, den Verdacht, den Mord vollbracht zu haben, auf einen anderen zu lenken, nur dann kann ich auf einen Freisvruch für den armen Weißkopf hoffen." ״Ader wenn Dir das nicht gelingt?" — Heinrich zuckte die Achseln. ״Dann — dann — Doch wir wollen die Hoffnung noch nicht aufgebrn, daß es mir nicht gelingt, den wahren Schuldigen, oder wenigstens eine Spur von demselben, zu ent decken. Wollt Ihr Sonntag mit mir fahren^ Vier Augen sehen mehr als zwei, und acht vermutlich nock mehr als vier." All« waren einverstanden. Die Gegend um Groftdorf, berühmt durch landschaftliche Reize sowie durch mehrere Auösichtsvunkte, wird cfi von Touristen betucht, ein gemeinsamer Ausflug dorthin, namentlich an einem Sonntag, tonnte krinrsivrgs auffallen »nd der Nachforschung nur förderlich sein. Irma schlug vor. Weißtopf aufzufordern, mit bei der Partie ,» sein, da er seinen Bruder öfter? b« sucht habe, könne seine Ortskenntnis möglicherweise von Nutzen sein. Heinrich lehnte jedoch gerade aus dem ermähnten Grund« feine Teilnahme an dem Ausflug ab. er wollte möglichst unauffällig Tatort. Menschen und Verhältnisse kennen zu lernen. (Fortsetzung folgt.)

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